Mittwoch, 28. Juni 2017

Gicht heißt Verzicht

Gicht heißt Verzicht. Das weiß nicht der doofe Volksmund, sondern die erkrankte Edelfeder. Im Herbst 2001 wurde die Krankheit bei mir diagnostiziert. Ich stellte meine Ernährung um und verzichtete sogar sechs Monate komplett auf Alkohol. Ein Ereignis, von dem in diesem Landkreis noch heute des Abends beim Kaminfeuer berichtet wird.
Ein Jahr später sah ich so aus:

Zu sexy für den Hörsaal – Deutschlands heißester Wissenschaftler.
Dann habe ich es etwas schleifen lassen. Gelegentlich zwickte der große Zeh nach lukullischen Übertreibungen, aber ich wähnte mich auf der richtigen Seite. Im vergangenen Jahr hatte ich zum ersten Mal ein schlechtes Gewissen. Ich wusste, dass ich etwas ändern musste, denn nun sah ich so aus:

Das Bildnis des Dorian Gray.
Ich habe den Warnschuss vor den Bug praktisch erbettelt. Der zweite Gichtanfall war ungleich heftiger, langwieriger und schmerzhafter. Jetzt heißt es wieder, bestimmten Dingen aus dem Weg zu gehen. Ich beginne mit den einfachen Übungen und steigere mich allmählich.
Worauf ein Gichtkranker verzichten muss:
Erbsen, Bohnen und Rhabarber. Kein Problem. Mag ich sowieso nicht. Nur der Verzicht auf Chili con Carne ist in diesem Zusammenhang bedauerlich.
Fette Fische wie Forelle, Hering, Lachs und Aal. Gähn! Empfohlen wird glücklicherweise mein Lieblingsfisch: Kabeljau.
Linsen, Kohl, Spinat und Spargel. Spargel wird traditionell in meiner Heimat Rheinhessen etwa zweimal pro Jahr im Frühling gegessen, wenn die Preise endlich gefallen sind. Auf diese zwei Mahlzeiten kann ich verzichten. Blumenkohl und Rosenkohl sind schon sehr lecker, aber den Gemüseverzicht werde ich heldenhaft überstehen. Nur die gute alte Linsensuppe wird mir fehlen. Sie gehört, neben Nudeln mit Fleischsoße, zu den wenigen Wunschgerichten, die ich bei Familienessen in Auftrag gebe. Eine hausgemachte Linsensuppe mit einem fetten Schuss Maggi – vorbei …
Gänsefleisch und die Haut von Geflügel. Das traditionelle Gänseessen im November fällt aus. Und die Haut eines Hähnchens ist eigentlich der leckerste Teil. Aber immerhin kann ich Geflügelfleisch essen, so dass meinen heißgeliebten Besuchen in indischen, thailändischen oder chinesischen Restaurants nichts im Weg steht.
Jetzt muss ich mich zusammenreißen. Kein Schweinefleisch. Das heißt konkret: Abschied vom Jägerschnitzel mit Pommes frites und von allen anderen Schnitzeln. Von Bratwurst und Currywurst. Von Frikadellen und Hot Dogs. Vom fränkischen Schäufele, von der bayrischen Schweinshaxe, vom Schweinebraten. Glücklicherweise bleiben mir die mageren Stücke vom Rind. Es heißt, den Fleischkonsum zu reduzieren und auf wenige delikate Mahlzeiten zu reduzieren. Qualität & Festmahl – das sind die neuen Stichworte. Kein Schinken und keine Bierwurst mehr zum Abendbrot, kein Würstchen zwischendurch.
Kommen wir zum deprimierenden Ende der Liste: Bier. Bier ist gestrichen. Es bricht mir das Herz. Jahrelang war ich in Franken unterwegs, um bis zu zehn Bier am Tag zu trinken und Schweinefleisch bis zum Abwinken zu futtern. Vorbei. Aus, aus, aus, aus. Das Spiel ist aus. Mein Arzt hat mir dringend von Bier abgeraten. Gelegentlich ein Fläschchen Wein. Anders könnte ein Arzt in dieser Gegend auch gar nicht argumentieren.
Fassen wir zusammen: Alkohol und fettreiche Speisen sind meine Gegner. Was hilft? Tomaten, Erdbeeren, Sellerie, Pflaumen, Cranberries, Karotten und Zwiebeln. Und viel Wasser. Werden wir jemals Freunde werden?
P.S.: Glücklicherweise sagen die neuen Spielregeln nichts über meine geheimen Obsessionen wie Popcorn und Pfirsicheis.
Pat Metheny - Last Train Home. https://www.youtube.com/watch?v=V9vQ_y9JJ1E

Kommentare:

  1. ... darauf eine Flasche Dujardin
    und lass es puffen und poppen (ړײ) *tätschel*

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  2. Uhje, das Zipperlein - mein Beileid!
    Bin kein Arzt und hasse weniges mehr als Absolventen der YouTube-Universität, die sich zu welchen aufspielen. Es scheint aber, mit aller Vorsicht, Anzeichen zu geben, dass Gichtdiäten möglicherweise überschätzt sind (lange Fassung). Anders gesagt, Pille einwerfen und nicht gar so streng darben, könnte genauso erfolgreich sein, wenn nicht erfolgreicher als auf Mönch zu machen.

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    1. "Fasten sowie körperliche Arbeit beziehungsweise Sport bewirken einen Anstieg der Harnsäure im Blut, fördert also die Gicht."

      You made my day - ich mache also seit Jahrzehnten instinktiv alles richtig ;o)))

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  3. Du weißt ja, was passiert ist, nachdem das Spiel aus! aus! aus! aus! war? Wir wurden verdient Weltmeister.

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    1. Ich kann immer noch Weltmeister im Sumo-Ringen werden ...

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  4. Ich wünsche dann mal gutes Gelingen. Ich kenne das sehr gut, wenn die Dinge ein wenig von der Leine sind und aus dem Ruder laufen.

    Und das mit dem Bier kann ich sehr gut nachvollziehen. Hölle... Hölle.

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  5. Das haben Sie nicht verdient !
    Und ist der totale Verzicht denn tatsächlich so gut ?
    Vielleicht von allem einfach nur weniger.
    Was eigentlich die ganze Welt tun sollte. Keine SUV´s mehr. 8 Zylinder braucht keine Sau.
    Keine 180 m² für einen Single, der sowieso die ganze Zeit auf Geschäftsreise ist, und am Weeeekend dann in den Bergen/am Meer.
    Keine riesen Parkplätze mehr an den Supermärkten, die die meiste Zeit leer sind und eigentlich Wüste sind.
    Wozu 288 TV Programme.
    Und Und Und.
    Einfach weniger, von allem. Und somit etwas mehr für viele.

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  6. Herr Rose könnte nicht Unrecht haben.

    Schnitzel: Kalbfleisch?

    Hähnchenhaut: Nicht täglich. In meiner Heidelberger Mensa gab es jeden Freitag als Standardspeise Brathuhn mit Fritten (alternativ nur ein mickriges Veggie-Schnitzel), die Leute mit Gicht-, Rheuma- oder anderen Diäten - die Mensakarten waren entsprechend markiert - haben alle immer den Gockel mit Fritten genommen und meinten, weil sie sich drauf einstellen konnten sei das nicht so drastisch. Ich kann es für die natürlich nicht überprüfen, aber ich halte es nicht für unmöglich, dass man so etwas mit etwas Übung ausbalanciert bekommt. Diabetiker schaffen mit Übung ja auch nicht gesundheitlich in den Katastrophennotstand zu schlittern bei einmal pro Woche Dönerteller. Klar, Umstellung ist hart.

    (Hoffentlich lässt re-capcha mich durch.)

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    1. Leider ist das echte Wiener Schnitzel - Achtung Kalauer! - sauteuer.

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  7. Vielen Dank für die Anteilnahme. Das ist sehr nett von Euch. Demnächst bin ich fünf Wochen in Berlin und sehe die Dinge positiv: Hamburger und Rumpsteak geht ja noch. In Sachen Würstchen habe ich einen Japaner ausfindig gemacht, der Hot Dogs aus Hühnchenfleisch macht, klingt sehr lecker (http://oishii-hotdog.de/). Dog Zilla, ich komme. Inder, Thais und Chinesen gehen sowieso immer klar. Ich werde jede Menge Garnelen essen und die besten Pommes von Berlin. Schaut euch mal diese Story an: https://www.tip-berlin.de/kartoffelhelden-das-goldies-in-kreuzberg/

    In fünf Wochen werde ich in Sachen Bier auch nicht allzu streng sein. Zwei mal werde ich mindestens für zwei, drei Gläser eine Ausnahme machen:

    http://nuernberger-wirtshaus-berlin.de/

    Babylonisches Bier nach einem jahrtausendealten Rezept gibt's in Köpenick:

    http://www.schlossplatzbrauerei-koepenick.com/

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  8. Vom jungen Wilden zum Pfundskerl...und zurück?

    Bussi aus Hamburg

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  9. Mann, Mann, Mann, da kriegt man ja selbst als Veganer Mitleid.

    Ich wünsche viel Erfolg!

    Mit Grüßen

    Die Melone

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    1. Danke. Ich wünsche dir viel Erfolg in Blogville. Ist eine merkwürdige Stadt. Aber das wirst du sicher selbst merken. Hau die Scheiße raus, die du um Kopf hast. Und denk immer dran: Kritiker haben winzige Pimmel.

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    2. Ich danke für diesen aufrichtigen Tipp, Herr Bonetti.

      Mit Grüßen

      Die Melone

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