Montag, 13. Februar 2017

Schreiben Sie?

„Der Schriftsteller muss eigentlich zwei widersprüchliche Eigenschaften in sich vereinen: Er muss sensibel, dünnhäutig und offen für Einflüsse aller Art sein (Stimmungen, Ideen, Beobachtungen usw.), gleichzeitig aber auch ein sehr dickes Fell haben, wenn es um Kritik und andere Sichtweisen geht (Redaktion, Lektorat, Publikum, Presse usw.).“ (Johnny Malta)
Tage- und Notizbücher sind persönliche Antiquitäten. Je älter sie sind, desto wertvoller werden sie. Das Schreiben ist womöglich im Augenblick der Niederschrift eine Banalität, aber mit dem Abstand von zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren wird es aufschlussreich.
Im Januar 1977 fing ich an, täglich zu schreiben. Ich stelle immer wieder fest, dass eine Erinnerung, die ich in meinem Gedächtnis fest verankert glaubte, trügerisch ist, wenn ich das Ereignis in meinen Büchern nachschlage. Ich lerne immer wieder etwas über Selbsttäuschung und ich freue mich darüber, welche Gedanken und Ideen ich in der Vergangenheit bereits hatte. Vielleicht bin ich in den letzten Jahrzehnten gar nicht klüger geworden, sondern nur erfahrener.
Worüber schreiben? Am besten sind die unangemeldeten Gedanken. Lassen Sie es raus! Es muss ja nicht gleich ein Blog sein – die Lektüre durch Fremde ist für viele Menschen ein Schreibhindernis. Ein schönes Notizbuch, eine private Schublade. So geht es seit Jahrhunderten, da müssen Sie das Rad nicht neu erfinden und „irgendwas mit Medien“ machen, nur weil es gerade in Mode ist. Falls Sie unter Lampenfieber, Schreibhemmungen oder Trollphobie leiden, sollten Sie in jedem Falle das Internet, Redaktionen und Verlage meiden. Denken Sie immer daran: Sie können es ohnehin nicht allen recht machen und niemand erwartet Sie auf Augenhöhe mit Kafka oder Musil.
Worüber schreiben? Über den Tag, über das, was von einem Tag übrig bleibt. Eine winzige Szene. Eine Idee, ein Wunsch. Etwas Schönes, etwas Blödes, etwas Ärgerliches. Ich habe mal versucht, mit einem Autoschlüssel eine Weinflasche zu öffnen. Der Schlüssel brach ab – es war der erste Tag mit dem ersten Mietwagen meines Lebens. Saublöd. Aber ich habe eine Menge netter Leute in Kalifornien kennengelernt, die mir die Weinflasche geöffnet und am nächsten Tag eine Schlüsselkopie gemacht haben. Der Kellner, dem wir die Story kurz darauf erzählt haben, hat sich kaputtgelacht und uns für den Nachmittag in sein Haus eingeladen, wo es gute Musik und noch bessere Gras gab.
Worüber schreiben? Denken Sie sich was aus! Wie war das noch, als Sie die Bronzemedaille beim Schildkrötenrodeo auf den Galapagos-Inseln gewonnen haben? Sie hatten in der vergangenen Nacht einen merkwürdigen Traum, können sich aber nur noch an den Schluss erinnern? Erfinden Sie den Rest und erzählen Sie die Geschichte. Schreiben Sie es auf, selbst wenn Sie selbst der einzige Leser sein sollten.
Hören Sie nie auf Menschen, die ihnen erzählen wollen, es gäbe Regeln für das Schreiben. Die erste Regel des Write Club lautet: Es gibt keine Regeln. Es sind die Amateure, die Regeln für das Schreiben aufstellen und den Schulmeister oder den Richter über die Texte anderer Leute spielen möchten. Die Texte dieser Pedanten lesen sich immer wie die Schulaufsätze eines ewigen Gymnasiasten. Große Autoren haben noch nie Regeln aufgestellt.
Sie dürfen alles schreiben und in jeder Form. Arno Schmidt hat sogar seine eigene Rechtschreibung erfunden. Wer sollte Ihnen Zügel anlegen? Wer definiert die Tabus? Wo sind die Grenzen? Warum experimentieren Sie nicht mit Textarten und Stilmitteln? Haben Sie schon einmal einen Dialog geschrieben? Oder eine Szene aus der Perspektive eines Haushaltsgegenstands geschildert? Sätze können aus einem Buchstaben bestehen oder zwei Seiten lang sein. Na und?
Schreiben Sie? Schreiben Sie!
Al Jarreau - Your Song. https://www.youtube.com/watch?v=YCsNGdCDaXo

Kommentare:

  1. Das hier...

    "Hören Sie nie auf Menschen, die ihnen erzählen wollen, es gäbe Regeln für das Schreiben. Die erste Regel des Write Club lautet: Es gibt keine Regeln. Es sind die Amateure, die Regeln für das Schreiben aufstellen und den Schulmeister oder den Richter über die Texte anderer Leute spielen möchten. Die Texte dieser Pedanten lesen sich immer wie die Schulaufsätze eines ewigen Gymnasiasten. Große Autoren haben noch nie Regeln aufgestellt."

    ... müsste man sich eigentlich ausdrucken und einrahmen.

    AntwortenLöschen
  2. Danke für dieses Mutmach- Schreiben! Mehrmals verbrannte ich alle Notizbücher, immer wieder meine Materialsammlung, aber die Zettelsammlung hört nie auf! Und wenn ich ein Ziel habe, kann ich schreiben, z.B. für einen Wettbewerb. Sonst bin ich mutlos, zuviel Absagen von Verlagen, kein Austausch über das Geschriebene... Und manchmal denke ich, es ist bereits alles mal geschrieben worden, später finde ich meine Idee wieder orginell.
    Ich denke gerade darüber nach einen Blog zu eröffnen, habe aber keine Ahnung...

    AntwortenLöschen
  3. @ all

    Vielen Dank.

    @ Roswitha

    Ich kenne andere, die immer wieder ihre Notizen vernichten. Warum macht Ihr das???

    Schreib weiter. Mach deinen Blog auf. Natürlich ist alles schon mal geschrieben worden. Mein Zeug auch. Wir sind sieben Milliarden auf diesem Planeten - dazu die Texte von den Toten. Es geht nicht um das Neue, es geht um dein Schreiben. Mach es einfach. Es wird aufregend werden, das kann ich dir versprechen :o)

    AntwortenLöschen
  4. Wunderschöner Text über das Schreiben. Es gibt mir noch einmal Kraft in der Sprache meines Herzens meinen Blog weiter zu schreiben. Vielen Dank.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das freut mich. Wir dürfen dem Text in uns keine Grenzen setzen.

      Löschen