Montag, 12. Juni 2017

Andy und die Schokoladenfabrik

Der folgende Text ist ein lange verschollenes Juwel des Neorealismus und zeigt uns das harte und entbehrungsreiche Leben eines jungen Nachwuchsautors.
6 Uhr morgens: aufstehen. Das Substantiv zu diesem Vorgang ist der Aufstand. Entfällt wie immer. Der Wecker klingelt in einer Lautstärke, dass ich für einen Augenblick glaube, im Glockenturm von Notre-Dame aufzuwachen.
Anschließend konjugiere ich dreißig Minuten unregelmäßige Verben, während ich Sit-ups mache.
Kalte Dusche. Frühstück: eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Apfel.
7:30 Uhr. Auftragsarbeit für die „Brigitte“. Ein Text über peruanische Küche. Zweitausend Worte. Ich habe keine Ahnung. Ich improvisiere und beginne mit einem Rezept: Meerschweinchen im Schlafrock. Mit Blätterteig und Scheiblettenkäse. Meine Vorstellung von peruanischer Küche ist so unklar und verwaschen wie die buddhistische Vorstellung vom Jenseits. Warum ist das Internet noch nicht erfunden?
9 bis 10 Uhr. Wortschatzerweiterung. Damoklesschwert. Augiasstall. Ariadnefaden. Kreative Übung: Ich stelle mir das Schwert an einem Faden über dem Stall vor. Danach: Damoklesstall, Ariadneschwert, Augiasfaden.
10 bis 12 Uhr. Auftragsarbeit für die „Bravo“. Übersetzung des SPD-Wahlprogramms in straßentaugliches Alltagsdeutsch. Die Überschrift „Turbokapitalismus statt Turbanfanatismus“ verwerfe ich wieder, denn die „Bravo“ mag keine langen Wörter. Den Slogan „Sicher. Gerecht. Weltoffen.“ übersetze ich mit „Mehr Polizei, mehr Wahlversprechen, Pizza und Burger stehen nicht unter Terrorismusverdacht.“
In der Mittagspause: Einkaufen, Döner, Dosenbier, Wäsche bei Mutti vorbeibringen.
14 bis 16 Uhr. Nachhilfeunterricht für den extrem untalentierten und verwöhnten Sohn von Bankdirektor Horst Schöbel. Es ist zum Mäusemelken! Ich versuche, ihm zu erklären, dass ein fiktionaler Text nicht notwendigerweise mit „Es war einmal“ beginnen muss. Der Brustumfang seiner Protagonistin ist irrelevant, es sei denn, diese Information transportiert die Handlung. Nie mehr als drei Adjektive hintereinander!
16 bis 19 Uhr. Ich schreibe eine Kurzgeschichte für den Literaturwettbewerb einer Bausparkasse. Abgabeschluss ist übermorgen. Thema des Wettbewerbs: Frauen im Baugewerbe. Ich habe weder von Frauen noch vom Baugewerbe die geringste Ahnung.
Abendessen: Graubrot mit Margarine und Bierschinken von Aldi.
Danach: Fernsehen und Weißwein. Suche nach neuen Themen und Ideen.
Fazit: Der Weg zum Erfolg ist lang und steinig. Das sollten Sie nie vergessen, wenn Sie Andy Bonetti folgen möchten.
Extrabreit - Glück und Geld. https://www.youtube.com/watch?v=VLkviaaX7_w

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