Sonntag, 30. April 2017

Weimar – eine Abrechnung

„Als in Amerika die Urwälder fast überall dem Erdboden gleichgemacht, beinahe alle edlen Tiere erlegt, die Indianer mit Branntwein und Flintenkugeln nahezu ausgerottet worden waren, zäunte man ein Stückchen ein und schuf den Yellowstonepark. Dann zeigte man ihn der Welt, zum Zeichen pietätvollen Verständnisses, das das angeblich so nüchterne Amerika der Natur entgegenbringe, und konnte ruhig den Rest der Urwälder, der Indianer und der Tiere vernichten. Wir hingegen haben Weimar.“ (Egon Erwin Kisch: Der Naturschutzpark der Geistigkeit)
Irgendwo im turborechtsradikalisierten Osten dieser Republik eitert eine Pilgerstätte aus dem Boden, die vor allem bei jungen Menschen gefürchtet ist: Weimar. Die Stadt ist der Wallfahrtsort des biederen deutschen Bildungsbürgers, wo er pflichtschuldig den literarischen Idolen der Vergangenheit – Goethe, Schiller, Herder, Wieland -, deren Schriften er zuletzt in seiner Schulzeit gelesen hat, seine Huldigung erweist. Hier verbinden sich Kultursinn und Nationalstolz, einige reichern diese Mischung mit ein wenig Geschichtsbewusstsein an, in dem sie dem nahegelegenen KZ Buchenwald einen flüchtigen Besuch abstatten, bevor es zu Schweinebraten und Thüringer Klößen in den Elephantenkeller geht. Kisch beschrieb Goethe als einen Autor, „der ein geschraubter Prosaschriftsteller, ein oft schwacher Dramatiker, ein mittelmäßiger Gelehrter, ein mustergültiger Untertan, ein kriecherischer Fürstendiener und eigensüchtiger, neidischer Mensch war.“ (Egon Erwin Kisch: Westfront 1918 – Französische Revolution – Goethe)
Wir sollten denen gegenüber misstrauisch sein, die uns als Vorbild verkauft werden.
Der Wolf – Gibt‘s doch gar nicht. https://www.youtube.com/watch?v=w4m3_LHFVVA

Kommentare:

  1. Ich würde hier gerne - trotz der allgemeinen Warnung, die allgemein richtig ist - den Wieland ambulant verkaufen wollen dürfen.
    Weil, zum Vorbild taugt er nicht: Intelliganz kann man eben nicht nachmachen.

    Probier´s doch mal zum Anwärmen mit dem "Prozess um des Esels Schatten". Steht im vierten Buch des satirischen Romans "Die Abderiten" von Christoph Martin Wieland.

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    1. Mit den Abderiten habe ich letztes Jahr mal angefangen, bin aber nicht allzu weit gekommen.

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    2. Schade. Dann probier´s vielleicht mal mit Dürrenmatts Verhörspielung davon.

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  2. Wir sollten denen gegenüber misstrauisch sein, die in Blögs ohne Lektorat......

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    1. Jawoll, Herr Oberlährer. Und ausserdem heißt das Lektoratz.

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