Mittwoch, 30. November 2016

Hoffen und Glauben

Neulich war ich in Kreuzberg zum Abendessen bei Freunden eingeladen.
Das Down-Kind fragt mich, wie alt ich bin.
Fünfzig, antworte ich.
"Dann musst du bald sterben", sagt es lachend.
Ich lache auch, während sich die erschrockene Mutter noch entschuldigt.
"Ja, da hast du recht."
Was bleibt von dir? Deine Accounts werden noch auf dem Sterbebett gelöscht, deine Familie ist längst in alle Winde zerstreut. Was bleibt von dir? Ein Reihenhaus in Fulda. Und in diesem Haus werden fremde Menschen wohnen. Denk mal drüber nach.
Eighth Wonder - I'm Not Scared. https://www.youtube.com/watch?v=J-PYqUHfTMA
Party-Wissen, Teil 491: Eighth Wonder-Sängerin Patsy Kensit ist die Tochter eines britischen Berufsverbrechers, der zur Gang der Kray-Zwillinge gehörte, die früher das Londoner East End beherrscht haben. Zur Zeit ihrer Geburt saß ihr Vater im Gefängnis.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kray-Zwillinge
Zum Ausklang des Totenmonats November lesen Sie bitte beim Kiezneurotiker weiter: http://kiezneurotiker.blogspot.de/2016/11/tranenschwarz-tod.html

Katzenbabys – The Niedlichkeit strikes back

„Ein schlechter Schriftsteller wird manchmal ein guter Kritiker, genauso wie man aus einem schlechten Wein einen guten Essig machen kann.“ (Henry de Montherlant)


Blogstuff 89
Hackerangriff auf das Netz der Telekom. In den Nachrichten heißt es, der Angriff sei von außen erfolgt, die Täter seien so schnell und effektiv vorgegangen, dass es keine Mitarbeiter des Unternehmens gewesen seien können. Realsatire 2016.
Ächzend wuchtete er seine irdische Hülle in den Fernsehsessel und blinzelte, traumblöde von sieben Bier, die Nachrichtensprecherin an. Die Revolution wird kommen, dachte der alte Klassenkämpfer. Ich kann warten.
Hätten Sie’s gewusst? Lupo Laminetti hat seine Masterarbeit in Germanistik über „Die Pizza in der Literaturgeschichte“ geschrieben.
Es ist völlig aus der Mode gekommen, sich gegenseitig darauf hinzuweisen, dass man sich etwas „an den Hut stecken“ kann.
Extra-Info für die weibliche Leserschaft: Andy Bonetti trägt bei seinen öffentlichen Lesungen keine Unterwäsche.
Ich beantrage Titelschutz für „CETA – Wenn das Ausgemachte ans Eingemachte geht“ und für „Vom Schurken zum Musterknaben – Deutschland seit 1945“.
Der Italiener Ronaldo di Filiale wechselt in der Winterpause zu Turbine Wichtelbach.
Ein Hoch auf das substantivierte Partizip, das uns die Genderia beschert hat. Wir Bloggende sind ja nicht nur Schreibende sowie Bilder- und Linkpostende, sondern auch Schlafende, Essende, Trinkende, Sehende, Hörende, Sprechende, Restaurantbesuchende, Inskinogehende, Schuhezubindende und anderes Nichtzuvergessende.
Hätten Sie’s gewusst? Andy Bonettis Frau Mandy war früher Mitglied einer berühmten Gesangs- und Tanzformation. Damals hieß sie Mandy Spice.
„Und so tranken wir segensreich dem neuen Morgen entgegen.“ (Finale eines geplanten Braugaststättenepos über Amberg)
Abends spiele ich immer mit meiner Modell-S-Bahn. Sie steht in Berlin, braucht keinen Strom und ich habe große Freude an den traurigen und verzweifelten Figuren auf den Modellbahnhöfen.
Hätten Sie’s gewusst? Wenn das Raumschiff Enterprise schneller als Warp 1 fliegt, überholt es das Signal seiner eigenen Lichthupe.

Gibt es ein kollektives Bewusstsein? Können sich Haare eine Frisur merken?
TV-News: Andy Bonetti bekommt jetzt ein eigenes Fernsehformat im ZDF. „Literatur ist Trumpf“ wird ab nächsten Monat jeden Freitag gesendet und ersetzt „Neo Magazin Royale“. Außerdem soll in den Nachrichten der Begriff „Wutbürger“ ab sofort durch den Begriff „Bluthochdruckbürger“ ersetzt werden.
„Sauer macht lustig“ ist eine alte rheinische Redensart aus den Zeiten vor dem Klimawandel, als die Oechsle-Werte noch niedrig und der Wein oft sauer war.
Rückrufaktion: Achtung! Der Roman „Risco Tanner und der Rollmops des Todes“ kann Spuren von Haselnüssen enthalten.
Der sinnlose Rekord als letzter Fluchtpunkt der Ruhmsucht und der Eitelkeit. Komme ich mit dreihundert verspeisten Lakritzschnecken ins Guinness-Buch oder nur ins Krankenhaus?
Hätten Sie’s gewusst? Im Berlin der Weimarer Republik war um drei Uhr nachts Polizeistunde. Für die Angehörigen des Gastronomiegewerbes – Köche, Kellnerinnen, Wirte und Tellerwäscher – gab es aber noch offene Lokale, in denen sie, nach Vorlage eines Ausweises, ihren Feierabend als Gast genießen konnten. Außerdem wohnten viele Beschäftigte günstig in einem Vorort oder im Umland, die Züge noch Frohnau oder Zossen fuhren aber erst ab fünf Uhr. Hochburgen des Nachtlebens waren damals die Friedrichstadt rund um den Gendarmenmarkt sowie die Straßen um die Jannowitzbrücke und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
Was macht eigentlich Heinz Pralinski? Er recherchiert für sein neues Sachbuch „Extreme Ekzeme – die Wunderwelt der Hautkrankheiten“ in Kalkutta.
Fliehende Stürme – Trümmergemüt. https://www.youtube.com/watch?v=4Oqsy7GsbMw
Jetzt neu: „Andy Bonetti – Inferno und Ekstase.“ Für 4,99 € als E-Book.

Dienstag, 29. November 2016

Ein Hafen in der Wüste 2

„Es soll (…) Menschen mit dem betäubenden Wunsch (…) nach Katastrophen geben, vorausgesetzt, sie haben Format, eine gewisse würdige Delikatesse, die sie dermaleinst zu Juwelen einer späteren Erinnerung machen.“ (Ingomar von Kieseritzky: Das Buch der Desaster)
„Hören Sie! Es ist wichtig. Ich muss unbedingt Mrs. Del Mar sprechen.“
„Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie spät es ist?“ Der blasierte Tonfall war nicht zu überhören.
Und bevor ich diese Frage beantworten konnte – auch wenn auf Suggestivfragen oft keine Antwort erwartet wird -, fuhr die Stimme aus der Gegensprechanlage fort: „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie viele Menschen jeden Tag mit Mrs. Del Mar sprechen wollen?“
„Es ist wirklich dringend“, sagte ich und legte ein Maximum an Verzweiflung in meine Stimme. „Es geht um Leben und Tod. Ich bin extra aus Europa angereist.“
„Mrs. Del Mar ist bereits zu Bett gegangen. Ich muss Sie bitten, Ihr Anliegen morgen dem Sekretär von Mrs. Del Mar vorzutragen.“
„Es geht um Eike. Der kleine Aschenbecher ist in großer Gefahr … äh …. Eierbecher, ich meine Eierbecher.“
Ich hörte nur ein Knacken aus der Gegensprechanlage, dann folgte anhaltende Stille.
So lange konnte ich nicht warten, es ging um Minuten, um Sekunden.
Ich kletterte über die Bruchsteinmauer und sprang auf den Rasen vor dem Haus.
Aus der Ferne hörte ich ein heftiges Keuchen, das immer näher kam.
Dann sah ich sie: zwei Rottweiler näherten sich mir mit beeindruckender Geschwindigkeit.
***
Er pumpte die umbrafarbene Lava in Wellen aus seinem Körper. Wie oft hatte er schon die Toilettenspülung betätigt? Aber er kam hier nicht weg. Selbst die Zigarre war inzwischen ausgegangen.
Machen Sie das Chili mal so richtig scharf, hatte er der breiten Aztekenvisage hinter dem Tresen von „Taco Hell“ gesagt. Ich bin schließlich kein Mädchen, hatte er gesagt und gegrinst. Jetzt hatte er das Gefühl, seine Arschrosette würde in Flammen stehen. Es waren nur noch zehn Meilen bis zum Haus von Gloria Del Mar, aber der berüchtigte Porzellanjäger Dusty Runzlmeyer kam einfach nicht vom Klo runter. Er hieb mit der Faust gegen die lackierte Spanplatte, die ihn von der nächsten Kabine trennte.
Unter konvulsivischen Zuckungen seines Unterleibs ergoss sich die nächste Welle in die Schüssel unter ihm, die aus Porzellan war. Aber für Ironie fehlte ihm in diesem Augenblick – und in jedem anderen Augenblick seines Lebens – jegliches Gefühl.
***
Sie saßen im riesigen, polarfrostkalten Büro von Steven Spielberg im 31. Stock der Rip Off Productions, unter ihnen der glutheiße Kessel von Los Angeles, angefüllt mit einer Million arbeitsloser Schauspieler, die sich für die Hauptrolle in Eikes Film klaglos unter den Händen eines plastischen Chirurgen in einen Eierbecher verwandelt hätten.
„Wie haben Sie sich das vorgestellt? Wie soll das funktionieren?“
„Ich dachte an Harrison Ford für die Hauptrolle.“
„Harrison Ford soll einen Eierbecher spielen?“ Spielberg lachte hysterisch, während seine Augen zugleich böse Blitze warfen.
Eike rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. „Wir könnten natürlich auch einen Animationsfilm daraus machen.“
Der berühmte Regisseur rollte nur mit den Augen. Wie sollte er jemanden am Set anschreien, wenn der Film am Computer entstand? Und der Titel, den Eike vorgeschlagen hatte, gefiel ihm auch nicht: „Die Nachteile der Nacht-Eile“. Das verkauft sich einfach nicht.
Spielberg dachte nach und zeichnete etwas auf ein Blatt Papier. Was die wenigsten wissen: der Macher von „Indiana Jones“ und „E.T.“ konnte sich beim Zeichnen zugleich entspannen und konzentrieren. Er zeichnete jedoch nie, was er tatsächlich in jenem Augenblick sah, sondern was ihn gerade in seiner Phantasie beschäftigte.
Es war ein Eierbecher, der in einer gewaltigen Explosion in tausend Stücke zersprang. Eine Art Urknall aus Porzellan.
„Auf meiner privaten Skala der Desaster, der Katastrophen, der Debakel, der Kalamitäten, der Konfusionen, der Schlamassel, der Fatalitäten, der Niederlagen und der Missgeschicke nehmen die Unannehmlichkeiten der Reise mit Brant keine besonders prominente Stellung ein.“ (Ingomar von Kieseritzky: Das Buch der Desaster)
Los Bravos – Black Is Black. https://www.youtube.com/watch?v=2f3oHYRPw24

Montag, 28. November 2016

Der alte Geldadel

Das Unternehmen Boehringer Ingelheim ist heute recht bekannt. Es ist das größte familiengeführte Pharmaunternehmen Deutschlands und das zweitgrößte insgesamt hinter Bayer. Aber in der Kaiserzeit zog zunächst der Frankfurter Geldadel nach Ingelheim.
Der Frankfurter Wechselmakler Löb Moses (1780 – 1857) war erfolgreich und setzte den Grundstein zu einer neuen Dynastie des deutschen Geldadels, später änderte er seinen Namen in Ludwig Moritz Erlanger. Sein Sohn Raphael gründete 1848 in Frankfurt eine Bank (die erste neben Rothschild) und wurde aufgrund seiner Verdienste als Finanzier diverser europäischer Regierungen in den Adelsstand erhoben.
Raphael Freiherr von Erlanger (1806 – 1878) hatte fünf Kinder. Friedrich Emil Erlanger, sein ältester Sohn, wurde bereits mit 19 Jahren für mündig erklärt und stieg ins Bankgeschäft ein. Er heiratete in die besten Kreise von Paris ein, übernahm die Bankgeschäfte der Familie seiner Frau und nannte sich fortan Frédéric Emile Baron d’Erlanger, nachdem ihn der österreichische Kaiser in den erblichen Adelsstand erhoben hatte. In zweiter Ehe heiratete er eine Südstaatenschönheit und Plantagenbesitzerin, die er in New Orleans kennengelernt hatte. Er gilt als Erfinder der Hochrisikoanleihe, investierte weltweit in Eisenbahnen und Minen, spekulierte im amerikanischen Bürgerkrieg mit Baumwolle und war am Bau des Simplontunnels beteiligt. Die Stadt Erlanger in Kentucky ist nach ihm benannt.
Sein Halbbruder Wilhelm Hermann Carl Freiherr von Erlanger (1834 – 1909) wurde Justitiar der Bank, die später in der Dresdner Bank aufgehen sollte. Er kaufte in Nieder-Ingelheim ein Hofgut und Land bis zum Ufer des Rheins. Niemand zahlte damals in Ingelheim mehr Steuern als die Familie Erlanger. Mit seinen Söhnen begann der Niedergang. Der ältere Sohn Emil Alexander verwettete ein Vermögen, wurde von der Erbfolge ausgeschlossen und verschwand ins Ausland. Der jüngere Sohn Carlo wurde Ornithologe, machte Forschungsreisen durch Afrika und starb 1904 einen Tag vor seinem 32. Geburtstag bei einem Unfall mit seinem Automobil in Salzburg.
Das Land kaufte die Familie Boehringer. Heute steht dort ihr Unternehmen.

Ein Hafen in der Wüste

„Dieses elende Volk von halbgebildeten Lesern, dessen Ungeduld und Oberflächlichkeit förmlich nach abgenutzten Redewendungen, ordinärem Sprachschutt und eintönigen Figuren schreit, dessen rohe Abgestumpftheit und klägliche Sensationsgier nur mit den allervulgärsten Handlungselementen wie Sex und Gewalt befriedigt werden kann, dessen hoffnungslose Dummheit hohlen Phrasen und belanglosem Geschwätz den Ruhm verschafft, der eigentlich der hohen Dichtkunst vorbehalten sein sollte, hat mich ein Leben lang krank vor Zorn gemacht.“ (Lupo Laminetti)
Die Pfützen glänzten wie schwarzer Lack, als ich gegen Mitternacht das Haus in der Rue Bonetti erreichte. Ich musste den alten Perückenmacher unbedingt sprechen.
Cord-Hinnerk Schmeichelstein saß in einem schweren Ledersessel vor dem Kamin und schlürfte genüsslich den dunklen Portwein aus einem Kristallglas. Dieses Wohnzimmer war eine Arche in der Sintflut aus Finsternis und Verrat, Regen und Niedertracht.
Ein Sturm kam auf und peitschte die prasselnden Tropfen gegen die Fensterscheiben. Ich erschrak, aber der alte Perückenmacher blieb ganz ruhig. Wie entrückt sog er den Tawny Port ein, während ich nervös zusammenzuckte, wenn eine neue Welle gegen das Fensterglas schlug.
„Ich brauche eine wichtige Information, Monsieur Schmeichelstein“, begann ich vorsichtig.
Er machte nicht den Eindruck, als ob er meine Worte wahrgenommen hätte.
„Es geht um Eike.“
Er sah mich lange an, so als ob er darüber nachdächte, ob er mir vertrauen könne.
„Gloria Del Mar“, sagte er leise. Dann schaute er wieder ins Kaminfeuer.
***
„Ich sage es noch einmal“, sagte Runzlmeyer noch einmal. „Ich suche einen sprechenden Eierbecher und ein chinesisches Porzellanmädchen namens Akuma.“
Beim ersten Mal hatte der junge Tankwart, der seine Schirmmütze, den unbegreiflichen Wendungen der Jugendmode folgend, verkehrt herum auf dem Kopf trug, noch gelacht. Jetzt lachte er nicht mehr, denn Runzlmeyer hatte ihm den Doppellauf seiner Pumpgun unter das Kinn gedrückt.
„Ein Kunde hat mir erzählt, er hätte die beiden in einem Wüstennest aufgegabelt, als sie nach LA trampen wollten.“
„Und wohin ist dieser Typ gefahren?“ Dusty Runzlmeyer hatte einen Schädel wie eine zerquetschte Tomate, kümmerliches Resthaar zierte seinen Hinterkopf. Und mitten in diesem roten Inferno glühte eine dicke Zigarre.
„Er wollte über Devils Hole in die Wüste. Mehr weiß ich wirklich nicht, Mister.“
Runzlmeyer, seines Zeichens emeritierter Wrestler, war der berühmteste Porzellanjäger im ganzen Westen. Er würde Eike finden und das Kopfgeld kassieren.
Er trat hinaus ins gleißende Licht der kalifornischen Sonne. Sein mächtiger Brustkorb, der von einer verstaubten Lederjacke eingehüllt war, sah aus, als habe man ihn mit einem Blasebalg aufgepumpt.
Der Motor seines Choppers brüllte auf und er raste davon.
***
Ihre Augen waren wie Kiwis: grün, mit winzigen schwarzen Punkten. Gloria Del Mar wirkte in ihrer ganzen hollywoodmäßigen Dignität kalmierend auf Eike und seine Gefährtin.
Die luzide Pracht und sanfte Unschuld der Wüste, die man durch die gläsernen Terrassentüren der Finca sehen konnte, verfehlten nicht ihre Wirkung auf die Flüchtigen. Auch wenn es merkwürdig klingen mochte: im Death Valley fühlten sich die beiden sicher.
Auflodernde Zweifel erstickten die Hinweise ihrer Gastgeberin auf die umfangreiche Alarmanlage und das geübte Hauspersonal, das unerwünschte Personen vom Haus fernhielt.
Wildrose lag abseits der Touristenroute, die durch das berühmte Tal führte. Die Finca war eine Oase der Ruhe, wenn Gloria Del Mars Villa in Beverly Hills mal wieder von Fans belagert wurde, die Tag und Nacht ihren Namen riefen.
Am Abend erzählte Eike von seinen Abenteuern.
„Ich muss Euch unbedingt mit Mister Gamehill, äh Playmountain, verdammt, ich kann mir diesen blöden Namen nicht merken. Jedenfalls muss ich Euch mit ihm bekannt machen. Er ist ein berühmter Regisseur in Hollywood. Ich bin sicher, er wird diese unglaubliche Geschichte verfilmen“, sagte Gloria Del Mar.
Noch in der Nacht begann Eike mit der Arbeit am Drehbuch.
***
Würde ich Eike noch rechtzeitig warnen können, bevor der brutale Porzellanjäger ihn findet?
Fortsetzung folgt.
Ideal - Blaue Augen. https://www.youtube.com/watch?v=-D52CqyYpHw
Jetzt neu: „Andy Bonetti – Inferno und Ekstase.“ Für 4,99 € als E-Book.

Sonntag, 27. November 2016

Lesung: Pulsgeworden

Am Samstag, den 3. Dezember, findet um 20 Uhr eine Lesung statt. Diverse Autoren der Anthologie "Pulsgeworden", zu der ich einen Text beisteuern konnte, werden lesen. Ich hoffe, Sie haben Zeit.
Ort: DanTra's, Kulmer Str. 20A, 10783 Berlin-Schöneberg (nähe U7 Kleistpark)
http://www.dantras.de/veranstaltungskalender/

Mit Airbnb in Mossul

Auf der schmutzigen Scheibe spiegelte sich matt die untergehende Sonne. Mossul. Shit.
Colonel Clickbait schreckt vor nichts zurück!

Blogstuff 88
The number of the beast.
Kommen wir gleich zur Musik:
Ofra Haza - Im Nin'alu. https://www.youtube.com/watch?v=pkr1V9RZpi8

Kleiner Almanach der Erotologie

Ihre Augen waren zwei moosgrüne Wunschbrunnen.
Donnerwetter! Jetzt wird es endlich erotisch.
Eckhard Henscheid schreibt im ersten Kapitel seines Romans „Die Mätresse des Bischofs“: „Einzugestehen ist hier nämlich fürs erste eine grobe, feiste Lüge, eine glänzende und gleißende Lesertäuschung. Denn keineswegs – Flucht nach vorn – von einer ‚Mätresse des Bischofs‘ handelt mein Buch (…) Der Titel – er ist also nichts als eine Vignette, Tribut an die leidig ennuyierende Sexualsucht unserer modischen Druckproduktion und diese zugleich bitter decouvrierend. (…) Kurz, in einer Zeit der allgemeinen Volksübertölpelung, der schleichenden, nein rasenden Idiotisierung des öffentlichen Lebens und des ohnehinnigen Wurstseins von Allem und Jedem bestehe eben auch ich auf meiner Chance.“
Clickbaiting + Kulturpessimismus schon im Jahre 1978!

Blogstuff 87
„Und nun abermals zum Wesentlichen.“ (Eckhard Henscheid: Die Mätresse des Bischofs)
Was wurde in den neunziger Jahren nicht alles über die digitale Revolution im Feuilleton schwadroniert. Erst der Übergang von der Schreibmaschine zum Computer, dann der Übergang vom Text zum Hypertext. Schauen wir uns im Jahr 2016 die Textproduktion an: es werden immer noch Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Artikel und Kommentare geschrieben. Es werden immer noch die Romane von Kafka oder Hesse gelesen. Es wird überhaupt immer noch gelesen, als wären wir noch im 19. Jahrhundert. Und das ist eine sehr gute Nachricht. Es gibt keinen Hypertext. Das Buch lebt. Wir lesen immer noch schwarze Buchstaben auf weißem Hintergrund in einem rechteckigen Format. Selbst das haben wir nicht geändert. Wir könnten ja auch violette Buchstaben auf pastellgelbem Hintergrund vorziehen. Neu ist nur der Stoff, auf dem der Text produziert wird. Vom Papier zum Bildschirm, von der Holzfaser zum Pixel. Aber das ist keine Revolution. Der Flachbildschirm hat ja auch nicht das Fernsehen revolutioniert.
Der Künstler lebt draußen. Er kommt nicht mehr zurück, er kann nicht mehr Angestellter werden. Es gibt nichts Bemitleidenswerteres als einen „trockenen“ Künstler, dem man die Droge Freiheit entzogen hat.
Natürlich stammen wir vom Waldmenschen ab, unsere Vorfahren kannten nur das Waldleben, dessen Farben sich in unseren Augen erhalten haben: alle Himmelstöne von Hellblau bis Grau, alle Variationen von Grün und Braun.
Am Samstag steigt das Lokalderby Real Bad Nauheim gegen Bad Nauheim United. Wir werden Sie zeitnah unterrichten.
Hätten Sie’s gewusst? „Ernie & Bert“ sind eigentlich eine ironische Anspielung auf Ernest Hemingway und Bertolt Brecht.
Was genau hat man eigentlich „faustdick hinter den Ohren“?
Man ist doch länger tot als lebendig, da sollte man gelegentlich schon mal einen Frühschoppen oder Dämmerschoppen in den Tagesablauf einbauen. Aber nicht, dass es zur Gewohnheit wird.
Ein Schmankerl für echte Literatur-Afficionados: Andy Bonetti schreibt live, während die Webcam an seinem Notebook eingeschaltet ist. Macht Sie das an? Was wäre Ihnen die Sache wert?
X: „Am Haus von Johnny Malta hat man jetzt eine Tafel mit Inschrift anbringen lassen.“
Y: „Was steht denn drauf?“
X: „Einfahrt freihalten.“
„Um aber bei dieser (…) Gelegenheit erneut auf den Bischof und seine Mätresse zurückzukommen: natürlich weiß ich, dass mir die beiden keineswegs 1 Million einbringen, weder Leser noch Markstücke zum Kaugummiholen. Aber ich meine, selbst wenn es nur tausend sind, die darauf hereinfallen, bin ich ja schon zufrieden. Denn das müssen schon die Dümmsten überhaupt sein – und solche Prachtexemplare habe ich wirklich gern unter meinen Lesern, dochdoch, es ist dies ein fast kosmisches Gefühl von Herrschaft – und ich darf also an dieser Stelle alle Käufer, die sich durch den Porno-Titel blenden ließen, ganz herzlich noch einmal gesondert begrüßen.“ (Eckhard Henscheid: Die Mätresse des Bischofs)
Visage - Der Amboss. https://www.youtube.com/watch?v=ZL4MBqxjYFE

Samstag, 26. November 2016

Das ultimative Weihnachtsgeschenk

Es ist da, liebe Freunde des ungepflegten Humors:
Andy Bonetti – Inferno und Ekstase

Als E-Book bei Kindle. Hier der Cover-Text, mehr ist nicht zu sagen:
„Andy Bonetti hat es geschafft. Er gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Gegenwart. Das ist seine Geschichte. Sie können es auch schaffen! Der Bonetti-Weg zum Erfolg. Werden Sie der König der Bahnhofsbuchhandlungen. Führen Sie ein Leben, wie es nur großen Künstlern vergönnt ist. Lernen Sie alles über den Umgang mit Verlegern, den Medien und Ihrem Publikum bei Lesungen. Wie schreibe ich einen Bestseller? Wie werden Figuren entwickelt, wie erzeuge ich Spannung durch eine packende Handlung? Jeder von uns kann Bonetti sein!“
Mit Bonus-Material und einem Centerfold, das Bonetti in einer anzüglichen Pose zeigt.
Bestellen Sie gleich zwei, dann haben Sie eins mehr.
Der stolze Autor
https://www.amazon.de/dp/B01N690BCI

Homo oeconomicus?

Warum sollen wir eigentlich ökonomisch denken, warum sollen wir beispielsweise effizient mit unserer Zeit umgehen? Jeden Tag bekomme ich 24 Stunden auf mein Zeitkonto gebucht. Egal, was ich mache. Jeden Tag bekomme ich 24 neue Stunden. Also gehe ich natürlich verschwenderisch mit meiner Zeit um. Es ergibt ökonomisch keinen Sinn, wenn ich mit Freunden ein Schwätzchen halte. Niemand bezahlt mich, wenn ich mir ein Fußballspiel im Fernsehen anschaue. Es kann mir doch eigentlich egal sein, wer von diesen Leuten in den kurzen Hosen am Ende gewinnt. Es ist völlig ineffizient, einen ganzen Nachmittag durch Schuhgeschäfte zu tingeln, anstatt die Schuhe in einer Minute im Internet zu bestellen. Und doch haben wir einen Heidenspaß dabei, Zeit zu verschwenden. Erst bei der großzügigen Verschwendung von Zeit fühlen wir uns richtig wohl. Wenn wir Zeit ganz rational verwenden und als knappes Gut bewirtschaften, fühlen wir uns unwohl. Wir sind im Stress, wir fühlen uns gehetzt. Der Homo oeconomicus ist ein kranker Roboter, der nur in den Hirnen weltfremder Wirtschaftswissenschaftler existiert.
Propaganda – Sorry For Laughing. https://www.youtube.com/watch?v=P7eJTj7-O70

Freitag, 25. November 2016

Sein und Nicht-Sein

Ich will an dieser Stelle unverschämt Werbung für einen alten Weggefährten meiner Berliner Zeit machen: Jörg Nicht. Er hat dieses Jahr seinen Job als Dozent an der Uni hingeschmissen, um Fotograf zu werden.

Bei Instagram hat er 557.000 Abonnenten, inzwischen hat er auch Aufträge von BMW und Lenovo. Er wohnt im Prenzlauer Berg, aber er fotografiert nicht nur in Berlin, sondern auch auf seinen Reisen.

Ich finde es mutig, sich mit seiner Leidenschaft selbständig zu machen und mit Anfang vierzig die öde Welt des öffentlichen Dienstes hinter sich zu lassen. Ich drück dir die Daumen, Jörg!
https://www.instagram.com/jn/
http://www.joergnicht.com/
https://www.qiez.de/berlin/wohnen-und-leben/top-5-instagram-stars-aus-berlin/176070785

Huskies im Schnee und Zitronensorbet

„Efeu und Himbeerranken hüllen den verrosteten Apparat langsam ein. Gnädig nehmen sie ihn in ihre Arme. Eine Umarmung, die Jahrhunderte dauert, eine Umarmung, die Zahnräder und Kolben zum Verschwinden bringen wird. Die Natur hat die Zeit, die wir nie haben werden.“ (Lupo Laminetti: Nach dem Mensch)
Sie kennen das:

Blogstuff 86
Als Gourmet muss ich ganz nüchtern feststellen: Das Meer ist versalzen.
Cocktailpartywissen, Teil 9866: Das älteste Parkhaus Deutschlands ist in Frankfurt an der Hauptwache und wurde vor sechzig Jahren, am 18. September 1956, eröffnet. „Glückauf dem neuen Parkhaus! Wir werden weitere Parkhäuser errichten und damit beweisen, dass wir die Zeichen der Zeit verstanden haben.“ (Oberbürgermeister Walter Kolb bei der Einweihung)
Die Zuckerindustrie ist ein größerer Feind als der Islam.
Er ging durch den Wald, als sei er wütend auf die Bäume.
Die Sehnen und Knorpel seines langen Halses stachen hervor, dazwischen lag eingesunken wie die Falten eines düsteren Vorhangs die Haut des alten Mannes.
Dieser ganze Fitness-Kram ist ja mit sehr viel Training verbunden. Gibt es nicht eine Tablette oder ein Zeitschriften-Abo für die Traumfigur?
Ich bin nicht mit den Superheldencomics aufgewachsen, die in Großstädten voller Wolkenkratzer spielen, sondern in Entenhausen und einem kleinen gallischen Dorf zur Römerzeit. Mein Held in Entenhausen hieß Goofy. Ein netter und witziger Kumpel, der in einer kleinen Hütte lebt. Er ist weder erfolgreich, intelligent noch wohlhabend. Er ist noch nicht mal eine Hauptfigur. Und in den Asterix-Comics mochte ich Obelix am meisten. Auch eher der gutmütige Typ, der nicht sonderlich intelligent ist und natürlich kein reicher Mann. Der Typ hat Steine verkauft! So betrachtet bin ich meinen Helden von damals sehr ähnlich: eine Mischung aus Goofy und Obelix.
Die Kirchen haben deswegen so schöne Fenster, damit man nicht einfach die profane Umgebung durch die Scheiben erkennen kann. Durch ein Kirchenfenster kann man nichts sehen, sie sind eigentlich blind.
Das Gegenargument zur Frage regelmäßiger Volksabstimmungen auf landesweiter oder regionaler Ebene ist von Seiten der Politiker ja immer: „Dann müssen wir ja permanent Wahlkampf führen.“ Ich sage: Na und? Der Kaufmann führt auch einen permanenten Kampf um die Kundschaft. Und er wird dann auch nicht „Opfer der Populisten“.
Die zehn Gebote, Teil 1: Du sollst dir keine BILD-Zeitung machen.
„Wir beginnen die Besichtigung der Villa Bonetti in diesem Raum, wo der Meister seinen berühmten Roman ‚Silberblut‘ zu Papier gebracht hat. Wie Sie unschwer erkennen können, ist dieser Raum inzwischen zu einer Cafeteria umgebaut worden, wo Sie im Anschluss an diesen Rundgang eine kleine Erfrischung zu sich nehmen können. Kommen wir nun in den nächsten Raum, in dem der Souvenirladen untergebracht ist. Ich empfehle Ihnen, ein Exemplar von Bonettis neuesten Roman ‚Vater, Mutter, Grind‘ zu erwerben. Gegenüber sehen Sie die Toilettenanlage, früher das Gästebad der Bonettis. Folgen Sie mir nun in den Gesindetrakt, wo ich, gemeinsam mit dem Chauffeur, dem Kammerdiener, der Köchin und der Putzfrau wohne. Die Besichtigung der oberen Etagen ist im Eintrittspreis von zwölf Euro nicht enthalten.“
Anbetung der Trivialität: Frauen reden über Schuhe, Einhörner und Menstruation, Männer reden über Fußball, Werkzeug und Riesenbrüste.
Es waren nur scheinbar Stufen, eigentlich waren es leere Schächte, die immer tiefer wurden, je höher man die Treppe hinaufstieg.
Teamwork? Wann gibt es bei einem Wolfsrudel Teamwork? Nur im Augenblick der Jagd. Ist die Beute erlegt, herrschen wieder Konkurrenz und Hierarchie. So ist es im Job auch.
Gute Restaurants und Hotels erkennt man an der Qualität des Toilettenpapiers.
Beth & Joe - Cottbus City Limits. https://www.youtube.com/watch?v=b6VEHUJwUho


Beginn einer neuen Serie: Wolke 1. Falls Sie Andy Bonettis Interpretation des Wolkenbilds lesen wollen, abonnieren Sie Kiezschreiber Plus. Nur 9,99 € im Monat.

Donnerstag, 24. November 2016

Liebe in Zeiten der Schweinepest

„Dees derbagg ich haid nimmer.“ (Fränkische Redensart)
Dieser Dürer ist schon ein Hund. Drei Porträts reicher Bürgern musste er malen, dann hatte er sein Haus unter der Kaiserburg abbezahlt, das ich besichtigt habe. Leider kann man sich im echten Dürerhaus keinen echten Dürer anschauen, denn die Stadt Nürnberg hat kein Geld.
In der Hausbrauerei Altstadthof gibt es zum Bier Braugerste als Knabberzeug. Schmeckt ein bisschen wie Malzbonbons, gute Idee. Zum Mittagessen sind wir in der „Baumwolle“, einem Gasthaus aus dem 15. Jahrhundert, dessen Deckenbalken man fast noch im Sitzen erreicht. Zum leckeren Zirndorfer Bier gibt es die Spezialität des Hauses: Fleischküchle, Wirsing und Bratkartoffeln. Bis auf den letzten Platz ist die schmale Stube mit älteren Einheimischen gefüllt, eine Greisin am Nachbartisch erzählt sogar vom Krieg, als die Stadt eingeäschert wurde.

Bonettis Tryptichon: Hopfen-Smoothies.
Später stehe ich auf dem Podest auf dem Reichsparteitagsgelände, vier Krüge Bier beflügeln mich bei der Vorstellung, vor zweihunderttausend Bonettistas zu sprechen, und nicht von einer Ruine auf einen Sportplatz und ein Stück Rennstrecke zu blicken.
Lauf, Hersbruck, Amberg. Letztere Stadt liegt zwar schon in der Oberpfalz, ist aber die Heimat des großen Schriftstellers Eckard Henscheid. Eine schöne Altstadt, die von einer intakten Mauer und mächtigen Türmen umgeben ist. Hinter der Kirche das sympathische kleine Rußwurmhaus, beim Bruckmüller esse ich Steinpilze in Sahnesoße mit butterzarten Semmelklößen.
Es geht hinaus in die Fränkische Schweiz, nach Büchenbach ins Gasthaus Herold. Hier braut man seit Jahrhunderten, backt Brot, macht Wurst und selbst die Kartoffeln sind aus eigenem Anbau. Es wird nur ein einziges dunkles Bier ausgeschenkt, aber das ist köstlich. Abends ist kaum ein Platz im Gastraum zu finden.
Sonntagmorgen, viertel vor zehn. Das Gasthaus der Familie Übelhack in Weiglathal öffnet erst in fünfzehn Minuten, unser Auto ist das einzige auf dem Parkplatz. Wir spazieren eine halbe Stunde durch den Wald, wo die Pilzsammler schon emsig den Boden absuchen. Als wir um zehn Uhr fünfzehn das Gasthaus betreten, ist es fast voll. Auf dem Parkplatz stehen so viele Motorräder wie bei der Jahreshauptversammlung der Hells Angels. Drinnen hocken ausschließlich Männer ab fünfzig und alle trinken das leckere dunkle Bier, die einzige Sorte, die hier im Dorf gebraut wird. Keine Smartphones, keine Musik, keine Frauen. Wer die Schankstube betritt, klopft freundlich auf den Tisch, bevor er sich setzt.
Zum Glück sind wir schon um elf Uhr beim Braumeister Kürzdörfer in Lindenhardt, der sich ein wuchtiges kanadisches Blockhaus an den Waldrand gebaut hat, denn alle Tische sind ab zwölf Uhr reserviert. Aber für das einwandfreie Schäuferla und zwei Bier reicht eine Stunde. Den Nachmittag verbringen wir wieder im brechend vollen „Herold“, wo das Beck’n Bier in einem Tempo gezapft und serviert wird, das mir aus Berlin völlig unbekannt ist.
Montagmorgen, zehn Uhr. Gasthaus der Familie Polster in Oberailsfeld. Wir sind die einzigen Gäste, trinken glücklich das Helle der Held-Brauerei – una birra miracolosa - und studieren die örtliche Tageszeitung. Es geht um einen Fußgänger, der mit 4,5 Promille von einem Wagen gestreift wird, um die sinkenden Schweinefleischpreise (1,50 € das Kilo!) und die Schließung einer Sparkasse in Bimsmichelshausen, die zu zornigen Protesten seitens der Bürgerschaft und ihres Bürgermeisters führt und alte Gräben zwischen Stadt und Land aufreißt. Es ist immer sehr entspannend, die Regionalnachrichten ferner Gegenden zu lesen und ihre kleinen Sorgen zu genießen.
Mittags blinzeln wir bei Kathi-Bräu in die letzte Oktobersonne dieses Jahres. Ein bekannter Biker-Treff mit hervorragendem dunklem Bier. Am Nachbartisch fachsimpeln die grauhaarigen, übergewichtigen Motorradfahrer über Werkzeug und Reparaturen, Geschwindigkeitsübertretungen und andere Abenteuer. Danach geht es nach Bamberg, wo ich den Zug nach Berlin besteige.

Lauf, Franken.
Abrupter Szenenwechsel. Ich sitze in einem dieser neuen ICE mit einer Metalldecke, die den Eindruck vermittelt, der Zug sei noch gar nicht fertig. Links neben mit sitzt eine junge Frau und liest die ZEIT. Ich wusste gar nicht, dass die Zeit jetzt eine Fußballseite hat. Warum kein Horoskop, wann kommt Sudoku? Die Frau hat einen ganzen Sack Äpfel dabei. Schräg vor mit sitzt noch eine Frau mit der ZEIT.
Einige Notebooks sind um Großraumwagen in Betrieb, überraschenderweise wenig Smartphones. Ich habe mir in der 1. Klasse eine BILD-Zeitung abgegriffen. Ich steige immer als Mister Mörderwichtig in der 1. Klasse ein und suche von dort meinen Platz in der 2. Klasse. So kann ich mir auf dem Bahnsteig kostenlos bedeutend vorkommen. Man lernt reiche Witwen und Zahnärzte kennen, der Bahnsteig ist auch nicht so voll und man kann mitleidig auf den Pöbel in den Abschnitten C und D herabblicken.
Alle trinken Wasser. Nur ein einziger Mann mit einer Flasche Bier im ganzen Großraumwagen. Ich. Wer sonst? Der Schriftsteller mit den knatternden Blähungen. Noch nie von mir gehört?
Die ZEIT-Leserin holt jetzt schon den zweiten Apfel aus dem Sack in der Gepäckablage. Ich staune sie an.
„Möchten Sie auch einen?“
„Nein, danke.“ Ich deute auf die gefühlten hundert Äpfel in dem durchsichtigen Plastiksack. „Sehr beeindruckend. Sie machen eine längere Reise?“
„Nach Berlin.“
„Ihnen ist schon klar, dass wir in Berlin auch Äpfel haben, oder? Ich habe erst neulich welche gesehen … im Fernsehen … also im Regionalfernsehen.“
Auf der Fahrt nach Berlin verwandle ich mich immer zurück in einen Hauptstädter, der eine Winzigkeit zu großspurig ist.
Berlin. Der erste Bettler. Ichbinkurzangebunden.
„Fick dich, Alter!“
„Das kann man auch höflicher sagen.“
„Fick dich, bitte.“
Als wäre man nie weggewesen.
Depeche Mode - A question of lust. https://www.youtube.com/watch?v=yggS3debKuM

Mittwoch, 23. November 2016

Nero-Plan 2.0

„Der Norden ist reich an Völkern von ungeheuerlicher Seltsamkeit ohne menschliche Kultur.“ (Saxo Grammaticus, 12. Jhd.)
Ich sterbe. Ich bin jetzt fünfzig Jahre alt und habe die guten Zeiten hinter mir, machen wir uns nichts vor. Meine Zivilisation stirbt auch. Die Welt, in der ich aufgewachsen bin, geht unter. Während Rom brennt, werde ich ein Gedicht schreiben.

Ich bin nicht traurig. Mein Plan geht auf. Ich habe praktisch nichts in die Rentenkasse eingezahlt, ich habe keine Kinder in die Welt gesetzt. Meine Leitsterne waren Pessimismus und Sarkasmus - und ich habe Recht behalten. Ich darf das Ende noch erleben.

Es macht mich sprachlos: Trump ist Präsident. Mit dem Brexit beginnt der Untergang der EU. Die Österreicher und die Franzosen wählen demnächst Faschisten ins höchste Staatsamt. Hass, Vorurteil und Gewalt sind wieder salonfähig geworden. Wenn ich das Wort „Kultur“ höre, greife ich zum Revolver.
Seine Majestät, das Wahlvolk, hat gesprochen. Pflanzen Sie kein Apfelbäumchen. Es lohnt sich nicht mehr.
P.S.: Erinnern Sie sich noch an den Text „Bonetti for president“ (Juni 2015)? Damals habe ich mich zum ersten Mal über Trumps Kandidatur lustig gemacht. Weitere satirische Texte folgten, bis zu einer sarkastischen „Wahlempfehlung“. In „Blogstuff 16“ habe ich für dieses Jahr den Sieg Trumps angekündigt: „Was dürfen wir 2016 erwarten? Cher wird siebzig, zumindest Teile von ihr. Und Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten.“ Am Silvesterabend schrieb ich: „Wer profitiert von den Terroranschlägen des IS und anderer Organisationen? Die Rechten in Amerika und Europa. Das Blut der Opfer wird direkt auf ihre Mühlen geleitet. Donald Trump in den Vereinigten Staaten, Marine Le Pen in Frankreich, die AfD in unserem Land, die rechten Regierungen in Polen, Ungarn usw. profitieren unmittelbar von jedem einzelnen Toten.“ Im Januar 2016 dichtete ich spontan: „Bitte, lieber Sensenmann / Nimm Donald Trump als nächsten dran.“ In Blogstuff 22 nannte ich ihn noch einen „Frisurdarsteller“. Bereits im Februar 2016 titelte ich „Wahnsinn, Wahlkampf, Wrestling – Wo ist da der Unterschied?“ Im Mai 2016 stellte ich fest: „Parteien funktionieren wie Konzerne, Abgeordnete sind Angestellte, Minister ebenso. Ihre politischen Ideen gehören ins Reich des Vorschlagswesens, wo man Verbesserungsvorschläge für einen effizienteren Ablauf des Betriebs machen darf. Man ist nicht seinem Gewissen verantwortlich, sondern seinem Bankkonto und der Karriereperspektive. Warum dann nicht gleich einen Konzernchef zum Staatschef machen? Italien hat mit Berlusconi den Anfang gemacht, es folgten die Ukraine und aktuell Österreich. Vielleicht erleben wir ja im Herbst mit Trump in den USA den Höhepunkt des Trends der Ökonomisierung des politischen Systems?“ Im Text „Der letzte Sommer“ träumte ich schon vor Monaten, dass Trumpo Präsident wird. Bereits in Blogstuff 31 habe ich berichtet, dass die Großeltern von Donald Trump aus Kallstadt an der Weinstraße in Rheinland-Pfalz sind. Die Analyse des Wahlsiegs gab es für aufmerksame Leser in Blogstuff 68: „Warum hat es Trump so weit gebracht? Weil der linke und rechte Rand der Gesellschaft heute von den gleichen Ängsten beseelt ist. Die einen nennen es Multikulti und wollen es nicht in ihrer Nachbarschaft. Die anderen nennen es Globalisierung und kämpfen dagegen. Ob aus sozialer oder ökonomischer Perspektive: zusammen bilden Linke und Rechte eine Mehrheit gegen die Menschen, die nicht zu ihrer Nation gehören. Der Nationalismus ist zurück. Und ökonomisch ist der Protektionismus zurück.“ Noch vor wenigen Wochen schrieb ich: „Die Saat der Angst ist nach 9/11 systematisch gestreut worden. In den Vereinigten Staaten gilt seitdem der Ausnahmezustand, in Frankreich seit 2015. Der Feind ist unter uns, wir werden unterwandert. Bewaffnet Euch und seid wachsam! Die Saat geht auf – Trump, Le Pen, Hofer, Wilders, Orban, Petry u.v.m. möchten die Ernte einfahren.“ Am Ende vergleiche ich Trump mit Hitler („Der Rattenfänger“). Kiezschreiber-Leser haben es also schon immer gewusst.
P.P.S.: Diesen Text habe ich am Morgen des 9.11.16 (nine-eleven) geschrieben, trunken vor Trauer und anderen Dingen. Am nächsten Tag folgte das Postskriptum, jetzt ist die Wahl fünf Tage her und ich denke: Unsere Hoffnungen sind mit Obama nicht Wirklichkeit geworden, weil der politische Apparat in Washington ihn zermürbt und verschlissen hat. Vielleicht passiert mit unseren Befürchtungen und Trump das gleiche?
Queen – Who Wants To Live Forever. https://www.youtube.com/watch?v=_Jtpf8N5IDE