Freitag, 3. Februar 2017

Wiedersehen mit Barry Goldwater

„Der Mann sah wie die meisten Männer aus, die mir in den letzten Monaten versichert hatten, Kennedy sei ein Unglück für das Land, weil er mit Negern, Kommunisten und Intellektuellen paktiere – die Juden erwähnten sie nur nebenbei  –: im Übrigen würden sie für den Senator Goldwater stimmen und, sollte Kennedy wider Erwarten nochmals gewählt werden, sich eine Insel im Stillen Ozean kaufen. Er hatte seidenweiche graue Haare, unser Reisegefährte, hellblaue Augen und rote Wangen, ein biederes und cholerisches Gesicht, ein Landkartengesicht, in dem die Flüsse als Äderchen von Bourbon-Whisky eingezeichnet waren.“ (Hans Habe: Der Tod in Texas)
Der Name Barry Goldwater wird Ihnen vermutlich nichts sagen. Er war ein wichtiger Politiker der Republikanischen Partei in den sechziger Jahren und 1964 Präsidentschaftskandidat. Ein erzkonservativer Geschäftsmann und Millionär, der mich stark an Donald Trump erinnert. In einer Reportage über ein Gespräch mit Goldwater heißt es, er verkörpere die vier P, die auf der Fahne von halb Amerika stünden: „Pioniertum, Primitivität, Provinzialismus und Popularität“ – letztere als volkstümliche Verkörperung der Ideale des Wilden Westens gedacht. Weiter heißt es:
„Der amerikanische businessman, beileibe kein Snob, träumt von jener goldenen Epoche der Unordnung, als H. L. Hunt, der reichste Mann Amerikas und Hauptfinanzier des Rechtsradikalismus, seinen ersten Ölturm im Pokerspiel gewinnen konnte, träumt von der ordinären Gesetzlosigkeit, der, so meint er, Amerika seine Größe verdankt, träumt von einem steuerlosen Staatswesen in des Wortes doppeltem Sinne: einem Staatswesen ohne Steuer und ohne Steuern. Weil wir Europäer gewöhnt sind, mit dem Begriff Faschismus Uniformiertheit, Stechschritt und Disziplin jeglicher Art zu verbinden, ist uns der amerikanische Businessman-Faschismus so schwer verständlich, der nur so viel Disziplin einführen möchte, wie zum Schutz des wirtschaftlichen Chaos unbedingt notwendig ist.“
Ich lese gerade die Amerika-Reportagen von Hans Habe, einem österreichischen Journalisten und Schriftsteller jüdischer Herkunft und ungarischer Abstammung. Eigentlich hieß er János Békessy und war der Sohn von Imre Békessy, der in Wien ein aufwändig bebildertes Boulevardblatt herausgab, das sich auf Enthüllungs- und Skandalgeschichten kaprizierte, und sich jahrelang publizistische Scharmützel mit Karl Kraus von der „Fackel“ lieferte. Habe wurde nach dem Anschluss Österreichs ausgebürgert und ging erst ins französische Exil, 1940 floh er in die USA.
Anfang der sechziger Jahre schrieb er über eine Meinungsumfrage von „Newsweek“ in Amerika, wonach 25 Prozent der Weißen im Norden nicht neben einem Schwarzen im Kino sitzen möchten. 58 Prozent der Weißen im Süden waren der gleichen Meinung. Auf die Frage, ob sie etwas dagegen hätten, wenn ein Schwarzer oder eine Schwarze in den eigenen Freundeskreis oder die eigene Verwandtschaft einheiraten würde, antworteten 87 Prozent der Weißen im Norden und 94 Prozent der Weißen im Süden mit Ja. Wieviel Prozent der Deutschen haben heute oder in naher Zukunft die gleichen Vorurteile gegenüber Muslimen und Afrikanern?
Habe nahm übrigens ab 1942 auf Seiten der US-Streitkräfte am Zweiten Weltkrieg teil und gründete ab 1945 in der amerikanischen Besatzungszone 16 deutschsprachige Zeitungen, u.a. die Ruhr Zeitung in Essen und die Frankfurter Presse. Schön ist der Abschnitt über das Greenwich Village in New York. Eine ehemalige Tabakplantage, in der die Reichen ihre Häuser bauten, als in der City das Gelbfieber wütete. In den 1920er und 1930er Jahren zogen arme Künstler in die Gegend, nach dem Zweiten Weltkrieg folgten die Beatniks: „Es gibt nichts Hochmütigeres als das Standesbewusstsein des Revoluzzers.“
Sehr aufschlussreich ist auch eine Reportage über die schwarze Oberschicht dieser Zeit, die in goldenen Ghettos wie Collier Heights in Atlanta in ihren Villen logierte und kein Interesse am Ende der Apartheid zeigte. Es gab damals 25 Dollarmillionäre in den USA, die ihr Geld mit der diskriminierten schwarzen Kundschaft verdienten. So war es z.B. bis 1953 „weißen“ Versicherungsgesellschaften verboten, das Leben eines Schwarzen zu versichern. Dazu passt auch die „Poll-Tax“ in den Südstaaten, die verhinderte, dass arme Schwarze von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. Geld bezahlen, um wählen zu dürfen. Sehr amerikanisch, sehr demokratisch.
Habe beschreibt die USA vor über fünfzig Jahren als ein geteiltes und verwundetes Land. Er zitiert das alte Sprichwort „New York ist nicht Amerika.“ Die multikulturelle und multiethnische Metropole im Osten hat nichts mit dem rassistischen Süden und mittleren Westen zu tun, wo man noch stolz auf die eigene Ignoranz ist und die Schwarzen immer noch in ihren Kirchen erschießt – gestern wie heute. So wie in Deutschland der primitive Patriotismus von Seehofer oder Söder, von Petry oder Höcke nichts mit der Lebenswirklichkeit in Hamburg oder Berlin zu tun hat.
„Amerika (…) ist Gulliver am Ufer der Zwerge. Des Riesen Kopf, irgendwo zwischen Boston und Washington, ist noch frei, und auch seine Füße, irgendwo zwischen Seattle und Los Angeles, scheinen noch frei zu sein, aber Gullivers Leib ist schon gefesselt: Millionen von Zwergen – und wie groß dünken sie sich, diese Zwerge, da sie doch ihre Zahl mit ihrer Größe verwechseln -, irgendwo hier in Georgia und Alabama, in Mississippi, Arkansas und Texas, hämmern sie an den Nägeln, ziehen sie an den Stricken, basteln sie an den Knoten des Hasses.“
Und wenn ich heute in die trüben und verständnislosen Augen von Donald Trump sehe, diesem Yankee-Caudillo, diesem Imperial Wizard eines neuen Klans, dann werfe ich einen Blick in Amerikas Geschichte. Ich bin froh – wieder einmal  –, keine Familie gegründet und nichts aufgebaut zu haben. Meine Sandburg aus Worten hätte ohnehin keinem Sturm standgehalten.
Hans Habe: Der Tod in Texas. München, Wien, Basel 1964.

Vangelis – Blade Runner Blues. https://www.youtube.com/watch?v=2ornnAaYF9k

Kommentare:

  1. *Frühstücks-LEKTÜRE - für´n Kaffee bei Herrn Ackerbau - stibitze*

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    1. "Ich bin froh – wieder einmal –, keine Familie gegründet und nichts aufgebaut zu haben."

      ...kann JA noch werden !!! *tätschel*

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  2. Bin sterilisiert und lebe mit meiner Partnerin in einer glücklichen Beziehung.Keine Familie = fast keine Sorgen.Bei der jetzigen Weltlage das Klügste.

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