Donnerstag, 18. Mai 2017

Holde Heimat

Ein herrlicher Maitag. Ein Gemälde. Geradezu grotesk schön. Ich komme mit dem Bus voller aufblühender Kinder von einem Arztbesuch in Bingen nach Stromberg, wo ich in den Bus nach Schweppenhausen umsteigen werde. Die Mädchen kokettieren mit ihrer Strafmündigkeit („Wenn ich jetzt was klaue, komme ich in den Jugendknast“), jonglieren mit Fäkalausdrücken und verabreden sich für den nächsten Schultag zum gemeinsamen Tragen eines Rockes. Die Jungs überbieten sich in Kopfhörergrößen.
Der Befund meines Orthopäden ist deprimierend. Gicht. Fettleber. Die Halsschlagadern durch Cholesterin zu schmalen Saumpfaden des Lebens degradiert. Vielleicht ist die Schilddrüse schuld, ganz sicher aber mein Lebenswandel. Lustig ist allein das Gespräch über mein Drogenleben. Der Landarzt hat selbst noch nie Drogen genommen und lässt sich genüsslich die Wirkungen der einzelnen Substanzen erklären.
Ich komme bei der Erzählung regelrecht ins Schwärmen: wie großartig, göttlich, aber dennoch klar man sich mit Koks fühlt, wieviel man mit Speed saufen kann, die Verlorenheit auf hoher See, wenn man LSD genommen hat. Die Kotzorgien nach Heroin in der Nase oder in der Zigarette. So als würde ich über Sporterfolge berichten. Oder den Doktor zum Drogenkonsum überreden wollen. Wer so in einer Arztpraxis redet, ist bis ins Krematorium gefährdet.
Ich steige in Stromberg aus, um etwas zu essen. Es ist ein Uhr, vormittags hatte ich „nüchtern“ beim Arzt zu erscheinen. Alle Lokale haben entweder heute oder gleich für immer geschlossen. Aber es gibt den Griechen. Beim Griechen läuft immer was.
Es ist ein kleines Lokal und die Speisekarte beschränkt sich auf Chips und Erdnüsse. Jedoch schmückt ein alter Kumpel aus Schweppenhausen den Tresen. Und so beschränkt sich meine Nahrungsaufnahme an diesem Tag auf drei Weizenbier, zwei Ouzo, eine kleine Tüte Chips und die Neuigkeiten aus meinem Dorf. Seit die Dorfkneipe geschlossen hat, tröpfelt der Informationsfluss nur noch spärlich. Ausgerechnet hier haben SPIEGEL und BILD keine Korrespondenten, obwohl ich in diesem Fall für die kostenpflichtigen Zusatzangebote zahlen würde.
Nennen wir ihn Diego, weil ich mit ihm im Fußballverein gespielt habe. Was macht er um diese Uhrzeit hier? Er kommt gerade vom Arzt. Wie ich. Auch Gicht. Handgelenke kaputt, Rücken kaputt. Vier Bandscheibenvorfälle. Lagerarbeiter. Mein Alter. Wir sind jetzt fünfzig. Er ist seit einem Jahr krankgeschrieben. Ich berichte von meinen Misserfolgen als Schriftsteller. Von der schönen Arbeit mit der Elektrokettensäge im Garten. Er weiß von seiner Zeit als Waldarbeiter zu berichten, als er Bäume gefällt hat. Heute braucht man ja den kleinen Kettensägenschein, den großen Kettensägenschein und den Fällschein. Die Stapel, die wir bei Waldspaziergängen am Wegesrand sehen, sind also staatlich zertifiziert. Diego erzählt von einem anderen Kumpel bei der Schweppenhäuser Feuerwehr, der sich den Arm beim Fällen gebrochen hat, weil der Stamm unter Spannung stand.
Was machen die anderen Jungs aus unserem Jahrgang? Einer, den ich verdächtig lange nicht mehr gesehen habe, ist seit einem halben Jahr auf Entzug. Diesmal nicht wie üblich in der Nervenheilanstalt in Simmern, sondern woanders. Seinen Job als Arbeiter in der Nachtschicht ist er wohl los. Ein anderer ist inzwischen Gourmetkoch. Ich gebe seinen Namen in die Suchmaschine ein und finde ein Rezept von ihm. Das Magazin der Süddeutschen Zeitung hat ihn zum Thema „Zander mit Steinpilzen“ interviewt, derzeit ist er in Hamburg.
Einer der Jungs hat sich in Diegos Haus erhängt, nachdem seine Frau ihn mitsamt den Kindern verlassen hat. Er hatte nur einen Zettel hinterlassen: „Ich bin spazieren.“ Als Diego bis zum späten Abend nichts von ihm gehört hat, sucht er das weitläufige Gebäude ab, das er von seinen Eltern geerbt hat. In einem Kinderzimmer, aus dem später eine Nähstube wurde, brennt noch Licht. Von hier führt eine Leiter zum Dachboden. Er ist schon steif und kalt, als Diego ihn berührt. Er ruft die Polizei. Der Schwager dieses Selbstmörders wählt einen Monat später denselben Weg. Diegos ergänzt lapidar: „Und ich hatte ihm zwei Wochen vorher noch neue Fenster eingebaut.“
Wir stoßen mit einem Ouzo an. Ich höre die Geschichte nicht zum ersten Mal, aber sie gibt dem Gespräch den nötigen Ernst. Keine Politik, kein Fußball, kein Hollywood-Gossip. Schweppenhausen ist als Thema völlig ausreichend.
Men Without Hats - Where Do the Boys Go? https://www.youtube.com/watch?v=uuQ2PHv9CKw

1 Kommentar:

  1. Wo du weg willst wenn du älter wirst und zurück willst wenn du alt bist, das ist "Heimat".

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