Samstag, 20. Mai 2017

Ich & die Frauen

„Wissen Sie, die Liebesimpulse eines Mannes äußern sich sehr häufig in Form von Konflikten.“ („Leoparden küsst man nicht“, 1938)
Für manche Sachen kommt man nicht in die Hölle, aber es reicht für eine kleine Rundfahrt mit dem Teufel.

Ich hatte als junger Mann mal eine Freundin, die winzige Haare zwischen Oberlippe und Nase hatte. Damenbart konnte man es nicht nennen, denn sie war blond und es fiel nur auf, wenn man diese Härchen aus der Nähe betrachtete. Wenn sie am Morgen noch schlief, während ich schon wach war – was allerdings sehr häufig vorkam -, habe ich diese Härchen ganz leicht berührt, wodurch sie ein klein wenig unruhig wurde, ohne allerdings aus dem Schlaf zu erwachen. Sie bewegte den Kopf hin und her, ich wartete einen Moment und begann erneut, an diesen Haaren herumzutasten. Dieses Spiel konnte ich minutenlang fortsetzen und hatte Mühe, mein Lachen zu unterdrücken. Ich hätte gerne gewusst, was sie in diesen Momenten geträumt hat, aber ich habe sie nie gefragt, um mich nicht zu verraten.

Die „Was hast du geträumt?“-Frage ist ja mindestens so beziehungsschädlich wie die „Was denkst du gerade?“-Frage. Letzteres wurde ich natürlich auch gefragt. Zum hoffentlich allerletzten Mal von einer Frau aus Berlin-Friedenau. Bei einem sinnlichen Tete-a-Tete auf dem Sofa, als wir „Leoparden küsst man nicht“ sahen. Wahrheitsgemäß antwortete ich ihr, dass ich über meine Socken nachdenken würde, die beim Streichen ihrer Küchendecke etwas Farbe abbekommen hatten. Diese Arbeit hatte ich unmittelbar vor dem Film geleistet. Vor der Belohnung. Sie hat mir nie wieder diese Frage gestellt und eine Woche später war Schluss. Mein Tipp: Lügen Sie hemmungslos. Oder streichen Sie keine Küche.

Verdammt nochmal! Jetzt rechne ich richtig ab. Ines Kirsch. Ja. Ich nenne Namen. Ines Kirsch. So hieß das erste Mädchen, das sich in mich verliebt hat. Sie ließ mir diese Information auf dem Schulhof durch eine Freundin zukommen, weil sie sich selbst nicht getraut hat, es mir zu sagen. Ich habe – wenig schlagfertig, aber höllenfeuerwürdig – geantwortet, ich wolle es von ihr selbst hören. Natürlich passierte es nie. Im Gegenteil: beim Schulfest habe ich mich höhnisch über ihren Tanzstil lustig gemacht, obwohl fast niemand von unserer siebten Klasse auf der Tanzfläche war. Ines! Ich möchte mich an dieser Stelle tausendfach bei dir entschuldigen, obwohl ich weiß, dass du diese Zeilen nie lesen wirst. Ich war ein Idiot, ich war zu unsicher für deine Liebe. Der Sohn einer Putzfrau, der mit dem Klapprad ins Gymnasium fuhr, während die anderen Kinder in den supertollen Limousinen ihrer erfolgreichen Eltern ans Schultor kamen. Die Urschuld meines Versagens brennt in mir, ich brauche keine Hölle mehr. Vergib mir! Ich hoffe, du bist glücklich.

P.S.: Und heute? Gibt es Frauen nur in meiner Phantasie. Ich stelle mir vor, ich wäre mit Hazel Brugger verheiratet. Schön, geheimnisvoll und depressiv. So muss die Frau meiner Träume sein. Manche Menschen sind schon mit Anfang zwanzig klug genug, um die ganze Welt zu hassen. Es ist eine rein platonische Beziehung. Ich habe ihr nach der Hochzeit das Du angeboten, das war alles. Wir sitzen abends zusammen auf dem Sofa und hören Händels „Messias“. Die vollen zwei Stunden, ohne miteinander zu sprechen. Kultur und Schweigen sind für mich das Fundament einer guten Ehe. Ich sehe mich als Hausmann, sie macht Karriere in den Medien und auf der Bühne. Wenn sie zweimal im Jahr von der Tournee nach Hause kommt, möchte ich, dass sie sich in unserem Heim wohlfühlt. Derweil schreibe ich an meinem autobiographischen Roman „Behind Hazel Brugger“. Ich bewundere ihr gewaltiges Kinnmassiv. An Weihnachten werden wir mit ihrem Unterkiefer Walnüsse knacken. Dazu diese winzige Nase. Sie ist die einzige Frau, der ich eine Nasenvergrößerung empfehlen würde. Aber ich sage nichts. Schweigen. Kultur. Sie wissen schon.
Eurythmics - Thorn in My Side. https://www.youtube.com/watch?v=_AmkmqYEarw

Kommentare:

  1. "Ich gewöhnte mir beizeiten ab, nach der Traumfrau zu suchen. Ich wollte nur eine, die kein Albtraum war." -Charles Bukowski

    Das Zitat fällt mir immer wieder ein, wenn ich über Frauen nachdenke.

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    1. Da hat der alte Mann zweifellos recht. Zumal wir ja auch alle keine Traummänner sind.

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    2. Aber hätte er sie jemals gefunden, wären wir um einige literarische Werke ärmer.

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