Freitag, 12. Mai 2017

Eine enigmatische erratische Erzählung

Es war kurz vor Sonnenuntergang, als ich über einen Basar in Casablanca schlenderte. Melonenverkäufer und Sandalenmacher priesen ihre Ware an, Teppichhändler und Goldschmiede lächelten mir zu und wiesen mit einladenden Gesten auf ihr Angebot. Der Duft von tausend Gewürzen und gebratenem Hammel stieg mir in die Nase. Zwischen den bunten Ständen fiel mir eine unscheinbare Türöffnung auf, schwarz und verheißungsvoll.
Ich betrat den Laden, der mit allerlei Plunder vollgestopft war. Kupferne Pfannen und Töpfe, Schnitzereien, Tonfiguren, bunte Stoffballen und vergilbte Bücher. Blick aus toten Puppenaugen.
Eine Weile stand ich ratlos zwischen all dem Trödel und wollte schon wieder gehen, als ein alter Mann hinter einem Vorhang hervortrat, den ich gar nicht bemerkt hatte. Er trug eine weiße Djellaba, einen bodenlangen Kapuzenmantel mit weiten Ärmeln.
„As-salamu alaykum“, sagte er und neigte ein wenig den Kopf.
„Alikum ssalam“, antwortete ich höflich.
„Seien Sie willkommen, mein Herr. Wenn Sie mir bitte in die hinteren Räume folgen möchten. Hier bewahre ich nur Dinge auf, deren geringer Wert die Diebe täuschen sollen.“
Wir gingen durch den Vorhang und traten in einen Raum, der mir zunächst als Kopie des ersten Raums erschien. Ich hatte Juwelen und kostbare Gewänder erwartet, aber die Regale waren voller gewöhnlicher Gegenstände. Allerdings mussten sich meine Augen erst an das matte Licht gewöhnen.
„Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“ fragte der Händler.
„Sehr gerne.“
Er klatschte zweimal in die Hände und ein junger Bursche kam, dem er befahl, Kaffee zu bringen. Dann bat er mich, auf einem der Brokatkissen Platz zu nehmen.
Der Kaffee war süß und köstlich. „Allah-ikter-cheirek“, sagte ich. Gott vermehre Euer Gut.
Dann sah ich mich im Raum um. Jetzt konnte ich die Dinge klar erkennen.
„Was ist das für ein Hut?“ fragte ich den Händler.
„Ihr habt eine ausgezeichnete Wahl getroffen, mein Herr. Sie haben die Augen eines Falken, denn unter all meinen Kostbarkeiten haben Sie das schönste Stück gefunden.“ Sein Ton wurde geradezu überschwänglich.
„Vielen Dank. Allah möge Euch gnädig sein.“
„Es ist der Hut von Napoleon Bonaparte, den er bei seinem Ägyptenfeldzug getragen hat.“
„Unglaublich.“ Ich war verblüfft. „Sind Sie sicher, dass Napoleon diesen Hut aufhatte?“ Das Stück erschien mir doch sehr gewöhnlich und abgetragen. Es erinnerte mich eher an Humphrey Bogart.
„Ich schwöre es beim Haupte des Propheten. Der Blitz möge mich treffen, wenn ich nicht die Wahrheit sage.“
„Und diese Schreibmaschine?“
„Auf ihr hat Franz Kafka das Manuskript seines Schlossromans abgetippt, bevor er es seinem Verleger geschickt hat. Sie ist unbezahlbar. Eigentlich möchte ich sie gar nicht verkaufen.“
Dieser Schlawiner. Kafka hatte seine Texte nie auf einer Maschine getippt und den unfertigen Roman auch keinem Verlag geschickt. Schließlich schrieb er nachts und wohnte bis kurz vor seinem Tod noch bei seinen Eltern. Undenkbar, dass sie diesen Lärm ertragen hätten. Aber jetzt wusste ich wenigstens, woran ich war.
Längst war die Sonne untergegangen, als wir uns nach langem Feilschen über den Preis einig waren. Umgerechnet hundertsechzig Euro. Aber die Lektion war unbezahlbar.
Zufrieden verließ ich den Händler. Sein Diener trug die Schreibmaschine in mein Hotel am Boulevard de la Corniche.
In Deutschland habe ich das Gerät als Schreibmaschine von Erwin Rommel bei Ebay angeboten. Für fünftausend Euro habe ich sie einem rechten Spinner in Brandenburg angedreht – inklusive einem marokkanischen Echtheitszertifikat. Hab ihn quasi aufs Hakenkreuz gelegt. So macht man Geschäfte, Freunde der Sonne!
Extrabreit & Marianne Rosenberg - Duo Infernal. https://www.youtube.com/watch?v=_D1qW6oU_lA

Kommentare:

  1. Brandenburg? Das war Pankow! Ich mag sofort mein Geld zurück!

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    1. Ich biete dir ein Tauschgeschäft an. Das Original-Smartphone von Eva Braun. Da kannst du nicht nein sagen ...

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    2. Sind da auch noch alle Kontakte und der Browserverlauf drauf? Da würde ich noch etwas dazulegen.

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    3. Guido Knopp bietet auch gerade mit. Was ist dir die Sache denn wert?

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  2. Beim Sackhaare des Propheten, Du hast es uns mal wieder gezeigt!
    Einsame Spitze.
    Nur mit dem Titel bin ich unzufrieden: eine stringentere und geheimnislosere Tour, mit seriösen Münchhausiaden zu erfreuen, ist zwar vorstellbar, aber sinnlos.

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