Dienstag, 3. Januar 2017

Route 65

Ich hatte die Route 65 noch nicht lange. Luigi Imbarazzante ist die Route ein paar Jahre gefahren und hatte überraschend gekündigt. Ich war bisher im Süden der Kreisstadt unterwegs gewesen, jetzt ging es nach Wichtelbach.
Eigentlich eine schöne Tour. Keine miesen Hochhäuser mit zerkratzten Klingelschildern, keine Industriegebiete, wo man endlos unterwegs war, bis man schließlich das verdammte Päckchen los war. Wichtelbach besteht aus einer Dorfstraße mit Kirche, einem Neubauviertel auf der dunklen Seite des Tals und einem Villenviertel auf der Sonnenseite des Tals.
Ich mochte die Tour von Anfang an. Auf der Fahrt von der Zentrale nach Wichtelbach und zurück konnte ich in Ruhe Radio hören, es gab auf der kleinen Landstraße keinen Stau und keine Ampeln. Es blieb immer genügend Zeit für eine ausführliche Mittagspause und die Zahl der Pakete hielt sich in Grenzen.
Die meisten Pakete musste ich ins Villenviertel liefern. Das Problem war, dass die Leute dort eigentlich nie zu Hause waren. Selten öffnete mal eine Hausfrau oder eine Putzfrau die Tür, um eine Lieferung entgegenzunehmen. Es dauerte also immer, bis man sein Päckchen losgeworden war und seine Unterschrift hatte.
Bei Earl Hickey war es anders. Er war niemals zu Hause und keiner hat jemals die Tür geöffnet. Er wohnte am Ende einer Straße und von seinem Haus konnte man das ganze Tal überblicken. Der letzte Punkt meiner Route. Aber Mister Hickey hatte einen riesigen Briefkasten, also steckte ich ihm die Pakete, die regelmäßig für ihn aufgegeben wurden, einfach in den Briefkasten und hoffte, dass alles gut ging.
Ich hörte nie irgendwelche Beschwerden von ihm, also hatte ihn seine Paketpost offenbar erreicht. Es war kurz nach Weihnachten, als ich wieder vor seinem Haus stand. Ich war überrascht, als er – noch bevor ich überhaupt geklingelt hatte – plötzlich aus der Haustür trat und auf mich zukam.
Er war ein baumlanger Kerl mit breiten Schultern, schwarzem Haar und einem dicken Schnurrbart. Zu den hellgrauen Jogginghosen trug er ein Unterhemd und Filzpantoffeln. Am Handgelenk hatte er eine dieser Armbanduhren für Sehbehinderte, groß wie eine Pizza und vermutlich sechs Pfund schwer. Hickey grinste mich an und ich sah, dass ihm ein oberer Schneidezahn fehlte.
„Schön, dass ich Sie mal treffe“, sagte er zu mir und nahm das Paket entgegen. „Freut mich, dass die Post so pünktlich kommt. Das ganze Jahr habe ich meine Pakete im Briefkasten gefunden, ohne dass es irgendwelche Probleme gab.“
„Sehr gerne, Mister Hickey“, sagte ich und lüpfte meine Firmenkappe.
Er zückte seine Brieftasche, die mit Hundertern und Fünfzigern prall gefüllt war. Er drückte mir einen Fünfzig-Euro-Schein in die Hand und sagte: „Früher hat man den Postboten zu Weihnachten Geld gegeben. Ihnen gebe ich es zum Jahreswechsel.“
„Danke, Mister Hickey.“ Ich konnte den Blick kaum von der dicken Brieftasche abwenden, dann sah ich zu seiner riesigen Villa hinüber. „Man muss sicher hart arbeiten, um sich so ein Haus leisten zu können.“
Er lachte und klopfte mir mit der linken Hand jovial auf die Schulter. „Mit Arbeit kommt man zu nichts. Ich mache Geschäfte. Ich überführe Wagen, die in Tschechien und Polen angemeldet werden, nach Deutschland.“ Dann deutete er mit der rechten Hand auf die anderen Villen an der Straße. „Hier leben nur Geschäftsleute. Ankauf, Verkauf. Verstehen Sie?“
Ich nickte, obwohl ich nichts verstanden hatte.
„Ich könnte noch einen Fahrer brauchen. Sie müssen nichts anderes machen, als mit dem Zug nach Tschechien zu fahren, dort einen Wagen zu übernehmen und zu mir zu bringen. Manchmal ist auch eine kleine Lieferung inklusive, aber die ist sicher verstaut. Ich betreibe in Tschechien noch ein Labor.“
Ich sah ihn fragend an.
„Überlegen Sie sich die Sache in Ruhe und werfen Sie mir Ihre Antwort in den Briefkasten.“ Dann ging er zurück ins Haus.
Tangerine Dream - Tiergarten (Berlin). https://www.youtube.com/watch?v=GX_5Lxfsp-M

Kommentare:

  1. Auf dem Grunde jeden großen Geschäftes liegt ein großes Verbrechen.

    Honoré de Balzac
    (1799 - 1850)

    ...na, wohl keine Nieren mehr übrig ? ! ?

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    1. Zu meinem neuen Geschäftsmodell gibt es in den nächsten Tagen die Story "Die Katzenmenschen vom Prenzlauer Berg".

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  2. « Le secret des grandes fortunes sans cause apparente est un crime oublié, parce qu’il a été proprement fait. » Balzac in "Le Père Goriot".

    Andererseits genügen natürlich auch die, die es sich "in Ruhe überlegt" haben,und dabei mitmachen.

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  3. Letzthin hatte ich im Traum den Gedanken, dass es meistens einfach ist, die richtige Entscheidung zu erkennen, aber oft schwierig, nach dieser Erkenntnis zu handeln.

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    1. Kann man ruhig mal wieder in Erinnerung rufen.
      Hier das Original Deines Traums vom "stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse" bei Brecht:

      Ein guter Mensch sein, ja wer wär`s nicht gern?
      Sein Gut den Armen geben, warum nicht?
      Wenn alle gut sind, ist sein Reich nicht ferne.
      Wer stünde nicht gern in seinem Licht?

      Doch leider sind auf diesem Sterne eben,
      die Mittelkärglichen, die Menschen roh.
      Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben,
      doch die Verhältnisse, die sind nicht so.

      Da hast Du leider eben Recht,
      die Welt ist arm der Mensch ist schlecht.
      Natürlich hab ich leider Recht,
      die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht.

      Wir wären gut, anstatt so roh,
      doch die Verhältnisse, die sind nicht so.

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