Sonntag, 23. April 2017

In Schöpferlaune

„Die Leute gehen ja nur in das Museum, weil ihnen gesagt worden ist, dass es ein Kulturmensch aufzusuchen hat, nicht aus Interesse, die Leute haben kein Interesse an der Kunst, jedenfalls neunundneunzig Prozent der Menschheit hat keinerlei Interesse an der Kunst.“ (Thomas Bernhard: Alter Meister. Komödie)
Kunst hat mit Lust zu tun. Du willst es. Es ist plötzlich in dir und muss raus. Raus aus dir. Du kannst dich nicht mehr zurückhalten, du musst dieses Bild malen, diesen Satz aufschreiben. Die Lust ist stärker als der Wille.
Ich benutze bewusst Begriffe wie „Lust“ und „Es“. Das unterscheidet die Kunst von der Arbeit. Niemand hat wirklich Lust auf Arbeit. Sie muss gemacht werden. Man macht sie. Aber man ist froh, wenn sie vorbei ist. In der Kunst liegt Lust, man genießt die Tätigkeit, das Malen, das Schreiben, das Formen von Ton oder Stein. Wenn man eine Idee hat, muss sie einfach hinaus in die Wirklichkeit. Sonst summt sie ewig im Kopf herum. Es ist wie der Druck auf der Blase. Wie lange kann ich ihm standhalten? Will ich überhaupt standhalten und warum?
Also gebe ich dem Druck in meinem Kopf nach und schreibe, male oder was auch immer, bis ich aus dem Fließen der Lust in eine glückliche Erschöpfung komme und das Gefühl habe, jetzt ist etwas fertig geworden. Etwas, von dem ich am Morgen noch keine Ahnung hatte, ist jetzt fertig. Es ist da. Es ist in der Welt. Welcher Arbeitnehmer kennt noch dieses Glück?
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Aus dem Notizbuch:
Ihm fehlten zwei Dinge zu einem großen Künstler: die Verzweiflung und eine Botschaft. Die verheerende Dummheit unserer Zeit hatte ihn nicht tödlich verletzt, sondern zum Lachen gebracht.
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Er war nur in tiefer Nacht unterwegs, tagsüber schlief er in irgendwelchen Kellern. In der Nacht wurde er unsichtbar und sein Schatten vermischte sich mit der Dunkelheit. Nur so konnte er das winzige Licht erkennen, das in ihm glomm wie in den Papierlaternen der Kinder.
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Lange war er bergauf gestiegen. Es gehört zur Ironie nächtlicher Bergbesteigungen, dass man es gar nicht bemerkt, wenn man auf dem Gipfel ist. Der Weg nach unten war viel einfacher. Das Gepäck wurde leichter und verschwand schließlich ganz. Er musste seinen Geist nicht mehr disziplinieren, sondern konnte ihn verwildern lassen. Am Ende saß er wieder am gleichen Schreibtisch wie in seiner Jugend. Aber er wog inzwischen so viel wie ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg und die klappernde Schreibmaschine hämmerte die Buchstaben nicht mehr auf ein Blatt Papier.
Tears For Fears – Watch Me Bleed. https://www.youtube.com/watch?v=XRjMUFp28kA

1 Kommentar:

  1. Dein Text berührt mich, ich suche was es sonst noch gibt in unserer Wirklichkeit. Fände ich nichts, würde ich sehr traurig.
    Das Foto ist gelungen- ob er gerne abheben würde?

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