Montag, 22. Mai 2017

Eine schrecklich gesellschaftskritische Tierfabel

Buffy war ein süßer kleiner Kater. Wir haben ihn vom ersten Tag an geliebt. Er hatte braunes Fell, sternenklare Augen und einen geringelten Schwanz. Anfangs war er sehr verspielt und tobte durchs Haus. Später haben wir ihn in den Garten gelassen.
Er wurde erwachsen und tigerte durchs Gras. Er lag auf dem Gartenhäuschen oder der Veranda in der Sonne. Aber er hat nie einen Vogel oder eine Maus gefangen. Dafür waren wir sehr dankbar, denn das ist der unangenehme Teil eines Lebens als Katzenbesitzer.
Was heißt Katzenbesitzer? Diese Tiere machen, was sie wollen. Manchmal habe ich das Gefühl, unser Kater sieht sich als Herr des Reviers und wir sind nur die nützlichen Idioten, die ihn füttern und streicheln, wenn ihm danach ist. Es sind majestätische Tiere und in ihren kleinen Körpern lebt das königliche Gefühl eines Löwen.
Wir fütterten ihn mit ausgewählten Leckereien, nicht mit gewöhnlichem Katzenfutter. Aber wir achteten auf eine ausgewogene Ernährung. Trotzdem wurde Buffy immer dicker und dicker. Schließlich war er so fett, dass er kaum noch laufen konnte. Die meiste Zeit des Tages lag er auf der Couch und ließ sich seinen dicken Bauch massieren.
Meine Frau ist schließlich dahintergekommen. Eines Morgens, nachdem sie unseren Kater gefüttert hatte, lief sie ihm in den Garten nach, weil sie die Rosenbüsche gießen wollte. Da beobachtete sie, wie Buffy sich durch den Zaun auf das Nachbargrundstück zwängte. Neugierig beobachtete sie ihn. Er stellte sich vor die Gartentür der Nachbarn und maunzte herzzerreißend. Bald darauf kam die Nachbarin und stellte ihm ein Schüsselchen mit Futter vor die Nase.
Nachforschungen ergaben, dass er pro Tag nicht weniger als fünf Häuser auf seiner Liste hatte, die er täglich abklapperte und deren Bewohner er auf verschiedene Sorten Fleisch und Fisch abgerichtet hatte – unseres nicht eingerechnet. Er hatte sogar ein Zweitkörbchen bei den Hartmanns von gegenüber. Am nächsten Tag war die Katzenklappe versperrt – aber er machte einen solchen Terror, dass wir ihn nach einer halben Stunde entnervt auf seine Tour schickten.
Unser Kater wurde älter und bequemer. Andere Katzen starben bei Autounfällen oder liefen davon. Er blieb unverändert und weigerte sich immer noch, einer Maus im Keller oder im Garten nachzujagen. An seinem zwanzigsten Geburtstag begann Buffy zu sprechen:
„Es herrscht Katzenkrieg, richtig, aber es sind die fetten Katzen, die Krieg führen, und wir gewinnen.“
Er wird uns alle überleben.
Extrabreit – Der Präsident ist tot. https://www.youtube.com/watch?v=uD-MZchabfY

Kommentare:

  1. Eckhard Henscheid schrieb in der Trilogie einmal :
    "Während uns Hunde für Götter halten nehmen uns Katzen allenfalls und mit merklicher Verachtung als riesig dumme Brotzeitholer war."

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  2. Der angespielte Warren Buffett dieser schön erzählten Geschichte hat ganz andere Möglichkeiten als bloß rumzunerven, wenn er und Konsorten ihr parasitäres Überleben sichern wollen.

    Andererseit: genau so ging schon immer "Gesellschaftskritik"

    Und das ist in der Tat schrecklich.

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