Freitag, 27. Januar 2017

Christel Lechner

„Wir haben das Problem, dass eine stinkreiche Gesellschaft so tut, als sei sie kurz vor dem Abgrund.“ (Dieter Thomä)
Es gibt Künstler, die sich ein Ohr abschneiden. Es gibt Künstler, die ihren Hodensack auf den Roten Platz in Moskau nageln. Und es gibt Christel Lechner, die unauffällig und unspektakulär unseren Alltag widerspiegelt und Anregungen zu weiteren Selbstbespiegelungen gibt. Ihre „Alltagsmenschen“ sind wie wir. Wir sind ihre Alltagsmenschen. Sie sind nicht schön, sie sind nicht modisch gekleidet. Vielleicht ist ihre profane Normalität, ihre ehrliche Durchschnittlichkeit das Geheimnis ihrer Beliebtheit?

Skulpturengruppe "Aufbruch, Ausbruch, Durchbruch" von 1996. Quelle: Wikipedia.
Christel Lechner wurde vor siebzig Jahren in Iserlohn geboren und lebt in Witten. 1988 entstehen erste Figuren aus Beton, ihrem Werkstoff, aus dem sie die Alltagsmenschen schafft. Auch das ist ein Statement. Seit 1996 stellt sie ihre Figuren im öffentlichen Raum aus. Die Alltagsmenschen wandern im Laufe der Jahre durchs ganze Land: Berlin, Kaiserslautern, Bremen, Karlsruhe, Braunschweig und viele mehr. Auch in Frankreich, Niederlanden, Österreich, Belgien, Griechenland und Italien hat sie ihre Werke präsentiert. Ich mag die Alltagsmenschen, ihren gelassenen Gesichtsausdruck und ihr freundliches Lächeln. Sie strahlen Ruhe und Entspannung aus.

„Sprung ins Wasser“ von 1988. Quelle: Wikipedia.
Viele Dinge offenbaren ihre Bedeutung erst, wenn sie Patina angesetzt haben. Ein Konzertplakat ist kurz nach seinem Kauf einfach nur ein Fanartikel oder wir finden es einfach nur schön. Nach fünfzig Jahren ist es das Zeugnis einer vergangenen Zeit geworden, es sagt uns viel mehr als am ersten Tag. Auf diese Weise werden die Alltagsmenschen von Christel Lechner zukünftigen Generationen etwas über unsere Zeit sagen können, was uns heute noch gar nicht klar ist. Denn eins ist sicher: der Alltagsmensch des Jahres 2200 wird anders sein, als wir es heute sind, und anders, als wir es uns vorstellen können.

Quelle: Roswitha.
The Cult - She Sells Sanctuary. https://www.youtube.com/watch?v=8I8mWG6HlmU

Kommentare:

  1. Wunderbar- ich sah inzwischen Dutzende der Alltagsmenschen, bin immer noch begeistert über die Vielfalt.
    Der wertschätzende Text freut mich auch :- ))

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