Sonntag, 1. Januar 2017

Im Verließ der brennenden Seelen

„Sie setzten sich hin und dachten daran, wie viel weniger verzweifelt sie, trotz allem, gewesen waren, als sie im vorigen Jahr hier saßen, wie viel zufriedener, obwohl sie doch damals auch nicht gerade hoffnungsfreudig in die Zukunft geblickt hatten. Ein paar Möwen flatterten um irgendwelchen Abfall herum, der auf dem öligen Wasser dahintrieb.“ (James Purdy: Die Preisgabe)


Blogstuff 102
Opportunismus ist der einzige Ismus, den es seit Anbeginn der Menschheit gibt.
Haben wir das Dritte Reich wirklich hinter uns gelassen? Träumen wir nicht manchmal von der guten alten Zeit? Mein Internet-Anschluss hier im Hunsrück fällt regelmäßig stundenlang aus (Vaderfone!). Und dann ertappe ich mich bei dem Gedanken: „Himmlerrr, nehmen Sie ein Rrregiment Gebirrrgsjägerrr und eliminierrren Sie den Funktstandorrrt Simmerrrn. Keine Gefangenen. Statuierrren Sie ein Exempel!“ Ach, wäre das schön …
„Fauler See“ in Hohenschönhausen. Mein Lieblingsort in Berlin. Fauler See … liegt einfach so da rum. Gibt’s auch als Adresse: Am Faulen See, 13088 Berlin.
Nach seinem Tod verlor er völlig die Kontrolle über seinen Körper.
Hätten Sie’s gewusst? Im Zweiten Weltkrieg gab es eine indische SS-Einheit, die „Legion Freies Indien“ mit bis zu 2600 Soldaten, die für die Nazis kämpften und Indien von den Briten befreien sollte (via Kaukasus und Persien). Gleichzeitig kämpfte die „Indian National Army“ auf Seiten der Japaner in Asien. Insgesamt dienten 87.000 Inder in dieser Armee, die von Südostasien aus gegen das Empire kämpften.

Der Satz „Es ist nicht so, wie Sie denken“ kommt in fast jedem US-Film vor, aber nicht in meinem Leben.
Wir wissen es längst: Der Kampf gegen Hate Speech und Fake News, unter Zuhilfenahme der Konzernbosse, die das Feld der sozialen Medien kontrollieren, ist ein Kampf gegen die Kritik an der „Großen Koalition“ (italienisch: Grande Fiasko), gegen die Kritik gegenüber den Mächtigen in Politik und Wirtschaft an sich. Einige Prozent der Kommentare sind widerlich und abstoßend, also schwingen wir die Keule der Zensur und der Strafprozessordnung gegen alle Bürger. Der geheimnisvolle Putin-Troll ist der neue Jude.
Werbung: „Ich, Bonetti, Kaiser und Gott.“ Jetzt neu! In feinstes Kalbsleder gebunden, auf Büttenpapier gedruckt, stark limitierte Auflage, Vorwort des US-Präsidenten, Nachwort vom Papst. Mehr geht nicht. Muss man haben!
Meine Keksschachtel zieren inzwischen die Wappen von „Pro Planet“ und „UTZ Certified“ wie die Orden die Brust eines Offiziers in Südamerika. Mögen diese Abzeichen der Keksindustrie den armen Bauern in den Keksanbaustaaten helfen!
Warum mögen wir Darth Vader und James T. Kirk? Weil sie ihren Job um der Sache Willen machen, wir erfahren nichts über ihr Gehalt.
Hätten Sie’s gewusst? Wenn Sie regelmäßig Mentholzigaretten rauchen, haben Sie immer einen frischen Atem.
„Ich sehe mich außer Stande, diesen Champagner zu trinken.“ Dieser berühmte Satz von Sir Andrew Bonetti, seines Zeichens Knight Commander of the Most Excellent Order of the British Empire, fiel, nach einem ausgezeichneten Fasan und frischen Austern bei einer Zigarre im Salon der Villa Bonetti, als der Großschriftsteller vom Tod seines Gebietsvertreters für die niedersächsischen Bahnhofsbuchhandlungen, Alfons Zwiebelschnitzel Jr., hörte und augenblicklich von seiner Trauer übermannt wurde.
Terrorgefahr? Ja, sicher. Aber auch das sahnegeile Gefühl, irgendwie zur Elite zu gehören, wenn man auf eine Silvesterparty vor dem Kölner Dom oder dem Brandenburger Tor geht, und am Eingang stehen diese coolen Security-Typen von Vati Staat und vom Veranstalter: Muckis, Knarren, kantige Heldengesichter ohne Lächeln. Gibt der alten und verschnarchten Geschichte mit Sekt und Feuerwerk einen ganz neuen Kick.
In meinem ersten Traum 2017, in der Silvesternacht, bin ich zum Schüleraustausch in Japan. Der Unterricht ist langweilig, weil ich kein Japanisch kann, aber zur Freude meiner braven Mitschüler probiere ich auf meinem Stuhl diverse Posen des lässigen Abhängens aus. Die Schule ist ein heruntergekommener Glaskasten aus den sechziger Jahren, überhaupt wirkt die Stadt schäbig und vernachlässigt. In der Mensa gibt es nur Sushi und Tee. Was sonst? Die Schule liegt an der Hauptstraße der Stadt, die von Pinien und Palmen gesäumt ist. Der Fluchtpunkt der langen und schnurgeraden Straße ist eine weiße, etwa zweihundert Meter hohe Stahlkonstruktion, die aussieht wie eine Bohrinsel. Schon im Traum schreibe ich an diesem Bericht, werde aber abgelenkt durch einen Stapel alter Notizbücher auf dem Schreibtisch meines Zimmers, in denen sich handschriftliches Gekrakel, Zeichnungen und eingeklebte Zeitungsartikel abwechseln. Seltsamerweise ist darunter auch ein längerer Text über Sigmar Gabriel. Hoffentlich kein böses Omen für das neue Jahr.
John Foxx – Endlessly. https://www.youtube.com/watch?v=FiFux_cuBTc
Jedes Jahr beginnt mit Wünschen und Hoffnungen. Das Bild hat mir ein Leser geschickt. Danke!

Kommentare:

  1. Wir beginnen das neue Jahr im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

    Kalenderspruch

    .... und DIR -> NEUJAHRS - Gute Besserungs - und Genesungswünsche abstell (ړײ)

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    1. Vielen Dank! Zum Thema Religion werden wir ja anlässlich von "500 Jahre Reformation" in diesem Jahr sicher einiges hören.

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  2. Erstaunlicher Weise ist längst nicht allen klar, dass die Begriffe "Hate Speech", "Fake News" und "postfaktisch" im Sinne der Mächtigen aufgebaut und angewandt werden. Selbst Kabarettisten wie Jürgen Becker, Fritz Eckenga und Wilfried Schmickler (WDR-Podcast) fallen in diesem Zusammenhang nur irgendwelche wirklich ekelhaften Hassausbrüche und abgedrehter Alu-Hut-Blödsinn ein. Dass mit diesem Instrumentarium jede unerwünschte Kritik und jede abweichende Meinung delegitimiert werden kann und bereits wird, haben erstaunlich viele Leute, die dies eigentlich erkennen müssten, gar nicht auf dem Schirm. Mal sehen, wie oder ob überhaupt der Lernprozess voran schreitet. 2017 wird sehr interessant.

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