Freitag, 22. Juli 2016

Sommerpause

„Köstliche Ereignislosigkeit umgibt in den Tropen den Walfänger: Du erfährst keine Neuigkeiten, du liest keine Gazetten; keine Extrablätter mit Sensationsmeldungen über Alltägliches versetzen dich jemals in unnötige Aufregung; du hörst von keinen häuslichen Sorgen und Nöten, von keinen geplatzten Sicherheiten, keinen fallenden Börsenkursen.“ (Herman Melville: Moby Dick)
Ja, es geht wieder nach Berlin. Neben der Hauptstadt sind auch Hamburg und Ansbach (Franken) die Reiseziele im nicht-sozialistischen Ausland. Kulinarisch fest ins Auge gefasst sind die Biere und Bratwürste eines neuen fränkischen Lokals in der Nähe meines Berliner Domizils („Fränkla“, Güntzelstraße), das Philly Cheese Steak im „Chicago Williams BBQ“ (Hannoversche Straße), die Fischgerichte eines ausgezeichneten Italieners („Francucci“, Ku’damm 90), mein Favorit in Sachen Auberginen, Imam Bayildi, bei „Meyan Berlin“ in der Goltzstraße, ein Pastrami-Sandwich bei „Louis Pretty“ in der Ritterstraße sowie die Ansbacher Bratwürste und das Kellerbier im „Schwarzen Bock“ zu Ansbach. Und natürlich meine diversen Stammlokale wie das „+39“, die „Prager Hopfenstuben“, „Shaniu's House of Noodles“, „Vipan“ u.v.m. Hours of happiness statt happy hour.

Selbstverständlich werden die nächsten Wochen medienfrei sein. Wenn ich Mitte August wieder online bin und die bösen Wölfe (mit oder ohne Fell) mich nicht gefressen haben, werde ich fünfzig Jahre alt sein. Damit bin ich nicht mehr Teil der „werberelevanten Zielgruppe“ (14 – 49 Jahre). Ich hoffe, die Spamflut wird dann schlagartig nachlassen. Müde und grau, aber ungeschlagen werde ich mein Notebook anwerfen und Ihnen ab dem 16. August von meinen kleinen Erlebnissen und großen Beobachtungen berichten. Schon der grausame Blick eines chinesischen Porzellandrachens inspiriert mich an guten Tagen … Ich wünsche allen Lesern einen schönen Sommer!
Canned Heat - On The Road Again. https://www.youtube.com/watch?v=qRKNw477onU
P.S.: In Berlin treffe ich übrigens auch den Kiezneurotiker. Sein Inkognito gehört ja zu den am besten gehüteten Geheimnissen der Welt, er ist quasi der Batman Berlins. Wussten Sie, dass der Kiezneurotiker in Wirklichkeit Destillerieattaché an der schottischen Botschaft ist und gleichzeitig zur nepalesischen Wettmafia gehört? Er wohnt auch nicht im Prenzlauer Berg, sondern „Am Lenzbrauer Steg“ in Potsdam, direkt neben Günter Jauch und Iwan Klitschko. Dieser gerissene Windhund …

Donnerstag, 21. Juli 2016

Ist die EU eine Demokratie?

„Nach dem griechischen Debakel fällt es ohnehin schwer, in der EU noch etwas anderes als eine zwielichtige Abteilung von IWF und Weltbank zu sehen.“ (Irvine Welsh)
In der Türkei sehen wir aktuell den Untergang einer Demokratie. Es ist nicht das einzige Land, in dem die Volksherrschaft auf dem Rückzug ist. Nachdem in den neunziger Jahren Osteuropa für die Idee der Demokratie gewonnen wurde, kann man das Projekt der Erweiterung in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten als gescheitert betrachten.
Europa und Amerika sind fassungs- und tatenlose Zuschauer dieser Entwicklung. Wir haben scheinbar nicht einmal mehr die Kraft, das Wort gegen die Feinde der Demokratie zu erheben. Vor einigen Jahren gab es immerhin noch einige lauwarme Sanktionen gegen die Autokratie Putins in Russland. Vorbei. Ich frage mich in diesen Tagen, da auch Großbritannien sich basisdemokratisch per Plebiszit von der Idee eines geeinten Europas verabschiedet: Ist die EU demokratisch? Wirkt die Union noch über ihre Grenzen hinaus?
1. Ich habe im Studium gelernt, dass in einer Demokratie die Bevölkerung in freien Wahlen ein Parlament wählt. Aus diesem Parlament geht die Regierung hervor. Ein einfaches, zweistufiges Verfahren. In der EU wählen wir ein Parlament, aus dem keine Regierung hervorgeht. Die zweite Stufe zündet nicht. Die Exekutive der EU, die EU-Kommission, wird von den Regierungschefs der Mitgliedsländer in einem Verfahren ausgekungelt, das an den Wiener Kongress erinnert, aber mit Demokratie nichts zu tun hat. Wichtige Entscheidungen treffen die Regierungschefs auf ihren Gipfeltreffen, die von informellen Treffen der großen Staaten (Deutschland, Frankreich, manchmal auch Italien) präjudiziert werden. So kann man ein Unternehmen führen, aber keine politische Organisation, die sich auf die Legitimation durch die Wähler stützen möchte. Ich habe Juncker nicht zum Präsidenten der Europäischen Kommission gewählt. Sie etwa?
2. Jede Demokratie hat als Grundlage eine Verfassung, eine „Spielanleitung“. Sie muss der Bevölkerung zur Abstimmung vorgelegt werden. Das Volk als höchster Souverän genehmigt die Verfassung, erst dann tritt sie in Kraft. Auch das habe ich mühsam in Seminaren an den Universitäten in Mainz, Heidelberg und Berlin gelernt, so steht es auch in den Fachbüchern, die in meinem Regal stehen. Die EU wird nach dem Lissabon-Vertrag regiert, der uns nie zur Abstimmung vorgelegt wurde. Ich habe ihn als Bürger nicht genehmigt. Sie etwa?
3. Ein demokratischer Staat ist eine Einheit, in allen Städten und Gemeinden dieses Staates gelten dieselben Regeln (Gesetze und Verordnungen). Europa ist nicht nur weit von dieser Einheit entfernt, mit dem Euro wurde auch eine zusätzliche Spaltung der EU hervorgerufen. Die Union teilt sich in Staaten der Eurozone und Staaten außerhalb der Eurozone. In den letzten Jahren haben wir uns in der EU hauptsächlich mit dem Euro befasst, seiner Rettung und dem Zusammenhalt des Währungsraums („Griechische Tragödie“, Teil 1 – 3). Aktuell sehen wir einen Zerfall der EU, nicht nur durch den Austritt Großbritanniens, sondern auch durch die Beschneidung demokratischer Grundrechte in Polen, Ungarn usw. sowie die Missachtung von gemeinsamen Beschlüssen, so unsinnig sie im Einzelnen auch sein mögen (Maastricht-Kriterien als Beispiel). Wenige EU-Staaten fordern die Vertiefung der Union, für die sie von der Bevölkerung – glaubt man den Umfragen – kein Mandat hat und keine Mehrheit der Regierungen innerhalb der EU. Das „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ entfaltet inzwischen Zentrifugalkräfte, die den Kern des europäischen Projekts, das Ende der Konfrontation durch Kooperation, bedrohen.
Alles in allem gibt die EU in diesen Tag kein gutes Bild ab. Sie ist von einer Demokratie weiter entfernt denn je und kann daher auch niemandem in der Welt als Vorbild dienen. Und vom Niedergang der parlamentarischen Demokratie in der westlichen Welt auf der Ebene der Nationalstaaten in Zeiten des aggressiven Populismus, der Krise der Medien als vierter Gewalt und der globalen Herrschaft großer Konzerne habe ich noch gar nicht gesprochen. Es steht nicht gut um uns. Wir sollten nicht nur das Scheitern der Anderen betrachten, sondern einen kritischen Blick in den Spiegel werfen.
The Chameleons - Up The Down Escalator. https://www.youtube.com/watch?v=6fZPRZm7yUQ

Schule des Schreibens

„Alkohol löst keine Probleme, aber das tut Rhabarberschorle auch nicht.“ (Andy Bukowski)
Ich hatte die Annonce in der „Literatur aktuell“ gelesen, einen Abend über mein Vorhaben nachgedacht und nun stand ich hier. Akazienstraße, Berlin-Schöneberg. Ein ehrwürdiger Altbau, mit Stuckornamenten verziert.
Ja, ich werde Schriftsteller. Der Entschluss ist gefasst und mit der nötigen Entschlossenheit, die am Anfang jeden Entschlusses … nein, es ist zu viel Schluss und Schloss in diesem Satz, der doch am Anfang steht. Aber genau darum bin ich ja hier: „Professor Stammel’s Schule des Schreibens – Wir führen Sie in zwölf einfachen Lektionen zum Welterfolg.“ So hatte es in der Annonce gestanden und jetzt stand ich vor den heiligen Hallen der Gelehrsamkeit. Mit klopfte das Herz.
Ich las die Reihe von Schildern neben dem Durchgang zu den Hinterhöfen. Nach einer Weile fand ich es: „Professor Stammel’s Schule des Schreibens. Zweites Hinterhaus, fünfter Stock.“ Ich lief durch den ersten Hinterhof, der voller Sperrmüll war. Vielleicht logierte hier ein Trödler oder Krämer? Im zweiten Hinterhaus erklomm ich ein düsteres Treppenhaus mit knarrenden Stufen.
Schließlich stand ich vor der Tür im fünften Stock. Auf dem Klingelschild stand in krakeliger Handschrift „Schule d. Schreibens“. Ich klingelte. Nichts. Ich klingelte ein zweites Mal. Da öffnete sich die Tür und ein schmales Gesicht lugte misstrauisch in den Flur.
„Was wollen Sie?“ fragte ein kleiner, grauhaariger Mann.
„Ich möchte Schriftsteller werden“, sagte ich voller Stolz und reckte mich dabei ein wenig.
Er grinste heimtückisch. „Kommen Sie herein“, war seine Antwort und er öffnete die Tür, so dass ich eintreten konnte.
„Warten Sie hier“, sagte er und verschwand hinter einer Tür. Ich stand in einem gewöhnlichen Wohnungsflur. Erhofft hatte ich mir ein großes helles Institut, ein Universitätsgebäude – aber gut, die Kultur treibt oft im Verborgenen ihre schönsten Blüten hervor.
Nach einer Viertelstunde hörte ich, wie eine Stimme „Herein!“ rief. Ich öffnete die Tür und am Schreibtisch vor mir saß derselbe Mann, der mir die Tür geöffnet hatte. Neben dem Telefonapparat stand ein Namensschild: „Studienleiter Magister Bürstlmayr“.
„Guten Morgen. Ich möchte gerne Herrn Profesor Stammel sprechen. Ich möchte mich zur Schule des Schreibens anmelden.“
„Der Herr Professor ist außer Haus. Ich werde mich um Ihren Antrag kümmern.“
„Gut. Ich möchte den Kursus buchen.“
„Wieviel Geld haben Sie?“ fragte Bürstlmayr.
Ich zog meine Brieftasche hervor und zählte mein Geld. „Siebzig Euro.“
„In Ordnung. Geben Sie her.“
Ich reichte ihm die Geldscheine und er ließ sie in einer Schublade verschwinden. „Sobald Sie mehr Geld haben, bringen Sie es mir.“
„Soll ich jetzt das Formular ausfüllen?“
„Sie bekommen nach Abschluss des Studiums eine Urkunde. Das reicht völlig.“ Dann stand er auf. „Kommen Sie mit!“
Er führte mich in einen Nebenraum, in dem einfache Holztische und Stühle standen. Drei junge Menschen waren über ihre Hefte gebeugt und schrieben schweigend. An der Wand war eine Reproduktion des bekannten Tischbein-Gemäldes „Goethe in der Campagna“ mit Reißzwecken befestigt.
Bürstlmayr führte mich zu einem freien Tisch vor einem Fenster, durch dessen schmutzige Scheiben man kaum das Nachbargebäude erkennen konnte.
„Sehen Sie dort drüben den Stapel mit den Illustrierten? Suchen Sie sich ein Exemplar heraus, lesen Sie es und wählen Sie eine Person aus. Über diese Person schreiben Sie eine Kurzgeschichte. Wenn Sie fertig sind, bringen Sie mir den Text. Verstanden?“
Ich nickte und zog eine „Gala“ aus den neunziger Jahren aus dem Stapel. Nach einigem unschlüssigen Blättern entschied ich mich für Lulu Madrid, eine Opernsängerin aus Amerika. Ich schrieb eine herzzerreißende Geschichte über ihren krebskranken Vater, den sie mit den Einnahmen aus ihrem Gesang unterstützt. Der Vater, ein ehemaliger Berufsboxer, der sie ganz alleine großgezogen hatte, weil ihre Mutter früh am Alkoholismus zugrunde gegangen sei. Ich fabulierte die Geschichte so schön, dass ich am Ende selbst Tränen in den Augen hatte.
Es war früher Nachmittag, als ich die Geschichte zu Bürstlmayr ins Büro brachte. Er nahm die Blätter in die Hand und las sie. Ich war aufgeregt. Was würde er zu meiner ersten Arbeit sagen? War ich der Schule des Schreibens von Professor Stammel überhaupt würdig? Hatte ich das Zeug zum Schriftsteller?
„Gar nicht mal so übel“, brummte Bürstlmayr nach einer Weile bedächtig. „Der Anfang ist ein bisschen holprig. Den müsste man umformulieren. Aber ansonsten nicht schlecht. Morgen früh kommen Sie wieder, dann machen wir mit dem Thema Poesie weiter.“
Ich lief vor Freude rot an und ging glücklich nach Hause. Der erste Schritt auf dem Weg zum Ruhm war vollbracht.
P.S.: So entsteht der Content bei Bonetti Media. Haben Sie Interesse? Möchten Sie sich noch heute zu einem Kursus anmelden? Wieviel Geld haben Sie?
Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich - Hold tight. https://www.youtube.com/watch?v=ADTSfaApGF8

Mittwoch, 20. Juli 2016

Minky ist die süßeste Katze der Welt

Nein. Ist sie nicht.
Blogstuff 58
„Oft gehe ich aus, auf die Straße, und da meine ich, in einem ganz wild anmutenden Märchen zu leben. (…) Es sucht hier alles, alles sehnt sich nach Reichtümern und fabelhaften Glücksgütern. Hastig geht man. Nein, sie beherrschen sich alle, aber die Hast, das Sehnen, die Qual und die Unruhe glänzen schimmernd zu den begehrlichen Augen heraus.“ (Robert Walser: Jakob von Gunten)
Ist das schon Globalisierung oder noch Multikulti? Ein Afghane greift im Auftrag einer arabischen Organisation Chinesen in Franken an.
Alle sahen Holger entsetzt an, als er in der Bar seine Kleider ausgezogen hatte und erwartungsfroh in die Runde blickte. Verdammt! Er hatte schon wieder Karaoke mit Bukkake verwechselt.
Es wird immer über Inhalte oder die Anzahl der Schuljahre gesprochen, wenn es um die Bildung für den Nachwuchs geht. Die zentralen Punkte ändern sich nie. Du hast einen Vorgesetzten (Lehrer), dem du zu gehorchen hast und den du dir nicht aussuchen kannst. Du redest nur, wenn du die Erlaubnis dazu hast. Andere sagen dir, was du auswendig lernen musst. Wichtig sind Pünktlichkeit, Disziplin und Gehorsam. So werden – im Wortsinne – Menschen gebildet, die im Anschluss in den Betrieben auch verwendet werden können.
Neu! Die Window-App. Und so geht’s: Kamera auf ihr Fenster ausrichten, App aktivieren – und schon können Sie aus dem Fenster sehen, ohne den Kopf zu heben. Für echte Smartphone-Fans.
Die Mutter aller Verschwörungstheorien und gleichzeitig der Gipfel des Narzissmus: alles, wirklich alles, also die gesamte Zivilisation, ist darauf angelegt, um ganz allein mich zu foppen („Die Truman Show“).
Sind Sie nicht auch der Meinung, dass Andy Bonetti, dieser Prunkbau der Demut, den wir in einem Lustgarten der Bescheidenheit finden, in diesem Jahr den Literaturnobelpreis verdient hätte?
Shit-In: „Ein Shit-In ist ein kollektives Entleeren des Darms und der Blase in oder vor einem Parlament, einem Regierungspalast oder einer Konzernzentrale. Wurde zum ersten Mal von Lupo Laminetti organisiert, als es um die Würdigung der Leistungen von Spitzenpolitikern der Berliner Republik ging, die offiziell am 1. September 1999 begann.“ (wikipedia)
Was ist die Erlösung in dieser Welt? Dummheit, Krankheit, Frechheit oder Faulheit. Dann können sie dich nicht gebrauchen. Dann lassen sie dich in Ruhe.
Aus der Werbung: „Empfohlen von 77 Prozent der aufgeblasenen und selbstverliebten Arschgeigen Deutschlands.“
Drittklassige Experten erkennt man immer daran, dass sie einen exklusiven Blick in die Zukunft haben. Echte Experten besitzen keine Kristallkugel für ihre Prognosen. Sie würden nie auf die Idee kommen, das Wirtschaftswachstum von Rumänien im übernächsten Jahr auf eine Stelle hinter dem Komma genau anzugeben.
Werbung: „Indiana Jones und der Schnarchlappen mit dem roten Mofa“. Jetzt! Neu! Kino!
An der „Bonetti Full Metal Crazy Round Experience & Hast Du nicht gesehen“ haben in diesem Jahr der Schah von Paderborn, die Herzogin van der Krokette, der Prinz von Linz und die bekannte Männerärztin Frau Doktarine Knitsch-Malzeimer teilgenommen. Selbst gewöhnlich wohl unterrichtete Kreise wissen bis heute nicht, um was es bei dieser Challenge geht.
Ich kratze auf meinem Schädel herum, als sei Kratzen der neue Hype, der mich die nächsten zwölf Monate beschäftigt. Und natürlich werden an den Verkaufsständen die entsprechenden T-Shirts und Aufkleber verkauft: „Kratz until you platz“ oder „Nicht nur Katzen kratzen“. Graz wird zur Subkulturhauptstadt usw.
Die International Union of Pure and Applied Chemistry hat die Entdeckung eines neuen Elements bekannt gegeben, dass auf den Namen Bonettinum getauft wird.
„Wir dürfen das Töten nicht verlernen.“ (Deutsche Militärdoktrin 2016)
„Sprechen Sie ruhig weiter. Ich höre gerne zu. Und Sie reden offensichtlich gerne.“
Gastro-Tipp: „Zander mit Blutwurst in Kokos-Chilipanade, Blumenkohlpüree mit Schokoladensauce und Banane in Bacon“ bieten die „Wulflamstuben“ in Stralsund. Respekt! Kreative deutsche Küche. Wer fährt mit mir nach Stralsund?
Meine Generation: Die Selbstgefälligkeit von drittklassigen Waschweibern, die Fettleibigkeit alt gewordener Schwätzer, die Ignoranz von denkfaulen Quartalssäufern.
P.S.: Andy Bonetti finden Sie jetzt auch auf linkedin.com. Besuchen Sie den Jahrhundertdichter, die Unternehmerpersönlichkeit aus Bad Nauheim!
The Cranberries – Dreams. https://www.youtube.com/watch?v=cYm80ZvdXM4

Dienstag, 19. Juli 2016

Zwanzig Jahre

„Es war ein frostiges Erstarren, ein Erliegen aller Lebenskraft – kurz, eine hilflose Traurigkeit der Gedanken, die kein noch so gewaltsames Anstacheln der Einbildungskraft aufreizen konnte zu Erhabenheit, zu Größe. Was mochte es sein (…), dass der Anblick des Hauses Usher mich so erschreckend überwältigte?“ (Edgar Allan Poe: Der Untergang des Hauses Usher)
Als ich vor zwanzig Jahren, im Juli 1996, „Beschleunigung und Politik“ veröffentlicht habe, hätte ich nicht gedacht, wie tiefgreifend der Wandel werden würde, der durch technischen Fortschritt und das Primat der Ökonomie ausgelöst wurden. Parlamente und Parteien als Orte der politischen Willensbildung haben völlig an Bedeutung verloren. Politik wird entweder außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung in diskreten Besprechungsräumen gemacht oder in der Arena der modernen Medien, im Internet und im Fernsehen. Politiker reagieren via Twitter oder Facebook in Sekundenschnelle auf aktuelle Meldungen, der direkte Schlagabtausch mit dem Gegner findet via kurzer Soundbites in den Talkshows statt. Alles ist so schnell und kurzatmig geworden, dass man schon beim Lesen oder Zuhören Durchfall bekommt. Behauptungen ersetzen Argumentationen, während die alten Parteiensysteme und politischen Milieus sich weiter auflösen. Ich wage es mir heute gar nicht vorzustellen, wie die Welt in weiteren zwanzig Jahren aussehen wird.
S-Express - Theme From S-Express. https://www.youtube.com/watch?v=SSMRjBELML4

Blogstuff 57

„Giovanni wusste nicht, was er zu fürchten hatte. Noch weniger wusste er, was er hoffen durfte. Doch Furcht und Hoffnung stritten beständig in seiner Brust, besiegten einander und standen wieder auf zu neuem Streit. Gesegnet seien alle einfachen Gefühle, düstere und helle! Das geisterhafte Gemisch aus beiden lässt die lodernde Flamme des Inferno entstehen.“ (Nathaniel Hawthorne: Der Garten des Bösen)
Gestern Abend habe ich ziemlich viel getrunken und dann dem türkischen Präsidenten auf den Anrufbeantworter gesprochen. Rechnen Sie also in den nächsten Tagen mit diplomatischen Verwicklungen.
Mein Bauch ist größer als mein Gehirn. Wer die Entscheidungen trifft ist klar, oder?
Kennen Sie einen erfolgreichen Idealisten? Ich meine jemanden, der seinen Idealen ein ganzes Leben lang treu geblieben ist, und ein gutes Leben führt. Ich sehe nur Idealisten, die ihr Leben lang Kompromisse machen mussten und am Ende abgeschliffen wie ein Kieselstein sind, den ich am Rheinufer finde.
Bei Perrypedia lese ich unter der Rubrik „Zeitverbrecher“: „Der lemurisch-halutische Krieg brach 50.080 v. Chr. aus, nachdem die Uleb 300 Millionen Bestien in die Milchstraße entsendeten, als Zeitexperimente der Lemurer - und auch der Meister der Insel in der Zeit der Lemurer - bekannt wurden.“ Darüber wird noch zu sprechen sein.
Hätten Sie’s gewusst? Merkel und Gabriel haben sich im Internet kennengelernt.
„Nur noch 48.521 Stunden“ – ein Actionfilm zum Thema Arbeitsleben. Jetzt im Kino!
Mittagessen in der Kiezschreiber-Redaktion? Ich drücke mir eine halbe Tube Tomatenmark in den Mund und arbeite weiter. Das aktuelle Thema: Stefan Austs rätselhafter Aufstieg von den „St. Pauli Nachrichten“ über den „Stern“ zum „Spiegel“ – obwohl der Typ nix drauf hat außer Zahnbelag. Heute ist er Herausgeber der „Welt“ (verkaufte Auflage am Kiosk: 12.000 pro Tag). An ihm kann man exemplarisch erkennen, wie aus kritischem Journalismus stromlinienförmige, rückgratlose Hofberichterstattung von angepassten Arschkriechern wurde, wie aus einem Nachrichtenmagazin, das seine Feindschaft zum mächtigen Helmut Kohl sorgsam pflegte, ein billiges und thematisch beliebiges Boulevardblättchen wurde.
Zwiebelsuppe, die ohne einen Schuss Weißwein zubereitet und nicht mit Käse überbacken wird, kann ich keinesfalls empfehlen. Jetzt werden Sie fragen: „Kiezschreiber! Wie machst du Zwiebelsuppe?“ Nun, ich öffne eine Konserve, schütte sie in einen Teller und stelle sie für drei Minuten in die Mikrowelle. In der Zwischenzeit lese ich auf einem Sessel im Speisezimmer in der neuesten Ausgabe von „Mein schöner Garten“ den Bericht mit dem Titel „Alle lieben Buntnesseln“. Ich bin im Übrigen dezidiert anderer Meinung: Mir sind Buntnesseln von Herzen gleichgültig.
Kennen Sie diese mobilen Würstchenverkäufer? Die ihren Bratrost umgeschnallt haben? So einer steht jeden Morgen bei mir vor dem Haus und verfolgt mich den ganzen Tag. Aber der Mann verdient gutes Geld, denn ich esse eben gerne und bin von Hause aus konziliant.
Vielleicht hätte ich den Polizisten nicht fragen sollen, was er eigentlich beruflich macht.
Werbung: „Von allen guten Kleistern verlassen – Maler und Tapezierer in der Krise?“ Ein erschütternder Undercover-Report von Lupo Laminetti. Jetzt an Ihrem Kiosk!
Warum zeigt man anderen Menschen eigentlich einen Vogel? Und wann genau gibt man Fersengeld?
Mein Lieblingsbuchanfang: „Alphonse de la Baguette und Maurice Lafontaine, die früher Alfons Bäcker und Moritz Wasserstrahl hießen, …“
Um eventuellen Gerüchten vorzubeugen: Andy Bonetti war am 22. November 1963 nicht in Dallas.
Der Tod von Prominenten hat etwas Wohltuendes. Endlich geht es in den Medien für einen kurzen Augenblick nicht um Skandale und Nervensägen in den Regierungspalästen und Chefetagen, sondern wir hören Gutes über einen Menschen und können ein wenig traurig und sentimental sein, statt nur zu hassen.
Ein Junge, den ich in meiner Kindheit in Ingelheim kannte, wurde Revue-Tänzer im „Lido“ an der Champs-Élysées. Später ging Michael Mehlig für das Lido nach Las Vegas und organisierte als Produzent Tanzshows des Lido im Chippendales-Stil auf Mallorca.
Frank Zappa - Cocaine Decisions. https://www.youtube.com/watch?v=K_WgCGOWae4
P.S.: Kokainentscheidungen werden ja oft aus der Nase heraus getroffen.

Das bescheidene japanische Teehaus im Garten der Villa Bonetti wird von dem ehrwürdigen Kampfmönch Pra Lin Ski bewohnt.

Montag, 18. Juli 2016

Ach, herrje – auch das noch: Andy Bonetti erstickt

… in Fanpost. Bitte erheben Sie sich von Ihren Plätzen und begrüßen Sie mit einem warmen Applaus:
Blogstuff 56
“It's all about money, not freedom, y'all, okay? Nothing to do with fuckin' freedom. If you think you're free, try going somewhere without fucking money, okay?” (Bill Hicks)
Du weißt gar nicht, dass sie längst deine Entlassung beschlossen haben. Und du schnatterst immer noch fröhlich wie ein Delphin bei einem Geschäftsabschluss.
Hätten Sie’s gewusst? Bei den Lesungen von Andy Bonetti während seiner Dark Poet-Tour 1997 stand immer ein weißgeschminkter Pantomime neben ihm, der seine Vorstellung imitiert hat.
Petra – verlassene Felsenstadt in Jordanien oder vollbusige Blondine in der Mittelstufe an meinem Gymnasium? Diskutieren Sie mit!
Das Positive an der Alzheimer-Krankheit: du brauchst nur noch eine DVD.
Werbung: „Sieben gegen Marburg“ – diese Mischung aus Schwertkampfballade und fiktiver Autobiographie wird Ihnen präsentiert von Bonetti alkoholfrei.
Früher hatte ich Sommersprossen, jetzt sind es Altersflecken.
Unternehmen und Behörden machen mich in ihren Anschreiben immer zum „Herrn“, obwohl ich doch ein Knecht bin. Mit Frauen machen sie das nicht, die Anrede ist ganz schlicht „Frau“.
Im Nahen und Mittleren Osten wiederholt sich in den letzten Jahrzehnten die gleiche Tragödie, die Osteuropa im 20. Jahrhundert erlebt hat. Man denke an den Zerfall des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn oder das Ende der Griechen und Armenier in der modernen Türkei. Aus dem jahrhundertelangen Zusammenleben der Ethnien, Kulturen und Religionen wird ein geographisch penibel abgezirkelter Haufen von Nationalstaaten, deren Minderheiten überall stören und vertrieben werden. Jetzt also in Syrien, im Irak und zuvor schon in Israel. In Syrien gab es einst dreißig Prozent Christen und es hat keinen gestört, der Libanon war ähnlich multikulti. Bagdad mit seinen zwölf Millionen Einwohnern (Metropolregion) war früher ein Schmelztiegel der Religionen, Sprachen und Lebensweisen wie NYC. Vorbei. Es regieren überall die Spalter ...
Demokratie – Demagogie – Dekomagie. Ist doch alles das gleiche.
Werbung: Er saß gerade an seinem Schreibtisch, als ihn der Atomblitz traf. Der Tisch und er verschmolzen miteinander - und dann wurde aus ihm … Trommelwirbel … der Schubladenmann. DRAWERMAN. Die neue Serie. Jetzt bei Bonetti Media Unlimited.
Ich war neunzehn, als ich langsam in die Schnaps- und Meskalin-Szene (SM) abdriftete.
Hätten Sie’s gewusst? Schmitt’s Island ist die nördlichste Landfläche der Welt. Man nennt diesen Punkt auch Ultima Thule.
Neu: Wäsche trocknen mit Wind- und Solarenergie! Kaufen Sie die neue ultracoole „Wäscheleine“ – jetzt in Ihrem Apple-Store.
Kennen Sie eine Rockband namens „The Amazing Bottrop Experience“? Nein? Macht nix. Da haben Sie nichts verpasst. Hören Sie lieber „Silver Donut“! Mördermucke, ich schwör. Oder wie wär’s mit der Anti-Veganer-Band „The Meatles“ und ihrem Hit „Ich war die fünfte Bulette“?
Mal andersrum betrachtet: Krankenhäuser und Krankenschwestern bereichern sich am Elend anderer Menschen.
Buch-Tipp: „Vom Bauern zum Büroangestellten – deutsche Geschichte in Aphorismen und Aneurysmen“ von Prof. Hodenkobl-Dottersack.
Preisfrage: Was war zuerst da? Das Zebra oder der Zebrastreifen?
Tuvan Throat Singing. https://www.youtube.com/watch?v=qx8hrhBZJ98

Sonntag, 17. Juli 2016

Jede Nacht hat ihren Preis

„Klein sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und Einfluss gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den unteren Regionen atmen.“ (Robert Walser: Jakob von Gunten)
Beverly Rüssl lebt in der kleinsten Großstadt der Welt. Diese Stadt liegt an einem Fluss, der keinen Namen verdient, denn er ist nur noch ein Rinnsal. Nachts tritt sie mit ihrer Ein-Frau-Band „Frozen Despair“ in Telefonzellen auf, gelegentlich auch mal in einer kleinen Bar kurz vor Ladenschluss. Tagsüber lebt sie in einem Zirkuswagen mit großen Fenstern mitten auf dem Rathausplatz. Die Passanten können hineinschauen und sie beobachten, wie sie zum Beispiel ein winziges Tellerchen und ein winziges Gäbelchen auf einem absurd niedrigen Tisch platziert. Dann holt sie einen Cupcake hervor, der auf dem Tellerchen und dem Tischchen natürlich aussieht wie eine riesige Geburtstagstorte. Es ist ein sehr kleiner Zirkuswagen und alle Möbel sind ebenfalls klein. Wenn die Leute genug gestaunt haben, können sie eine Münze in eine Sparbüchse werfen, die am Wagen angebracht ist.

Medi & Zyni

Natürlich machen wir Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien. Oder glauben Sie vielleicht, der Leopard II funktioniert ohne Erdöl? Denken Sie, der schießt mit Sonnenenergie? Ach, ich bin zynisch? Wirklich? Alle vier Sekunden stirbt in Afrika ein Kind an Unterernährung oder Krankheit. Aber Sie beschweren sich, weil das Bier teurer geworden ist oder sich der Zug verspätet hat. Wer von uns ist hier der Zyniker? Wir sind alle Zyniker. Ohne Zynismus hätten wir uns schon längst umgebracht.

Hitlers erster Krieg

„Wenn der Staat zu töten beginnt, nennt er sich immer Vaterland.“ (August Strindberg)
Heute vor achtzig Jahren, am 17. Juli 1936, begann der Spanische Bürgerkrieg. Die Faschisten unter General Franco putschten gegen die gewählte Regierung der Republik und entfesselten den – nach dem russischen Bürgerkrieg - blutigsten Krieg in Europa zwischen den beiden Weltkriegen.
Es ist das Militär in Spanisch-Marokko, das der Demokratie den Kampf ansagt. Da viele Matrosen und Offiziere der spanischen Marine loyal gegenüber der Regierung sind, verzögert sich die Überfahrt der Putschisten nach Spanien. Das Dritte Reich schickt Transportflugzeuge nach Marokko, die erste große Luftbrücke der Militärgeschichte bringt 14.000 bewaffnete Putschisten an ihr Ziel. Es ist die „Operation Feuerzauber“, benannt nach einer Szene aus einer Wagner-Oper.
General Franco, zuvor Militärgouverneur der Kanarischen Inseln, bekommt von Anfang an Unterstützung von den faschistischen Regierungen Deutschlands und Italiens. Mussolini entsendet 80.000 Soldaten, Hitler formiert die „Legion Condor“ mit 12.000 Soldaten. Die mächtigen Demokratien Großbritannien und Frankreich verhalten sich neutral, auf Seiten der Republik kämpfen internationale Brigaden und spanische Anarchisten, die durch Lieferungen aus der Sowjetunion unterstützt werden. Francos Putschisten werden von den Milizen der Falange, der faschistischen Partei Spaniens, unterstützt.
Die Bevölkerung schließt sich in weiten Teilen des Landes den Putschisten nicht an, es kommt zu einem blutigen Bürgerkrieg mit 700.000 bis 800.000 Toten (Spanien hatte 1930 23,6 Millionen Einwohner). Das Deutsche Reich unterstützt den Kampf gegen die Republik nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich. Siemens und die I.G. Farben (aus der BASF, Bayer u.a. hervorgingen) helfen mit Geld, Rohstoffen und Waffen. Deutsche Waffenlieferungen sind bereits vor dem Putsch bestellt worden und treffen kurz nach Beginn des Bürgerkriegs ein.
Hitler benutzt Spanien in den folgenden Jahren als Probebühne für den bevorstehenden Weltkrieg. Die Luftwaffe bombardiert die Stadt Gernika und zerstört das religiöse Zentrum des Baskenlandes fast vollständig. Die „Legion Condor“ beteiligt sich am Massaker von Malaga, bei dem etwa 10.000 Menschen ermordet werden. Die U-Boot-Waffe greift Hilfskonvois der Republik an („Operation Ursula“, benannt nach der Tochter von Admiral Dönitz, dem letzten Staatsoberhaupt des Dritten Reichs). 1937 wird in Miranda de Ebro ein Konzentrationslager nach deutschem Vorbild eingerichtet, das vom SS- und Gestapo-Mitglied Paul Winzer geleitet wird.
Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs am 1. April 1939 dauert es nicht lange, bis die Hunde des Krieges den ganzen Kontinent in Fetzen reißen.
The Doors – The End. https://www.youtube.com/watch?v=JSUIQgEVDM4

Samstag, 16. Juli 2016

Wurstblume


Ich hatte heute beim Essen in einer Brauereigaststätte eine „Wurstblume“ auf dem Teller, ein auf halbem Weg in vier Teile gespaltenes Würstchen. Sehr lecker, keine Frage. Aber ich habe mir nach dem Essen dann doch gedacht: Es nimmt mit der Menschheit kein gutes Ende.



Kollidierte Kugeln - Gallipoli, Erster Weltkrieg.
Vanilla Ice - Ice Ice Baby. https://www.youtube.com/watch?v=rog8ou-ZepE
Ich hasse dieses Lied und alle Beteiligten mit der Kraft eines Heiligen, seit ich diese SCHEISSE zum ersten Mal gehört habe. Aber das Lied geht nicht weg.

Island und Israel

“Etwas nicht tun sollen, das ist manchmal so reizend, dass man nicht anders kann, als es doch zu tun. Deshalb liebe ich ja so von Grund aus jede Art Zwang, weil er einem erlaubt, sich auf Gesetzeswidrigkeiten zu freuen.“ (Robert Walser: Jakob von Gunten)
Ich bin ein David-Fan, Mann! Ein absoluter David-Fan! Diesen Goliath kann ich nicht leiden. Der erinnert mich an den fetten Riesen namens Christian Günther, der mich in der Mittelstufe immer gequält hat. Ein gewalttätiges Monstrum, dessen mangelnde Intelligenz ihn glücklicherweise in der zehnten Klasse eliminiert hat. Wir sollten den Mut haben, allen Goliath-Typen auf dieser Welt in den gottverdammten Arsch zu treten!
Okay, ich bin ganz ruhig. Habe meinen Blutdruck im Griff. Keine Sorge. Ich bin nicht aggressiv, sage ich mir zehnmal hintereinander, während ich versuche, meine Fäuste zu lockern. Fangen wir mir Island an. Ich bin Island-Fan, müssen Sie wissen. Ein absoluter Fan. Verstanden?! Alles begann, als sie mit ihrem Hausvulkan den gesamten Flugverkehr in Europa lahmgelegt haben.
Im Fußball hat mich Island begeistert, als sie die Holländer aus der Quali geworfen hatten. Die erste EM mit 24 Mannschaften – und ohne den Europameister von 1988. Danke, Island! Den Portugiesen ein Unentschieden abgetrotzt, die Pseudo-Geheimfavoriten aus Österreich abgeschossen. Und dann das Meisterstück gegen die Engländer. Ein Land mit hundert Fußball-Profis – und professionell heißt, du verdienst so viel wie der Oberkellner eines isländischen Fischverwerters – haut das Mutterland des Fußballs in die Tonne.
Aber der Spott der Isländer über den Überraschungssieger Portugal gegen den überlegenen Gastgeber Frankreich hat meine Meinung geändert. Wenn die Kleinen zu groß werden, verliere ich die Lust, sie zu unterstützen. Und so geht es mir nicht nur mit Island, so geht es mir mit Israel. Am Anfang kämpften diese Holocaust-Überlebenden wie die Löwen gegen eine arabische Übermacht aus Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon. Die Kibbuz-Bewegung war in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gelebter Sozialismus ohne Stalin oder Mao, ohne Stasi und Gulag. Wer hätte den David mit dem Davidstern auf der Fahne nicht sympathisch gefunden?
Jetzt schreiben wir das Jahr 2016 und Israel mit seiner abartig beschissenen konservativen Regierung, seiner expansiven Siedlungspolitik und der Demütigung sämtlicher Araber im In- und Ausland hat meine Sympathie verloren. Wie konnte aus einem netten kleinen Land ein so großes Arschloch werden? Israel ist ein funktionierender Rechtsstaat und eine lebendige Demokratie. Hätte Deutschland dieselbe Scheiße wie den Jom-Kippur-Krieg oder den Sechs-Tage-Krieg erlebt, wären wir längst Bürger des Vierten Reichs.
Aber Israel ist aus der Verteidigung in den Angriff übergegangen. Exzessive Landnahme außerhalb des eigenen Staatsgebiets, Gewalt und Unterdrückung. David wird Goliath. Ein Fan weniger. Arschkrebs für Netanjahu. Wenigstens war Israel nicht für die Fußball-EM qualifiziert. Und den Davidstern als Symbol auf der Landesflagge sollte man endlich gegen die Keule von Goliath ersetzen.
P.S.: Nochmal zurück zur Fußball-EM, bei der ein tapferer Fußballzwerg vom Polarkreis bekanntlich das Viertelfinale erreicht hat. Island hat ja nur so viele Einwohner wie Bielefeld, wie in jeder Fernsehsendung unermüdlich festgestellt wurde. Und man stelle sich vor, Arminia Bielefeld erreicht das Viertelfinale der Champions League. Die Isländer scheiterten dann an Gastgeber und Weltmeisterbezwinger Frankreich, die wiederum im Finale gegen die langweiligen Minimalisten aus Portugal verloren, obwohl die Franzosen dem portugiesischen Weltstar Ronaldo so lange gegen die Beine traten, bis dieser Mitte der ersten Halbzeit mit einer Bahre vom Platz getragen werden musste.
Cream - White Room. https://www.youtube.com/watch?v=pkae0-TgrRU

Hahn trifft Schwein

„Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. (…) Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Matthäus-Evangelium, Kapitel 6)
Wissen Sie, was ein Schweinezyklus ist? Den gibt es in vielen Varianten, bei Produkten, Aktien, Immobilien oder in der Kultur. Ein Hersteller bringt ein neues Produkt auf den Markt, z.B. den „Energy Drink“, also Limonade mit Aufputschmitteln. Nennen wir das Produkt „Blue Cow“. Es wird ein Erfolg und findet viele Nachahmer. Bald gibt es viele Energydrinks, ein Preiskampf der Anbieter beginnt und am Ende ist der Markt übersättigt, weil er nicht endlos wachsen kann. Die Anzahl der Kunden findet ihre natürliche Grenze, da es nur eine bestimmte Zahl von Menschen auf der Welt gibt, deren Brieftaschen und Blasen ebenfalls endlich sind. Dann gehen die ersten Anbieter Pleite, der Markt pendelt sich nach der Übertreibung allmählich ein.
Ältere Leser kennen das Phänomen des Schweinezyklus vom „Neuen Markt“ (Internet- und Biotechnologieaktien), jüngere Leser kennen es aus dem Musikgeschäft oder der Mode-Industrie (Trendsetter und Trendfollower). Diese Entwicklung gibt es auch im Bereich der Gewerbeimmobilien, man erinnere sich an den Schweinezyklus bei Kino-Centern („Multiplexe“) und Einkaufszentren („Malls“). Es gibt den Schweinezyklus aber auch im Bereich der Regionalflughäfen – und nicht nur in Deutschland. In den letzten Jahren sind überall neue Flughäfen gebaut worden, weil sehr viele Regionen am wachsenden Flugverkehr partizipieren wollten. So schnell ist der Flugverkehr aber gar nicht gewachsen, es gab ein Überangebot von Flughäfen, einen Preiskampf der Anbieter und im Resultat defizitäre Geisterflughäfen in vielen Regionen.
Dazu gehört auch der Flughafen Hahn bei mir um die Ecke im Hunsrück. Er häuft Verluste auf (allein 2014 waren es 45 Millionen Euro) und wird weiter Verluste machen. Deswegen findet der Besitzer, das Land Rheinland-Pfalz (82,5 Prozent, Hessen gehört eine Minderheitsbeteiligung), auch keinen Käufer. Wäre der Flughafen profitabel, müsste man ihn ja auch nicht verkaufen. Bevor man also weiter ein unrentables Unternehmen mit Steuergeldern finanziert (im aktuellen Landeshaushalt sind 34 Millionen Euro vorgesehen), sollte man den Flughafen einfach schließen. Etwa 2.500 Beschäftigte müssten sich einen neuen Job suchen. Das ist die hässliche Seite des Schweinezyklus.
+++ breaking news +++ Reichstagsbrand in der Türkei +++ Ermächtigungsgesetz erwartet +++
Police - When The World Is Running Down You Make The Best Of What's Still Around. https://www.youtube.com/watch?v=DAtc9mlX72Q

Freitag, 15. Juli 2016

Nizza und der Ausnahmezustand

Je mehr Terror es gibt, desto mehr werden wir abstumpfen. Gegenüber der Gewalt und gegenüber dem Überwachungsstaat. Die Terroristen werden also ihr Ziel nicht erreichen, der Staat schon.



Jeremy Mann - Another Night Through Storms

Aus dem bürgerlichen Märchenbuch

„Der Geruch nach Staub in der Universitätsbibliothek. Die toten Stimmen, die vergessenen Namen. Ich bin ein Teil dieses Gräberfelds.“ (Matthias Eberling: Vorbemerkungen zu einer Autobiographie, die ich nie schreiben werde)
Die Geschichte wird mir und uns allen erzählt, seit ich in den Kindergarten gekommen bin: 1968 gab es eine Protestbewegung, deren Mitglieder beim „Marsch durch die Institutionen“ die Schaltstellen der Bundesrepublik erreicht haben und bis heute insgeheim die Geschicke dieses Landes bestimmen. Dieses schlichte und in seiner Einfachheit geradezu kindische Narrativ endet meist mit dem Lamento des bürgerlichen Erzählers, der „linke Mainstream“ beherrsche darum das Land und „linkes Gedankengut“ dominiere Politik, Medien und gesellschaftlichen Diskurs.
Das ist natürlich Blödsinn. Aber wir hören diese Geschichte seit vielen Jahrzehnten und sie wird zumeist gedankenlos nachgeplappert. Kommen wir mal zu den Fakten: Die APO hatte, wenn man den Worten von Herrn Ströbele aus Berlin, der 1968 dabei gewesen ist, Glauben schenken möchte, in ihren besten Zeiten im damaligen West-Berlin dreihundert bis fünfhundert Aktive, die sich zu Demonstrationen getroffen haben. Die größte Demo in Berlin brachte zehntausend Menschen auf die Straße, es ging um den Vietnamkrieg. Okay, gegen Krieg sind wir alle, darum kamen zu dieser Demo ausnahmsweise mehr Menschen. Aber der Kern der „Studentenbewegung“ war ein überschaubarer Haufen. In Frankfurt, dem zweiten Schwerpunkt der APO, werden es noch einmal so viele Leute gewesen sein. Vielleicht waren es mehrere zehntausend Menschen in ganz Deutschland. Schätzungsweise ein halbes Promille der Bevölkerung der damaligen Bundesrepublik. Promille – nicht Prozent.
Und diese Leute haben also wie Agenten die Schaltstellen der Macht besetzt? Wo denn genau? Gehen Sie in die Betriebe, in die Unternehmen. Wo sitzen da „Alt-68er“ im Vorstand oder der Geschäftsleitung? Gehen Sie in die Redaktionen. Wo sind die linken Strippenzieher? Wo sind sie in den Regierungsparteien? Dieses Land hatte nie einen linken Mainstream. Deutschland war schon immer konservativ und hat sich nur ein einziges Mal mit Willy Brandt einen Regierungschef geleistet, der ansatzweise links war. Und das ist über vierzig Jahre her. Kommen Sie mir bitte nicht mit Schmidt oder Schröder. Konservative reinsten Wassers. Selbst die wenigen Menschen, die tatsächlich aus dem trojanischen Pferd geklettert sind, wie zum Beispiel Joschka Fischer, waren Konservative. Manche landeten sogar im RTL-Dschungelcamp wie Rainer Langhans.
Soviel zu einem alten Ammenmärchen, das ich inzwischen nicht mehr hören kann. Jedes Mal, wenn diese alten Leier wieder aufgelegt werde, denke ich über den Autor: Der hat ja wohl einen Riss im Plätzchen!
P.S.: Es ist mir zu einfach, für die Mut- und Ideenlosigkeit der aktuellen Politik immer wieder die „68er“ verantwortlich zu machen. An der Macht ist die Generation, die in den siebziger Jahren erwachsen geworden ist. Sie musste nicht mehr kämpfen, die Avantgarde der „68er“ hatte ihr die Türen geöffnet. In den sechziger Jahren wurde man für lange Haare noch auf offener Straße beschimpft, in meiner Jugend hatten selbst brave Bürgersöhne im Latein-Leistungskurs lange Haare und es störte niemanden mehr. Die heutigen Machthaber in Wirtschaft und Politik mussten nicht aktiv werden oder riskante Positionen beziehen, sie sind auf einer Rolltreppe nach oben gefahren. Dort sind sie jetzt. Und sie sind nicht mehr als mittelmäßige Verwalter geworden.
The Platters - Smoke Gets In Your Eyes. https://www.youtube.com/watch?v=H2di83WAOhU

Donnerstag, 14. Juli 2016

Da lacht der Polizeistaatsbürger

„Legal – Illegal – Scheißegal“ (Spontispruch, inzwischen tragendes Element des Parteiprogramms der CDU Berlin)
Was haben wir gelacht. Tausende von Polizisten in der Rigaer Straße in Berlin. „Sicherheitszone“. Die Bewohner dürfen ihre Wohnungen in diesem Teil Berlins nur nach Ausweiskontrolle betreten, Besucher dürfen sie nicht empfangen. DDR nix dagegen. Pjöngjang schickt Beobachter, denn es geht hier um Menschenrechtsverletzungen. Und das alles nur, weil ein Szenetreffpunkt im Erdgeschoss der Hausnummer 94 geräumt werden soll. Hinterher stellt sich heraus – Achtung! Jetzt kommt’s -, dass die Polizei weder einen Räumungstitel vorzuweisen hatte, noch ein Gerichtsvollzieher anwesend war. Im Klartext: die Aktion war ein glatter Rechtsbruch. Chapeau, „Dr. Strangelove“ Henkel. Weiter so!
Aber von der Sache haben ja beide Seiten was. Der CDU-Chef kann sich im Wahlkampf als Law & Order-Mann profilieren und die systemunfreundliche Jugend hat einen Anlass für richtig heiße Semesterferien mit Bambule, Randale und Feuerwerk. Angespornt durch die Väter und Großväter der Revolte wie „Horst Schöppner“, der im Neuen Deutschland am 24. Mai diesen Jahres die Antifa zur Gewalt aufgerufen hat. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich ein alter Freund von mir, der es inzwischen zum erfolgreichen Geschäftsmann gebracht hat. Ich habe sein Buch „Antifa heißt Angriff“ vor der Veröffentlichung gegengelesen und mit ihm durchgesprochen. Natürlich haben wir dabei etliche Schoppen getrunken, daher auch „Schöppner“. Wir werden sehen, ob diese Saat – mit der gnädigen Mithilfe eines völlig durchgeknallten Innensenators in Berlin – in den nächsten Wochen aufgeht.
P.S.: Für Politiker wie Henkel, die natürlich nie zurücktreten wollen, gibt es im Englischen den schönen Begriff „tacky“, das bedeutet: geschmacklos, protzig, unverschämt, klebrig, billig, schäbig.

Blogstuff 55

„Es wird der Tag kommen, da klingeln zwei ältere Herren an meiner Tür, und sie werden sagen: ‚Guten Tag, wir sind die Zeugen Darwins, wir möchten mit Ihnen über Evolution sprechen‘.“ (Andy Bonetti: Die Zukunft und andere Abenteuer)
Salvadore Bonetti, der Urgroßonkel von Andy Bonetti hatte sein Leben der heroischen Konsequenz gewidmet. 1919 war er Mitglied der Räteregierung in Bad Nauheim, 1936 ging er nach Spanien, um im Bürgerkrieg gegen die Faschisten zu kämpfen. Er war einfach aus dem Haus gestürmt, auf der Staffelei hatte er ein unvollendetes Bild hinterlassen … - achtzig Jahre ist das jetzt her.
Aus gewöhnlich gut informierten Greisen erfahre ich, dass nach den Schreckensbildern auf Zigarettenschachteln demnächst Vorher/Nachher-Bilder von Andy Bonetti auf Ginflaschen platziert werden. Außerdem will man Johnny Malta in Badehosen auf Pralinenschachteln präsentieren!
Diesen Ausdruck kann es nur in Amerika geben: „trigger-happy“. Das heißt, dass jemandem der Finger locker am Abzug der Schusswaffe sitzt. „Schießwütig“ wäre der passende Ausdruck im Deutschen.
Ich leide unter postmortaler Depression …
Eine Flasche Wilthener Goldkrone kostet 5,29. Damit kann man sich ins Koma saufen. Fernsehen und Internet zahlt notfalls das Job-Center. Pornographie und Unterhaltung waren noch nie so billig wie jetzt. Das Volk hat alles, was es braucht. Also lasst die Regierung in Ruhe Politik machen!
In der Ingelheimer Metzgerei Stephan bezeichnet sich der Chef in der Werbung als „Fleischsommelier“. Das Fachgeschäft ist „Fleischwurst-Pokalsieger“ 2012 und 2013 (kein Witz!).
Dieses Volk von Steuerhinterziehern, Falschparkern und Ehebrechern macht nichts lieber, als andere mit erhobenem Zeigefinger zu belehren.
Bei einer Lesung in Dortmund-Brackel wurde Andy Bonetti im vergangenen Monat von militanten Floristen mit Disteln beworfen.
2016: Zum ersten Mal tötet ein Roboterauto einen Menschen, zum ersten Mal tötet ein Polizeiroboter einen Menschen. Werden es diese Tatsachen sein, die das Jahr später einmal zum Teil des Geschichtsunterrichts an Schulen machen?
Wenn ich Bundeskanzler wäre, würde ich die Mehrwertsteuer auf fünfzig Prozent raufsetzen. Die Leute können doch sowieso nicht mit Geld umgehen. Und mit der Mehrwertsteuer kriegt man sie alle, auch die Rentner, Kinder und Arbeitslosen, denn essen und trinken müssen sie alle. Mit dem Geld in der Staatskasse könnte man endlich die Unternehmenssteuern, die Erbschaftssteuer und die Kapitalertragssteuer auf null Prozent senken. Die Unternehmer und Banker können doch viel besser mit dem Geld umgehen! Sie schaffen Arbeitsplätze und sorgen für Investitionen. Und nebenbei könnte man auf diese Weise die Steueroasen austrocknen.
Kennen Sie die neue Bio-Küchenrolle? „Zebra Wisch & Weg“. Jetzt bei ihrem ökologisch korrekten Fairtrade-Discounter um die Ecke.
Hätten Sie’s gewusst? Eine welke Nelke ist das Symbol der SPD, eine schwarze Warze ist das Symbol der CDU. Eine Sonnenblume aus purem Gold ist das Symbol der Grünen und ein zahnloser Löwe steht für die CSU.
Früher bekamen Knechte und Mägde, Kammerzofen und Hausdiener als Lohn für ihre Arbeit Kost und Logis, dazu ein kleines Taschengeld. Inzwischen haben die Herren das Gesinde vom Hof gejagt, der Lohn ist aber der gleiche. Man nennt ihn heute Hartz IV.
In meiner Straße ziehen neue Leute in ein Haus. Eine amerikanische Familie aus Hawaii. Was für ein Ortswechsel: von Honolulu nach Schweppenhausen!
Prince - Pop Life. https://www.youtube.com/watch?v=A3fHJIR0Tb4
P.S.: Heute ist der Jahrestag der französischen Revolution. Der aktuelle „sozialistische“ (*proust* *giggel*) Sonnenkönig beschäftigt für sein schütteres Haupthaar einen eigenen Friseur für knapp zehntausend Euro im Monat. Im Unterschied zu seinen aristokratischen Vorgängern gibt es in seinem Palast 924 Hofnarren (das Parlament, d.h. Nationalversammlung und Senat).

Mittwoch, 13. Juli 2016

Eine Szene, die es nie in einen Roman schaffen wird

A: Hallo. Spreche ich mit dem Zimmerservice?
B: Hier ist der Zimmerservice. Mit welcher Nummer spreche ich?
A: Nummer? Ich habe keine Nummer, nur einen Namen. Stoffel Schnodderkopp. Aber meine Freunde nennen mich Moonface.
B: Ich glaube nicht, dass wir Freunde werden, solange ich nicht Ihre Zimmernummer bekomme.
A: Ach so. 412.
B: Gut. 412. Schreit in den Hintergrund: Kann jemand die verdammten Bohnen vom Herd nehmen?! Ich muss hier telefonieren, verfluchte Scheiße! Wieder zu A: Okay, was kann ich für Sie tun?
A: Ich hätte gerne eine große Portion Schwurps mit Gurgel. Vom freilaufenden Tapir.
B: Sonst noch was?
A: Ja. Können Sie mir das Essen in einem gebrauchten Spind der Ringermannschaft von Südkorea bringen?
B: Kein Problem. Wollen Sie auch was trinken?
A: Ja. Eine Bloody Mary aus Dodosaft. Mit Eiswürfeln, die aus den Tränen unglücklicher dänischer Prinzessinnen gemacht wurden. Bitte mit einem Schirmchen.
B: SONST NOCH WAS !?!
A: Nein.
B: Lecken Sie mich am Arsch! Legt auf.

Sollte die University of Northern Texas auf Kaffeetassen Werbung machen?


Unter Zombies 3 - Aus dem Tagebuch der Menschheit

„They lie about marijuana. Tell you pot-smoking makes you unmotivated. Lie! When you're high, you can do everything you normally do just as well – you just realize that it's not worth the fucking effort. There is a difference.” (Bill Hicks)
Bananendiktatur Deutschland: Kaisertreue Monarchisten, Militaristen und Nazis träumten lange von einem deutschen Reich in Afrika. „Deutsch-Mittelafrika“ sollte schon nach den Plänen von 1914 den ganzen Kontinent ohne die nordafrikanischen Länder und Südafrika umfassen. Auch Hitler träumte von der Reichsflagge über Timbuktu. Madagaskar war für einen zukünftigen „Judenstaat“ reserviert. Afrika sollte das deutsche Indien werden (das damals das Kronjuwel des britischen Empires war). Erst nach den Niederlagen des Afrikakorps vor El-Alamein (November 1942) und der Sechsten Armee in Stalingrad (Januar 1943) wurden die Pläne aufgegeben.
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Mittelafrika
Bankenherrschaft – wie es begann: Das Finanzinstitut Banco di San Giorgio (Bank des Heiligen Georg) wurde 1407 in Genua gegründet und ist eines der ältesten der ganzen Welt. Im 15. Jahrhundert wurde der Bank die Herrschaft über die Insel Korsika und die Halbinsel Krim übertragen, die sie allerdings bald wieder verlor. Hier hatten Kolumbus und der deutsche Kaiser Karl V. ihre Konten, letzterer hatte hohe Schulden. 1805 wurde der Laden von Napoleon dicht gemacht.
Barschels erster Streich: Der CDU-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, der später in rätselhaftem Rahmen (Badewanne, Genf) seinem Leben ein Ende gesetzt hat, begann sein politisches Leben mit einer bizarren Einladung. Es war ihm in seiner Funktion als Schülersprecher gelungen, Karl Dönitz, den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und letzten Reichspräsidenten des Dritten Reichs, zu einem öffentlichen Auftritt an seiner Schule zu gewinnen. Am 22. Januar 1963 referierte der in den Nürnberger Prozessen verurteilte Kriegsverbrecher vor den Klassen 9 bis 13 im Otto-Hahn-Gymnasium in Geesthacht zum Thema „Drittes Reich“. Erst als die nationale und internationale Presse den Fall aufgriff, sprach ein Regierungsrat des Kultusministeriums mit dem Schulleiter, der sich daraufhin noch am selben Tag in der Elbe ertränkte. Dönitz starb 1980 als letzter deutscher Offizier im Feldmarschallsrang, 5000 Menschen kamen zu seiner Beerdigung, darunter der Kommandant von Hitlers Führerbunker und zahlreiche Neonazis.
Klaus Nomi – Death. https://www.youtube.com/watch?v=XiMavQgfCX8

Dienstag, 12. Juli 2016

Unter Zombies 2

„Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.“ (Franz Kafka: Der Prozess)
Es war einer dieser lichtlosen Wintertage, als ich am frühen Morgen ins Büro kam. Die letzten Tage hatte ich auf einer Dienstreise in Osnabrück verbracht und ich wollte die Reisekostenabrechnung für die Buchhaltung fertig haben, bevor ich meinem Abteilungsleiter Bericht erstatten musste.
Ich blickte die dunkle Fassade empor und sah, dass im Büro nebenan schon Licht brannte. Das musste Korndörfer sein, mein Kollege. Als ich auf dem Flur stand, dachte ich mir, ich sollte doch mal kurz Hallo zu ihm sagen. Ich klopfte an seine Tür und öffnete, ohne eine Antwort abzuwarten.
Korndörfer saß im Halbdunkel an seinem Schreibtisch. Rund um seinen Computer das übliche Chaos. Das Licht war gar nicht an. Hatte ich mich getäuscht?
„Hallo, Sebastian“, begrüßte ich ihn. „Was machst du denn schon so früh im Büro?“
„Viel zu tun“, krächzte er mit schwacher, hohler Stimme.
„Geht mir auch so“, sagt ich mit einer Mischung aus Verständnis und Resignation. „Wie war deine Dienstreise?“
„Frag nicht“, sagte er leise und schüttelte den Kopf.
Ich ging in mein Büro und begann, Formulare auszufüllen und Quittungen zu sortieren. Kurz vor neun machte ich mich auf den Weg zum Chef und schaute noch mal bei Korndörfer rein.
„Ich geh zum Chef. Willst du auch gleich Bericht erstatten?“
Er schüttelte nur den Kopf.
Das Licht war jetzt etwas besser. Sein Gesicht wirkte grau und eingefallen, er sah aus wie eine Mumie.
„Geht’s dir gut?“ fragte ich besorgt.
„Sicher“, hauchte er kraftlos und beugte sich wieder über seine Papiere.
In der Mittagspause sah ich ihn nicht in der Kantine. Mölders berichtete mir gutgelaunt den Büroklatsch, den ich verpasst hatte.
„Korndörfer ist vor drei Tagen gestorben. Ganz überraschend. Der Chef sucht schon nach Ersatz.“
„Aber ich habe ihn doch vorhin noch gesehen“, antwortete ich überrascht.
„Da musst du dich getäuscht haben. Morgen ist die Beerdigung. Das Büro steht leer.“
„Bist du sicher?“ fragte ich ihn.
Alle am Tisch lachten. „Unser Frankyboy sieht schon Gespenster.“
Nach dem Essen ging ich wieder zu Korndörfer ins Büro.
Er schien sich in Schatten aufzulösen, ich erkannte kaum seine Gesichtszüge.
„Mensch, Sebastian“, sagte ich zu ihm. „In der Kantine erzählen sie üble Geschichten über dich.“
Er verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. Jedenfalls glaubte ich das. Ich stand an der Tür und sah in die Finsternis dieser Grotte. Heute würde es nicht mehr hell werden, so viel stand fest. Erst jetzt bemerkte ich, dass Korndörfer seinen Computer nicht eingeschaltet hatte.
„Bis später“, sagte ich zum Abschied.
Ich hörte nur ein gruseliges Seufzen. Mir wurde kalt.
Am nächsten Tag waren wir alle auf seiner Beerdigung.
Baaba Maal & Mansour Seck - Muudo Hormo. https://www.youtube.com/watch?v=15LSAGdHOv8

Montag, 11. Juli 2016

Unter Zombies 1

„Da steht man in der Mittagspause im Anzug mit einer Flasche Gin im Schnapsladen und fragt sich, ob der Penner neben einem glücklicher ist.“ (Horst Hutzel)
Ich kann keine Geschichte über sie erzählen, ich kann sie nur beschreiben. Wäre ich ein Maler, würde ich eine Skizze anfertigen, während sie mir gegenüber sitzt und spricht.
Sie ist weit über fünfzig, dünn und braungebrannt. Es ist das Braun eines alten Ledersattels und sie verdankt ihre Gesichtsfarbe nicht der Sonne. Ihre dunkelblauen Augen liegen in tiefen Höhlen und ihre Zähne leuchten im Kontrast zu ihrer Haut unnatürlich weiß. Sie trägt einen Morgenmantel aus dunkelroter Seide und zierliche Pantoffeln.
Ihr Mann ist Rechtsanwalt, aber die Praxis ist im Niedergang begriffen. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft. Sorgen, ob sie den Lebensstil noch halten können. Die Putzfrau, die Reisen, die Restaurantbesuche.
Jetzt sitzt sie vor mir, in einem Sessel, und hält ein Glas Champagner in ihrer Hand. In der anderen Hand glimmt eine Zigarette. Sie fragt sich ernsthaft, ob ihr einmal Altersarmut drohen wird. Und ich höre ihrem traurigen Monolog zu.
Sie lebt mit ihrem Mann in einer Stadtvilla aus dem 19. Jahrhundert, die von alten Bäumen umstanden ist. Er bewohnt das untere Stockwerk, sie bewohnt das obere Stockwerk. Im mittleren Stockwerk sind die Küche, das Wohnzimmer und das Esszimmer.
Sie ist ein Zierfisch, eine Orchidee auf der Fensterbank. Voller Selbstmitleid, voller Erinnerungen an bessere Zeiten. Sie wollte nie Kinder haben und sie hatte nie Kinder. Sie wollte nie arbeiten und sie hat nie gearbeitet. Mit fünfundzwanzig saß sie in einem Zugabteil erster Klasse und draußen rauschte das Leben vorbei.
Die Szene ist Realsatire. Man müsste nichts tun, nur die Kamera einschalten. Loriot wäre begeistert gewesen. Oder Gerhard Polt. Man kann es nicht besser machen: Die braungebrannte Gattin des Rechtsanwalts, die mit einem Glas Champagner in der Hand in ihrer Villa in Wiesbaden über Altersarmut spricht.
Es ist keine Geschichte, es ist nur eine Miniatur. Das deutsche Bürgertum in der Abenddämmerung der Dekadenz.
The Rolling Stones - Paint It Black. https://www.youtube.com/watch?v=O4irXQhgMqg

Sonntag, 10. Juli 2016

Blogstuff 54

„Wie konnte er in der Tat hoffen, sich selbst zu finden, neu anzufangen, wenn irgendwo vielleicht in einer dieser verlorenen oder zerbrochenen Flaschen, in einem dieser Gläser für immer der einzige Schlüssel zu seiner Identität lag?“ (Malcolm Lowry: Unter dem Vulkan)
Wenn ich in Berlin bin, stelle ich mich immer in den Windfang vom „Borchardt’s“ und warte, bis eine schöne Frau vorbei kommt. Dann schieße ich hervor, als käme ich gerade aus dem Nobelrestaurant und rede in mein Handy: „Die Presse darf nichts davon erfahren. Du kannst mit der Story erst an die Öffentlichkeit gehen, wenn ich aus New York zurück bin.“ Leider ist noch keine Frau auf die Nummer reingefallen. Vielleicht liegt es an meinen Jogginghosen?
Es gibt so unglaublich viel Scheißdreck, den die Welt nicht braucht. Aber warum wird nicht mal ein Zwergrasen entwickelt, der nicht höher als ein gemähter Rasen wächst? Kommt schon, ihr Genforscher! Das muss drin sein für meinen Steuergroschen, den ich im Schweiße meiner Bemühungen am Rasenmäher erwirtschafte (Anschaffung, Benzin, vierteljährliche Inspektion in der Werkstatt).
Die Möbelmanufaktur Bonetti verkauft jetzt kaputte Kühlschranke als Plattenregale an Hipster. Läuft.
„Wer wissen will, wie langweilige dicke Frauen um die sechzig in jungen Jahren aussehen, muss nach Gau-Algesheim kommen.“ Diesen Satz fand ich in meinem Notizbuch. Was mich da wohl geritten hat?
Kann unsere anthropoide Bundeskanzlerin eigentlich noch merkelhafter oder angelesker werden?
Es war, als wäre beim Abitur ein Deckel weggeflogen und eine Explosion hätte den ganzen Jahrgang in alle Welt verteilt. Und so kenne ich heute einen Rockgitarristen in Los Angeles und eine Professorengattin in Sydney.
Alles ist ja heutzutage kompliziert und voller Fachchinesisch. Folgender Leserbrief erreichte mich letztens aus dem Elternschlafzimmer: „Neuerdings hört man ja immer wieder von sogenannten Erektionen. Was ist das eigentlich genau? Vulkanausbrüche? Bisher genügte uns auch ein gepflegter Halbsteifer am Sonntagmorgen. Und wo genau befindet sich die Vulva?“
„Stage Diving“ nennt man den Sprung in die Menge. Die wenigsten wissen, dass Andy Bonetti bei einem solchen Sprung anlässlich einer Lesung in Merseburg eine alte Frau schwer verletzt hat.
Du bist Hooligan? Du suchst Gleichgesinnte und das nächste Opfer? Dann geh auf die Seite von vermoebel.de! Komm zum Testsieger!
Stichwort Abitur: Ich stelle immer wieder fest, dass junge Menschen Bildungsabschlüsse haben, aber nicht gebildet sind. Sie kennen Vichy beispielsweise als Pflegeserie, aber nicht als politisches Regime. Darüber werde ich ein Heiko schreiben.
Es gibt einen dunklen Fleck auf Andy Bonettis ansonsten blütenweißer Weste: Als junger Mann hat er versucht, in einem Möbelhaus eine Wohnzimmerschrankwand Eiche rustikal zu stehlen und wurde erwischt. Zur Strafe wurde er dem Gelächter der Weltöffentlichkeit preisgegeben.
Wie macht die SPD das nur? Sie kommt aktuell nur auf zwanzig Prozent der Wählerstimmen in Deutschland, stellt aber mit diesem Schlunz oder Schlotz den Präsidenten des EU-Parlaments. Und mit diesem Job im Rücken will der Mann auch noch Bundeskanzler oder Bundespräsident werden. Crazy!
Ich beobachte es seit Jahrzehnten, ohne es zu begreifen: Die Schizophrenie und Naivität der Menschen, die einerseits gegen den Überwachungsstaat und die Schutzmacht der Wirtschaftselite demonstrieren, aber zugleich von genau diesem Staat die Regelung der Geschlechterverhältnisse und die Lösung sozialer Probleme erwarten. Gibt es zwei Staaten? Hat der Staat zwei Gesichter? Oder aber die Leute, die im selben Augenblick staatskritisch und staatsgläubig sind? Sie gehen zur Wahl, ohne etwas zu verändern, sie gehen zu einer Demonstration, ohne etwas zu verändern. Der Staat ist Freund und Feind zur gleichen Zeit. Und so geht es ad infinitum et nauseam.
Bachman Turner Overdrive - You ain't seen nothing yet. https://www.youtube.com/watch?v=AH6H7mSvsvg

Samstag, 9. Juli 2016

Auf dem Kriegspfad

„Gröhlende Terrorpunker jagen weinende Polizisten durch die Straßen!" (Gerhard Seyfried: Flucht aus Berlin)
Möglicherweise waren Politiker vor einigen Jahrzehnten klüger. Haben mal über die Gesamtsituation nachgedacht. Über die ferne Zukunft, in zehn Jahren oder so. Vielleicht haben sie nicht wie Eidechsen auf das Wetter reagiert, sondern chillten beim Bier und kamen am späten Abend auf irgendeine Idee, die sie nicht von ihrem Chef, von Twitter oder den Abendnachrichten hatten. Keine Ahnung – vielleicht liege ich auch komplett falsch.
Jedenfalls hat man in Berlin den Stadtindianern, den Menschen, die keinerlei Bock auf Anpassung und Geschleime haben, ihren Freiraum gelassen. Die Stadtindianer, ob wir sie nun Hippies oder Gammler, 68er oder Studenten, Körnerfresser oder Friedensapostel, Anarchisten oder Sozialisten nennen, hatten immer ihren Platz in der Gesellschaft. Es waren nur Reservate, die ihnen großzügig zugewiesen wurden. Nicht viel, ein paar Kulturzentren, selbstbestimmte Projekte mit Senatszuschüssen, selbstverwaltete Häuser. Im Grunde genommen sogar sehr wenig. Aber man hat ihnen ihre Würde gelassen.
Der Berliner Senat, das sehen wir derzeit in der Rigaer Straße 94, das sahen wir in der Liebigstraße 14, wirft diese kluge Strategie der Befriedung der Stadtindianer über Bord. Und muss sich darum nicht wundern, dass die Indianer in diesem Sommer das Kriegsbeil ausgegraben haben und auf dem Kriegspfad sind. Frühere Regierungen in Berlin waren schlauer. Die doofen Flughafenbauer um Müller-Hohlschlumpf müssen es noch lernen.
In Berlin wird es immer Indianer geben, es ist das größte Indianerreservat der Republik. Wer sie vertreiben oder gar ausrotten will, sollte an General Custers Niederlage am Little Bighorn denken.
Und das sind die Fakten:
Sozialromantisch bewegte junge Menschen und ein ehemals besetztes Haus in Berlin („Autonome“), ein Briefkastenfirma auf den Virgin Islands als Besitzer der Immobilie, dessen Erdgeschoss - bisher eine illegale Kneipe der „Szene“ – vermietet werden soll („Heuschrecke“), ein CDU-Innensenator, der sich im aktuellen Wahlkampf als harter Hund profilieren möchte und Tausende von Polizisten in Bewegung setzt („Schweinesystem“), Medien, die nach EM und Brexit das Sommerloch fürchten und die Story begierig aufgreifen („Schreibknechte des Konzernkapitalismus“) – fertig ist die Mischung für einen heißen Juli in der Hauptstadt.
Joy Division – She’s Lost Control. https://www.youtube.com/watch?v=ZGMDBppWBOo
https://web.archive.org/web/20160709132059/https://linksunten.indymedia.org/de/node/184560

Neues aus der Redaktion

„Man kann nicht sagen, dass ihre Zeitung lügt; sie verhindert nur dreimal täglich die Aufklärung.“ (Max Frisch 1969 über die NZZ und ihre Macher)
„Viele halten Journalisten für eine schäbige Truppe, für Maulhelden, für solche, die bei jeder Gelegenheit das Gleichgewicht verlieren. Solche Typen haben das Genre zerstört. Das heißt aber nicht, dass dieses Genre chancenlos wäre.“ (Hanns-Josef Ortheil: Agenten, 1989)
Die Redaktion von „Kiezschreiber.com“ befindet sich in einer Lagerhalle an den Docks von Bad Nauheim. Das heruntergekommene Gebäude gehörte früher der hessischen Marine. Inzwischen ist der Hafen völlig versandet, das Elend zieht sie kilometerweit und es haben sich im Schlick hässliche Orte wie Hannover und Emden gebildet. Der letzte hessische Marineminister Timo Schnotz, CDU, hat neulich Selbstmord begangen.
In der riesigen Halle stehen sogenannte Dilbert-Boxen, in denen die Redakteure hausen. Johnny Malta leitet die Kultur-Redaktion, Heinz Pralinski ist für den Sport zuständig. Er ist gerade in Frankreich, um über die Fußball-EM eine brandheiße Inside-Story zu machen. Es geht angeblich um Kokain oder Fußpilz.

Mittagspause in der Redaktion. Es werden Panini-Sammelbildchen getauscht (Serie: Espressonismus). „Ich habe Franz Marc doppelt.“
Einmal am Tag kommt der Meister himself in die Redaktion. Er fährt auf einem kleinen Elektrowägelchen, auf das ein Thron mit Baldachin montiert wurde, langsam durch die Halle und ruft Themen und Ideen in die Boxen der Redakteure. Angeblich hält er sich im Keller der Villa Bonetti ein Monster in Ketten, das ihm noch Geld schuldet. Von diesem Monster kommen die ganzen bizarren Ideen wie „Eike, der kleine Eierbecher“.
Der nächste Scoop: „Käpt’n Iglu und der tödliche Ninja-Seestern kurz vor Borkum“.
Direkt neben den Boxen stehen riesige Rotationspressen, auf denen die Texte gedruckt werden. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm, aber völlige Stille ist für den Journalismus gar nicht gut. Hinter den Druckmaschinen sitzen die Praktikanten, die die frisch gedruckten Texte abschreiben und online stellen. Sie werden täglich mit Schlachtabfällen gefüttert.
Werbung: „Risco Tanner – Tod im Sonderangebot". Rätselhafte Mordserie im Discounter-Milieu. Der neue Risco Tanner! Jetzt in Ihrem Bahnhofskiosk.
Ich werde immer wieder gefragt, wie viele Leute bei „Kiezschreiber.com“ arbeiten. Antwort: Es sind etwa zwanzig. Einstellungsvoraussetzung: Erfahrung in Berufen mit einer Bezahlung von weniger als zehn Euro die Stunde, mindestens vier Wochen Aufenthalt in der Psychiatrie oder im Knast, ein veröffentlichter Roman mit unterirdischen Verkaufszahlen. Ganz schlecht sieht es für Absolventen von Journalistik- oder Publizistikstudiengängen, Germanisten oder Wirtschaftswissenschaftler aus. Bitte nicht mehr bewerben!
Die Leser fragen auch gerne, ob in der Redaktion Musik läuft, da doch täglich brandheiße Hits verlinkt werden (vorwiegend aus der Jugend des Meisters: „The golden Age of Brusthaar“). Die Antwort lautet: Nein. An der Wand hängt ein Plakat mit dem alten hessischen Sprichwort „Kinner, seid ruhisch, de Vadder muss sein Nome schreibe“. Den permanenten Lärm der Maschinen hören die langjährigen Redakteure schon lange nicht mehr …
Das Redaktionsmaskottchen heißt Renate und ist ein Opossum. Texte, die von Renate angeknabbert werden, landen automatisch auf der ersten Seite.
J.J. Cale – Cocaine. https://www.youtube.com/watch?v=KWmD_HcOcfU

Bonetti ist jeden Tag inkognito auf der Suche nach neuen Geschichten.

Freitag, 8. Juli 2016

Udo Blei

„Es ist eine üble Ausgeburt von Tag, die ihre ganzen Kräfte bündelt.“ (Kiezneurotiker)
Er steckte zwar nicht bis zum Hals in der Scheiße, aber bis zum Hals in dieser grauenhaften dunkelgrauen Bürouniform. Er lief die Schönhauser Allee hinunter. Es war Mittagszeit, der Bürgersteig war voller Menschen. Touristen, Studenten, Mütter – Menschen mit Zeit. Aber er hatte nur fünfundvierzig Minuten Mittagspause, also war er auf dem Weg zum „Lamponi“, einem Italiener, der ein Lunchangebot hatte: „Menü mit zwei Gängen, Softdrink, Espresso für neun Euro. Wir servieren das Essen in weniger als fünfzehn Minuten. Garantiert!“
Er wusste nicht, dass seine Frau gerade in diesem Augenblick an ihn dachte. „Er sieht in letzter Zeit nicht gut aus. Ich sehe es doch: Er macht sich Sorgen. Ich kann es spüren. Er ist abends immer so unkonzentriert. Diese Umstrukturierung in seiner Firma macht ihm zu schaffen. Wenn seine Abteilung mit einer anderen Abteilung zusammengelegt wird, werden sicher Köpfe rollen. Sonst würden sie es ja nicht machen, wenn man nicht irgendwo sparen könnte. Ständig schicken sie ihn auf Dienstreisen, während sich die Kollegen beim Chef beliebt machen können.“
Ein Obdachloser, der vor einem Supermarkt saß, sah ihn an und dachte: „Der feine Pinkel. Der hat’s eilig. Der hat zu tun. Hör mir doch auf. Der sieht so ernst aus, dabei müsste er lachen. Er hat die Taschen voller Geld. Der Mann hat keine Sorgen. Der kann sich kaufen, was er will. Wenn er eine Flasche Schnaps will, geht er einfach in den Laden und kauft sich eine. Diese Typen gehen jeden Tag ins Restaurant und zu Hause wartet eine Frau auf sie. Schicke Wohnung. Der sieht nicht so aus, als ob er Miete zahlen müsste. Aber Leute wie mich guckt der nicht mal mit dem Arsch an.“
Boris, ein alter Schulfreund von Udo Blei, dachte auch gerade an ihn: „Mensch, seit der Kerl Familie hat, sehe ich ihn kaum noch. Vielleicht hat er am Wochenende ja Lust, mal ein bisschen um die Häuser zu ziehen? Ute wird es nichts ausmachen, die lädt sich ein paar Freundinnen ein. Mädelsabend, Schampus. Die ist froh, wenn sie mich nicht sieht. Sie hat doch sowieso nur noch Augen für unser Baby. Im Königreich Lea gibt es weder Tag noch Nacht, keine Demokratie, keine Vierzig-Stunden-Woche, keine Pausen. Außerdem habe ich hier in der Kanzlei so viel um die Ohren … - wir besaufen uns bis zum Pupillenstillstand. Ziehen uns nachts eine Currywurst rein – das letzte Bier auf einer Parkbank im Tiergarten, wie früher!“
Eine Rentnerin sah Blei, wie er ein Restaurant betrat. „Ja, die jungen Leute“, dachte sie. „Die denken nicht an morgen, die wissen gar nicht wie das ist, wenn man alt wird. Mein Mann hat früher seine Stullen und seine Thermoskanne mit auf die Arbeit genommen, aber heutzutage sind die Leute ja zu faul, sich selbst ein Brot zu schmieren. Da kaufen sie die teuren belegten Brötchen beim Bäcker und Kaffee für fünf Euro. Für das Geld bekomme ich ein ganzes Brot und ein Pfund Kaffee. Aber so denken die nicht. Die denken nicht an später. Unsereins muss sehen, wie man über die Runden kommt. Wir haben noch gelernt, wie man mit dem Geld umgehen muss. Nach dem Krieg hatten wir ja nichts.“
Die Praktikantin dachte an ihren Ausbilder, während sie die Kostenvoranschläge für das Meeting am Nachmittag kopierte. „Der Udo ist ein netter Kerl. Schade, dass er verheiratet ist. Hat mich gleich vor dem Schwein in der Buchhaltung gewarnt, der hinter allem her ist, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Hat mich nach einer Woche von der Zicke im Abteilungssekretariat und diesem Wichtigkeitskasper von Chef abgezogen. Da wäre ich ja wahnsinnig geworden! Mit Udo kann man reden. Der interessiert sich auch nicht für Fußball, Börse oder den anderen Männerscheiß. Mit dem würde ich gerne mal abends einen trinken gehen. Aber ich kann ihn natürlich nicht darauf anquatschen. Vielleicht kommt er ja von selber drauf?“
Der albanische Wirt des Lokals sah ihn durch die Tür kommen. „Dienstag“, dachte er. „Und natürlich kommt dieser Bürohengst pünktlich um zwölf Uhr zehn durch die Tür, nimmt wie immer die Tagessuppe, das Tagesgericht und ein stilles Wasser. Jeden Dienstag das gleiche Ritual. Wird sich sein Leben je ändern? Wird sich mein Leben je ändern? Er ist in einem Tunnel, der abwesende Blick. Nichts in meinem Lokal interessiert ihn wirklich. Ob er weiß, dass Lamponi das italienische Wort für Himbeeren ist?“
Sein Sohn saß auf dem Boden des Spielzimmers in der Waldorf-Kita. „Heute Abend kommt Papa heim und dann spielen wir Lego. Das hat er versprochen. Mein Papa ist ganz wichtig. Der muss viele Reisen machen. Und an meinem Geburtstag bekomme ich endlich das Fahrrad. Ein rotes Fahrrad.“
„Dieser Blei“, dachte sein Vorgesetzter, als er am Schreibtisch das Sandwich auspackte, das ihm seine Sekretärin im Feinkostladen geholt hatte. „Was mache ich mit diesem Blei? Der Mann ist gut. Sicher. Aber das sind sie alle. Keine Fehlzeiten. Keine Beschwerden von den Kunden. Und Gerhardt kann ich nicht feuern, das ist der Cousin der Vorstandsassistentin. Das fällt negativ auf mich zurück. Blei ist noch keine vierzig. Der wird es schaffen, wenn ich ihn entlasse. Der findet schon wieder was. Arbeitslosigkeit ist doch gar kein Problem heutzutage. Ich sage nur Fachkräftemangel. Liest man immer wieder. Ich werde Blei feuern. Aber ich sage es ihm erst am Freitag.“
John Watts - Interference. https://www.youtube.com/watch?v=gtKwbv6_5Wo

Donnerstag, 7. Juli 2016

Wer kümmert sich um die Verlierer?

"Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu verändern! Wie herrlich ist es, dass jeder, klein oder groß, direkt seinen Teil dazu beitragen kann, um Gerechtigkeit zu bringen und zu geben!" (Anne Frank)
Jede Veränderung produziert unweigerlich Gewinner und Verlierer. Es können nicht alle gewinnen. Ob es ein Brettspiel mit den Kindern, eine Fußballmeisterschaft, ein Architekturwettbewerb oder eine Bundestagswahl ist. Und natürlich ist es mit der Globalisierung nicht anders. Ganze Volkswirtschaften und ihre Beschäftigten konkurrieren auf demselben Markt. Wir können die Waschmaschine nur einmal kaufen – entweder die billige aus China, die bald wieder kaputt sein wird, oder die teure aus Deutschland, die länger halten wird. Die Summe unserer Entscheidungen spaltet die Welt in Gewinner und Verlierer.
Das ist banal. Das wissen wir. Das wird sich niemals ändern. Als Konsumenten profitieren wir auf kurze Sicht von diesem Wettbewerb, auf lange Sicht schaden wir uns, indem wir unsere ökologische Lebensgrundlage zerstören. Als Produzenten profitiert eine Mehrheit der Menschen, Wohlstand entsteht auf bescheidenem Niveau in der früheren „Dritten Welt“, auf perversem Niveau in der globalen Oberschicht. Wissen wir auch alles. Was wir nicht wissen: Wer kümmert sich um die Verlierer? Wer vertritt politisch die Interessen der Menschen, die im Strudel der Modernisierung und Digitalisierung untergegangen sind?

Aus deutscher Perspektive fallen die CDU/CSU, die FDP und die Grünen schon mal weg. Sie vertreten die Interessen der Mittel- und Oberschicht. Die SPD war in ferner Vergangenheit einmal die „Partei des kleinen Mannes“, bis der „Genosse der Bosse“ Gerhard Schröder die „Neue Mitte“ erfand, die es zu umwerben galt, die „Leistungsträger“, vulgo: die Mittelschicht. Bleiben noch die auf Ostdeutschland begrenzten „Linken“, die angeblich die Interessen der Armen vertreten, aber immer dort, wo sie an der Macht waren und sind (Berlin 2001-2011, Thüringen aktuell), in der Praxis diesen Willen nicht erkennen lassen.
Niemand vertritt also ernsthaft die Interessen von Millionen Modernisierungsverlierern. Warum ist das so? Erstens ist diese Gruppe eine Minderheit in der Gesellschaft, die sich zudem durch Resignation in Form geringer Wahlbeteiligung auszeichnet. Zweitens hat niemand Lust, mit den Verlierern identifiziert zu werden. Wer hat schon gerne mit Verlierern zu tun? Welcher Kanzlerkandidat lässt sich mit einer afrikanischen Rollstuhlfahrerin ablichten, wenn er auch ein blütenweißes Baby in die Kamera halten kann? Wer interessiert sich für die polnische Altenpflegerin, die im Bus an uns vorüber rollt, wenn er den smarten Bankangestellten am Infostand vor der Biomarkt vollquatschen kann?
Niemand mag Verlierer. Sie sind oft schlecht gelaunt, riechen nicht nach Jil Sander und haben Probleme. Krankheiten und Sorgen. Defizite und Bedürfnisse. Ihre Kinder gehen den Kindern der Mittel- und Oberschicht in der Schule auf den Nerv. Wir erhöhen extra die Mieten, um sie aus den Innenstädten zu verbannen. Wer hätte ein Interesse, diese Menschen wieder sichtbar zu machen? Sie sind Ladenhüter, menschliche Ausschussware auf dem Arbeitsmarkt, kurz: sie sind der Ramsch im Ein-Euro-Laden unserer Gesellschaft. Es ist uns unangenehm, ihnen zu begegnen. Als Obdachloser, als Hartz IV-Empfängerin, als Behinderter, als alleinerziehende Mutter, als Drogenabhängiger, als chronisch kranke Frührentnerin.
Niemand möchte etwas mit diesen Menschen zu tun haben und natürlich auch kein Politiker, dem etwas an seiner Karriere gelegen ist. Wir alle himmeln die Sieger an, weil wir auch Sieger sein wollen. Denen dort unten, die wir kaum wahrnehmen können, bleibt also nur, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – ohne Parteien, ohne Presse, ohne Wahlen und Kampagnen.
Matt Bianco - Whose side are you on? https://www.youtube.com/watch?v=BU4H87kjl90

Mittwoch, 6. Juli 2016

Blogstuff 53

„Ich glaube nicht an Heilslehren und Einseitigkeiten, nicht an das Niederbrüllen von Ungläubigen und an den einen, alles entscheidenden Menschheitsfehler. Ich glaube nicht, dass alles in Wirklichkeit ganz einfach wäre, wenn man nur die Richtigen kaltstellt oder wegschafft oder fertigmacht, kastriert oder abknallt. Ich glaube auch nicht, dass ich oder irgendjemand sonst sich von einem aufgehetzten, vielfach uninformierten Mob das Maul verbieten lassen sollte.“ (Thomas Fischer)
Hätten Sie’s gewusst? Wenn ich twitter, den Internet-Telegrammdienst, nutzen würde, wo die überflüssigen Mitteilungen auf 140 Zeichen beschränkt wären, würde es die Rubrik „Blogstuff“ gar nicht geben.
„Ich habe zehn Jahre an der Maschine gearbeitet, die die Löcher in die Donuts stanzt. Ich weiß, wovon ich rede.“
Bin ich der einzige, der an Bondage denkt, wenn er Mandarinen in einem Netz sieht?
Sibylle ist so ein Name – wie Libyen -, den ich immer flasch schreibe.
Seine Fersen waren so verhornt wie bei einem Watussi-Krieger, der noch nie in seinem Leben Schuhe getragen hat.
Der Juni war in unserem Tal das, was man in Indien Monsun nennt. Hits des Monats in der Verbandsgemeinde Stromberg waren „Perfekte Welle“ von Juli, „Die Flut“ von Joachim Witt und „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel.
Endlich hälst du die Schatzkarte in den Händen, aber es ist so dunkel, dass du nichts auf ihr erkennen kannst.
Bei manchen Menschen erkennt man die Dummheit erst an ihrem Lachen.
Welche Kunstform der Urmensch wohl als erstes erfunden haben mag? Musik und Tanz? Das Erzählen von Geschichten? Die Malerei? Das Formen einer Skulptur nach dem Motto „Heute mache ich mal was anderes als einen Faustkeil“? Ich habe keine Ahnung von diesem Thema, aber ich glaube – und ein bisschen hoffe ich es auch -, dass die Kunst von Anfang an etwas mit Gemeinschaft zu tun hatte. Kein Erzähler ohne Zuhörer, kein Musiker ohne Tänzer, keine Höhlenmalerei ohne Diskussion über Inhalt und Darstellungsform. „Wie hast du den Säbelzahntiger abgeschüttelt?“ – „Können wir das Lied nochmal singen?“ – „Warum machst du den Stier nicht rot?“
Es ist doch ein Unterschied, ob mir um Mitternacht Reste von Cashewnüssen oder Reste von einem Snickers in den Zähnen hängen. Wen kann man im Notfall anrufen, um diese Frage zu klären, wenn man sich nicht mehr die Zähne putzen will?
Was ich in meiner Zeit als Wissenschaftler und Berater gelernt habe: „Prognosen“ sind Politik. Sie sollen etwas in der Gegenwart bewirken – ihre Treffsicherheit für die Zukunft interessiert niemanden. Sie gehören zu den Kurzläufern für das politische Tagesgeschäft, man sollte sie mit dem gleichen Ernst betrachten wie Wettervorhersagen für das nächste Jahr.
Frage: Wo endet bei einem Hund eigentlich die Schambehaarung und wo beginnt das Fell?
Fjord des Tages: Der Geirangerfjord in Norwegen. „Astrein.“ (Andy Bonetti)
Kommunismus aktuell: In Pjöngjang wurde die erste Videothek Nordkoreas eröffnet. Es gibt insgesamt acht Filme über Kim Il Sung auf Betamax.
Eine Kontrollgruppe von Rheinhessen, die ein Jahr lang keinen Wein bekam, hatte keinen signifikant höheren IQ.
An manchen Tagen sind mir die Menschen, die etwas für Geld machen, lieber als die Menschen, die etwas aus Überzeugung machen. Am Ende nutzt der kühl kalkulierende Windparkbetreiber doch den begeisterten Windkraftanbeter nur aus. Stoisch betrachte ich die Gier, die den Fanatismus besiegt. Aber für den Unternehmer bin ich wenigstens bedeutungslos, während mich der Umweltaktivist permanent überzeugen möchte.
The Doors - L. A. Woman. https://www.youtube.com/watch?v=WwnLt6b7YHk

OL

Dienstag, 5. Juli 2016

Das Sechs-Stufen-Modell der Problembewältigung

„Obgleich der Mensch biologisch verstanden ein Tier ist, wird von ihm herkömmlich, darunter auch in juristischen Kontexten, oft so gesprochen, als ob er keines wäre.“ (Wikipedia: Mensch)
Nach dem Modell von Dr. Madeleine Eutermann-Puffsofa gibt es sechs Stufen der individuellen Problembewältigung bei politischen Themen, die ich am Beispiel des Referendums über den Austritt Großbritanniens aus der EU („Brexit“) kurz erläutern möchte:
1. Ignoranz: Zunächst fällt man in einen Schockzustand. Man fühlt nichts, man ist wie betäubt. Es kann doch nicht wahr sein, dachte man an jenem Morgen, als man die Nachricht las. Jetzt mache ich mir erst mal einen Kaffee. Eine Melodie summen, an etwas anderes denken. Habe ich noch genug Marillenkonfitüre im Haus? La la la.
2. Panik: Das ist das Ende, denken Sie wenig später. Eins der großen Mitglieder verlässt die EU. Andere werden folgen. Die EU zerbricht, der Kontinent geht den Bach runter. Demnächst gibt es Krieg. Ich brauche mindestens eine Palette Marillenkonfitüre! Bevor den anderen die Konsequenzen klar werden, muss ich meine Hamsterkäufe machen. Sonst ist nichts mehr da, wenn ich in den Supermarkt komme!
3. Relativierung: Es wird schon nicht so schlimm werden. Die Briten müssen ja erstmal ihren Ausreiseantrag oder wie das heißt stellen. Und dann dauert es zwei Jahre, bis sie die EU wirklich verlassen. Bis dahin kann eine Menge passieren. Die Börse hat sich doch auch wieder beruhigt. Warum sollte ich in Panik geraten? Zum Glück habe ich nicht so viele Gläser Marillenkonfitüre gekauft, das Zeug wird doch auch irgendwann schlecht.
4. Akzeptanz: Dann treten die Briten eben aus der EU aus. Na und? Das ist doch nicht das Ende der Welt. Das Verhältnis zwischen den Briten und den anderen Europäern definiert sich nicht allein über die Bürokratie in Brüssel. Wenn ich nach London fliege, ändert sich ja nichts. Zum Schengen-Raum und zur Euro-Zone hat das Land schließlich nie gehört. Und wenn das Pfund ein bisschen abwertet, ist diese sündhaft teure Stadt wenigstens etwas günstiger. Die haben sicher auch ganz tolle Konfitüre dort, die sie dann ohne Auflagen aus Brüssel (Stichwort „Marillenkrümmung“) herstellen dürfen.
5. Widerspruch: Die Briten werden nie aus der EU austreten. Die Brexit-Wortführer haben alle kleinlaut ihren Rücktritt erklärt, der wahnsinnige Premierminister, der diese überflüssige Abstimmung angesetzt hat, wird demnächst ebenfalls von der politischen Bühne verschwinden. Die Entscheidung war erstens äußerst knapp und hat zweitens nur empfehlenden Charakter für die Regierung und das Parlament. Im Herbst wird eine neue Regierung gewählt. Und die wird sich vielleicht gar nicht mehr an die Entscheidung gebunden fühlen. Sie wird den Wahlkampf zu einer zweiten Abstimmung über die EU-Mitgliedschaft machen. Oder man verschleppt die Austrittsverhandlungen. Darin haben Politiker Übung.
6. Neuanfang – das nächste Thema: Nach den Sommerferien ist das Thema „Brexit“ sowieso gegessen. Dann geht es um die Wahlen in den USA. Wenn Trump Präsident wird, bricht garantiert ein Krieg aus. Das ist das Ende! Panik!! Ich brauche mehr Marillenkonfitüre. Und warum, in Gottes Namen, geht es hier die ganze Zeit um diese verdammte Marillenkonfitüre? Vielleicht sollte ich in Zukunft meine Texte nach dem Frühstück schreiben.
Eric Clapton - I Shot The Sheriff. https://www.youtube.com/watch?v=tRgcwT9X2J8