Samstag, 18. Februar 2017

China-Reise 2007 – Einige Beobachtungen und Bemerkungen

Politik
Es fallen in China die starken Diskrepanzen zwischen Arm und Reich sowie die Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land auf, die uns in diesem Ausmaß in Deutschland unbekannt sind. Es stellt sich die Frage, welches Land eigentlich das sozialistische und welches das kapitalistische ist. Ein solches sozioökonomisches Gefälle würde einen europäischen Staat zerreißen. Den Sozialismus habe ich nur in Form von Folklore (etwa der morgendliche Fahnenappell vor der Provinzverwaltung in Xian) und Fassade (rote Fahnen und Mao-Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking) wahrnehmen können. Positiv: Das Massaker von 1989 und gesellschaftliche Probleme wurden offen von der deutschen wie auch der chinesischen Reiseleitung angesprochen.
Wirtschaft
Es gilt: Je urbaner China ist, desto westlicher ist es auch. In den Metropolen finden wir Kaufhäuser, die den Kathedralen des Kapitalismus in Europa, etwa dem KaDeWe in Berlin, in nichts nachstehen. Die großen Kaufhäuser sind jedoch fast menschenleer, da die Kaufkraft des Durchschnittsbürgers zu gering ist. Beispiel: Ein Paar deutsche Markensportschuhe kosten einen chinesischen Arbeiter drei Wochenlöhne, einen deutschen Arbeiter noch nicht einmal einen Wochenlohn. Hierzu passt auch die Beobachtung, dass man kaum Chinesen mit Einkaufstüten der großen Kaufhäuser sieht, obwohl die Boulevards voller Menschen sind. Die chinesischen Händler und Verkäufer unterscheiden sich in nichts von Händlern in kapitalistischen Ländern, sie wirken im Gegenteil noch aufdringlicher. Zudem fällt der verschwenderische Umgang mit Arbeitskräften auf: Im Lokal warnt ein Mensch permanent alle eintretenden Gäste vor den Gefahren einer bestimmten Stufe, in einem anderen Lokal reicht ein Mensch auf der Toilette Papierhandtücher aus einer Selbstbedienungsbox an die Besucher weiter.
Gesellschaft
Die Chinesen sind, wie in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt zu beobachten, im Durchschnitt sehr jung. Das Straßenbild wird von jungen Menschen geprägt, Menschen mittleren Alters oder gar alte Menschen sieht man kaum. Die jungen Leute tragen häufig westliche Kleidung und Frisuren. Selbst unter den ärmeren Menschen ist westliche Kleidung (Lederhalbschuhe, zweiteiliger Anzug) sehr verbreitet. Selbst die Mönche tragen Turnschuhe und amerikanische Schirmmützen, nutzen Handys und andere Geräte. Die Menschen wirken sehr materialistisch und geldgetrieben, außerdem fehlen häufig gewisse Umgangsformen. Beispiel: Ein lamaistischer Mönch spricht mich in Wutaishan mit den Worten „Hello, money!“ an – oder die Bauersfrauen am Mondberg! Dem Durchschnittschinesen sieht man die 5000 Jahre Geschichte so wenig an wie die Deutschen ein Land der Dichter und Denker bevölkern (oder Franzosen elegant und Engländer lustig sein sollen). Stereotype Vorurteile greifen hier nicht.
Medien
Es gibt eine große Zahl an Fernsehprogrammen, etwa fünfzig. Es dominieren Spielshows und Serien, wobei letztere häufig einen historischen Hintergrund (meist das alte Kaiserreich) haben. Das Programm ist überraschenderweise noch chinesisch untertitelt, möglicherweise möchte man auf diese Weise das Erlernen der Schriftsprache fördern. Die Werbeblöcke sind nicht nur von westlichen Produkten durchsetzt, sondern auch in ihrer Präsentation sehr westlich. Musiksendungen für junge Leute sind stark vom westlichen Musikstil (Pop, Rock, Rap usw.) geprägt, aber es überwiegen chinesische Texte. Telefonnummern und Zahlen werden offenbar – wie im Westen – nur in arabischen Ziffern ausgedrückt.
Verschiedenes
• Die Vielfalt des chinesischen Essens und die hohe Qualität im Vergleich zu den deutschen „China-Restaurants“, die Mahlzeit als Gemeinschaftserlebnis (zehn Menschen bestellen zehn Gerichte, die auf einem breiten Drehgestell serviert werden; alle Essen von allen Tellern, so dass alle Mahlzeiten zu Menüs werden)
• Als „Langnase“ stellt man häufig eine kleine Sensation dar, etwa als wir gemeinsam in einem Kleinstadtladen einkaufen waren und sich eine Traube von Kindern um mich bildet, als ich mir eine Dose Bier hole
• Die scheinbar regellose Naturwüchsigkeit des Straßenverkehrs, die es in Europa allenfalls noch in Süditalien zu beobachten gibt
• Die teilweise mittelalterlich zu nennenden Toiletten an Raststätten und in Restaurants
• Touristische Glanzlichter wie die Große Mauer und die Terrakottaarmee beeindrucken mehr durch die Vorstellung des ganzen als durch den konkreten Anblick
• Das überall zu beobachtende starke Wachstum der Städte; Metropolen wie Shanghai oder Peking gibt es in Europa gar nicht, auch nicht diese Form der vertikalen Stadtentwicklung nebst üppiger Neonreklamen in Fußballfeldgröße
• Die Rhetorik des chinesischen Reiseführers: schlechte Straßen voller Schlaglöcher wurden zu „Massagestraßen“, Pinkelpausen auf den abenteuerlichsten Aborten zu „Harmoniepausen“
• Die Dreistigkeit einer Hotelangestellten, die meine Ansichtskarten trotz Bezahlung des Portos einfach in den Müll geschmissen haben muss. Keine einzige Karte ist bis heute angekommen
P.S.: Zehn Jahre ist es jetzt her, dass ich die dreiwöchige Rundreise gemacht habe. Noch heute denke ich gelegentlich an die Schönheit der Flusslandschaft, die ich bei einer Bootsfahrt auf dem Li Jiang erlebt habe, oder das Metropolis-Feeling in Shanghai, wo wir am nächsten Tag mit 432 km/h im Transrapid zum Flughafen gefahren sind. Oder an den studierten Reiseleiter, der ausgezeichnet Deutsch sprach und mir gelegentlich seine Hand auf den Bauch legte. Ich ließ es geschehen, fragte ihn aber eines Tages doch, warum er das tue. Es bringe Glück, den Bauch des Buddha zu berühren, antwortete er mir. Ich nehme das bis auf den heutigen Tag als Kompliment.
Damals, im Mai 2007, habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Auch das ist ein Jubiläum.

Raucherinsel (Danke, Harri)
Ach ja, die Frauen von Mondberg. Sie umlagern den Bus jeder ankommenden Reisegruppe. Jeweils eine Frau schnappt sich einen Touristen oder ein Touristenpärchen. Sie laufen permanent neben dir her und versuchen, ihre Dienste anzubieten oder mit ihren zehn Worten Englisch, den Reiseleiter zu ersetzen. Meine Bäuerin, eine junge Frau, habe ich eine halbe Stunde lang tapfer ignoriert. Beim Picknick auf dem Berg hatte sie die Festung geknackt. Sie zeigte mir Bilder ihrer kleinen Tochter und von ihrem Haus. Natürlich hat sie ein angemessenes Trinkgeld bekommen, als wir wieder beim Bus waren.
Jean-Michel Jarre - Souvenir de Chine. https://www.youtube.com/watch?v=BY_ozF-4IAU

1 Kommentar:

  1. Danke für diesen Bericht aus einer mir fremden Welt. Wie sich wohl die 1-Kind-Politik auswirkt? Ich finde es schade, dass die Vielfältigkeit der Kulturen immer mehr verschwindet(TV, Internet, Popmusik...), ob das in manchen Bereichen auch positiv ist?

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