Donnerstag, 2. März 2017

Hungry Joe’s

„Zuviel kann man wohl trinken, doch trinkt man nie genug". (G.E. Lessing)
Die Hanauer Straße ist wirklich eine üble Gegend. Keine Ahnung, ob sie nach Hanau führt, aber sie führt in ein Gewerbegebiet, das nie richtig ins Laufen gekommen ist. Es gibt ein paar Lagerhallen, die von Trucks mit osteuropäischen Kennzeichen angesteuert werden, eine Firma, die Spielautomaten herstellt, und viele leere Grundstücke mit Autowracks und anderem Müll. Aber es gibt das „Hungry Joe’s“, eine Kneipe, die erst um Mitternacht öffnet. Wer also bei Beginn der Sperrstunde, die um ein Uhr anfängt, noch Lust auf ein paar Drinks oder ein Spielchen hat, kommt hierher.
Es ist das letzte Haus auf der Straße, bevor das Gewerbegebiet losgeht. Ein zweistöckiger Kasten, hinter hohem Gestrüpp verborgen. Keine Lichter, kein Schild. Offiziell auch keine Kneipe, sondern das Haus von Hungry Joe. Alle nennen ihn so, keiner fragt nach seinem richtigen Namen. Er verdankt seinem legendären Appetit diesen Namen. Knapp zwei Meter groß, dreihundert Pfund schwer, die Haare so fettig wie der ganze Kerl. Das ist Hungry Joe. Er raucht pfundweise Gras und isst am liebsten Kuchen: Schokoladenkuchen, Käsekuchen, Orangenkuchen, Zitronenkuchen, Mandelkuchen. Eigentlich das ganze Programm. Manchmal auch einen Pappeimer voller Chicken Wings.
Die Tür der Kneipe ist immer abgeschlossen. Hungry Joe sieht durch den Türspion, bevor er einen Gast reinlässt. Er kennt seine Stammgäste. Ab und zu bringt ein Gast auch mal einen Kumpel mit. Kein Problem. Die Rollläden sind unten und die Musik ist nie laut. Von „Hungry Joe’s“ siehst und hörst du nichts, wenn du es nicht kennst. Allerdings ist die Luft auch zum Schneiden dick, denn erst am Vormittag, wenn die Kneipe schließt, wird gelüftet. Alle rauchen hier, am liebsten Gras, aber auch Joints, in denen Speed oder Kokain ist. Und wenn es eine Line sein muss, braucht man nicht erst auf die Toilette gehen. “Mehrgenerationenscheißhaus” steht an der Tür zur Unisex-Toilette.
***
Phony Dime ist einfach nur blöd. Als ein Spieler der Pokerrunde mal sagte, er könne in der nächsten Nacht nicht kommen, weil er auf eine Beerdigung müsse, fragte er glatt: „Ist jemand gestorben?“ Die Art von blöd.
„Glaubst du, ich wäre nicht intelligent genug für so einen Schlips-und-Kragen-Job? Ich bin intelligent, genau deswegen mache ich ja keinen Schlips-und-Kragen-Job.“
„Das ist schön für dich, Phony Dime, aber trotzdem bist du mal wieder pleite.“
Die Gäste haben alle merkwürdige Spitznamen wie Frosty Nipple oder Urban Donut, die sie sich irgendwann mal ausgedacht oder bekommen haben. So kann man auch keinen verpfeifen, selbst wenn man es will. Die Namen haben nur im „Hungry Joe’s“ ihre Bedeutung.
„Gib mir noch einen Whisky, Hungry Joe. Ich hatte heute kein Glück. Genauso gut hätte ich mein Geld in einen hundert Meter tiefen Brunnen werfen können. Der Teufel hat mir diesen Bluff eingeredet.“ Phony Dime hat riesige Mutantenaugenbrauen wie Theo Waigel und zieht sie zornig zusammen.
„Also gut. Aber dann ist Schluss. Ist heute nicht dein Tag und nicht dein Blatt.“
„Danke. Morgen bringe ich dir einen ganzen Frankfurter Kranz. Ehrenwort.“
Hungry Joe gibt ihm einen Tumbler Glenmorangie, der wirklich großzügig gefüllt ist. Die Rechnung in seiner Kneipe ist ganz einfach: jedes Getränk kostet fünf Euro. Ein Glas Bier, ein Glas Wein, ein Whisky, ein Gin Tonic. Immer fünf Euro glatt und kein Trinkgeld. Im „Hungry Joe’s“ gibt es kein Münzgeld.
Phony Dime ist der Typ, der immer zu spät dran ist. Wahrscheinlich tritt er morgen als Sinatra-Imitator auf. Und wenn man sich seine gesammelten Weisheiten anhört, scheint er sie komplett aus chinesischen Glückskeksen zu haben. Aber Hungry Joe mag den kleinen Loser, er gehört dazu und bezahlt immer anstandslos seinen Deckel. Wer weiß, vielleicht bringt er wirklich noch einen Kuchen mit, wenn er wieder vorbeikommt?
Plötzlich krachen drei Schläge an die Tür.
Wer kann das sein?
Fortsetzung folgt
The Stranglers – Peaches. https://www.youtube.com/watch?v=kdgmfxW3N00
https://en.wikipedia.org/wiki/Hungry_Joe

Das Hungry Joe’s – eine Mischung aus Jugendstil und Art Deco (Danke für das Foto, Harri)

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