Montag, 1. Mai 2017

Von Manhattan nach Schweppenhausen

„Ich stehe noch immer vor der Türe des Lebens, klopfe und klopfe, allerdings mit wenig Ungestüm, und horche nur gespannt, ob jemand komme, der mir den Riegel zurückschieben möchte. So ein Riegel ist etwas schwer, und es kommt nicht gern jemand, wenn er die Empfindung hat, dass es ein Bettler ist, der draußen steht und anklopft. Ich bin nichts als ein Horchender und Wartender, als solcher allerdings vollendet, denn ich habe es gelernt, zu träumen, während ich warte.“ (Robert Walser: Geschwister Tanner)
Ich bin in einer Bar in New York, um mich herum die reichen und verwöhnten Kinder der Stadt. Es ist Abend und es ist voll in dieser Bar. Ich unterhalte mich mit dem Besitzer, während ich am Tresen sitze. Ich möchte über ihn schreiben, weil dieser Typ so großartig ist. Ein arabischer Barbesitzer mitten in Manhattan, er hat es geschafft, er hat es diesen ganzen Schmocks in New York gezeigt. Du warst der letzte in der Schlacht und du bist der erste in New York City, möchte ich schreiben. Ich will eine Ode an diesen Mann zu Papier bringen, aber dazu muss ich erstmal aufwachen.
Ich versuche es, aber ich werde einfach nicht wach. Ich muss diese Sätze aufschreiben. Ich laufe durch die Bar, ich klettere sogar auf einen Tisch und springe schreiend auf ihm herum. Ich will aufwachen! Endlich habe ich es geschafft. Mühsam stehe ich auf und torkele vom Bett zum Schreibtisch hinüber. Aber ich kann nichts sehen, ich muss mich an den Tisch und den Stuhl herantasten. Endlich sitze ich, aber ich habe dicke Handschuhe an. Ich kann nicht schreiben. Ich muss diese Handschuhe loswerden, verdammt!
Ich spüre, wie ich die Erinnerung an den Traum in der Bar verliere. Ich dachte, ich hätte schon einige Seiten der Geschichte geschrieben und die Szene in der Bar wäre der Höhepunkt. Sie soll irgendetwas symbolisieren, aber ich weiß nicht mehr, was es sein könnte. Endlich habe ich den ersten Handschuh ausgezogen und plötzlich kann ich mich auch im Zimmer umsehen. Ich habe die Tür verbarrikadiert, damit mich niemand beim Schreiben stören kann. Aber auf dem Schreibtisch sind nur leere Blätter. Erst jetzt merke ich, dass ich immer noch träume. Ich habe zwar die Bar in New York verlassen und bin in Schweppenhausen, aber ich schlafe immer noch!
Dann erst erwache ich wirklich und das, was ich hier aufgeschrieben habe, ist alles, was von meinem literarischen Nickerchen am Donnerstagnachmittag übrig ist. Ich bin enttäuscht. Eigentlich habe ich mir nur den Satz gemerkt: Du warst der letzte in der Schlacht und du bist der erste in New York City. Merkwürdig nichtssagend. Ein arabischer Barbesitzer in Amerika. Was für eine Enttäuschung. Im Traum hatte ich das Gefühl, ich sei an einer großen Geschichte dran.
The Hollies - The Air That I Breath. https://www.youtube.com/watch?v=7duPNQCp-w4

P.S.: Aus gegebenem Anlass nochmal ein Text von 2015 über unsere "Leitkultur":
http://kiezschreiber.blogspot.de/2015/01/deutsche-leitkultur.html

Kommentare:

  1. Oh, eine Wanderer - Schreibmaschine. Sehr schön !

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    1. Leider nicht meine. Die alten Schreibmaschinen gefallen mir von Jahr zu Jahr besser.

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