Dienstag, 31. Januar 2017

Mauern aus Worten, Mauern aus Stein

Es wurde in den letzten Jahren aufgrund der vielen runden Jahrestage oft über den Ersten Weltkrieg gesprochen. Über den Nationalismus, der sich in Europa zu einem ungeheuren Blutbad entwickelt hat. Darüber wurde vergessen, dass sich der Nationalismus jener Zeit im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn, in der Habsburgermonarchie zuerst entwickelt hat. „Multikulti“ geriet in Prag, Budapest und Wien erst in die Defensive und danach in die Krise, die Doppelmonarchie wurde von vielen Bürgern als „Völkergefängnis“ empfunden.
Heute ist es mit der EU ähnlich. Die Nationalisten vieler Länder glauben, sie müssten Ketten sprengen. Die französischen Präsidentschaftswahlen in diesem Frühling werden der entscheidende Punkt sein. Der vermutlich hässliche und zukunftsweisende Scheidungsprozess zwischen Großbritannien und der EU beginnt auch bald. Das Pendel könnte erneut zurückschlagen wie vor einem Jahrhundert.
Jetzt rächt sich, dass in den vergangenen Jahrzehnten der europäische Gedanke nur von der Wirtschaft dominiert wurde. Es ging um Konzerne, Märkte und Währungen. Gesellschaft und Kultur kamen in diesem Programm nicht vor. Ryanair und Easy Jet haben in dieser Zeit mehr für die Völkerverständigung getan als sämtliche Politiker zusammen. „Brüssel“ ist das Synonym für die Entfremdung des EU-Systems vom europäischen Bürger geworden.
Sichtbares Zeichen der neuen Zersplitterung sind die Mauern, die gebaut werden. Ungarn baut Grenzanlagen gegen Kriegsflüchtlinge und bildet in Schnellkursen neue Grenzwächter aus. Die Reichen bauen Mauern um ihre Wohnviertel und Präsident Trump plant eine gigantische Mauer zu Mexiko wie einst der chinesische Kaiser gegen die Mongolen. 1852 schlug Erzherzog Maximilian vor, eine Mauer um Wien zu bauen, um die Fabriken, aber vor allem das Proletariat vom Herrschersitz und der Verwaltung des Reichs fernzuhalten.
Ich kann mich noch erinnern, wie Grenzanlagen abgebaut wurden und der freie Verkehr zwischen den Staaten nicht als Kontrollverlust wahrgenommen wurde, sondern als Zugewinn an Freiheit. Mauern galten als Symbol totalitärer Herrschaft – man denke nur an die Berliner Mauer und den Jubel bei ihrem Fall. Ein Vierteljahrhundert später ist das alles vergessen. Die Schikanen beim Grenzübertritt an Flughäfen ist genauso groß wie zu jener Zeit, als ich in den achtziger Jahren in die Tschechoslowakei, die Sowjetunion, nach Ungarn oder in die DDR eingereist bin.
Die Folgen des Nationalismus waren nicht nur die schrecklichsten Kriege der Geschichte, sondern auch die Trennung der Menschen nach ethnischen Gesichtspunkten. Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben, weil sie nicht zum offiziellen Staatsvolk gehörten. Wer nicht rechtzeitig ging, wurde ermordet. Millionen Menschen irrten damals durch Europa auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Wenn heute in den USA Menschen aus bestimmten Staaten und mit einer bestimmten Religionszugehörigkeit die Einreise trotz gültiger Papiere verweigert wird, sehen wir den Anfang einer neuen Rassentrennung. Welche Verwüstung hinterlässt diese Absurdität in einem Menschen, der einen algerischen Vater und eine dänische Mutter hat?
Nationalismus bedeutet in der Konsequenz nicht nur Egoismus und Gewalt, sondern auch Apartheid. Als Deutschland Millionen Flüchtlingen eine Zuflucht bot, hatte es die Zeichen der neuen Zeit noch nicht erkannt. Das letzte Jahr war darum von einem hektischen Zurückrudern Merkels in der Flüchtlingsfrage geprägt. Die Zeiten haben sich geändert – leider nicht zum Guten. Frau Le Pen wird im Frühling in Paris den Grabstein der EU meißeln.
Men At Work - Down By The Sea. https://www.youtube.com/watch?v=z-672m20FVk

Kommentare:

  1. Ich bin im Moment ob der Nachrichten auch echt platt

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  2. Zehntausende Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe- ist doch ermutigend! Viele Menschen demonstrieren in D und USA und anderswo gegen die Trump- Gesetze- auch das zeigt, dass nicht alle schlafen.
    "Das Leben ist kein Ponyhof", aber auch keine Einbahnstrasse zur Hölle. Wir sind nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert, gestalten mit was passiert. Machen wir denen Mut, die mit uns dagegen sind.

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  3. wer jetzt in diesem land nichts findet gegen das er demonstrieren könnte, mal abgesehen von donald trump , dessen probleme möchte ich gerne haben.

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