Dienstag, 7. Februar 2017

Gespräche über Gespräche

„Kostgängerin der Bourgeoisie, ist die Sozialdemokratie zu kläglichem geistigen Parasitismus verdammt. Bald hascht sie nach Ideen bürgerlicher Ökonomen, bald sucht sie Splitter des Marxismus auszunützen.“ (Leo Trotzki: Was nun?)
Eine Villa in Berlin-Dahlem. Im Salon wurde gerade das Mittagessen für Herrn und Frau Wächter aufgetragen. Das Dienstmädchen ist gegangen. Sie sind allein.
Sie: Musst du heute Abend zu Häberle?
Er: Du weißt, dass es nicht anders geht.
Sie: Wir haben Karten für die Oper und die Trollingers erwarten uns.
Er: Ja, es ist ärgerlich. Aber das Gespräch bei Häberle ist sehr wichtig. Du kannst doch Thomas mitnehmen.
Sie: Er hasst die Oper. Der Junge hört doch immer nur diesen Rap oder wie das heißt.
Er: Er wird seiner Mutter ausnahmsweise den Gefallen tun. Dafür bekommt er Freikarten für die Frozen Souls in der BMW-Arena.
Sie: Ich mag diesen Häberle nicht. Und er mag dich auch nicht, das weißt du. Kannst du dich noch erinnern, wie er sich im Wahlkampf über deinen Vorschlag mit der Transaktionssteuer lustig gemacht hat?
Er: Ich habe keine Wahl. Heute Abend werden die letzten beiden Ministerposten vergeben. Und wir können froh sein, dass wir in dieser Koalition sieben Minister stellen und nicht nur fünf wie in der letzten. Dafür mussten wir der Kanzlerin das Justizministerium und drei Staatssekretäre opfern, aber es ist meine letzte Chance. Ich werde ja auch nicht jünger.
Sie: Natürlich. Aber ich habe kein gutes Gefühl. May und Scholl sollen die Lieblinge von Häberle sein.
Er: Scholl ist heute Abend auch dabei, aber May nicht, soweit ich informiert bin.
Sie: Du hast doch einen guten Draht zu den Diensten. Die werden doch wissen, wer eingeladen ist. Was ist denn mit May?
Er: Ja, den habe ich. Aber ob Lukowsky noch zuverlässig ist, weiß ich nicht. Der schielt ja auch schon nach einem neuen Posten. May bekommt einen Vorstandsposten bei der Bahn. Zwei Millionen Jahresgehalt plus Bonus. Das ist ein schönes Schmerzensgeld.
Sie: Wieso bekommt er kein Ministerium? Vor einem halben Jahr galt er noch als Kronprinz von Häberle.
Er: May hat seine Sekretärin geschwängert. Nur wenige sind eingeweiht. Mays Frau und auch sein Schwiegervater wissen nichts. Der alte von Brausewitz ist der Chef einer Privatbank, die sämtliche delikate Waffengeschäfte mit den Saudis und den anderen Scheichs abwickelt.
Sie: Und May weiß, dass du es weißt.
Er: Politik ist ein schmutziges Geschäft.
Sie: Wer kommt denn außer Scholl noch zu Häberle?
Er: Brinkmeyer. Aber ich habe gehört, er soll Fraktionsvorsitzender werden.
Sie: Aber Krauthammer ist doch seit zwölf Jahren Fraktionsvorsitzender.
Er: Krauthammer sitzt aber auch seit zwölf Jahren jede Woche in einer anderen Talkshow. Seine Beliebtheitswerte sind höher als die von Häberle. Das kann es auf Dauer nicht sein. Außerdem brauchen wir in der Führungsriege noch jemanden aus dem Süden, wenn Scholl und ich Minister werden.
Sie: Brinkmeyer ist aus dem Süden? Der spricht doch lupenreines Hochdeutsch.
Er: Brinkmeyer ist in Augsburg geboren und aufgewachsen. Er ist zum Studium nach Berlin gekommen und lebt seit dreißig Jahren hier. Aber notfalls kann er noch ein wenig Dialekt. Den Landesverbänden wird das reichen. Jedenfalls habe ich noch nicht Gegenteiliges gehört.
Sie: Welche Ministerposten sind denn noch offen?
Er: Landwirtschaft und Entwicklungshilfe. Wirtschaftliche Zusammenarbeit heißt das inzwischen.
Sie: Aber du bist doch ein Stadtmensch und hast dich auf Innenpolitik spezialisiert.
Er: Das macht nichts. Die Minister müssen nichts wissen. Sie stehen einem Haus vor, in dem es langjährige Beamte gibt, die in ihr Fachgebiet eingearbeitet sind.
Sie: Das mit der Wirtschaft klingt doch ganz gut. Nimm doch das!
Er: Da muss man aber auch viele Dienstreisen in unangenehme Länder machen. Afrika oder Asien. Dort ist es heiß, schmutzig und gefährlich. Als Landwirtschaftsminister besucht man nur Bauernhöfe und Messen im Inland. Ab und zu muss man nach Brüssel.
Sie: Hauptsache, du bekommst ein Ministerium, Schatz. Das wäre schön.
Er: Ja. Leider lässt sich Häberle vorher nicht in die Karten schauen. Ich weiß nicht, was ihm die anderen als Gegenleistung anbieten können. Das erfahre ich alles heute Abend.
Sie: Ich wünsche dir viel Glück.
Er: Danke. Das kann ich gebrauchen.
XTC - Making Plans For Nigel. https://www.youtube.com/watch?v=AiIlcew-GVM

Kommentare:

  1. Häberle, Trollingers? Schwaben in Dahlem?

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    1. Überall in Berlin sind Schwaben. Und in Dahlem spielt ja nur der Dialog. Wo Häberle und Trollingers wohnen, wissen wir nicht ;o)

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  2. Die Schwaben sind halt die Vollblicker.
    Das tut natürlich weh ! Wenn man sich das als Nichtschwabe eingestehen muss.
    Aber ich, selber Schwabe, kann diese in sich selbst ruhenden, immer alles richtig machenden, immer korrekten, zum Teil bräsigen, dann wieder super alerten, so Sie denn jung sind, in Ihren Boss Anzügen steckenden, ach so erfolgreichen Businesstypen auch nicht ab.
    Die laufen sogar am Sonntag bei der Wanderung noch im Schlips rum.
    Es sieht jedenfalls so aus, der Mammut Outdoorkittel für 500 € nagelneu, dazu noch die Extremklettergletschersüdpolfunktionshose am Bein, alles in allem Ausrüstung für 1000€ am Leib. Echt jetzt, das muss man sich mal vorstellen.
    Weil das Icebreaker Merino-T-Shirt zu 120€ sieht man ja gar nicht. Und die Wanderschuhe gehen ja auch erst ab 200 € los. Und das alles auch noch mit Bügelfalte.
    Alter !
    Da könnte man sich mit seiner Jeans und Parka so richtig klein und mies vorkommen.
    Das man zu allem Überfluss im allmachts Allrad auf die Alp fährt, auf asphaltierten, ebenen Bundesstraßen, ist nur das I-Tüpfelchen.
    Zum Glück geht es auch anders.
    Ich sage nur Christian Streich, Trainer des SC Freiburg. Z.B.
    Unkonventionell, leicht verrückt, verhaltensauffällig, eigentlich in unserer Mediengesellschaft fast nicht tragbar, aber ein super Trainer. Schlicht genial.
    Solche Leute gibt es schließlich auch.
    Also seid etwas milder im Urteil.

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