Donnerstag, 2. Februar 2017

Vor 25 Jahren

„Irgendetwas in mir ist nie ganz fertig geworden, irgendetwas fehlt mir, sodass ich kein richtiger Mann bin, nur ein alt gewordener Mensch, ein alt gewordener Gymnasiast, wie Erich Kästner einmal von mir gesagt hat.“ (Hans Fallada)
Es ist genau 25 Jahre her, dass ich beschlossen habe, endgültig nach Berlin zu ziehen. Es ist Anfang Februar 1992, als ich in Tegel lande und mich mit einem dieser berüchtigten Immobilienmakler der Firma Bendzko treffe. Welcome to the shark. Der Mann hat früher als Diplomat in Paris gearbeitet, Botschaft der DDR. Solche Leute fallen nicht tief, egal wie die Zeiten sind.
Ich bin entschlossen, mir eine Wohnung zu kaufen. Da ich nicht über große Geldmittel verfüge, wird es eine kleine Wohnung werden. Soviel ist klar. Wir fahren in die Spenerstraße nach Moabit. Eine schäbige Nachkriegsbutze – aber mit Blick auf das Gefängnis. Wir stehen auf dem Balkon, als der Makler sagt: „Von hier aus können Sie Honecker und Mielke beim Hofgang sehen.“ Das ist natürlich ein Verkaufsargument. Er denkt wohl, ich bin Berlin-Novize. Moabit … ich bitte Sie.
Die zweite Wohnung ist in der Franklinstraße, Ecke Helmholtzstraße. Immerhin zwei Zimmer, Küche, Bad. Mit Spreeblick. Aber der Lärm an diesem Verkehrsknotenpunkt ist unerträglich. Alt-Moabit ist nur ein paar Schritte entfernt. Netter Versuch. Er muss andere Geschütze auffahren. Jetzt geht es immerhin nach Charlottenburg. Aber die Wohnung in der Schustehrusstraße liegt im Erdgeschoss, mit Blick auf das älteste Haus Charlottenburgs von 1712 (Haus-Nr. 13).
Wir überqueren den Berliner Äquator (Ku’damm) und fahren nach Wilmersdorf. Stuckaltbau. Im großzügigen Foyer ist ein vergitterter alter Aufzug wie aus einem Miss-Marple-Film. Parkett, hohe Decken. Blick auf die Gedächtniskirche. Ein großer Garten mit alten Bäumen hinter dem Haus. Baujahr 1905. Eine in Würde gealterte Schönheit.
Ich weiß sofort, dass ich hier bleiben möchte. Eine Nacht Bedenkzeit bitte ich mir aus und sitze abends an der Hotelbar. Ich wäge die Vor- und Nachteile ab. Küche und Bad sind winzig. Aber ein dreißig Quadratmeter großes Traumzimmer mit einem Erker zur Straße. Dritter Stock. Blick in die Wipfel der Linden, die die Straße säumen. Vier Meter hohe Decke. Licht. Ruhe. Platz.
Bei meinem Einzug habe ich eine Matratze mit, einen Campingtisch, zwei Campingstühle und meine Stereoanlage. Meinen Atari 1040 ST, damals schon fünf Jahre alt. Mein erster Kauf ist natürlich ein Kühlschrank. Eigentlich ist damit die Wohnung komplett, denn ein Herd, eine Spüle und ein babyblauer Küchenschrank von erlesener Hässlichkeit stehen schon in der Küche. Es folgen andere Dinge: Eine Waschmaschine, die heute noch funktioniert. Meine Mutter schenkt mir zum Einzug eine Mikrowelle. Geht auch immer noch. Ich kaufe mir mein erstes und einziges Besteck. WMF. 75 DM. Funktioniert ebenfalls bis heute.
Dann beginne ich, durch die Möbelhäuser zu ziehen. Und damit meine ich nicht Ikea. Mein Vater richtet seit über fünfzig Jahren Villen mit kostbaren Möbeln und Gemälden ein. Man will ja bei seinem ersten Besuch nicht dastehen wie ein Idiot. Die Matratze bekommt als Rahmen ein Futonbett aus gewachstem Vollholz. Sehr edel. Ein italienischer Schreibtisch. Ganz wichtig für einen Menschen, der gerne schreibt. Eine zwei Meter lange und ein Meter breite Holzplatte in Schwarz, keine Schubladen. Er steht am Fenster, so dass ich über die Stadt und in die Bäume sehen kann. Verchromte Beine, die man abschrauben kann und die innen hohl sind. Ich schreibe einmal eine Kurzgeschichte über einen Mann, der Mafiagelder findet und sie in diesen Tischbeinen versteckt. Ein faszinierender Gedanke.

Liebe Einbrecher! In Schweppenhausen hängt dieser Kaschmir-Teppich aus dem 19. Jahrhundert an der Wand ...
Ich kaufe mir einen runden Marmortisch mit einem einzelnen verchromten Bein und zwei elegante Rattanstühle. Einen mit schwarzem Leder bezogenen Freischwinger, in dem ich am Schreibtisch sitze. Ein großes Regal aus verchromten Gittern für meine Bücher, meine Platten und CDs, den Fernseher und die Stereoanlage. Vorteil: Man muss nicht Staub wischen, durch die Gitter fällt alles nach unten. Es ist vollbracht. Die Farben im sind Raum Schwarz, Chromsilber und Hellbraun (Parkett, Stühle, Bett). Die Wände lasse ich weiß – bis auf ein altes japanisches Rollbild, dass eine Hügellandschaft im Nebel zeigt. Augenbalsam.
Bis heute habe ich nichts an dieser Wohnung verändert.

... und bei Eurem Einbruch in Berlin lasst Ihr dieses Rollbild hängen? Es geht nur noch um Bargeld und technisches Gerät.
P.S.: Gerade schmökere ich in der Autobiographie von Richard von Weizsäcker, weil mich seine Zeit als Regierender Bürgermeister Berlins 1981 bis 1984 interessiert. Der Mann hat tatsächlich seine Kindheit in meinem Kiez verbracht, Fasanenstraße Ecke Pariser Straße! Später als Bürgermeister hatte er es mit den Hausbesetzungen zu tun und zeigt überraschend viel Verständnis für die Besetzer und die damalige Wohnungsnot. Warum besetzen die Leute eigentlich heute keine Häuser, wo die Wohnungsnot doch genauso groß ist? Weizsäcker zitiert den Berliner Bischof Kruse, der zum Runden Tisch gehörte, der zur Frage der 169 besetzten Häuser gegründet wurde. Der Bischof vertrat damals die Sache der Besetzer, deren Lebenskonzept „dem biblischen Zeugnis näherstehen könnte als das normale egoistische Lebenskonzept der Wohlstandsgesellschaft.“ Berlins Staatshaushalt wurde in jener Zeit zur Hälfte vom Bund finanziert, unter den zwei Millionen Berlinern waren 150.000 Sozialhilfeempfänger. Sehr aktuell ist folgendes Zitat: „Ein verantwortungsloses Schlepperunwesen versorgte uns mit zahlreichen illegalen Asylsuchenden, die über den Schönefelder Flughafen in der DDR anreisten.“
Und hier noch ein schönes Zitat zu einem Stück inzwischen verbotener und fast vergessener Berliner Kultur: „Manchmal ging ich an sommerlichen Wochenenden im Tiergarten zwischen dem Reichstag und dem Schloss Bellevue spazieren. Auf jedem Wiesenfleck dieses großen Stadtparks hatte sich eine türkische Familie niedergelassen. Nicht immer zur Freude der Behörden wurde hier gelagert, gespielt und gekocht. Ein wohltuendes Bild menschlichen Zusammenlebens bot sich dem Besucher dar, aber mehr noch: An jeder der unzähligen Kochstellen wurde man eingeladen, sich dazuzusetzen und etwas Gutes zu probieren. Die Freude der Türken an der Freude ihrer Gäste ist überwältigend und unwiderstehlich.“
XTC - Rocket from a Bottle. https://www.youtube.com/watch?v=mDtVWyxCMAU

Kommentare:

  1. *sehr schöne Frühstücks-LEKTÜRE*

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  2. Hau bloß Deine Waschmaschine nicht raus. Das ist noch "Friedensware" , wie meine Großmutter zu sagen pflegte. Ich hab auch noch so eine Maschine und bin bestürzt, wie sich die Philosopie der Hersteller in den letzten zwanzig Jahren verändert hat.

    http://derstandard.at/2000044472431/Billig-waschen-nur-die-Reichen

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  3. Es ist tatsächlich die Frage, ob man überhaupt je "erwachsen" wird.
    Und ob nicht die ganzen Eliten, Chefs, Minister, Pfarrer erwachsen sein nur spielen.
    Wann wird man erwachsen ?
    Wenn man Mutter/Vater wird ?
    Wenn man einen Krieg überlebt hat ?
    Wenn man über 40 ist ? ( Schwabenalter )
    Mein alter Herr hat all diese Dinge hinter sich,
    er trägt ein stolzes Alter,
    aber er hadert immer noch an der Beziehung zu seiner Mutter.
    Da er nie genügen konnte und der einzig wahre Sohn, der dann Medizin studiert hätte und Dr. geworden wäre im Krieg verreckt ist.
    Unlängst ist der Vater eines Arbeitskollegen gestorben.
    Ich habe ihm dann gesagt, jetzt müsse er eben Erwachsen werden, er ist jetzt nicht mehr Sohn. ( Der Typ ist 40.)
    Wann ist es tatsächlich so weit ?
    Und die Leute, die wirklich so eine starke, erwachsene, ja fast schon charismatische Ausstrahlung haben waren in der Jugend schon so.
    Die waren damals schon in der Raucherecke die Obermotze, die geilsten Frauen im Arm und das beste Moped unterm Arsch. Was halt so zählt.
    Und was eigentlich überhaupt nicht erwachsen ist, sich über den dicken Daimler oder 7er BMW zu definieren und erwachsen zu machen.
    Das sind nämlich Spielzeuge.

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  4. Mir fiel das Buch"Matulla und Busch"(Schlesinger) ein, in dem die Hausbesetzerszene dargestellt wird. Ein wunderbares Buch, das ein wenig die Atmosphäre jener Zeit einfängt.
    Mit der Einrichtung ist alles richtig, solche Dinge kann man vererben, andere werden Müll.
    Inzwischen wollen Menschen nicht nur eine Wohnung sofort "fertig" eingerichtet haben, sondern erwarten das gleiche von einem Gärtner für die Aussenanlagen. Kein Gefühl dafür, dass etwas sich entwickeln sollte.

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    1. Tanja Dückers: Hausers Zimmer. Großartiger Roman, der genau in meinem Kiez spielt, aber zu Mauerzeiten (70er/80er).

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