Dienstag, 7. Februar 2017

Kiezneurotiker Reloaded

Für alle Fans des Kiezneurotikers gibt es seine Texte als PDF:
https://www.mediafire.com/folder/ohqcr1i2spsbv/kiezneurotiker_Blogarchiv
Hier ein Text, in dem es um das Ende des Blogs geht – geschrieben vor einem Jahr –, und ein Text in dem es um einen Krimi von mir geht.
30. Januar 2016: Was passiert eigentlich, wenn ein Blogger stirbt?
Schon mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn ein Blogger stirbt? Ich kann Ihnen sagen, was bei mir passiert, abgesehen davon, dass mich die, die für meine Reste verantwortlich sind, verbrennen lassen und das übriggebliene Pulver in einer (hoffentlich ausgesoffenen) Flasche Glenlivet in die Spree werfen: Hier werden weiter Blogposts veröffentlicht. Und das kommt so: Vieles hier ist zwar spontane Eruption, unterirdische Flegelei aus der Hüfte geschossen, rausgekloppt zwischen Borgwürfel, Kind duschen und Whisky saufen, einiges jedoch ist abgehangenes Zeug. Fragmente. Irgendwelche Fotos, zu denen ich irgendwann mal irgendwas schreiben wollte, aber bisher nur Stichworte zusammengebracht habe, einzelne Phrasen, manchmal ganze Absätze. Vordatiert. Liegengelassen, bis ich dazu komme, einen richtigen Text draus zu machen. Das Witzige dabei ist: Wenn ich morgen tot umfalle, werden die Fragmente, die Stichwortsammlungen, wird das zusammenhanglose Gestammel mit der Zeit einfach veröffentlicht, auch wenn ich schon lange nicht mehr da bin. Das muss furchtbar sein für die, die zurückbleiben: Der Irre spricht aus dem Jenseits. In Rätseln.
Wie bekommt so ein Leser eigentlich vom Tod eines Bloggers mit? Indem er einfach nicht mehr schreibt? Die Dinge einfach enden? Kommentarlos? Sagt Ihnen Jacob Jung etwas? Das war mal ein ziemlicher Senkrechtstarter in der Blogodingsda. Politik. Gesellschaft. Gegenöffentlichkeit. Verlinkt bei allen, die Rang und Namen haben. Bildblog. Nachdenkseiten. taz. Vergessen wo noch. Tolle Texte. Tolle Statements. Meinungsstark. Eloquent. Smart. Geteilt ohne Ende. Fanboys ohne Ende. Kommentare ohne Ende. Trolle ohne Ende. Das Feedback, das die Welt bedeutet. Und dann hat er einfach aufgehört. Am 21.3.2012 der letzte Text. Dann nichts mehr. Ohne Statement. Ohne Erklärung. Was war da los? Ist er tot? Niemand weiß etwas. Es endete einfach und keiner weiß warum. Mysteriös. Die Leserschaft rätselte noch eine Weile in irgendeinem Forum einer marginalisierten Zeitschrift vor sich hin und dann zog man weiter. Andere kamen nach, andere hörten auf, manchmal mit Paukenschlag, manchmal mit dem erklärungslosen Löschen des ganzen Blogs (und dem unweigerlichen Wiedereröffnen).
Viel bleibt nie. Am Ende bleibt wahrscheinlich sogar nichts. Denn wenn ein Blogger stirbt, geht kurz darauf seine Domain platt, wenn sie nicht mehr weiter bezahlt wird. Wenn er bei einem kostenlosen Hoster bloggt, dann bleiben die Inhalte länger bestehen, mindestens so lange bis der Hoster schließlich seinen Dienst einstellt (was sie immer irgendwann tun, machen wir uns nichts vor). Also ist auch dieser virtuelle Ort hier, an dem Sie gerade lesen, nicht für ewig. Wie im Prinzip alles. Was ich hier schreibe, was Sie hier schreiben, Texte, Kommentare, Likes, Shares, Liebeserklärungen, Hassmails, geht schon nach wenigen Stunden unter im allgemeinen Rauschen und hat natürlich nichts bewirkt. Das tut es nie. Was also passiert, wenn ein Blogger stirbt? Nichts. Es passiert nichts. Es spielt keine Rolle. Es ist völlig unerheblich. Vergänglichkeit ist Vergänglichkeit ist Vergänglichkeit. Alles endet. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber mir gefällt das.
Anmerkung: Was vorbei ist, ist vorbei. Das ist die stoische und lakonische Art des Kiezneurotikers. Er ist gegangen wie Jacob Jung. Und da keine vordatierten Fragmente im Blog veröffentlich wurden, spricht auch kein Irrer aus dem Jenseits. Stecker gezogen und Tschüssikowski. Kein Gejammer, keine Diskussionen. Alles richtig gemacht.
3. Januar 2016: Lass mal netzwerken - Kiezschreiber Edition (Berliner Asche)
Wenn der feine Herr Eberling eines kann, dann ist es schreiben. Wenn der feine Herr Eberling eines nicht kann, dann ist es das ordentliche Aufbereiten seiner Werke, das Verkaufen, das Entgegenkommen gegenüber den Konsumenten, den Abbau von Barrieren oder wenigstens ordentliche Links. Eine Übersicht. Nix. Kann er nicht. Ein Chaot, kein eBook, kein Inhaltsverzeichnis, nur wurstiges Einhacken eines von ihm geschriebenen Buchs in irrwitziger Kapitelfolge in sein Blog, das immer noch zu wenige lesen und wo das Zeug schon mit dem Jahreswechsel kaum noch zu finden ist, weil nichts darauf verweist, dass unter dem zugeklappten Blog-Archiv im linken Frame des billigen Themes seines schlechten Freehosters so etwas rumliegt. Ich krieg' Pickel, Alter. Das lieblos rausgerotzt zu nennen wäre ein dreister Euphemismus. Ein Schlumpf ist er! Ein Schlurch! Der Chaot der Chaoten. Ich weiß wie die Wohnungen von so Typen wie Eberling aussehen. Sauställe. Messibutzen. Abraumhalden. Berge von Papierstapeln. Pizzakartons. Am Lampenschirm eine alte Socke. Zahllose Kanten Shit in Alufolie unter Miederwarenkatalogen. Den Keller voll mit alten Penthouse-Ausgaben aus den 80ern, seiner großen Zeit. Und 25 volle Aschenbecher. In jedem Raum. Er raucht Selbstgedrehte. Natürlich. Sie werden nie irgendwas finden in solchen Buden, der Behauser jedoch schon, der lebt nämlich seinen Unrat, sein Chaos, seine Schlumpfigkeit, der hat sich der Sinnlosigkeit jedweder Ordnung hingegeben, ist mit dem Grind seiner Umgebung verwachsen. Die armen Erben, die irgendwann einem prekären weißrussischen Entrümpler viel Geld zahlen müssen, damit der den ganzen Mist in Bauschuttcontainern irgendwo auf dem Balkan entsorgt, weil das Zeug sonst niemand anfassen will. Oder die Stadt reißt die Bude einfach ab, gräbt den Schorf einmal um und verscheuert den Bauplatz an eine zuversichtliche junge selbstoptimierte Familie, die sich ein Townhaus baut. Meine Güte, wenn Typen wie Eberling für Ihre Buchhaltung verantwortlich sind, melden Sie lieber gleich Insolvenz an, bevor das Finanzamt Sie in den Karzer bei Tofu und Rhabarberschorle sperrt, weil Sie diesen verwahrlosten Dschungel von Zettelwirtschaft allen Ernstes Jahresabschluss genannt haben.
Ach fick mich doch weg, mich Homofürst. Alles muss ich selber machen, weil dieser verkrachte alte Künstler wieder nix gebacken kriegt. Hier, bitte, sein Roman "Berliner Asche", klicken Sie, klicken Sie, es ist Literatur, und es ist gratis, klicken Sie:
Berliner Asche
(Jetzt kommt eine Linkliste aller Kapitel, die ich Ihnen erspare; der Kiezschreiber)
Ein gutes Buch. Bis ins Kapitel 6 hinein flüssig und schlüssig geschrieben, mit Tiefsinn, Witz und dem unverstellten Blick auf die Stadt aus einer Position, die ich aus seinem Blog schätze. Unideologisch. Klar. Immer auch spöttisch. Mit der erforderlichen Distanz, aber nie wahllos, sondern Sie lesen immer heraus, wem seine Zuneigung gilt. Dem Guten. Und dem guten Leben. Ich mag das. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Die Ideologien triumphieren, die Religionen gewinnen Land, die Esoterik boomt und humorlose Asketen ziehen Fäden. Da braucht es solche Typen, da muss ich Spötter in meiner Nähe wissen, um das alles mit der größtmöglichen Heiterkeit zu überstehen. Spucke in der Suppe? Na klar, hier: Ab Kapitel 6 wird es arg bemüht, da wird er plötzlich fahrig und gerade der inhaltliche Kern in Form des schmerzhaft akademischen Dialogs zwischen dem Nazi- Securitymann und dem linksradikalen Zündler wirkt schwer konstruiert. Da wollte er zu viel. Und griff zur Brechstange, dem falschen Instrument, denn solche (zweifellos sehr klugen) Aussagen wie aus diesem Dialog müssen in den Subtext, immer in den Subtext, denn sie sind des Holzhammers der direkten Rede ungeeignet. So bleibt diese Szene in dieser Form seltsam unwirklich und in etwa so realistisch wie Coke Zero im Biomarkt oder eine Prenzlmutter ohne grün-braune Schlammscheißeklamotten. Beim Lesen sprang es mir fast ins Gesicht, dass da einer so langsam fertig werden wollte. Keine Geduld mehr hatte. Oder ihm auch nur der Esprit ausging. Das ist dann schade, wenn auch nur ein wenig.
Danke, hat sich gelohnt. Schnell zu lesen. Flockig zu lesen. Zack, weggeatmet. Kurz gerülpst. Gut war's. Ich würde jetzt gerne bezahlen. Doch der Eberling macht einem auch das unmöglich. Kein Flattr, kein Konto, kein Postfach für Bargeld, nicht mal eine Amazon Wunschliste, von der ich ihm was schönes bestellen kann. Diese Künstler, diese verfickten Künstler, meine Nerven ... und jetzt klicken Sie schon, verdammt.
Danke, lieber Kiezneurotiker, alter Weggefährte. Möge dein Whiskyglas niemals leer werden.


Kommentare:

  1. Ein gut gemachter Nachruf. Daumen hoch. Gefällt.

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  2. Cool.
    Und dann noch dieser praktische Zip-Ordner...
    Vielen Dank!

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  3. Aw. Was ein Service. Will jetzt so 'nen Flammenballon aufsteigen lassen (o.Ä.). Gibt's das nochmal für Rounders/ Achnaja/ Das menschliche Urmeter…?

    He will be missed.

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  4. Irgendwie beschleicht mich trotzdem das Gefühl einer Personalunion

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    1. Da liegst du falsch. Es gibt keine Verschwörung :o)

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  5. kann mich jemand nochmal abschliessend aufklären, was denn nun aus dem neurotiker geworden ist?Ich hab einfach nicht die Zeit mich hier durchzulesen, wäre sehr dankbar!

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    1. Ich habe einfach nicht die Zeit, hier jede Anfrage zu beantworten. Danke!

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    2. Im Lotussitz meditierend wurde seine Gestalt immer fahler und fahler... im halbtransparenten Zustand bestätigte er gerade noch die "Blog löschen" Meldung, bevor er ins Nirvana einging.

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    3. Es gibt ein Fundbüro für vermisste Blogger im Prenzlauer Berg, Honkstraße Ecke Netzwerkallee.

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  6. Ich vermisse ihn jeden Tag.
    Er war ein Gigant.
    Habe mal einen post von ihm bei einer Gartenfete vor versammelter Mannschaft vorgetragen. Danach noch Glumm.
    War ein voller Erfolg.

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  7. Mir fehlt er auch, ich habe eben noch eine kleine Hommage verfasst: https://bierzeltpunktde.wordpress.com/2017/04/09/was-soll-ich-ohne-den-kiezneurotiker-nun-beim-kacken-noch-tun/

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