Mittwoch, 8. Februar 2017

Stille Nacht

„Meine einzige Geliebte ist jetzt das Morphium. Sie ist böse, sie quält mich unermesslich, aber sie belohnt mich über jedes Begreifen hinaus. Wie begrenzt warst du, Frau. Diese Geliebte ist wahrhaft in mir. Sie füllt mein Hirn mit einem hellen, klaren Lichte.“ (Hans Fallada: Ein sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein)
Weiße Weihnachten habe ich tatsächlich mal erlebt. Anfang der neunziger Jahre im Bergischen Land. Ich war auf dem Weg zur Familie meiner Freundin. Wenige Kilometer vor dem Ziel setzte dichtes Schneetreiben ein. Das Bergische Land hat damals seinem Namen alle Ehre gemacht. Keine Ahnung, ob das heute auch noch so ist.
Ich kam mit meinem Golf ins Schlingern, nichts zu machen. Ich kam den Berg nicht mehr hoch und sehen konnte ich auch nichts mehr. Ich hielt am Straßenrand und stieg aus. Es war unglaublich still und unglaublich weiß. Wie in einem Traum. Ich war allein und spürte den Schnee auf der Haut, auf den Lippen. Ich ging den Bürgersteig entlang und erkannte schemenhaft ein Haus. Damals hatte ich noch kein Handy. Also klingelte ich einfach an der Tür.
Ein Mann öffnete mir und ich fragte ihn, ob ich mal telefonieren könnte, ich sei mit meinem Wagen steckengeblieben. Ich wurde ins Haus gebeten und betrat das Wohnzimmer der Familie. Ein großer und prächtig geschmückter Weihnachtsbaum stand in der Ecke neben dem Fernseher. Auf dem Sofa saßen eine Frau, eine ältere Frau und ein Kind. Leise Musik lief im Hintergrund, Plätzchen standen auf dem Tisch und es war wunderbar warm. Ich wünschte ihnen allen frohe Weihnachten.
Das Telefon stand auf einer Kommode und ich rief meine Freundin an. Ich sagte ihr die Adresse. Keine Ahnung, wie weit ich von ihrem Haus weg war. Damals gab es auch noch kein Navi. Der Familienvater bat mich, im Wohnzimmer zu warten, aber ich wollte die Familie nicht stören. Ich bedankte mich und setzte mich ins Auto.
Es gab damals nicht nur kein Handy oder Navi, auch die Standheizung war – zumindest in meinem Auto – noch nicht erfunden. Ich wartete. Es wurde dunkel, wenn auch nicht sehr, denn der Schnee fiel immer noch, inzwischen mussten es zehn oder zwanzig Zentimeter sein. Das ist also mein Weihnachten, dachte ich, und erinnerte mich voller Melancholie an die schönen Stunden meiner Kindheit. Ich stellte mir die Familie vor, die nur wenige Schritte entfernt im Wohnzimmer saß und jetzt vielleicht die Weihnachtsgeschenke auspackte.
Und dann klopfte es an meine Windschutzscheibe. Ich kurbelte die Scheibe hinunter (elektrische Fensterheber hatte ich auch nicht) und dann sah ich sie. Dicke Schneeflocken klebten in ihren blonden Haaren und sie lächelte mich an. Das war der schönste Weihnachtsmoment von allen. Das Haus ihrer Eltern, wo ich herzlich empfangen wurde, war keine zehn Minuten zu Fuß entfernt. Ich war dankbar für jeden Augenblick dieses Abends.
Oppenheimer Analysis - Men in White Coats. https://www.youtube.com/watch?v=UZ2oAts1u74

Kommentare:

  1. "Aber ja doch."

    (Antwort auf deine Frage, ob das Bergische Land heute noch seinem Namen alle Ehre macht. Auch wenn es eigentlich Bergiges Land heissen müsste, hätte es mit Bergen zu tun. Tatsächlich stammt der Begriff aber von den Grafen von Berg ab, die hier früher geschlechterherrscht haben.)

    AntwortenLöschen
  2. Eine wunderschöne Geschichte, Sie passt nur gerade nicht zum Februar..........
    Aber so war's, je dichter die Gang war, um so schlimmer der Schnee, um so weiter die Ziele.
    Warum musste man unbedingt bei größtem Schneetreiben diese, laut Aussage der oberscharfen Tuss von der 10 B, suuuper Dico ansteuern ?
    Schon leichtes Standgas und 3 Joints in der Birne ?
    30 Km entfernt.
    Man musste. Mit abgefahrenen Sommerreifen.
    Warum nur hat jede Generation so ihre Jugendheldentaten ?
    Na wenigstens haben wir dabei keine Leute massakriert. In Russland oder Polen.
    Oder nur manchmal, und dabei sind wir auch gleich mit verreckt, ohne Gurt.

    AntwortenLöschen
  3. Das ist ja nachgeradezu romantisch.

    AntwortenLöschen