Freitag, 17. Februar 2017

Liebesgrüße aus Moskau

„You must sit down, says Love, and taste my meat: So I did sit and eat.” (George Herbert)
Ein kalter Januarmorgen. Magdalena R. geht gerade mit ihren beiden Hunden spazieren, als sie die Tote sieht. Nicht weit vom Sportplatz entfernt liegt die Leiche einer jungen Frau mit langen blonden Haaren. Etwa fünfzig Meter weiter entdeckt sie eine weitere Leiche. Ein Mann in einem langen Mantel, er trägt schwarze Handschuhe. Reifenspuren im Schnee, Fußspuren.
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Etwa zwanzig Minuten später ist ein Streifenwagen vor Ort. Im ganzen Tal gibt es keine Polizeistation. Die Beamten haben sich auf den langen Weg von Bad Kreuznach nach Schweppenhausen gemacht. Sie sperren den Tatort ab. Bis die Spurensicherung, die Kripo und die Leichenwagen im Dorf sind, vergeht eine weitere Stunde.
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Noch fünf Minuten, dann fährt der Zug. Ludmilla fehlen zwanzig Cent Kleingeld. Der Fahrkartenautomat nimmt keine Fünfzig-Euro-Scheine für eine Fahrt von Bingen nach Koblenz. Um diese Uhrzeit ist der Schalter geschlossen. Nirgendwo kann man Geld wechseln. Schwarz fahren? Das bedeutet vielleicht Ärger in Deutschland und Ludmilla hat schon genug Ärger am Hals. Sie verpasst den Zug. Dann sieht sie den schwarzen SUV.
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Die beiden Toten haben keine Papiere. Ihre Fingerabdrücke werden durch den Computer gejagt. Keine Ergebnisse. Die Daten werden an Interpol weitergeleitet. Die Antwort wird am nächsten Tag erwartet. Inzwischen ist die Presse in Schweppenhausen unterwegs. Die wenigen Menschen, die man auf den Gassen des Dorfes trifft, haben sehr schnell ein Mikrophon von Mitarbeitern diverser Boulevardblätter unter der Nase. Ein großer gutaussehender Mann, der einen sehr korpulenten Eindruck macht, kommt gerade von seinem Winzer, bei dem er einige Flaschen Wein erstanden hat. Er kann den Reportern keine Auskunft geben. Die Toten sind nicht aus seinem Dorf.
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Waldimir ist wütend. Er hat gerade mit seinem Chef telefoniert. Eins der Mädchen ist abgehauen. Ist nur mit der Handtasche und ein bisschen Geld shoppen gegangen und nicht wieder gekommen. Montagmorgen – da ist im „Red Roses“ in Wiesbaden sowieso nicht viel los. Aber jetzt fehlt sie. Und Wladimir muss sie finden. Sonst ist sein Boss sauer. Der junge Jewgeni ist bei ihm, ein nervöser Kokser, der leicht die Nerven verliert. Es ist schon eine Zumutung, neben ihm im Auto zu sitzen.
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Am nächsten Tag gibt die Polizei eine Pressekonferenz. Der Tote ist ein gewisser Wladimir Jewtuschenko und ist in Moskau als einschlägig vorbestraftes Mitglied einer international operierenden Verbrecherorganisation gemeldet. Der Name der Toten ist Ludmilla Novikova, sie ist neunzehn Jahre alt und hat Moskau vor einem Jahr verlassen. Ihre Eltern haben keinen Kontakt mehr zu ihr, sie ist in Russland nicht mehr mit einem Wohnsitz gemeldet.
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Jewgeni keucht vor Erregung. Seine blutunterlaufenen Augen sind weit aufgerissen.
„Ich werde die Schlampe fertigmachen.“
„Überlass die Sache dem Boss. Er wird sich um sie kümmern.“
Wladimir hat solche Situationen schon einige Dutzend Mal erlebt. Bis hin zu Scheinhinrichtungen. Meistens ist nach der ersten Flucht Schluss. Viele wagen es noch nicht einmal, zum ersten Mal zu flüchten.
„Die lacht uns doch aus! Was glaubt die kleine Scheißhausfotze eigentlich, wer sie ist? Ich bin den ganzen Tag unterwegs, um eine Nutte zu finden? Ich schlag sie kurz und klein!“
Ludmilla weint auf dem Rücksitz. Wie schlimm kann es noch werden?
„Denk doch mal nach“, sagt Wladimir. „Wenn du sie grün und blau prügelst, bringt sie kein Geld. Das macht den Boss noch wütender.“
„Das ist mir egal. Ich fahr jetzt hier raus. An diesem Fußballplatz ist keine Sau. Jetzt klären wir die Sache.“
Der Wagen hält. Alle drei steigen aus.
„Du wirst dich jetzt beruhigen, du Schwachkopf. Wegen einem Anfänger wie dir will ich keinen Ärger kriegen“, sagt Wladimir.
Jewgeni zieht die Waffe. Ludmilla beginnt zu rennen.
„Wenn du nicht sofort wieder die Pistole einsteckst, bist du ein toter Mann“, brüllt Wladimir. Warum müssen die Amateure immer die Nerven verlieren?
Jewgeni drückt ab. Einmal. Zweimal.
Wladimir sinkt in den Schnee.
Dann treffen die Kugeln Ludmilla.
The Steve Miller Band – Macho City. https://www.youtube.com/watch?v=gemlal7T-PY

1 Kommentar:

  1. Tolles Foto- da traue ich mich nach dem Lesen des Textes nicht mehr im Dunkeln zu gehen. Es hat was geheimnisvolles, dieser Weg.

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