Montag, 6. März 2017

Pro Kalorien – Contra Vitamine

Esst mehr Gemüse und Obst, heißt es. Treibt Sport und lebt gesund, heißt es. Keine illegalen Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten und ihr werdet hundert Jahre alt, heißt es. Ich widerspreche in dieser Debatte aus zweierlei Gründen.
Erstens haben meine Mutter und meine Großmütter das gleiche gesagt. Es handelt sich hierbei also um sogenanntes Frauenwissen, das für mich keine Gültigkeit hat. Zweitens reden uns die Politiker und die Krankenkassen seit Jahren diesen Blödsinn mit Fitness und Gesundheit ein. Beide sind der natürliche Feind von leckerem Essen und gepflegten Bacchanalien.
Wieso sollte ich eigentlich hundert Jahre alt werden, wenn ich nicht ungesund leben darf? Das erinnert mich an die Tiere im Zoo. In Gefangenschaft leben Tiere länger als in Freiheit. Aber ich saufe doch lieber fünfzig Jahre wie ein Loch, qualme wie ein Schornstein und esse fettige Bratwürste, als hundert Jahre wie ein Mönch zu leiden.
Als Kind hat mir meine Mutter manchmal fünf Mark mitgegeben, damit ich nach der Schule an der Pommesbude zu Mittag essen konnte, weil sie keine Zeit zum Kochen hatte. Was haben mich die anderen Kinder beneidet, mit denen ich zum Bahnhof gegangen bin. Sie standen an der Bushaltestelle und hatte ein trostloses Mahl mit Klößen und Gemüse, vorzugsweise Erbsen, Möhren und Spinat, vor sich, während ich auf der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes stand und vor ihren Augen goldgelbe Pommes, rotleuchtende Currywurst und eine eiskalte Cola mit viel Zucker (die Light-Scheiße war damals noch nicht erfunden) in meinen Schlund expedierte. Schwarz-Rot-Gold, wie die Väter des Grundgesetzes es gemeint haben!
Ich weiß nicht, wie es an manchen Würstchenbuden heutzutage zugeht, aber damals gab es in der Welt der Imbisse kein Obst und kein Gemüse, keine sinnlose Salatgarnitur am Rand und auch keine Vitaminverstecke namens Hamburger (Tomate, Salat, Zwiebeln), keinen Tee und keine Milch. Es gab Pommes, Bratwurst und Frikadellen. Limonade und Bier. Ketchup, Senf und Mayonnaise. Garantiert nichts Gesundes. Haben wir nicht alle diese Augenblicke am Tresen unserer Stammbude geliebt? Haben Fett und Zucker uns nicht glücklich gemacht? Wer will den hundert Jahre alt werden, wenn man sich stattdessen eine gepflegte Bratwurst und ein kühles Blondes genehmigen kann?
Herbert Grönemeyer – Currywurst. https://www.youtube.com/watch?v=apdc2tZCpKg

Kommentare:

  1. Die Dosis macht das Gift.
    Ich bin froh nicht wie meine um 30 Jahre jüngeren Kollegen beim Treppensteigen in den 4. Stock ( Lager ) eine rote Birne zu kriegen und nach Luft zu schnappen wie ein Karpfen.
    Aber es geht natürlich auch nicht ohne den einen oder anderen rohen, dunklen Abend mit ebensolcher Gesellschaft.
    Die Ballance ist entscheidend. Vor allem im Suff.

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  2. Die Absicht der deutschen Politiker, Medienfuzzis und Krankenkassen ist klar : Im Kampf gegen den Chinamann muss die Wirtschaft wettbewerbsfähig bleiben und da ist ein hoher BMI eher hinderlich.
    Ich gestehe offen, dass mir die penetranten Erziehungsversuche in Sachen Gesundheit FÜRCHTERLICH auf den Senkel gehen.

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  3. Ich empfehle das Buch: einen Scheiß muss ich
    Und die berühmte "not to do Liste" mit Sport aufzuhübschen

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  4. Naa, ich weiß nicht.
    Wenn man irgendwann nicht mehr fähig ist sich die Schuhe zuzubinden, dann ist das auch richtig blöd. Oder die Treppen nicht mehr hoch kommt.
    Da geht dann auch viel Lebensqualität flöten.
    Klar ist diese Selbstoptimierung, damit man dem Berufsalltag überhaupt noch gerecht wird , auch irgendwie bezeichnend für unsere aktuelle Situation.
    Aber irgendwann nix mehr können, nur wegen einem grenzenlosen Hedonismus, ne, besser nicht.
    Auch wenn es total uncool ist, bzw. extrem angesagt, voll Mainstream, und so will man ja auch nicht sein, egal, ich mache noch meinen Sport und Yoga.
    Beim mit dem Auto rückwärts einparken noch den Rumpf einigermaßen drehen können, das bringt's schon. Und das ist wirklich wenig, keiner redet davon, den iron man zu finishen.

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  5. Schuhe zubinden fällt bei mir schon unter Sport. Jetzt muss ich los, um am Gartengeländer meiner Schwester zwei Bretter auszutauschen. Auch wieder Sport.

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  6. Auch hier hilft Yoga.
    Einatmen, dann ausatmen, bücken und Schuhe binden,
    nicht den Atem anhalten sondern die Lunge quasi offen lassen,
    wieder einatmen beim Aufrichten

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    1. Dieses Asana werde ich "Der bindende Bonetti" nennen.

      Acht Schrauben lösen und acht Löcher bohren, um acht neue Schrauben in die Bretter einzudrehen: "Der bohrende Bonetti."

      Die Kalorien wurden anschließend mit Mandelkuchen sofort wieder ersetzt :o)

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