Donnerstag, 29. Juni 2017

Eine deutsche demokratische Republik

Jetzt tragen sie also den „Kanzler der Einheit“ zu Grabe.
Was wäre eigentlich passiert, wenn es nicht zur Wiedervereinigung gekommen wäre?
Wenn die Menschen aus der DDR nicht auf das Lockvogelangebot einer schnellen Heim-ins-Reich-Politik hereingefallen wären?
Wenn sie den Propagandalügen der Westmedien – die Bundesrepublik als eine Art Traumschiff mit Sascha Hehn als Staatsoberhaupt – nicht geglaubt hätten?
Sie hätten vielleicht einen neuen Staat aufgebaut. Sie hätten den Begriff „Deutsche Demokratische Republik“ mit Leben erfüllt.
Sie hätten neue Parteien gegründet, anstatt den verfilzten Parteiapparat der BRD zu übernehmen. Sie hätten ihr eigenes Land regiert, anstatt von anderen regiert zu werden.
Sie hätten den sozialen Fortschritt der DDR in Sachen Gleichberechtigung, in Sachen Kinderbetreuung, in Sachen Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht über Bord geworfen.
Sie hätten womöglich in einer Gesellschaft gelebt, die nicht durch die krassen Unterschiede zwischen den Reichen und den Armen, durch Obdachlosigkeit und Zwangsarbeit („Hartz IV“) geprägt gewesen wäre.
Sie hätten Altersarmut und das Ende der Solidarität nicht akzeptiert.
Sie hätten aufgrund ihrer Erfahrung mit der Stasi den heutigen Überwachungsstaat nicht zugelassen.
Sie wären nicht in fernen Ländern in den Krieg gezogen und hätten damit auch nicht den Zorn von Terrororganisationen erregt.
Ihre Wirtschaft wäre nicht zerschlagen worden, sondern reformiert wie in Polen, Ungarn oder Tschechien. Dann hätte es auch keine Massenarbeitslosigkeit gegeben.
Sie wären nicht zu Bittstellern und Almosenempfängern in Bonn und später in Berlin geworden. Sie wären in die EU eingetreten und hätten Hilfe erhalten wie alle anderen Staaten auch.
Es würde nicht jeden Montag in Dresden eine Demonstration von frustrierten Faschisten geben. Es würden keine Flüchtlingsheime brennen.
Es hätte weiterhin zwei deutsche Staaten gegeben. Vielleicht wäre die DDR, von der ich hier spreche, aufgrund ihrer sozialen Errungenschaften sogar eine echte Alternative gewesen? Menschen wären von der BRD in die DDR ausgewandert, weil es dort einen funktionierenden Sozialstaat gegeben hätte. Diese DDR wäre attraktiv für Einwanderer gewesen.
Die BRD wäre aufgrund der Konkurrenzsituation nicht in diesen Abgrund an Ausbeutung und schamloser Selbstbereicherung abgedriftet. Das gesellschaftliche Abbruchprojekt namens Neoliberalismus hätte vielleicht gar nicht stattgefunden.
Da man die Wirtschaft und den Staat der DDR nicht zerschlagen hätte, wären auch die Kosten der Einheit, die auf 1,3 bis 2 Billionen Euro taxiert werden, nicht angefallen. Das Geld hätte man für Bildung, Infrastruktur, Rente und Sozialleistungen ausgeben können.
Leider haben sich die Menschen damals anders entschieden. Hat ihnen der Mut gefehlt, einen Neuanfang zu wagen? Hatten sie keine Geduld oder waren sie einfach nur naiv? Haben sie sich damals für den leichteren Weg entschieden, der am Ende doch sehr steinig war?
Helmut Kohl durfte jedenfalls „den Mantel der Geschichte“ packen und als zweiter Bismarck in die Geschichtsbücher eingehen. Schade. Wenn man es mal zu Ende denkt, ist das alles sehr bedauerlich. Aber leider nicht mehr zu ändern. Ohne die deutsche Einheit hätte man dieser Tage einen mittelmäßigen Politiker beerdigt, zu dem uns nur Titanic-Titelbilder eingefallen wären.
John Foxx – Underpass. https://www.youtube.com/watch?v=dgaLF2F5LWg

Kommentare:

  1. Nur fürs Protokoll: Welche Menschen haben sich damals "anders" entschieden?
    Sind damit jetzt die Menschen gemeint, die Lafontain nicht geglaubt und die CDU gewählt hatten? Oder waren es die Menschen in den mächtigen westdeutschen Wirtschaftsverbänden, die ein starkes Interesse an genau dieser Entwicklung hatten? Man weiß so wenig!

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    1. Die Bürger der DDR, die am 18. März 1990 buchstäblich die Wahl hatten und mit über 48 Prozent die AfD (Allianz für Deutschland) von Helmut Kohl zum Sieger kürten. Die Bürger der BRD sind ja nie gefragt worden.

      Erinnert sich noch jemand an die Verhandlungen zum Vollzug der Wiedervereinigung zwischen Schäuble (West) und Krause (Ost)? Schäuble sitzt als Minister auch 27 Jahre später noch fest im Rollstuhl, Krause hat längst seine politischen Ämter verloren, Insolvenz angemeldet und ist vorbestraft. An solchen Geschichten sieht man exemplarisch, wer die Gewinner und wer die Verlierer der "Einheit" sind.

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  2. Siewurdengelesen29. Juni 2017 um 13:14

    Wenn das Wörtchen wenn nicht wär...

    ...89 glaubte ich auch an einen eigenen Weg eines anderen, zweiten Deutschlands. Inzwischen denke ich angesichts der Unmöglichkeiten, die in der jetzigen Bundesrepublik dank Wirtschaft und ihrer Lobby so geschehen, dass die kleine DDR auf Dauer kaum eine echte Chance gehabt hätte und es zumindest für eine lange Zeit ein ebenso steiniger Weg geworden wäre. Den durchzuhalten nur mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft war für viele vermutlich nicht zu vermitteln und akzeptabel mit dem gerade gebrochenen System DDR im Hinterkopf.

    Stattdessen hat man wie so oft den scheinbar bequemeren und näheren Weg der deutschen Einheit gewählt, der Westen mit seinen "Annehmlichkeiten" sofort wurde schliesslich auch schmackhaft gemacht ohne Ende. Die Dinge dahinter wurden verdrängt und ausgeblendet und die Keule kam nach 1990 schneller als gedacht zurück.

    Nach der Wende zog man schnell und doch das kurze Ende:-(

    Im Gegenzug werden wahrscheinlich die Konzerne bereits überschlagen haben, wieviel aus der DDR herauszuholen ist, als nur der Umbruch ruchbar wurde und weder die ehemaligen DDR-Bürger das Wort "Wende" buchstabierten noch Kohl bereits an das Mögliche der Einheit dachte.

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    1. Die Einheit war sicher der bequemere Weg. Ein Neuanfang hätte bedeutet, ein Risiko einzugehen. #Spatz in der Hand

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