Freitag, 2. Juni 2017

Ein alter Freund

„Mama.“
„Ja?“
„Was macht man, wenn man stirbt?“
„Was?“ wiederholte sie. „Dann ist man kalt; dann ist man still. Man schließt die Augen und schläft ewige Jahre.“
(Henry Roth: Nenn es Schlaf)
Touré Kunda - Nagaana. https://www.youtube.com/watch?v=1VmfP4B-X7Y
„Das Wichtigste an einer Pizza ist der Käse.“ Merkwürdigerweise ist das der einzige Satz von ihm, an den ich mich erinnern kann. Es war im Sommer, irgendwann in den achtziger Jahren. Seine Eltern waren nicht zu Hause und wir haben uns Pizza gemacht. Während der Teig zog, zogen wir am ersten Joint. Diese Art von Kalauer war genau unser Niveau. Rheinhessischer Humor – immer am Rande der Lächerlichkeit.
Von der Küche ging eine Tür in den Garten. Wir schlenderten hinaus, völlig stoned und tief entspannt. Das ganze Grünzeug sah so friedlich aus, es summte und brummte überall. Der Garten war ein lebendiges Tier. Wir fühlten uns wohl. Irgendetwas aus dem Garten haben wir sogar auf die Pizza gepackt, vielleicht Lauch, ich weiß es nicht mehr.
Als die Pizza im Ofen war, haben wir die zweite Tüte geraucht. Aus dem Kassettenrekorder dudelte leise Musik. Oft hörten wir afrikanische Lieder: Touré Kunda, Osibisa, Youssou N’dour. Musik war immer wichtig. Er hat damals im Club, dem wichtigsten Ort in Ingelheim, Platten aufgelegt. Bald stand ich neben ihm, schaute auf die Tanzfläche hinunter und hörte mir gönnerhaft die Vorschläge der Leute an, die zu uns kamen. Natürlich haben wir keinen einzigen Wunsch erfüllt. Eine Disco ist keine Jukebox. Während er die Platten auflegte, legte ich die Lines. Er hätte diesen Satz gemocht. Ganz sicher.
Osibisa – Woyaya. https://www.youtube.com/watch?v=dIGD763mwL4
Wir fuhren mit dem Wagen durch die Gegend. Meilenweit für ein Rauchpiece, wenn es sein musste. Er konnte während dem Fahren Joints bauen, ohne anzuhalten. Oder ich baute die Teile. Aber er war Perfektionist, ich habe nie so schöne Tüten gebaut wie er. Von ihm habe ich gelernt, eine Windmühle zu bauen. Die hohe Kunst des Kiffens. Wir fuhren nach Holland an den Strand, hingen in Coffeeshops rum und waren auf dem Formel 1-Grand Prix in Spa 1989. Wir wachten zusammen in einem brennenden Zelt auf. Kein Witz. Die Narben habe ich bis heute.
Er hat beim ZDF gearbeitet. In den Achtzigern im Technikraum, wo er Kopien von irgendwelchen Bändern machte. Ich habe ihn ein paar Mal dort besucht. Einmal saßen wir nachts im Studio, in dem damals „Das aktuelle Sportstudio“ produziert wurde. Es ist viel kleiner, als man denkt, wenn man es im Fernsehen sieht. Wir hockten auf der Tribüne und rauchten einen Joint. Später hat er es im Sender bis zum Aufnahmeleiter gebracht. Technik war sein Ding, er hat mal eine meterhohe Monsterbong aus Plexiglas gebaut.
Dann kam die Zeit mit den Lenkdrachen. Das hat einen Riesenspaß gemacht. Wenn man ein paar Drachen hintereinander koppelt, ziehen sie dich wie ein Hundegespann über die Wiese. Ich habe gelernt, sie zu bändigen. Mit einem anderen Kumpel hat er sogar einen kleinen Laden aufgemacht, wo die Drachenfans alles kaufen konnten. Aber der Kumpel war ein Junkie, das machte auf Dauer keinen Spaß. Später ist er dann auf Heißluftballons umgestiegen. Er hat einen Verein gegründet und war mit seinen Ballons überall auf der Welt unterwegs.
Jetzt hat ihn der Schlag getroffen. Herz oder Hirn. Ich war zu deprimiert, um nachzufragen. Tot umgefallen. Einfach so. Ganz plötzlich. Nächste Woche ist die Beerdigung. Gonsenheimer Waldfriedhof. Das Wichtigste an einer Pizza ist der Käse. Völlig richtig. Das Wichtigste im Leben sind die Freunde.
BAP - Fuhl am Strand. https://www.youtube.com/watch?v=hZv6xHYwSDQ

Kommentare:

  1. „Je mehr Käse, desto mehr Löcher.
    Je mehr Löcher, desto weniger Käse.
    Also: Je mehr Käse, desto weniger Käse! Oder?“

    ―Aristoteles

    Na und hoffentlich, sind die Freunde mitohne wenig .....Löcher ? *hehe*

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  2. Mein Beileid. Aufrichtig. Vorallem, weil diese Art von Freunden nicht ersetzbar sind.

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    1. Danke. Ja, die Abenteuer nehmen mit dem Alter ab. Man geht gepflegt ins Restaurant und wird nicht mehr gemeinsam nach Drogen gefilzt - wie mit jenem alten Freund.

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  3. Matthias Eberling, bist du nicht der, der schon in Jeansjacke auf die Welt gekommen ist?

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    1. Ja, stimmt. Inzwischen trage ich allerdings keine Jeansjacken mehr. Wer bist du?

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