Sonntag, 4. Juni 2017

Fundstücke

„Er tauchte tief hinab auf den Meeresgrund, wo die Wrackteile seiner Jugenderinnerungen verstreut waren.“ (Johnny Malta: Fragmente)
Der berühmte Käsemarkt von Alkmaar. Das Bild hat sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. Ich bin nie in Alkmaar gewesen. Aber ich hatte das Bild als Puzzle. Mein Großvater war der Ansicht, ein Puzzle würde genügen. Wenn ich also die Ferien bei meinen Großeltern auf dem Land verbrachte, konnte ich den Käsemarkt von Alkmaar zusammenpuzzeln – oder es bleiben lassen. Wenn ich am Abend fertig war, packte mein Opa die Puzzleteile wieder in den Pappkarton.

Später bekam ich doch noch ein zweites Puzzle. Pierre Brice als Winnetou. Der bunte Anzug war ganz einfach. Aber der Hintergrund bestand praktisch nur aus blauem Himmel. Da musste man erst mal die Randstücke als Rahmen legen und sich dann mühsam zum Ende vortasten.
In der Küche meiner Großeltern hing eine Mittelgebirgslandschaft mit Hirsch. Genauso sah es rund um das Dorf aus, nur der Hirsch fehlte. Im Schlafzimmer hing ein Jesus über dem Bett, der von Schafen umgeben war und ein Lamm auf dem Schoß hielt. Eine schöne Vorstellung für das Landvolk: Jesus als einer von ihnen. Dabei hat der Mann nie gearbeitet. Im Wohnzimmer über dem Sofa, auf dem Prachtplatz der guten Stube, hing der Meisterbrief meines Vaters. Der höchste Bildungsabschluss, den ein Mitglied meiner Familie je erreicht hatte.
Neben dem Sofa war ein winziger Beistelltisch, auf dem an Weihnachten ein etwa fünfzig Zentimeter hoher Plastikbaum mit blinkenden Lichtern aufgestellt wurde, dessen Äste man ausklappen konnte. Das war selbst für unsere Verhältnisse eine ziemlich müde Nummer. Kein Ritual des Baumholens oder des Baumschmückens. Er wurde vom Speicher geholt, aufgestellt und eingestöpselt. Weihnachtsmannfrei Zone. Niemand hat sich je für mich verkleidet.
In der Küche hing das ganze Jahr über der langweiligste Kalender der Welt. Jeden Tag rupfte mein Opa ein kleines Blatt mit einer schwarzen Nummer ab, alle sieben Tage war es eine rote Nummer. Sonst war nichts auf dem Zettel. Wozu braucht man sowas?
In der Nähe des Hauses gab es einen winzigen Bach, an dessen Ufer man kleine Kreidestücke aus der Böschung brechen konnte. Damit haben wir uns immer die Felder für unsere Hüpfspiele auf die Straße gemalt. Autos kamen fast nie vorbei, nur wenige Leute im Dorf hatten einen Wagen. Mein Opa hatte nur ein Fahrrad – aber eine, allerdings heillos zugerümpelte, Garage.
Wieso fühlten wir uns eigentlich immer so unglaublich großartig, wenn wir in einem Baum saßen? Oder wenn wir uns erfolgreich in einem düsteren Keller versteckt hatten, in dem die Unterwäsche meiner Großeltern von der Leine hing? Ich sehe die ganzen Bruchstücke vor meinen Augen, aber sie ergeben keinen Sinn. Es sind nur Erinnerungen.
Marillion - Misplaced Childhood Pt. 6 / 6. https://www.youtube.com/watch?v=awB4e7sEZHM

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