Dienstag, 31. Mai 2016

Retrostuff: Hier spricht der einunddreißigste Mai 1990

Eine zeit geht zu ende
Letzter dumpfer schon hirnverschwurbelter blick aus dem fenster
Im prinzip seit ’66 derselbe ausblick
Aber alles natürlich ganz, gaaanz anders damals

Die straße noch nicht geteert
Hinter dem nächsten haus begann die wildnis
Als kind dachte ich, hinter diesen endlosen feldern und kleinen auwäldchen wäre die welt zu ende
Was sollte nach dieser natur, die zumindest einen letzten rest von zauber atmete, noch kommen

Heute bedeckt eine weitläufige tennisanlage die gegend
Und der weg zum fluss ist von der autobahn durchschnitten
Inzwischen steht in meinem zimmer ein großer haufen technik
Ich kann ohne strom nicht mehr leben und ohne strom könnte ich noch nicht mal diese zeilen schreiben

Jetzt geht es weiter
Ein billiger mädchenchor singt dazu:
„Mach’s gut, blöder gonzo, mach’s gut – aber verpiss dich endlich“
Tja, gonzo, die bist eben nur der langweiligste clown der welt und es wäre ein lebendiges wunder gottes, wenn sie dir nicht jeden tag dafür in den arsch treten würden, bruder

P.S.: Am 1. Juni 1990 bin ich endgültig aus Ingelheim fortgezogen. Sieben Jahre später wurde die Wohnung in der Unteren Muhl 1 nach dem Tod meiner Mutter aufgelöst.
Prince - Sometimes It Snows In April. https://www.youtube.com/watch?v=w8SE9AwehDQ

Was macht Andy Bonetti gerade?

„Die Finsternis starrte mich an, gestaltlos, riesig, augenlos, ohne Grenzen.“ (Stanislaw Lem: Solaris)
In einem beständigen Prozess geistiger und seelischer Vervollkommnung, den er selbst als ontologische Autometamorphose bezeichnet, entwickelt er sich zu einem höheren Wesen, dem die Nichtigkeit öffentlicher Anerkennung (beispielsweise durch die längst überfällige Verleihung des Literaturnobelpreises) vollkommen klargeworden ist und das sich inzwischen von der Sphäre des alltäglichen Schwachsinns (z.B. Politik, Ökonomie, Medien) gelöst hat. Wir melden uns wieder, wenn Bonetti in den Zustand reiner Energie übergegangen ist.


Andy Bonetti hält die Welträtsel für lösbar.


Retrostuff: Michelangelo

Die ersten Sonnenstrahlen wärmen mein Gesicht, geduldiges kleines Buch. Es wird Frühling. Ein feiner Duft weht durch meine weit geöffneten Nasenflügel in den Kopf hinauf und erinnert mich an jene dunklen Tage, da ich endlich in die große Halle der Zero-Behörde geführt wurde.
Seit Tagen empfand ich schon einen dumpfen drückenden Schmerz in der Stirn. Es drängte mich, ich wurde unruhig. Bald hielt ich es nicht mehr aus und im Morgengrauen des folgenden Tages wurde ich vor die Behörde gebracht. Ich lief gleich hinein, meldete mein Kommen und wartete dann ungeduldig in der Halle auf alles Weitere.
Als man mich in den großen fensterlosen Saal führte, den eine Sonne hell erstrahlen ließ, war die Zeit des Wartens beendet. Alle Zeit war vergessen, Tage und Wochen, Monate und Jahre waren bedeutungslos geworden, hier zählten nur die uferlosen Augenblicke und die Zeiger der Uhr krochen dahin wie tausendjährige Schildkröten. Ich setzte mich in den Behandlungsstuhl und zwei kräftige Männer kamen, um mich zu halten.
Der Schmerz war unbegreiflich. Er loderte in meinem Gehirn und löschte alle weiteren Gedanken. Ich war wieder ein Tier: ich schrie und zappelte wild. Mit tiefen, nicht enden wollenden Schnitten öffneten sie mir die Stirn. Trotz meines Schreiens hörte ich das reißende sägende Geräusch der Messer in meinem entzündeten Fleisch. Ich ballte die Fäuste mit solch wahnsinniger Kraft, dass ich später – als alles vorbei war – Mühe hatte, sie wieder zu öffnen.
Seitdem ist einige Zeit vergangen. Die Wunden sind noch frisch, doch der Schmerz ist vergessen. Ich bin sehr dankbar. Sie haben mir einen schönen neuen Mund in die Stirn geschnitten.
P.S.: Die Geschichte habe ich am 6. März 1992 geschrieben. Damals gab es einen ganzen Zyklus um die „Zero-Option“ und die „Zero-Behörde“. Das waren Synonyme für das Schriftstellerleben und die Schriftstellerzunft, in die meine Figuren Primo Rakk, Ars Proctor, Fausto Bergomask und wie sie alle hießen gerne eintreten wollten. Das war mein Jugendtraum: Schriftsteller. Und als alter Kafka-Fan natürlich: erfolgloser Schriftsteller. Heute kann ich sagen: Ich habe diesen Traum wahr gemacht.
Der konkrete Hintergrund dieser kleinen Erzählung ist der Rosenmontag 1992. Mein Vater fuhr mich nach Mainz – zur Uni-Klinik, nicht zum Rosenmontagszug. Meine rechte Backe war von einer Eiterbeule so zugeschwollen, dass mir die Nase schräg im Gesicht stand. Im Behandlungszimmer gab man mir eine Betäubungsspritze, die das entzündete Fleisch jedoch nicht betäubte. Zwei junge Männer packten mich links und rechts, während ein dritter auf meiner Brust kniete und die Wunde mit einem Skalpell öffnete. Ich schrie wie eine abgestochene Sau. Als ich, völlig erschöpft von den Schmerzen, wieder ins Wartezimmer kam, wo mein Vater saß, blickten mich die anderen Patienten in der Notaufnahme nur entsetzt an. Mein Vater erzählte mir auf der Rückfahrt, während meiner Behandlung hätte ein Drittel der Wartenden den Raum verlassen.
In den nächsten Tagen folgen noch ein paar kurze Stücke aus der Zeit um 1990.
Queen: The Miracle. https://www.youtube.com/watch?v=2DaY8-Mui0I

Montag, 30. Mai 2016

Der Kartoffelsalat

„Wenn er weinen musste, versuchte er, wie ein Mann zu weinen, in seine geballten Fäuste.“ (Ludwig Fels: Ein Unding der Liebe)
Es war einer dieser unerträglich heißen Tage im August. Ich stand mit einem Kollegen gegenüber dem Campingplatz. Besser gesagt: Wir saßen. Der alte VW-Bus stand. Verkehrskontrolle. Bei diesem Wetter eine Bestrafung für jeden Polizeibeamten.
Als der BMW vorbeiflog, mussten wir gar nicht auf das Radargerät schauen. Mindestens hundertfünfzig. Ich startete den Wagen und wir fuhren ihm hinterher. Mein Kollege rief die Zentrale über Funk an.
Zwei Dörfer weiter fanden wir ihn. Ortsausgang Wichtelbach. Der BMW stand am Ende einer Bremsspur halb im Vorgarten eines alten Fachwerkhauses.
Auf der Straße lag ein junger Mann, den Kopf in einer Blutlache. Wie ein roter Heiligenschein.
Ein älterer Herr mit Cordhut und Hosenträgern stand auf der anderen Straßenseite.
„Ich habe ihn nicht kommen sehen. Es ging alles so schnell.“
Ich nickte dem Kollegen zu, er rief über Funk den Krankenwagen.
Als ich mich über den Verletzten beugte, sah er mich an.
„Die verdammte Sau … die Sau hat das Geld.“
„Sagen Sie mir bitte Ihren Namen.“ Ich wollte nicht, dass er ohnmächtig wurde. Also redete ich mit ihm.
„Frank Schröder.“
Der Schröder! Vor zwei Stunden war er aus dem Gefängnis in der nahen Kreisstadt ausgebrochen. Wir hatten die Meldung über Funk erhalten. Den BMW hatte er wahrscheinlich geklaut.
Er drehte den Kopf ein wenig und blickte zu dem alten Haus hinüber.
„Die Sau … diese dreckige Hure.“
Ich sah zum Haus hinüber. Im ersten Stock sah ich eine junge Frau mit langen dunkelbraunen Haaren am Fenster stehen.
Mein Kollege blieb bei dem Verletzten, ich ging zum Haus hinüber und klingelte.
Die junge Frau öffnete mir.
„Was wollte Frank Schröder von Ihnen?“ Ich bluffte.
Sie erschrak bei der Frage. „Keine Ahnung.“
„Darf ich reinkommen?“
Sie nickte und ließ mich in den Flur. Ich schaute mich im Erdgeschoss um. Alles durchwühlt und umgeschmissen.
„Was hat er hier gesucht?“
Schröder hatte wegen eines Banküberfalls gesessen. Die Beute, fünfzigtausend Euro, war nie wieder aufgetaucht.
„Keine Ahnung.“
Im ersten Stock lagen ihre Kleider über den Boden verstreut. Die Schubladen der Kommode herausgerissen und umgekippt.
Und dann sah ich ihn.
Den Kartoffelsalat.
Auf dem Küchentisch. Stand einfach so herum. Bei dieser Hitze. Kein Teller daneben, kein Besteck, kein Getränk, keine Serviette.
Nur der Kartoffelsalat.
Ich sah zur jungen Frau hinüber, die schweigend und mit hängendem Kopf neben mir stand. Ihre Hose war mit Mayonnaise beschmiert.
Ich kippte den Kartoffelsalat in die Spüle und stocherte mit einem Kugelschreiber darin herum.
Lupenreiner Diamant. In einen Goldring gefasst. Sehr teuer. Vermutlich fünfzigtausend Euro wert.
Ich sah sie an.
„Ich war gerade in der Küche, als ich den Wagen hörte. Also habe ich den Ring versteckt.“ Sie sah mir nicht in die Augen.
„Gehen wir.“
Als wir aus dem Haus traten, war Frank Schröder schon tot.
She Past Away - Kasvetli Kutlama. https://www.youtube.com/watch?v=oy2x_kHCy4w

Sonntag, 29. Mai 2016

Blogstuff 45

„Man sollte jeden Tag mindestens einmal lachen und einmal an den Tod denken.“ (The Walking Dad)
Der Tortenwurf als politisches Ausdrucksmittel hat eine lange Tradition und wurde in Deutschland von Fritz Teufel aus Ingelheim 1968 begründet. Die Linke hat auf die Tortur Wagenknechts gestern genauso humorlos reagiert wie weiland Philip R. als Wirtschaftsminister. Mein Vater hat bei einer Familienfeier mal so eine Nummer abgezogen. Alles war am Küchentisch versammelt und es gab Spaghetti Bolognese. Mein Lieblingsessen, weil ich Geburtstag hatte. Mein Vater schnupperte misstrauisch an seinem Teller und sagte, das Essen hätte einen komischen Geruch. Ich sollte doch auch mal dran riechen. Ich hielt die Nase übers Essen und er drückte mir volle Kanne das Gesicht in die Soße. Ich muss ausgesehen haben wie ein Vollidiot, das Gelächter hat minutenlang gedauert. Was willste machen? Weil alle lachten, lachte ich natürlich mit.
Orville Knox hatte sich im Bereich der professionellen Konfitürenberatung selbstständig gemacht.
Warum gibt es nur Selfies der Kanzlerin mit Flüchtlingen, warum nicht auch mit Obdachlosen oder Hartz IV-Empfängern? Die Zustände in den Obdachlosenasylen sind seit Jahrzehnten skandalös und auf den Baustellen hausen Zehntausende in Containern, ohne dass man die Lebensumstände dieser Arbeitsmigranten jemals zum Thema gemacht hätte.
Kalauer der Woche: Metzgerlehrlinge werden gerne als „blutige Anfänger“ bezeichnet.
Achtung, Wortschatzerweiterung: Für Andy Bonetti gab es nie Stufen zum Erfolg. Es war ein einziges GLISSANDO.
Inzwischen ist der Preis für Fasswein in unserer Gegend auf durchschnittlich sechzig Cent pro Liter gesunken. Den Wein verkauft der Winzer natürlich gerne direkt vom Hof an den Kunden. So kaufe ich meinen Wein ja auch. Aber der Rest geht als Fasswein an die großen Kellereien und damit an die großen Handelskonzerne, deren Filialen wir alle kennen – und damit haben die Weinbauern die gleichen Probleme wie die Milchbauern. Das ist die pure Abzocke. Denken Sie daran, wenn sie demnächst für ein Glas Wein in einem Restaurant fünf Euro bezahlen.
Derzeit schreibt Andy Bonetti an einer Farce über den letzten Tag von Angela Merkel im Berliner Regierungsviertel. Arbeitstitel: „The Dead Lady of Clown Town“ (für diese Überschrift bedanke ich mich bei Cordwainer Smith und der Vorsehung; eine Mark habe ich 1981 für das Taschenbuch mit seinen Kurzgeschichten bezahlt, das ich auf dem Wühltisch eines Ingelheimer Kaufhauses namens „Wertkauf“ entdeckt hatte).
Hätten Sie’s gewusst? Andrea Nahles hat ihren Magister mit einer Arbeit zum Thema „Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman“ gemacht.
Man kann telefonisch einen Termin bei der Maniküre oder Pediküre ausmachen und dann mit dem Auto hinfahren. Das dauert eine Stunde und kostet Geld. Man kann aber auch einfach im Badezimmer seine Nägel selbst schneiden. Das geht ganz schnell und ist kostenlos. Reiche Leute haben merkwürdige Sitten. Ich kenne sogar eine Sekretärin, die dieses Oberschichtverhalten seit Jahren kopiert.
16. Mai 1966: Beginn der Kulturrevolution in China, 30. Juli 1966: Endspiel der Fußball-WM zwischen Deutschland und England, 14. August 1966: ich komme in Ingelheim zur Welt. Mao, Wembley-Tor, Geburt – das war eine wilde Zeit damals …
Eine Reise ins Unbekannte, ins Ungewisse nennt man eine „Fahrt ins Blaue“. Warum steht die Farbe Blau für das Unbekannte? Und für Poesie, Trunkenheit, Sehnsucht, Romantik („die blaue Blume“) und Melancholie („feeling blue“)? Man kann übrigens auch „ins Blaue hineinreden“, im Berufsleben „blau machen“ und „sein blaues Wunder erleben“, wenn man z.B. einen „blauen Brief“ bekommt.
Für wen ist Gewalt eigentlich wirklich Teil des Lebens? Wann haben Sie zuletzt einen anderen Menschen geschlagen, wann wurden Sie zuletzt von einem Menschen geschlagen? Für die überwiegende Mehrheit von uns spielt Gewalt längst keine Rolle mehr. Aber in den Medien geht es täglich um Gewalt. Als ob man verhindern wollte, dass wir uns endgültig von der Gewalt und vom Krieg entwöhnen.
Prince - Erotic City. https://www.youtube.com/watch?v=uvlhSjObvjk

Samstag, 28. Mai 2016

Die Ruhe

Er saß auf der Parkbank
Mit der stoischen Würde eines Kinoindianers
Und fütterte die Penner
Mit kalten Pommes frites

Fäkalträumereien

„Die Chemie stimmte nicht zwischen uns, die Physik stimmte nicht, der Sportunterricht nicht, die Deutschstunde nicht, Erdkunde und Religion auch nicht.“ (Andreas Glumm)
Natürlich war es mir peinlich, als ich aufgewacht bin. Wem wäre es nicht peinlich gewesen? Sollte ich das überhaupt aufschreiben und auch noch veröffentlichen? Einem Publikum präsentieren, das täglich nur die allerbeste Textqualität gewohnt ist? Metapherngesättigte, sinnstiftende Prosa auf Weltniveau. Vom Dichterfürsten Bonetti himself. Erste Sahne, frisch gezapft.
Und jetzt so ein, ich möchte fast sagen, dahingeschissener Traum ohne tiefere Bedeutung. Muss das sein, frage ich mich und bin doch schon mitten drin. Aber der Reihe nach.
Es erreicht mich ein Brief der Behörde. Mein Abitur ist ungültig. Muss ich nochmal machen. Und ich muss auch nochmal bei meiner Mutter in Ingelheim einziehen. Und das in meinem Alter! Aber ich widerspreche nicht. Die Behörde wird schon wissen, was sie tut.
Der Vorteil: Ich muss nicht die ganze Schule wiederholen, sondern steige in der zwölften Klasse ein. Ich rechne also schnell nach. Jetzt haben wir Mai und im Januar muss ich das schriftliche Abitur machen. Zieht man die Ferien ab, ist das ein halbes Jahr. Und vielleicht mache ich das Abitur ja mit einem besseren Schnitt als damals vor dreißig Jahren? Dann könnte ich auch was Sinnvolles studieren und nicht so einen Blödsinn wie in meiner Jugend, als mir der Numerus Clausus viele Wege versperrte.
Das sind meine Überlegungen, als ich an der Bushaltestelle stehe und auf den Schulbus warte. Man muss das auch mal positiv sehen. Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn ich war noch nie in dem neuen Schulgebäude, von dem ich nur die Adresse aus dem Behördenbrief kenne, und selbstverständlich kenne ich dort niemanden. Ich werde auf jeden Fall der älteste Schüler sein, soviel ist klar. Denn ich bin der einzige Mensch in Ingelheim, der das Abitur nochmal machen muss.
Endlich kommt der Bus und ich steige ein. Kinder aus aller Herren Länder sitzen auf den Bänken. Die Welt in einem Schulbus! Ich bleibe auf dem Gang stehen, weil ich keine Lust habe, den ganzen Bus nach einem freien Platz abzusuchen. Die Fahrt dauert ohnehin nicht lange, denn Ingelheim ist nicht groß.
Erst jetzt merke ich, dass ich nur eine Unterhose trage. Und natürlich meinen signalorangefarbenen Schulranzen, den ich wirklich in meiner Grundschulzeit hatte. Wo war ich nur mit meinen Gedanken, als ich aus dem Haus gegangen bin? So kann ich natürlich nicht zur Schule und darum steige ich an der nächsten Haltestelle aus und laufe zurück.
Meine Mutter ist natürlich längst weg, denke ich. Und ich habe keinen Hausschlüssel dabei. Und auch kein Handy. Da brauche ich erst gar nicht meine Taschen zu durchwühlen, denn ich habe ja nur die Unterhose an. Der Ranzen ist – zu meinem hellen Entsetzen – völlig leer. Noch nicht mal ein Stift ist zu finden.
Ich beschließe, mich vor unsere Wohnungstür zu setzen, und auf meine Mutter zu warten. Dann verpasse ich eben meinen ersten Schultag. Was soll’s? Als ich an die Tür komme, sehe ich, dass der Wohnungsschlüssel von außen steckt. Habe ich glatt vergessen! Aber ich kann in die Wohnung.
Ich ziehe mich an, stecke Schlüssel und Handy ein und packe meinen Ranzen. Heute ist Projekttag. Das Thema ist: Scheiße. Jeder muss zu diesem Thema etwas mitbringen. Eine Fotographie, eine Zeichnung oder echte Scheiße auf einem Teller. Vom Menschen, vom Hund oder auch die Kügelchen, die Kaninchen und Rehe hinterlassen. Ich habe natürlich nichts vorbereitet.
Dann wache ich auf.
Ich muss mal.
Groß.
Lillywood & the Prick and Robin Schulz - Prayer In C. https://www.youtube.com/watch?v=dS-986Esqd0
P.S.: Dies ist ein Beitrag aus der Serie "Körperflüssigkeiten". Der Kiezneurotiker hat mit Erbrochenem angefangen, ich habe mit Fäkalien weitergemacht. Wer übernimmt Blut oder Urin?

Freitag, 27. Mai 2016

Triest III

„Sisyphos lag auf einer Wiese am Berghang und betrachtete lächelnd die Wolken, die langsam über ihm vorüberzogen.“ (Johnny Malta: Lass es sein – Arbeit 4.0)
Ich bin jetzt seit zwei Wochen in der Stadt und habe immer noch keinen Menschen kennengelernt. Meine letzte Freundin hat mich für unreif gehalten. Das ist richtig, aber es ist noch viel schlimmer. Ich bin unfertig und werde es immer bleiben. Noch sieht alles so aus, als sei etwas im Entstehen, als würde etwas aufgebaut werden. Das stimmt nicht. Was nach Rohbau aussieht, ist in eine Ruine. Es fehlen die tragenden Elemente. Wie sollte ein Schelm zu einer Stütze der Gesellschaft werden? Ein Schelm gründet keine Familie, er baut kein Haus und er pflanzt auch keinen Baum. Ein Schelm führt seinen Narrentanz auf. Mehr kann er nicht und mehr können wir von ihm auch nicht verlangen.
Ich beschloss, mich einem neuen Projekt zu widmen. Ich wollte mich mit den Schriftstellern beschäftigen, die in dieser Stadt gewirkt hatten. Also konzentrierte ich mich auf Joyce, Svevo und Rilke. Ich las ihre Bücher, ich las Biographien und alles andere, was ich zu ihrem Leben finden konnte. Ich suchte die Orte auf, die sie aufgesucht hatten.
Joyce traf ich eines Abends in einem Lokal in der Via Risorta. Ich hatte bereits einige Gläser Absinth getrunken, als ich auf ihn aufmerksam wurde. Er saß allein an einem Tisch im Halbdunkel und las eine Zeitung.
„Mein Name ist Jiminy Pastrama“, log ich in den blauen Dunst des „Da Libero“ hinein und trat zu ihm an den Tisch. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Mit derlei routinierten Provokationen pflege ich mein Leben aufzulockern und die meisten Menschen reagieren zu spät, um das Eindringen in ihre Privatsphäre zu verhindern.
„Gerne“, antwortete James Joyce matt.
„Sind Sie schon lange in dieser Stadt?“
„Ja, schon seit einigen Jahren. Ich arbeite als Englisch-Lehrer.“
„Aber das ist doch furchtbar langweilig“, entfuhr es mir.
Joyce lachte. „Das ist wahr. Aber nicht alle meine Schüler sind so schrecklich, wie Sie jetzt vielleicht vermuten werden. Ich unterrichte ja nicht nur Kinder. Was führt Sie nach Triest?“
„Ich flaniere gerne durch die italienischen Städte und Triest ist die große Unbekannte. Beim Gehen kommen mir die besten Gedanken und in den Kaffeehäusern und Kneipen kann man die Menschen am besten beobachten.“
Joyce schaute mich verblüfft an und schlug dann lachend mit der flachen Hand auf den Tisch. „Mir geht es ganz genauso! Ich schlendere stundenlang durch die Stadt und abends sitze ich dann in den Bars und Kaschemmen, um das Leben in mich einzusaugen. Mir strömen so viele Gedanken durch den Kopf, aber wenn ich abends nach Hause komme und meine Notizen mache, habe ich das meiste vergessen. Ich bin nämlich eigentlich Schriftsteller, müssen Sie wissen.“
„Ich auch und ich habe die Lösung für Ihr Problem“ sagte ich und zog ein Diktaphon aus der Jackentasche. „Mit diesem Diktaphon können Sie Ihre Ideen aufzeichnen und bei Bedarf auch manchen Dialog am Tresen mitschneiden. Zuhause müssen Sie es nur noch abtippen.“
Joyce bedankte sich für dieses Geschenk. In seinem Hauptwerk „Ulysses“ nutzte er den „stream of consciousness“ als Schreibtechnik, um den uferlosen Prozess des menschlichen Denkens, des plötzlichen Assoziierens und fragmentarischen Erinnerns literarisch darstellen zu können. Ohne mein Diktaphon wäre aus diesem Buch kein Meisterwerk geworden.
Ein kleiner schnurrbärtiger Mann in einem dunklen Dreiteiler mit Fliege trat an unseren Tisch.
„Darf ich vorstellen?“ fragte Joyce. „Das ist Ettore Schmitz, einer meiner Schüler. Er ist auch Schriftsteller.“
„Sehr erfreut“, sagte ich, erhob mich und gab ihm brav die Hand.
Als wir die nächste Runde bestellt hatten, zog ich ein Manuskript aus meiner Jackentasche und sagte: „Ich habe vor einigen Tagen einen kurzen Text geschrieben, den ich Ihnen gerne zu Gehör bringen möchte. Mich interessiert Ihre Meinung als Fachkollegen.“
Die beiden Literaten lehnten sich in ihre Sessel zurück und hörten mir aufmerksam zu, während sie ihre Zigaretten rauchten. Meine kleine Erzählung trug den Titel „Triest“.
„Wie amüsant“, sagte Svevo. „Endlich schreibt mal jemand etwas über meine Heimatstadt.“
„Aber ich bin doch nur ein flüchtiger Gast. Warum schreiben Sie nicht selbst einen Roman über diese Stadt?“
Svevo schaute mich ganz verblüfft an. „Ja. Warum eigentlich nicht?“
Er lächelte verschmitzt und nahm eine weitere Zigarette aus seinem silbernen Etui. „La ultima sigaretta.“
So entstand „La coscienza di Zeno”, ein Roman über einen Lebenskünstler, der es nicht schafft, seine letzte Zigarette zu rauchen. Er lebt vom Geld seines Vaters, der ihm auf dem Sterbebett eine Ohrfeige gibt. Schmitz veröffentlichte ihn unter seinem Künstlernamen Italo Svevo. Was die wenigsten wissen: Schmitz alias Svevo wurde als Leopold Bloom im „Ulysses” verewigt.
Rilke habe ich gleich erkannt. Dieser stechende Blick aus irren Augen. Der dicke Schnurrbart, der sich um die Mundwinkel herum bog. Die hohe Stirn, das zurückweichende Haar. Er stand vor mir an der Supermarktkasse. Ich hatte „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ gelesen und erlaubte mir einen Scherz.
Ich tippte ihm auf die Schulter und fragte: „Malte? Malte Laurids Brigge?“
Er sah mich entgeistert an.
„Ich bin es, dein alter Kumpel aus Prag.“
Wenig später saßen wir in einem Kaffeehaus und ich spendierte eine Runde Rüdesheimer Kaffee nach der anderen. Der Weinbrand machte ihn gesprächig und so konnte ich in zu einem Ausflug am nächsten Tag überreden.
Den ganzen Vormittag hatte es geregnet, aber als es um die Mittageszeit aufklarte, machten wir uns auf den Weg zu Schloss Duino. Ich hatte mich ihm gegenüber als Librettologe ausgegeben, der auf der Suche nach Gedichten sei, die man im Rahmen einer Oper oder einer Operette vertonen könne. Er nickte mir zu und schien nachzudenken.
Wir erreichten das Schloss, dessen weiße Zinnen an der Westseite mit Efeu bewachsen waren. Die Ostseite wirkt hingegen wie ein ortsüblicher Palazzo. Die Begrüßung durch den Hausherrn, den ich einmal in Verona kennengelernt hatte, war sehr freundlich und er zeigte uns das weitläufige Anwesen. Besonders gut gefiel Rilke ein großes Zimmer, von dem aus er über das weite Meer blicken konnte.
„Hier müsste man schreiben“, seufzte er, als er das zweifache Blau des Panoramas betrachtete.
„Warum bleiben Sie nicht eine Weile?“ fragte der Graf. „Das Schloss ist groß genug und die Küche ist ausgezeichnet.“
So entstanden die Duineser Elegien. Leider konnte ich die Arbeit nicht mehr kuratieren, da ich einige Tage später die Stadt verließ - offiziell mit unbekanntem Ziel. In Wirklichkeit bin ich längst auf dem Weg nach Irkutsk. Sie erkennen mich an meinem hermelinbesetzten Brokatumhang.
Yazoo – Situation. https://www.youtube.com/watch?v=QdV-5ivltkc

+++ Breaking news +++

Die sieben G-Punkte des G 7-Gipfels in Tokio:
  • Mehr Obst essen
  • Weniger Geld ausgeben
  • An Omas Geburtstag denken
  • Endlich die Geranien umtopfen
  • Keine Talkshows mehr gucken
  • Alkohol nur noch vor Mitternacht
  • Noch mehr Gipfeltreffen machen und immer herausposaunen, wer nicht mitmachen darf (Putin, Seehofer und der Chinese, dessen Namen ich mir nicht merken kann)
P.S.: Solche Treffen, bei denen man gute Vorsätze für die Zukunft fasst, die am nächsten Morgen bereits vergessen sind, nennt man in unserer Gegend Silvesterparty.

Donnerstag, 26. Mai 2016

Triest II

„Dieser unser Sohn ist eigenwillig und ungehorsam und gehorcht unserer Stimme nicht und ist ein Schlemmer und Trunkenbold.“ (5. Mose 21, Vers 20)
Ich habe mich noch gar nicht richtig vorgestellt. Mein Name ist Christoph Schwanthaler. Mutter Knopflochnäherin, Vater Hilfskellner ehrenhalber. Von Beruf bin ich Orakelpriester und Kunstikone, Alpha-Chiller und Auftragsintellektueller. In der niedersächsischen Tundra aufgewachsen. Ich lebe in einer Doppelschlosshälfte unweit des Landstrichs, in dem Hannover sein hässliches Haupt aus dem Morast erhebt. Kurz und gut: Ich bin ein Schelm. Fakten sind doch nur was für phantasielose Menschen mit festen Meinungen.
Sie fragen sich jetzt vermutlich, wie viel Geld ich im Monat verdiene.
Ich frage Sie: Wie viel Geld verdient Batman?
Na und? Kommen auch wieder bessere Zeiten.
Triest. Ein Stück Italien mit österreichischem Flair und deutschem Wetter. Ich werde diese Welt ganz anders erschließen müssen. Ich bin ein Mann des Wortes, ein Mann der Schrift. Ich werde also nach dem Alphabet leben. Jeden Tag werde ich einem Buchstaben widmen. Erster Tag: A.
Ich musste lachen, als ich das erste Wort auf meine Liste schrieb: Alkohol. Ich würde mich also heute betrinken. Mit Absinth! Das zweite Wort, das mir einfiel, war auf den ersten Blick weniger schön: Arbeit. Gut, ich bin Schriftsteller. Also würde ich erst ein wenig schreiben, bevor die Bars aufmachten. Anfang, das dritte Wort. Was sollte ich heute beginnen? Aber ich begann ja schon ein neues Leben, ein Leben nach dem Alphabet. Was würde ich essen? Austern? Igitt. Aal, Ahornsirup, Artischocken, Ananas? Nein, reißt mich alles nicht vom Hocker. Argentinisches Steak? Besser. Adana Kebap? Noch besser. Sicher gibt es ein türkisches Restaurant in Triest. Und Antipasti bekomme ich hier sowieso. Auberginen dürfen auf keinen Fall fehlen. Aprikoseneis? Lecker. Vielleicht am Nachmittag. Aber Aprikosenkuchen wäre ein köstlicher Einstieg in den A-Tag. A-Tag? Das erinnert mich an das A-Team. Vielleicht finde ich im Netz ein paar alte Folgen. Literatur: Paul Auster.
Und so begann mein Leben nach dem Alphabet. Endlich würde ich etwas Ordnung in mein haltloses Dasein bringen. Nach einem Frühstück, bestehend aus einem Anisbrötchen mit Aprikosenmarmelade und einer Apfelsaftschorle, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und arbeitete an meinem neuen Buch „Poppycock“. Das heißt so viel wie sinnloses Gequatsche. Es ist eher ein umgangssprachlicher Ausdruck, den ich von einer anderen Reise mitgebracht habe.
Nachdem ich mein Tagwerk vollbracht hatte – ich schreibe nie mehr als zwei Seiten an einem Tag -, ging ich ins „Baracca e Burattini“ in der Via Di Torrebianca. Ich bestellte All’Aqua Pazza – „im verrückten Wasser“. Eigentlich eine süditalienische Spezialität, bei der Fisch in Salzwasser zubereitet wird. In uralter Zeit war Salz sehr teuer und zudem noch mit einer Steuer belegt. Auf diese Weise salzte man sein Essen kostenlos. Salzwasser gibt es am Meer schließlich genug. Dazu trank ich Amontillado – ob es nun passt oder nicht. Edgar Allan Poes „Das Fass Amontillado“ fiel mir wieder ein, die gruselige Geschichte über einen Mann, der lebendig eingemauert wird. Das könnte ich nach dem Essen lesen, statt Auster. Und dazu die „Tales of Mystery and Imagination“ von Alan Parsons Projekt hören, auf der die Geschichte vertont wurde.
Aber nach dem Essen machte ich ein Nickerchen und der Rest des Tages ist im Absinthrausch verloren gegangen. Ich besitze über diese Stunden weder Erinnerungen noch Aufzeichnungen.
Es folgte der B-Tag. Das Programm für den Abend war schnell klar: Brot, Butter, Bier, Buletten, Brat- und Bockwurst. Der B-Tag war eigentlich ein deutscher Tag. Aber was sollte ich zum Frühstück essen? Birchermüsli? Bananen und Birnen? Eine Brioche oder Bienenstich? Zum Mittagessen würde ich entweder Bami Goreng, Burrito oder Bratkartoffeln mit Bolognesesoße bestellen, zum Nachtisch einen Blaubeermuffin.
Es kam doch ganz anders. Mein Lieblingsfisch ist Kabeljau und wenn ich am Meer bin, esse ich fast jeden Tag Fisch. Und Kabeljau fängt auf Italienisch mit B an. Baccalà mantecato auf Polenta morbida. Ristorante Le Terrazze. An der Adriaküste nördlich der Stadt. Dazu ein Bardolino, auch wenn Rotwein nicht zu Fisch passt. Nach dem Essen widmete ich mich bei einem Bad der Literatur: Thomas Bernhard. Der Meister des Zweifels. Und das Abendprogramm habe ich ganz nach Plan durchgezogen. In der Via Giorgio Galatti gibt es die Birreria Forst, wo das berühmte Forst-Bier aus Südtirol in holzgetäfeltem Alpenambiente ausgeschenkt wird. Und Bratwurst gibt es hier auch!
Als ich am dritten Tag beim Chianti saß, Camus las und an einem Ciabatta knabberte, wurde mir klar, dass dieses Leben keinerlei Erkenntnisgewinn versprach und der Unterhaltungswert von Tag zu Tag sinken würde. Was sollte ich am X- oder am Y-Tag machen? Diät? Wie furchtbar. Diät hätte ich schon am D-Tag machen können.
Ich zweifelte plötzlich an meinem ganzen Vorhaben. Was machte ich überhaupt alleine in Triest? War ich auf dem Weg zu meinem Ziel oder auf der Flucht vor der Vergangenheit? Natürlich, die Trennung von Savannah Gröbel. Ich musste einfach weg – aber ich wollte gleichzeitig auch weg. Andere Orte, neue Eindrücke, ich bin nicht für das Dauerhafte gemacht. Ich muss weiter. Immer weiter. Aber hatte ich wirklich ein Ziel? Der Weg ist nur das Ziel für Leute, die das Ende der Reise nicht kennen.
Exclamatio: Schuld an allem sind die Frauen! Erst wollen sie heiraten, dann wollen sie Kinder. Plötzlich soll man regelmäßig arbeiten und weniger trinken. Sie wollen ein Haus, ein Auto, noch ein Auto, aber nicht so coole Kisten wie einen Ferrari, sondern langweilige dunkelblaue Kleinlaster mit Kindersitz und peinlichen Aufklebern. Sie wollen Urlaub in bizarren Ferienanlagen machen, all inclusive, aber du darfst nicht so viel fressen und saufen wie du willst, weil du an deine Figur denken musst und natürlich sollst du auch noch Sport machen.
Wir sind Nomaden. Alles Geplante, alles Regelmäßige engt uns ein. Macht uns willenlos und schwach, bis wir schließlich aufgeben. Also sind wir eines Morgens einfach verschwunden. Wir sind nicht mehr da. Wir sind in Triest.
Lars Frederiksen And The Bastards - To Have And Have Not. https://www.youtube.com/watch?v=4qeAnOX-UCk

Mittwoch, 25. Mai 2016

Triest I

„Honi soit qui mal y pense.“ (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt)
An meinem dreißigsten Geburtstag beschloss ich, mein Leben zu ändern, und zog nach Triest. Warum Triest? Wenn es mich schon nach Italien verschlagen würde, warum nicht Florenz, Rom, Neapel oder das nahe Venedig? Weil ich an einem 14. August geboren wurde. Und als ich einmal beschlossen habe, meinen Wohnsitz zu wechseln, ließ ich den Zufall entscheiden. Im Ortsverzeichnis meines alten Schulatlas blätterte ich auf die vierzehnte Seite und nahm den achten Ort: Triest.
Dieses Vorgehen mag dem Leser wenig ernsthaft erscheinen, aber ich bin von Beruf Schelm. Schelm bedeutete ursprünglich Aas und Seuche. Es wurde als Schimpfwort benutzt, Betrüger wurden mit diesem Wort gebrandmarkt. Im Hochmittelalter wurde das Wort zu einem ritterlichen Beinamen geadelt und bedeutete „Todbringer“. Im Spätmittelalter wurden die Scharfrichter als Schelme bezeichnet. Wurde ein Mensch, der nicht diesem geächteten Berufsstand angehörte, als Schelm bezeichnet, galt es bis ins 17. Jahrhundert als schwere Beleidigung und war strafbar. Erst später, als der Schelmenroman aufkam (z.B. Felix Krull, Schwejk, Forrest Gump), wurde aus dem Schelm ein Witzbold, aus der Beleidigung eine Auszeichnung – zumindest für manchen Lebenskünstler.
Ich mietete eine günstige kleine Wohnung im ersten Stock über einer Bäckerei. Ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Schrank, ein Bett, eine Kommode und ein Sessel in einem Raum mit Blick auf den Innenhof. Es roch herrlich nach frischem Brot und Kuchen. Die ersten Wochen verbrachte ich mit langen Spaziergängen. Ich lernte die Stadt kennen, trieb mich am Hafen herum und saß stundenlang in Kaffeehäusern und Bars. Alles war neu und aufregend. Ich beobachtete die Leute. Und so kam ich auf die Idee für mein erstes Projekt.
Der Mann trug einen auffälligen fliederfarbenen Anzug und ein schwarzes Hemd. Ich hatte mir gerade ein Eis geholt und schlenderte über die große Piazza am Hafen, als ich ihn sah. Fasziniert sah ich ihm nach, wie er elegant, ruhig und erhobenen Hauptes den Platz überquerte. Er war über fünfzig und hatte schwarzes, glatt nach hinten gekämmtes Haar. Wer war er? Was er wohl machte? Ich war einfach neugierig und so beschloss ich, ihm nachzugehen.
Der Mann ging in die Via Armando Diaz und bog dann nach links ab. Es ging vorbei an der Rotonda Pancera und kurz darauf verschwand er in einem schmalen Durchgang auf der rechten Seite. Ein Auto hätte ihm unmöglich folgen können, aber ich blieb hinter ihm. Kurz darauf blieb er vor einem Haus stehen und klingelte. Hätte er die Tür aufgeschlossen, wäre ich weitergegangen. Es wäre zwecklos gewesen, auf der Straße zu warten, wenn er in diesem Haus gewohnt hätte. Ich wartete eine Viertelstunde und wollte gerade gehen, weil mir langweilig wurde, als er wieder auf den Bürgersteig trat. Er hatte einen Aktenkoffer in der Hand.
Er ging durch die Gassen dieses Viertels wieder zurück in Richtung Meer. An der Hauptstraße, die am Hafen entlang führte, ging der Mann nach links und betrat bald darauf die Osteria „Istriano“. Es war zu diesem Zeitpunkt einiges los und ich beschloss, mich an einen Tisch zu setzen, von dem aus ich den Mann mit dem Koffer beobachten konnte.
Er bestellte ein Glas Weißwein und starrte aus dem Fenster. Einige Minuten später setzte sich ein anderer Mann zu ihm an den Tisch. Sie sprachen eine Weile miteinander. Dann stand der Mann im fliederfarbenen Anzug auf und ging hinaus. Den Koffer hatte er unter dem Tisch stehengelassen. Was sollte ich tun? Dem Koffer folgen oder dem Mann? Ich beschloss, meinen Kaffee auszutrinken und dem Koffer zu folgen.
Aber ich wurde enttäuscht. Wenig später verließ der Mann mit dem Koffer das Lokal, ein Mercedes hielt am Straßenrand, er stieg ein und verschwand.
Ich schlenderte zur großen Piazza zurück. Ich hatte Spaß an diesem Spiel gefunden und bald darauf folgte ich meinem nächsten Opfer. Ein dicker Mann mit maisblonden Haaren. Er lief über den Platz und bog nach links zum Neptunbrunnen ab. Eine Stunde folgte ich ihm kreuz und quer durch die Stadt. Er machte Fotos und schaute immer wieder in ein kleines Buch. Offenbar ein Tourist, der mit seinem Reiseführer in der Hand die Stadt erkundete. Als er schließlich in ein McDonald’s-Restaurant ging, brach ich für diesen Tag meine Tour ab und ging nach Hause. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch, um mir ein paar Notizen zu machen. Als ich in den Hof hinunterblickte, sah ich dort überraschenderweise den Mann in dem fliederfarbenen Anzug wieder. Er blickte sich um und verschwand kurz darauf. Merkwürdiger Zufall.
Am nächsten Morgen lief ich gleich dem erstbesten Mann hinterher, der mir an der Haustür entgegenkam. Frauen wollte ich lieber nicht folgen, weil sie womöglich einen falschen Eindruck von meinen Absichten hätten, falls sie mich entdeckten. Aber der Mann, dem ich im Abstand von etwa zwanzig Meter hinterher ging, verschwand bald darauf in einem Gebäude der Assicurazioni Generali. Ein Mensch auf dem Weg zur Arbeit – wie banal.
Ich drehte mich um und ging einfach dem nächsten Mann hinterher. Auf der anderen Straßenseite fiel mir ein anderer Mann auf. Es ging eine Viertelstunde durch kleine Straßen und Gassen. Wir kamen am Joyce-Denkmal vorbei. Ich merkte bald, dass ich ebenfalls verfolgt wurde. Aber ich ließ mir nichts anmerken. Also gab ich die Verfolgung des Fremden auf und ging meiner eigenen Wege. Immer, wenn ich an einem Schaufenster oder der Speisekarte eines Restaurants stehenblieb, konnte ich ihn aus den Augenwinkeln sehen. Er folgte mir tatsächlich. Wieso?
Das konnte ich leicht herausfinden. Ich bog um eine Ecke und stellte mich in einen Hauseingang. Nach ein paar Augenblicken ging er an mir vorüber. Ich zog ihn in den Hauseingang und presste ihn gegen die Tür.
Sein Gesicht war schweinchenrosa und hässlich, über den tiefliegenden Augenbrauen hatte er eine riesige runde Stirn, die aussah wie eine Arschbacke.
„Was wollen Sie von mir?“
„Nichts. Wer sind Sie überhaupt?“
Ich schlug ihm ins Gesicht. „Falsche Antwort. Wer sind Sie und warum folgen Sie mir?“
„Ich folge Ihnen nicht. Das ist nur ein Zufall.“
Ich schlug noch einmal zu. Diesmal nicht mit der flachen Hand. Voll in die Familienjuwelen.
„Bitte, hören Sie auf! Ich habe Ihnen doch nichts getan.“
„Wer ist Ihr Auftraggeber?“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Der Mann bringt mich um.“
Da ging mir ein Licht auf. „Der Typ mit dem fliederfarbenen Anzug?“
Schüchtern nickte die Arschbacke.
„Richten Sie ihm aus, dass ich ihn nicht mehr verfolgen werde. Ich habe nur gespielt. Bin einfach einem Menschen hinterhergelaufen so wie heute Morgen. Sie haben es ja gesehen. Vergessen wir die ganze Sache.“
Er litt offensichtlich unter Stressinkontinenz, was mir als wortloses Einverständnis genügte.
Dann ging ich weiter. Nachdem ich überzeugt war, nicht mehr verfolgt zu werden, checkte ich sicherheitshalber in einem Hotel ein und blieb dort zwei Tage und zwei Nächte. Ich brauchte ein neues Spiel, so viel stand fest.
The Cranberries - Ode To My Family. https://www.youtube.com/watch?v=Zz-DJr1Qs54

Dienstag, 24. Mai 2016

Kalte Tränen, toter Stein

„Man ändert sich nicht, man bessert sich nicht, man wird nur älter.“ (Paul Newman)
„Ist hier noch frei?“
Die gutaussehende Blondine mit der riesigen Sonnenbrille hätte ich eher im Chesa Veglia in Sankt Moritz erwartet und nicht in diesem einfachen Dorfgasthaus.
„Freilich“, sage ich, und „Grüß Gott“. Wir befinden uns gerade in Franken und ich bin ein Sprachchamäleon.
Sie setzt sich mit ihrer Mutter zu mir an den großen Wirtshaustisch. Eine Apfelsaftschorle und eine Tasse Kaffee werden bestellt.
„Kannst du dir das vorstellen? Kannst du dir vorstellen, dass der Sebastian sowas macht?“ Die Blondine ist Ende dreißig.
Ihre Mutter bleibt stumm.
„Meine Wohnung ist nicht weit weg vom Fitnessclub. Das ist immerhin ein Vorteil.“
Die Mutter raucht eine Marlboro Light.
„Was sagst du denn dazu, Mutti? Das ist doch unglaublich, oder? Der Sebastian hat einfach nicht nachgedacht. Jetzt sitzt er allein in der Riesenwohnung.“
Die Mutter schweigt. Dann redet sie doch: „Um halb sechs gibt es Abendessen.“
„Ja, Mutti. Ich bring dich rechtzeitig zurück ins Heim. Willst du denn hier nichts essen? Schau mal: Es gibt Sauerbraten, Schweinsbraten, Gulasch.“
Die Mutter schüttelt den Kopf.
Dann kommt ein Mann an den Tisch.
Bussi, Routinelächeln.
„Ja, Thomas, grüß dich. Wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen.“
Es stellt sich heraus, dass sich die beiden seit der Schulzeit kennen. Er spricht von seinen Erfolgen und seiner Familie. Zum Beweis steht alsbald seine etwa zehnjährige Tochter neben ihm. Sie erzählt, sie sei jetzt zurück nach Franken gezogen.
„Schön, dass wir uns mal wieder gesehen haben. Mach’s gut. Wir sehen uns.“
Bussi, Routinelächeln.
Als der Mann verschwunden ist, sagt sie zu ihrer Mutter: „Hier kann man nicht mehr hingehen. Überall trifft man Leute.“
Die gescheiterte Ehe, das neue Leben in der alten Heimat, die demente Mutter, die sie ins Altersheim abgeschoben hat.
Es ist Muttertag und vor mir sitzt eine schöne Frau, deren Leben in Trümmern liegt. Ihr Lebensweg ist in Wirklichkeit eine staubige Straße im Nirgendwo, sie bettelt vergeblich um Verständnis und Mitleid bei ihrer herzlosen Mutter, die besten Jahre liegen hinter ihr. Wenn sie in dieser Stunde, in der ich ihr zuhörte, nicht so oberflächlich, so selbstbezogen, so widerlich gewesen wäre – fast hätte sie mir leidgetan.
The Chameleons – Nostalgia. https://www.youtube.com/watch?v=Hcb7VqrFY6E

Montag, 23. Mai 2016

Glück, Moral, Gewissen – eine Fallstudie

„Er glaubte immer noch an das Schöne in der U-Bahn, das Gute im Kühlschrank und das Wahre in der Zeitung.“ (Lupo Laminetti)
Es war 1986, ich lebte in Ingelheim und machte gerade Zivildienst. Es ist schon spät, als ich von der Kneipe nach Hause komme. Vor unserer Mietskaserne an der Rheinstraße steht eine Telefonzelle, sie ist hell erleuchtet und der Leuchtturm meiner kleinen Reise. Ich schaue hinüber und was sehe ich? Auf dem Kasten mit der Wählscheibe und dem Geldeinwurfschlitz liegt eine Brieftasche!
Ich öffne die Tür der gelben Zelle und stecke die schwarze Lederbrieftasche ein, ohne lange nachzudenken. Ich gehe die Treppe hinauf in den zweiten Stock, öffne die Wohnungstür und betrete mein Zimmer. Meine Mutter schläft längst. Ich hole die Brieftasche aus meiner Jackentasche und schaue mir den Inhalt an. Sie gehört einem amerikanischen Soldaten, seine ganzen Papiere sind in verschiedenen Fächern, dazu eine lange Reihe von Fotos in einzelnen Schubfächern. Offenbar seine Familie, seine Eltern, seine Frau, seine Kinder. Kreditkarte, Kundenkarte (PX – die Ladenkette für Angehörige der US-Streitkräfte). An Bargeld finde ich Dollars und D-Mark. Umgerechnet 270 Mark in bar!
Was soll ich machen? Ich verdiene zu diesem Zeitpunkt 321 DM im Zivildienst. Schichtdienst, Wochenenddienst, Altenpflege, Siechtum, Sterben, Leichen waschen. Das ist fast ein ganzer Monatslohn. Und die GIs verdienen in den Reagan-Jahren durch den günstigen Wechselkurs in Deutschland eine Menge Kohle. Also beschließe ich, das Geld zu behalten. Aber die Brieftasche einfach wegwerfen? Geld kommt und geht, aber es ist mühsam, die ganzen Papiere neu zu beschaffen, und die Fotos haben einen persönlichen Wert für diesen Mann, der ein paar Kilometer weiter in Wackernheim stationiert ist. Andererseits ist er ein Vertreter des US-Imperialismus, ein Teil der kapitalistischen Kriegsmaschinerie. In Wackernheim sind Atomwaffen stationiert.
Ich überlege eine Zigarettenlänge, was ich tun soll. Zwei Zigarettenlängen.
Gut. Ich behalte die Scheine. Die Brieftasche schicke ich per Post zurück an die Kaserne des Soldaten. Ich kenne ihn nicht, aber er ist durch den Verlust des Geldes genug gestraft. Er ist nicht nur eine Killermaschine, er ist ein Mensch, dem die Bilder seiner Familie fehlen. Damals gab es noch kein Internet und auch keine Smartphones. Fotografien hatten noch eine Bedeutung. Die Papiere haben eine Bedeutung, denn es bringt ihm eine Menge Ärger ein, wenn er seinen Vorgesetzten erzählen muss, er habe alles verloren. Der Russe freut sich über diese Unterlagen.
Ich stecke die Brieftasche in einen wattierten Umschlag und schreibe „Porto zahlt Empfänger“ drauf. Die Adresse: U.S. Forces, Wackernheim. Natürlich kein Absender. Ins Geldfach lege ich einen Zettel: „Sorry for taking the money but I’m a poor man. God bless You and Your family.“ Dann werfe ich den Umschlag in den Briefkasten vor unserem Haus.
Was hätten Sie an meiner Stelle gemacht? Wie hätten Sie sich entschieden?
New Order - Thieves Like Us. https://www.youtube.com/watch?v=Fc1ldXDJicY

Sonntag, 22. Mai 2016

Blogstuff 44

„Das Glück gehört denen, die sich selbst genügen.“ (Aristoteles: Eudemische Ethik)
Der Garten, in dem die Träume der Toten leben.
Das Abendland befindet sich in freiem Fall.
Politik ist in Form konkreter Personen offenbar besser zu vermitteln als in Form abstrakter Grundsatzpapiere. Die Leute reiben sich an einem Baum, nicht am Wald.
Hofberichterstattung: Inzwischen ist die „Frau im Spiegel“ im Umgang mit der Obrigkeit kritischer als der „Spiegel“. Da wird wenigstens noch über außereheliche Affären berichtet.
Wegen Bauarbeiten steht zum ersten Mal in der Geschichte eine Verkehrsampel im Dorf. Die tote Kreuzung, an der früher eine Bäckerei, ein Supermarkt und ein Gasthaus gewesen sind, wirkt richtig urban. Aufgepasst, Wapanucka / Oklahoma! Hier kommt Schweppenhausen!
Gourmet-Tipp: „Bullmaninger Schwedendübel“. Das ist ein Riesensandwich mit Roastbeef, Sardinen, Gurke, Parmesan, Weinbergsalat und Bärlauchmostrich.
„Alle Äußerungen und Vorwürfe Bonettis zielen ins Leere“, sagte Lupo Laminetti bei einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung des Deutschen Zahnsteinmuseums in Bad Nauheim.
Jetzt neu! Kaufen Sie die Bonetti-Wundertüte. Voller süßer und lustiger Überraschungen. Nur ein Euro!
Am Samstag spielt „Unfreiwilliger Harnverlust“ im SO 36. Hammer!
Warum schmeckt Zigeunersoße eigentlich genauso beschissen wie es klingt?
Eine Schatztruhe voller Erinnerungen. Ein langweiliges Leben ist die Ursache für eine ganz andere Form der Altersarmut. An was erinnert sich der Abteilungsleiter eines Versicherungskonzerns, wenn er in Rente geht?
Kuschelrock ist so deutsch wie Exportweltmeister und unbetretener Rasen.
Ich bin mit M. zur Schule gegangen. Seit 35 Jahren ist er der Sänger einer Rockband, seit 35 Jahren singt er „Sweet Home Alabama“ und andere Klassiker. Seit 35 Jahren ist er in der SPD und inzwischen der Bürgermeister in seinem Dorf. Und genau das ist das Problem: immer die gleiche Musik, immer die gleichen Phrasen. Jägerschnitzel mit Pommes frites forever! Aber jetzt ist die Zeit gekommen, wo man das ewig Gleiche nicht mehr hören will. Es reicht. Es ist längst genug. Wir wollen etwas anderes. Für die Endlosschleife der Mittelmäßigkeit ist das Leben einfach zu kurz.
Über uns ist der Himmel. Und er ist voller Geier.
In Kleinanzeigen umschrieben sich Menschen wie ich früher mit dem Begriff „Rubensfigur“. Mir gefällt auch der Ausdruck „leicht übergewichtig“.
Wichtige Erfindung der Vergangenheit: der Flaschenöffner. Erfindung der Gegenwart: der Flaschenöffner mit 8 GB Speicherplatz.
Es ist erstaunlich, wie viele unterschiedliche Emotionen der Mensch ausdrücken kann, seit es das Internet gibt. Bei Facebook kann man nicht nur etwas gut finden, sondern auch traurig, erstaunt, dankbar, erfreut oder wütend sein.
Erdbeben und Erdbeeren – das Schöne und das Schreckliche liegen oft so nah beieinander.
Malerei und Musik passen in unsere Zeit. Die Menschen schauen sich ein Gemälde einige Augenblicke an und gehen dann zum nächsten, so als würden sie die Urlaubsfotos eines Nachbarn betrachten. Sie hören ein kurzes Musikstück von drei Minuten Dauer. Es gefällt ihnen oder es gefällt ihnen nicht. Man muss nicht länger darüber nachdenken. Literatur hat in dieser Welt keine Chance. Für Tolstois „Krieg und Frieden“ braucht man fünfzig bis sechzig Stunden Lesezeit, im Idealfall innerhalb von zwei Wochen. Man braucht Zeit und Ruhe, Muße und Konzentration, um den Handlungsfaden und das umfangreiche Romanpersonal nicht aus den Augen zu verlieren. Wer schafft das, wenn man berufstätig ist und Familie hat? Es gibt keine zusammenhängende Lesezeit, die nicht durch Verpflichtungen und Ablenkungen perforiert wäre. Darum werden die großen Romane auch nicht mehr gelesen und geschrieben. Literatur ist eine Welt der Außenseiter geworden.
Es hilft ja nicht, wenn wir auf bessere Politiker warten, wenn wir auf bessere Politiker hoffen. Wir sollten es so machen wie die Tibeter: Suchen wir uns ein kleines Kind und ernennen wir es zum Präsidenten. Nur die klügsten Philosophen und die kreativsten Künstler dürfen dieses Kind begleiten und es ausbilden. Auf keinen Fall jemand aus einer Partei oder von einer Unternehmensberatung.
The Pet Shop Boys - To Face The Truth. https://www.youtube.com/watch?v=pX-PFTXV80c
Welterbe-Wein-Triptychon, 2006. Von Michael Apitz, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7111990

Samstag, 21. Mai 2016

Zwischenfall in Helsinki

„Ich habe schon vor vielen Jahren gewusst, dass der schwierigere und längere Teil dieses Berufes das Nicht-Schreiben ist.“ (Ilse Aichinger: Eiskristalle)
Es ist eine freundliche helle Landschaft, durch die ich reise. Mir gegenüber sitzt eine Finne und liest Zeitung. Kein einziges Wort auf der Titelseite kommt mir bekannt vor. Er sieht, dass ich seine Zeitung betrachte, und sagt etwas Unverständliches. Ich verstehe kein Finnisch und zucke mit den Achseln. Ich frage ihn, ob er Englisch oder Deutsch kann. Er lächelt und schüttelt den Kopf. Er fragt mich etwas auf Finnisch. Ich höre es an der Betonung am Satzende. Ich lächele auch und schüttele ebenfalls mein Haupt. Eine Weile sehen wir schweigend aus dem Fenster. Ein Dorf fliegt vorüber. Dann hebt der Finne plötzlich die Hand und vollführt mit Zeige- und Mittelfinger eine Gehbewegung. Anschließend reibt er sich mit der flachen Hand den Bauch und leckt sich die Lippen. Ich sehe ihn fragend an. Er deutet mit dem Zeigefinger in seinen offenen Mund und dann zur Abteiltür. Danach bewegt er seine angewinkelten Arme, als mache er einen Dauerlauf. Offensichtlich möchte er in den Speisewagen gehen und ich soll ihm folgen. Als er aufsteht, gehe ich mit ihm. Wir setzen uns an einen Tisch und der Finne ruft dem Kellner etwas zu. Bald stehen zwei dampfende Teller Suppe vor uns. Der Finne deutet auf seinen Ellenbogen und macht mit dem Zeigefinger kreisende Bewegungen um sein Ohr. Also tauche ich den Ellenbogen in die Suppe und lasse ihn kreisen. Alle Finnen im Speisewagen lachen.
(Dieser Text wurde von Heinz Pralinski aus dem Althochdeutschen übersetzt)
Psychedelic Furs - Love My Way. https://www.youtube.com/watch?v=Zz1XaRYvRiY

Dein großer Tag

„Könnten Sie das bitte noch mal nachprüfen?!“
Es war der totale Stress. Freitagabend, kurz vor Ladenschluss. Alle haben es eilig. Natürlich haben es immer alle eilig. Aber am Freitagabend ist es nicht zum aushalten.
„Was genau?“ Sie hörte ihre eigene Stimme, als käme sie aus einem Fernseher.
„Die Aprikosen“, sagte die Kundin mit der Prinz-Eisenherz-Frisur. Entweder war sie Lehrerin oder Ritter der Tafelrunde.
Sie legte die Tüte mit dem Obst noch einmal auf ihre Waage und klickte auf eine Taste ihres Displays.
Es piepste. Sie sah eine Zahl und las sie vor.
„Oh“, sagte die Frau nur und ging. Kein Dankeschön, nichts.
Der nächste Kunde.
Sie zog die Nahrungsbündel über die Glasfläche. Es piepste und piepste.
Endlich Feierabend.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte die Kollegin und überreichte ihr einen Blumenstrauß.
„Wir finden das super“, quiekten die Mädels von den anderen Kassen und präsentierten einen riesigen Pralinenkasten.
Und schließlich kam der Marktleiter: „Ich möchte Ihnen im Namen der Belegschaft zu Ihrer morgigen Hochzeit ganz herzlich gratulieren.“
Dann überreichte er ihr einen Fünfzig-Euro-Einkaufsgutschein für ihre eigene Filiale.
***
Mario musste sich schon den ganzen Tag die dummen Sprüche anhören.
„Ein paar Fotos online wären nicht schlecht.“
„Steck ihn für mich mit rein.“
„Wenn’s doch die Tochter vom Chef ist, hau ich dir eine rein.“
Aber der Freitag konnte nicht ewig dauern.
Am nächsten Morgen würde er mit seiner Braut und den beiden Familien zum Standesamt fahren.
Eine Hochzeitsreise konnten sie sich nicht leisten. Die Einrichtung der gemeinsamen Wohnung hatte schon tiefe Löcher in ihre Kasse gerissen. Kassiererin und Maurer. Wie soll das gehen?
Am Samstagabend würden sie eine schöne Feier haben, bevor am Montagmorgen alles wieder von vorne losging.
The Casualties - We Are All We Have. https://www.youtube.com/watch?v=LtbyamGepu4&nohtml5=False

Freitag, 20. Mai 2016

Über Religion

“For every complex problem there is an answer that is clear, simple, and wrong.” (H. L. Mencken)
In einem verwunschenen Garten leben ein Mann, den man aus Lehm zusammengebastelt hat, und eine Frau, die man aus einem Rippchen gemacht hat. Eine sprechende Schlange überredet die Frau, von einem magischen Baum zu essen. Sie tut es und seitdem liegt auf allen Menschen der Fluch der Erbsünde. Aber wenn wir an einen arbeitslosen Herumtreiber glauben, in dessen jungfräuliche Mutter angeblich ein Geist gefahren ist, leben wir nach dem Tod weiter. Ist das Euer Ernst? Komm schon, Mr. Popeman! Die Geschichte nehme ich dir nicht ab.
Eins haben die drei Buchreligionen, die ihren Ausgang im Nahen Osten nahmen, gemeinsam: Es gibt einen kleinen Prozentsatz von Strenggläubigen, von Radikalen, die zur Bedrohung werden. Fangen wir mit den Christen an. Da gibt es die Evangelikalen in den USA, Typen wie der glücklicherweise gescheiterte Präsidentschaftskandidat Ted Cruz, es gibt Sekten wie die Zeugen Jehovas oder die Pfingstbewegung, die als religiös verblendete Fanatiker eine Gefahr darstellen. Es gibt im Islam radikale Islamisten, die ebenso intolerant und totalitär sind, und im Judentum gibt es die Orthodoxen. Sie alle erinnern mich an die Ultras, an die Hooligans unter den Fußballfans. Die wenigen Radikalen diskreditieren eine ganze Gruppe.
Dabei sind die Religionen gar nicht so übel, wenn man sie ihrer Rituale, ihrer Organisationen und ihrer blumigen Sprache entkleidet und auf den wesentlichen Kern der Sache reduziert. Und der Kernsatz aller Religionen ist: Seid nett zueinander und nehmt euch selbst nicht so wichtig. Aus der Bergpredigt könnte man mühelos eine neue und bessere Gesellschaftsordnung als die jetzige extrahieren. Ganz unabhängig davon, ob man glaubt, dass dieser Jesus von Nazareth von einem „heiligen Geist“ oder von einem erfolglosen Handwerker (Geburt im Stall – ich bitte sie; zu dieser Zeit hatten die Römer schon die Fußbodenheizung erfunden) gezeugt wurde. Es ist sogar völlig bedeutungslos, ob Jesus überhaupt existiert hat. Und die Qualität seiner philosophischen Ansichten muss nicht durch das Zirkusprogramm seiner Wunder unterstrichen werden. Es geht auch ohne Show und Drama (das Ende!).
Aber das ganze Drumherum ist einfach unerträglich. Sehen Sie sich nur mal die Klamotten und die Hüte von Kardinälen an. Und gibt es etwas Langweiligeres unter der Sonne als Oblaten? Schmeckt nach nix. Was soll das? Und mit den zehn Geboten sind die Christen ja noch gut weggekommen. Die Juden haben 613 Ver- und Gebote. Diese armen Menschen brauchen zwei Kühlschränke und zwei Besteckkästen, weil man Milchiges und Fleischiges nicht zusammen essen darf. Wo ist da der Sinn? Sie essen einen Cheeseburger und haben sich an Jehova vergangen. Den Schwachsinn hat sich doch kein Gott ausgedacht, sondern irgendein kleinkarierter Bürokrat. Und am Sabbat darf ich weder Auto fahren noch einen Fahrstuhl benutzen. Wer denkt sich sowas aus? Und die Muslime mit ihren Kopftüchern und ihrem Bilderverbot. Warum darf ich mir kein Bild machen? Das sind doch alles Regeln, die sich Menschen ausgedacht haben, um sich gegenseitig zu schikanieren. Sikhs dürfen nicht zum Friseur, Hindus dürfen kein Jägerschnitzel essen. So gewinnt man keine neuen Fans.
Aber ich will nicht ungerecht sein. Man kann auch einiges von den Religionen lernen. Die Idee des Fastens zum Beispiel. Ich mache mehrmals im Jahr Medien-Fasten und halte mich von den Lärmquellen der Menschheit fern. Es tut mir wirklich gut und ich kann es nur jedem empfehlen. Man kann es aber auch anders in den Alltag integrieren. Ich nenne es „Mikro-Fasten“. Einfach mal die Klappe halten und zuhören. Nicht seine Meinung sagen, sondern über die Meinung anderer nachdenken. Drei Tage ohne Schokolade. Eine Woche ohne Bier. Okay, das ist brutal. Ein Abend ohne Bier. Zwei Abende. Die Grundidee, mit seinen Gewohnheiten für eine bestimmte Zeit zu brechen, ist großartig und wir haben sie der Religion zu verdanken. Die Grundidee hatten die Religionsstifter vermutlich aus dem Alltag. Und sie haben aus der Not eine Tugend gemacht. Wir haben nichts zu essen? Wir wollen gar nichts essen. Das ist doch sehr clever, oder? Ich bin arbeitslos? Ich will gar nicht arbeiten. Ich habe kein Auto? Ich finde den Bus viel cooler. Das alles habe ich beim Fasten gelernt.
P.S.: Hätten Sie’s gewusst? Weihrauch unterliegt, trotz seiner psychoaktiven Wirkung, nicht dem Betäubungsmittelgesetz.
P.P.S.: Ich denke an Marco Russ, den Kapitän von Eintracht Frankfurt. Erst die Krebsdiagnose, dann das Eigentor im Relegationsspiel der Bundesliga und die Sperre für das Rückspiel. Bei einem Doping-Test hatte man bei ihm ein Wachstumshormon gefunden, dass normalerweise nur schwangere Frauen ausschütten. Aber in seinem Körper wächst kein Baby heran, sondern ein Tumor. Vielleicht gibt es keinen Gott, aber den Teufel gibt's auf jeden Fall!
Touré Kunda: Okunaya. https://www.youtube.com/watch?v=oc1lfaYGWCs

Berlusconi, Poroschenko, Kern, Trump

Parteien funktionieren wie Konzerne, Abgeordnete sind Angestellte, Minister ebenso. Ihre politischen Ideen gehören ins Reich des Vorschlagswesens, wo man Verbesserungsvorschläge für einen effizienteren Ablauf des Betriebs machen darf. Man ist nicht seinem Gewissen verantwortlich, sondern seinem Bankkonto und der Karriereperspektive. Warum dann nicht gleich einen Konzernchef zum Staatschef machen? Italien hat mit Berlusconi den Anfang gemacht, es folgten die Ukraine und aktuell Österreich. Vielleicht erleben wir ja im Herbst mit Trump in den USA den Höhepunkt des Trends der Ökonomisierung des politischen Systems?

Das Wienermobil des berühmten Würstchenfabrikanten Oscar Mayer aus den USA.
Hinweis: Die Illustration ergibt keinen Sinn.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Welcome to Bribery Park

Einige kleine Spenden knapp unter der Veröffentlichungsgrenze von zehntausend Euro haben dem Berliner Baulöwen Groth genügt, um den SPD-Bausenator Andreas Geisel dazu zu bringen, das Genehmigungsverfahren um die Bebauung des Mauerparks an sich zu reißen und gegen den Willen der Bevölkerung das Bauvorhaben zu genehmigen. Man muss nur eine fünfstellige Summe investieren, um eine siebenstellige Summe als Profit einstreichen zu können. So funktioniert das Neapel an der Spree. Erstaunlich ist ja immer wieder, wie gering die Schmiergeldzahlungen sind, mit denen man politische Entscheidungen kaufen kann.
http://www.tagesspiegel.de/berlin/wahlkampfspenden-der-spd-opposition-greift-bausenator-geisel-an/13607568.html

Die Masse als Monstrum

„Der Mensch ist die Dornenkrone der Schöpfung.“ (Hagen Rether)
Ich staune immer wieder und werde es nie begreifen. Der Einzelne kommt ja gelegentlich im Gespräch durchaus vernünftig rüber, vor allem wenn man sich kennt. Nehmen wir mal etwas so Banales wie die Fußballfans. Trifft man einen Fan ganz alleine, stößt man nicht bei allen, aber doch bei vielen, die ich kenne auf fundierte Analysen, Verständnis für Andersdenkende (i.e. Fan eines anderen Vereins) und Artikulation ohne Gebrüll. Fußballfans als Massenphänomen bedeutet: Schlachtgesänge, Olli Kahn mit Bananen bewerfen, Aggression gegenüber Andersdenkenden. Musikfan im Singular: Entspannung, Kunstgenuss, liebevoll gepflegte Sammlungen. Nicht alle, aber viele. Musikfan im Plural: ESC-Orgien, Länderwettkämpfe mit beleidigten Leberwürsten („Wir machen da nicht mehr mit“, „Man hat uns um den Sieg betrogen“), gemeinsam wird die mieseste Scheiße in erbarmungswürdigen Kostümen grölend und chips-fressend durchgewinkt.
Weitere Beispiele aus den Bereichen Sport, Ernährung und Politik:
• Millionen von Spaziergängern schleppen am helllichten Tag Skistöcke hinter sich her und nennen es Nordic Walking. Keiner wäre allein auf diesen Schwachsinn gekommen.
• Der Einzelne als Gourmet, der in der Masse eines Schlussverkaufs zum Beutelprimaten mit Raffzwang wird.
• „Protestwählen“: Der Einzelne, selbst wenn er zur Zielgruppe der Modernisierungs- und Globalisierungsverlierer gehört, wirkt im Gespräch ja durchaus so, als sei er halbwegs bei Verstand. In der Masse wird dann aber Trump, AfD, FPÖ, Front National usw. gewählt.
Je größer die Menschenmenge, desto schwachsinniger die Entscheidungen. Niemand findet Umweltzerstörung, die Abholzung der Urwälder und das Artensterben gut, wenn man ihn fragt. Aber gemeinsam machen wir das jeden Tag. Eines der Mysterien der Menschenwelt: Als Masse mutieren wir zum Monstrum.
Fazit: Dummheit addiert und multipliziert sich, Intelligenz kann offenbar nicht aggregiert werden. Oder wie Henry Louis Mencken es formulierte: „Democracy is a pathetic belief in the collective wisdom of individual ignorance.”
She Past Away – Asimilasyon. https://www.youtube.com/watch?v=5OsETaZhBzE

Mittwoch, 18. Mai 2016

Andy Bonettis fünfzigster Geburtstag


Stimmung auf dem Siedepunkt! Lambada in Altötting! Wahnsinn!

Party like it's 1999. Mehr sag ich nicht. Brechend volle Säle - atemberaubende Gäste!

Ozzy Osbourne live! DER HAMMER!!

Es gab das Lieblingsessen des Meisters!
Das Lebensmotto von Andy Bonetti. Folgen wir dem großen Volksschriftsteller! Auf weitere fünfzig Jahre Andy Bonetti!!!
Blue Öyster Cult - Don't Fear the Reaper. https://www.youtube.com/watch?v=AUO_5EALZoM

Blogstuff 43

„Tenet insanabile multos scribendi cacoethes.” (Viele plagt eine unheilbare Schreibsucht)
Es heißt immer „Das kann man nicht vergleichen“. Warum eigentlich? Diese gedankenlos dahingeplapperte Redewendung hört man immer häufiger. Ich darf grundsätzlich alles vergleichen. Es kommt immer auf das Ergebnis des Vergleichs an. Wenn ich Wolfgang Schäuble mit Graf Dracula vergleiche, kann ich ja zu dem Ergebnis kommen, dass beide ganz unterschiedlich sind und keinerlei Gemeinsamkeiten aufweisen. Mit dem Satz „Das kann man nicht vergleichen“ wird immer gleich ein Denkverbot ausgesprochen. Wer verbietet mir den Vergleich? Ich möchte Namen und Adresse wissen. Ist es eine Behörde? Oder ist es ein Haufen arroganter Klugscheißer, die anderen Menschen gerne erklären, was sie sagen und denken dürfen?
Die Rentner-Love Story dieses Sommers: Romika & Julio. Jetzt in Ihrem Altersheim!
Hätten Sie’s gewusst? Auch der Teufel hat ein Wartezimmer. Schauen Sie sich mal um!
Wieder mal die Katzenpatrouille vor meinem Fenster. Wie sie mich anschaut. Mein Haus steht auf ihrem Grundstück, anders kann man es nicht formulieren.
Bonetti – wohlschmeckend, nahrhaft und bekömmlich. Die ideale Erfrischung für die ganze Familie.
Das Filetsteak war so zart wie ein Babyohrläppchen.
Einwanderung als Kulturschock. Zentralafrika meets Zentralheizung. Die Sprache: BILD, Bibel, Bürgerliches Gesetzbuch. Deutsche Leitkultur: Besserwisserei, Vereinsmeierei, Obrigkeitshörigkeit, Hochnäsigkeit, Pedanterie, Haarspalterei, Ordnungs“liebe“, Narzissmus. Da gibt es viel zu lernen.
Arbeit als Handel begreifen. Aufträge annehmen und an jemanden weitergeben, der es für die Hälfte macht. Zwischenhändler der Arbeit. Praktikanten und alleinerziehende Mütter. Migranten und Verzweifelte. Die Gelegenheit ist günstig.
Zum Tod von Prince: Ich habe ihn in den 90er Jahren zweimal live gesehen und er ist wirklich unglaublich klein. Die Shows waren sehr professionell, aber ich habe danach recht schnell den Kontakt zu seiner Musik verloren. Ich habe neulich im Radio noch Mozart-Vergleiche gehört, aber womöglich gehört das zur Kleinmädchenaufgeregtheit der Medien.
Wir werden nicht nur verarscht, wir werden auf einer Meta-Ebene verarscht, und wenn wir diese Komplettverarsche durchschauen würden, drehen wir endgültig durch. So lasset uns denn ein Imprägnierspray für Wanderschuhe kaufen, die wir eigentlich nur samstags beim Shopping in der Innenstadt anziehen, wenn wir auf der Suche nach nützlichen Dingen wie Imprägnierspray sind.
Die Jugend bezeichnet sich selbst als Digital Natives und blickt auf uns Alte herab. Dabei war es meine Generation, die den ganzen Scheiß erfunden hat und nicht die fusselbärtigen Schnösel, die mit fünfzehn schon einen Buckel haben, weil sie ständig auf ihr Smartphone glotzen müssen.
Man muss die menschliche Dummheit als Seuche begreifen, als Pandemie.
Ich begreife so vieles nicht. Ich wundere mich nur. So betrachtet ist die Welt voller Wunder.
„Die Mitte“, verstanden als Mittelmäßigkeit, Ignoranz und Selbstgefälligkeit der CDU/CSU und der SPD, ist inzwischen eine eiternde Wunde geworden.
Die Verheißung der Offroad-Fahrzeuge, das unausgesprochene Versprechen der SUVs: Damit kannst du überall fahren, du bist frei und verlässt einfach die Fahrbahn, wenn dir danach ist. Aber kein Käufer hat je die Straße verlassen, kein Geländewagen hat je das Gelände erreicht. Und bald wird es mit den fremdgesteuerten Automobilen der Zukunft auch gar nicht mehr möglich sein, die programmierte Fahrbahn zu verlassen.
Volksfeststimmung auf dem Tempelhofer Feld. Zehntausende Schaulustige, Buden, Fahnen und Musik. Und dann sieht man es von Ferne: Bonettis riesiges Luftschiff, an die zweihundert Meter lang. Bald werden die ersten Landungsseile herabgelassen. Dem Zeppelin gehört die Zukunft!
Und hier mal was aus der rheinhessischen Rockszene – mit meinem alten Kumpel Peter als Leadsänger: Finest Green - Seperate Directions. https://www.youtube.com/watch?v=cAW1kqZs-JI

Zwischen Vorspeise und Hauptgang

Das Etablissement war mir empfohlen worden.
Als der Oberkellner näher trat und mir die Karte reichte, sagte ich ihm leichthin, ich nähme ein offenes Fassbier à la casa. Als er mit der Dose zurückkam, fragte ich ihn, was denn der Küchenchef empfehlen würde.
„Jaaa“, sagte der Mann im schwarzen Frack, „der Koch hat heute Morgen frische Pommes aus dem Supermarkt geholt. Dazu würde ich an Ihrer Stelle die Riesencurrywurst wählen. Da kann man nix falsch machen.“
„Jou“, sach ich, „datt is ma Sternegastronomie aus einer ganz weit entfernten Galaxis.“
Gastro-Tipp: Im „Chez Gisela“ in Wichtelbach wird eine Küche zelebriert, die über das Banale hinausgeht, gleichzeitig aber die ursprüngliche Schlichtheit und Identität der kulinarischen Tradition des Hunsrücks bewahrt und behutsam weiterentwickelt. Wir empfehlen Burrito Schinderhannes und Sashimi Helmut Kohl.

Dienstag, 17. Mai 2016

Würst-Sampler

Neulich hatte ich die Idee, in Amerika eine Restaurantkette mit dem Namen „Heidelberg“ zu gründen. Als ich jetzt, da ein Freund eine Woche in New York verbringen will, mal spaßeshalber nach deutschen Restaurants im Big Apple gesucht habe, bin ich tatsächlich auf das „Heidelberg“ gestoßen – und das war nicht alles.
Im „Heidelberg“ in der vornehmen Upper East Side von Manhattan wird das Jägerschnitzel mit Spätzle und Rotkraut serviert. Stolze 28,50 $ werden aufgerufen. Es gibt jede Menge Würste in allen Varianten und Portionsgrößen, aber auch eigene Kreationen: den Heidelburger („German style hamburger served with mashed potatoes and fried onions“) oder das Andy's Special Sandwich („chicken or pork Schnitzel on a French baguette with Swiss cheese, bacon, lettuce, mayo and sauerkraut”). Zum „Frühschoppen“ ab 10:30 Uhr (klingt doch auch besser als Frühstück, oder?) kann man Eggs Bismarck („potato pancake topped with smoked salmon, fried egg, and hollandaise sauce“) oder Apfel-Omelett mit Eis („German apple pancake with ice cream“) bestellen. Warum gibt es diese Köstlichkeiten nicht auch bei uns?
Sehr schön ist auch das „Schnitzel Haus“ an der Fifth Avenue in Brooklyn. Hier gibt es nicht nur den titelgebenden „Würst-Sampler“, sondern auch andere kulinarische Überraschungen. „Two generations of family recipes are recreated to enjoy authentic tastes from the ‘old country’ at the Schnitzel Haus.” Hat Oma euch einen Streich gespielt, als sie euch das Rezept für „Reh-Kirsch würstchen mit Kartoffelsalat / Venison-Cherry Sausages with cold German potato salad“ oder „Feiner Spinatsalat mit heisser Specksosse“ gegeben hat? Von „Rheinische Muscheln“ mal ganz zu schweigen, die ich in fünfzig Jahren am Rhein nie zu Gesicht bekommen habe. Kann mir jemand beim “Schäfer-Auflauf / German Shepherd’s Pie, a variety of German würst topped with sauerkraut and mashed potatoes and baked in the oven” helfen? Anyone? Sympathisch ist der “Vegetarienteller / A Special Vegetarian Platter with pancake, spaetzel, red cabbage and fresh vegetables”.
Vom Restaurant „Loreley” fühle ich mich als Rheinhesse natürlich persönlich angesprochen. „German Gemütlichkeit, a concept best approximated by ‘coziness’ in English” – da möchte man dabei sein. “Pommes Rot Weiss” und „Halver Hahn“ (ein Käsebrot) für je sieben Dollar, “Schnitzel Finger”, „Wurst Tacos“ und der weltberühmte „Loreley Hamburger“. Da werden Erinnerungen wach, damit bin ich großgeworden. Und zum Nachtisch den „Ananasstrudel mit Vanille Sosse“. Wie bei meiner Oma!
Sie sind aus der deutschen Hauptstadt? Dann empfehle ich das „Berlyn“ in Brooklyn. „Spätzle Primavera“ klingt nach Prenzlauer Berg. „Lemon Buttermilk Panna Cotta“ ist ein traditionell preußischer Nachtisch, den schon der alte Fritz genossen hat. Und ob “Baby Mixed Greens with peas, tomato, fresh herbs, sherry vinaigrette” wirklich zu Früh Kölsch vom Fass oder „Würtzburger Hofbrau Pilsner” passen?
Im „Hallo Berlin“ wird außen mit schwarz-rot-gold, innen mit blau-weiß dekoriert. Gegründet von einem Ostdeutschen, der 1977 nach West-Berlin ausreisen durfte und vier Jahre später nach Amerika auswanderte. Hier tragen die Würstchen Namen wie Volkswagen (Wiener Würstchen), Mercedes (Bratwurst), BMW (Weißwurst) und Trabant (Bockwurst). Der Maybach ist eine „Smoked Andouille Bratwurst Cheese“ für zehn Dollar. Es gibt „Brat-burger“. Es gibt „Berliner Lunch“, der recht kreativ gestaltet ist: „Double Bavarian Meatballs“ und „German Single Soul Food Mix 1 Wurst“. Was mag sich dahinter verbergen?
Im „Manor Oktoberfest“ wird es dann preislich fast schon kriminell, wenn die aus München importierte Oktoberfestbretzel für acht Dollar angeboten wird. Aber es gibt ja auch Piroggen und „Hungarian Farmer's Crepe“ – Deutschland in den Grenzen von 1941. Da bleibe ich doch lieber beim „Oktoberfest Burger“ und beim „Smoked Black Forest Bacon Club Sandwich“. Das Zigeunerschnitzel mit Paprikasoße firmiert hier als „Hungarian Schnitzel“ mit Spätzle und Gurkensalat. Vom Faß gibt es Münchner und ostdeutsche Biere (Radeberger ist in New York sehr verbreitet) und sicherheitshalber auch Guinness. „OKTOBERIZE IT!“
„Best sexy sausages“ gibt es laut Village Voice im „Lederhosen“, Greenwich Village. „Chicken Frikasse With Pilze“ und „Gerauecherte Makarele“ – mir gefällt der Sprachmix. Es gibt eine „Jagermeister Sauce“ (womit allerdings offenbar Jägersoße zum Schnitzel gemeint sein dürfte) und natürlich den unvermeidlichen „Lederhosen Burger Deluxe.“ Ein Stück Heimat entdecke ich im „Ruedesheimer german style coffee with a shot of brandy & whipped cream” – und sie haben tatsächlich auch Apfelwein, wenn auch für sieben Dollar für ein großes Glas (0,5 l). Überhaupt wird für die Getränke auf allen Karten das metrische System verwendet.
Das „Bavaria Bierhaus“ an der Südspitze Manhattans bietet ein „Bavaria Omelette“ (“Corned beef, Emmentaler Swiss cheese, Choice of home fries, regular fries or salad”), “Bavarian Fries” (“Crispy fries topped with beef stew, a fried egg and a touch of sour cream”) und einen „Bavarian Spicy Burger“ (“Butterkase cheese, crispy bacon, spicy mustard Choice of fries, house salad or sauerkraut”) an. Aufregend klingt auch “Pork Belly Waffle Slider” (“Braised cabbage&apples with a bier cheese sauce”). Für eine Maß Bier werden sechzehn Dollar aufgerufen.
“Max Bratwurst und Bier” in Queens bietet neben Bratwurst und Bockwurst auch eine Klapperschlangenbratwurst und eine Krokodilbratwurst an. Aufgepasst, Nürnberg! Auch die „Bierbratwurst mit Käse“ klingt verlockend. „Make any Sausage to a Currywurst as seen in Berlin. Just for $ 2.” Gebt mir den “Berlin Hammer“: „Jumbo Currywurst mit Pommes rot-weiss“. Als „German Hamburger“ werden hier „Riesen Bouletten“ mit einem Kampfgewicht von zehn Unzen angeboten. Das sind 283 Gramm! Auf der bayrischen Variante sind sogar noch Nürnberger Würstchen, auf der westfälischen Variante westfälischer Schinken und Gouda, die österreichische Ausgabe wird mit Bacon und Gorgonzola serviert, die Schweiz wartet mit Pilzen, Schweizer Käse und Curryketchup auf. Richtig international ist das „German Ham and Cheese Sandwich“: „Ham bologna, smoked speck, swiss cheese, ciabatta“. Das Heilige römische Reich deutscher Nation ist wieder auferstanden.
Die „Reichenbach Hall“ weicht wohltuend in einigen Punkten von den anderen Restaurants ab. Hier gibt es auch einen „Aufschnitt Teller“ oder eine „Vegan Tofu Wurst“. Mouthwatering ist ja auch die Beschreibung der „Wurstplate”: “A mouth watering combination plate featuring our time honored & traditionally prepared German sausages, including two of each Bratwursts, Huhn Wursts, Bauernwursts, Kasewursts, & one Kielbasa served with spicy mustard, gherkins & assorted breads.” Die polnische Kielbasa taucht recht häufig in den deutsch-amerikanischen Speisekarten auf. Muss man sich jenseits der Oder wieder Sorgen machen? Sehr nett ist aber das „Nackt Schnitzel“ – es wird unpaniert serviert. Als Beilagen können Sie Steckrüben bestellen. Dann aber die „German Fries”. Bitte genau lesen: “Hand cut Idaho potatoes cooked crisp & tossed with kosher salt.” Koscheres Salz? Wiedergutmachung geht offenbar durch den Magen.
Es gibt erstaunlich viele deutsche Lokale in New York. Das hätte ich nicht erwartet. Ich vermisse beim Studieren der Speisekarten allerdings den Blitzkrieg Burger und die German Tank Würstel. Und wie wäre es mit einem Cocktail auf Jägermeisterbasis, der als „V 2“ angeboten wird? Hitler Fries? Göringtorte? Die zwölf Jahre des Nationalsozialismus fehlen hier völlig. Vielleicht sollte man diese Marktlücke füllen und ein Restaurant mit dem Namen „Eva Braun“ eröffnen?
John Watts – I Smell Roses. https://www.youtube.com/watch?v=NSsN7M_Jc_o

Montag, 16. Mai 2016

Der Gast

„Die Welt ist weiß und das Wort ist schwarz.“ (Lupo Laminetti)
Wir, das heißt meine Frau und ich, haben den ausgedehnten Herrschaftssitz im Frühling gekauft. Er liegt in den Weinbergen unweit von Sankt Goar und wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem Fabrikanten erbaut. Der letzte Besitzer war vor kurzem gestorben und seine Erben wollten das Haus kurz nach der Beerdigung verkaufen. Bis auf einige persönliche Andenken, Briefe und Fotoalben, blieb die Einrichtung des Hauses unverändert. Alte Gemälde hingen an den Wänden, neben dem Kamin stapelten sich die Buchenscheite und die Bibliothek umfasste sicherlich mehrere tausend Bände, meistens Belletristik, Bildbände und historische Abhandlungen.
Wir ließen fast alles unverändert. Meine Frau schaffte einen neuen Kühlschrank an, wir brachten unser eigenes Geschirrservice mit und ich stellte meinen geliebten alten Lesesessel ans Fenster des großen Arbeitszimmers, von dem aus ich in den weitläufigen Garten sehen konnte: Alte Eichen und Kiefern, durch deren gewundene Äste ich den Fluss schimmern sah, Rhododendren und Fuchsien. Wir nutzten anfangs nur das Erdgeschoss und zwei Zimmer im Obergeschoss. Der Sommer kam und wir saßen auf der Terrasse und genossen die Ruhe unseres neuen Zuhauses.
Es waren Kleinigkeiten, die mich eines Tages stutzig machten. Ich hatte in einem der Bücherregale, die ganze Wände des Arbeitszimmers und des Wohnzimmers bedeckten – von der eigentlichen Bibliothek ganz zu schweigen -, „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace entdeckt, einen Roman, den ich als Freund der amerikanischen Literatur schon immer einmal lesen wollte. Als ich ihn endlich aus dem Regal ziehen wollte, war er verschwunden. Ich suchte systematisch die Reihe der Buchrücken nach dem Titel ab. Nichts. Auch meine Frau hatte das Buch nicht genommen. Ich ließ den Fall auf sich beruhen und las „Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth. Einige Tage später vermisste ich einen Kugelschreiber, den ich auf dem Schreibtisch liegengelassen hatte. Auch er tauchte nicht mehr auf. Im Kühlschrank fehlten Schinken und Salami, in der Vorratskammer verschwanden Konserven mit eingelegten Pfirsichen und Gulaschsuppe.
Wir konnten uns diese Vorgänge nicht erklären. Als wir eines Abends auf der anderen Rheinseite in einem Restaurant saßen und zu unserem Haus hinübersahen, fiel uns auf, dass in zwei Zimmern das Licht brannte. Hatten wir vergessen, das Licht zu löschen, als wir das Haus verließen? Voller Unruhe warteten wir auf das Essen, das wir bestellt hatten, aßen ohne Appetit Rehrücken und tranken hastig eine Flasche Dornfelder. Als wir mit der Fähre den Rhein überquert hatten und wieder in unserem Haus angekommen waren, war alles dunkel.
Wir waren beunruhigt und grübelten gemeinsam über die Vorfälle seit unserer Ankunft vor einigen Monaten. Gegenstände waren verschwunden und wieder aufgetaucht. Es gab nur eine vernünftige Erklärung: Im Haus lebte ein Fremder. Wir beschlossen, am nächsten Morgen alle Räume zu durchsuchen. Aber das Haus ist groß und besitzt mehrere Treppenhäuser, ein repräsentatives in der Mitte des Hauses und zwei schmale für das Personal im Nord- und im Südflügel des Anwesens. Von einer Kellertür führte ein Trampelpfad zu den Mülltonnen neben der Remise. Von dort gab es einen Schotterweg, der durch den Garten hinunter in den Ort führte.
In etlichen ehemaligen Gästezimmern und Personalräumen gab es Sofas und Betten. Der Fremde konnte jede Nacht in einem anderen Zimmer schlafen. Wir fanden „Unendlicher Spaß“ in einem Kellerraum voller alter Möbel, Kisten und Gerümpel. Leider gab es zu diesen vielen Räumen keine Schlüssel. Also riefen wir die Hinterbliebenen an, um sie um Hilfe bei der Aufklärung des Rätsels zu bitten. Die Tochter des Verstorbenen verriet uns nach kurzem Zögern, ein Schriftsteller habe im Haus ihres Vaters gewohnt. Er hätte dort gearbeitet und musste für die Unterkunft und die Verpflegung nicht aufkommen. Sie hatte erwartet, dass der Mann verschwunden sei. Wir hatten also einen unsichtbaren Gast in unserem Haus.
Sein Name ist Magnus Lieberwirth. Aber ich kann im Netz nichts über ihn finden. Keine Veröffentlichungen, keine Informationen. Vielleicht benutzt er ein Pseudonym?
Front 242 – Welcome to Paradise. https://www.youtube.com/watch?v=dBk1Fpk3waU

Sonntag, 15. Mai 2016

Schopenhauer

Die Lehre Schopenhauers hat in der Gegenwart schon darum Bedeutung, weil sie unbeirrbar die Götzen denunziert.” (Max Horkheimer)
„Beim Lesen begreife ich nicht, wie sein Name unbekannt bleiben konnte. Es gibt nur eine Erklärung, dieselbe, die er so häufig wiederholt, dass es fast nur Idioten in der Welt gibt.“ (Leo Tolstoi)
Es ist ein schmales Bändchen, das ich neugierig aus dem Bücherregal ziehe: „Schopenhauer für Boshafte“. Auf dem Vorblatt lese ich die Widmung des Herausgebers: „Hier nochmal knapp und kompakt, weshalb vom Leben nicht viel zu erwarten ist. Alles Gute zum 40. und weiterhin von Deinem Freund N.“
Vor zehn Jahren ist das Buch erschienen und noch immer sitze ich mit jenem Schopenhauerianer bei Bier und Schweinsbraten, um die Lage der Welt zu erläutern. Selbstverständlich ist alles schlimmer geworden. Wer Schopenhauer liest, weiß es – alle anderen sind jeden Tag wieder aufs Neue überrascht. Aber die Schriften des großen Philosophen dienen uns noch heute als geistige Apotheke. Hier einige Zitate, die unsere Gegenwart ebenso illustrieren wie alle anderen Zeitalter des Menschengeschlechts:
„Der Mensch ist im Grunde ein wildes entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt; daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur.“
„Als Zweck unseres Daseins ist in der Tat nichts anderes anzugeben als die Erkenntnis, dass wir besser nicht da wären.“
„Man versetze dieses Geschlecht in ein Schlaraffenland, wo alles von selbst wüchse und die Tauben gebraten herumflögen, auch jeder seine Heißgeliebte alsbald fände und ohne Schwierigkeiten erhielte. – Da werden die Menschen zum Teil vor Langerweile sterben oder sich aufhängen, zum Teil aber einander bekriegen, würgen und morden und so sich mehr Leid verursachen, als jetzt die Natur ihnen auflegt.“
„Man sehe sie doch nur einmal darauf an, diese Welt beständig bedürftiger Wesen, die bloß dadurch, dass sie einander auffressen, eine Zeitlang bestehen, ihr Dasein unter Angst und Not durchbringen und oft entsetzliche Qualen erdulden, bis sie endlich dem Tode in die Arme stürzen.“
„Ein großer Teil der Kräfte des Menschengeschlechts wird der Hervorbringung des allen Notwendigen entzogen, um das ganz Überflüssige und Entbehrliche für wenige herbeizuschaffen. Solange daher auf der einen Seite der Luxus besteht, muss notwendig auf der andern übermäßige Arbeit und schlechtes Leben bestehn.“
„Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit, Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer andern Form und diese nennt man den Nationalcharakter. (…) Jede Nation spottet über die andere, und alle haben recht.“
„Die Zeitungen sind die Sekundenzeiger der Geschichte. Derselbe aber ist meistens nicht nur von unedlerem Metalle als die beiden andern, sondern geht auch selten richtig. (…) Übertreibung in jeder Art ist der Zeitungsschreiberei ebenso wesentlich wie der dramatischen Kunst: denn es gilt, aus jedem Vorfall möglichst viel zu machen. Daher auch sind alle Zeitungsschreiber von Handwerks wegen Alarmisten; dies ist ihre Art, sich interessant zu machen.“
„Während jeder sich schämen würde, in einem geborgten Rock, Hut oder Mantel umherzugehen, haben sie alle keine andern als geborgte Meinungen, die sie begierig aufraffen, wo sie ihrer habhaft werden, und dann, sie für eigen ausgebend, damit herumstolzieren. Andere borgen sie wieder von ihnen und machen es damit ebenso. Dies erklärt die schnelle und weite Verbreitung der Irrtümer wie auch den Ruhm des Schlechten: denn die Meinungsverleiher von Profession, als Journalisten u. dgl., geben in der Regel nur falsche Ware aus wie die Ausleiher der Maskenzüge nur falsche Juwelen.“
„Unglaublich ist doch die Torheit und Verkehrtheit des Publikums, welches die edelsten, seltensten Geister in jeder Art aus allen Zeiten und Ländern ungelesen lässt, um die täglich erscheinenden Schreibereien der Alltagsköpfe, wie sie jedes Jahr in zahlloser Menge den Fliegen gleich ausbrütet, zu lesen – bloß weil sie heute gedruckt und noch nass von der Presse sind. Vielmehr sollten diese Produktionen schon am Tage ihrer Geburt so verlassen und verachtet dastehn, wie sie es nach wenigen Jahren und dann auf immer sein werden, ein bloßer Stoff zum Lachen über vergangene Zeiten und ihre Flausen.“
„Das Geld ist die menschliche Glückseligkeit in abstracto; daher, wer nicht mehr fähig ist, sie in concreto zu genießen, sein ganzes Herz an dasselbe hängt.“
„Es ist eine große Torheit, nach außen zu gewinnen, nach innen zu verlieren, d.h. für Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre seine Ruhe, Muße und Unabhängigkeit ganz oder großenteils hinzugeben.“
„Der Reichtum gleicht dem Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man. – Dasselbe gilt vom Ruhm.“
Ähnlich wie Spinoza hat Schopenhauer im unbedingten Willen zum Leben die Wurzeln allen Übels erkannt. Indem man diesen Willen verneint und sich vom irdischen Wollen und Streben befreit, überwindet man das Leiden – unverkennbar hat Schopenhauer von der indischen Philosophie, vor allem vom Buddhismus, viel gelernt. Und selbstverständlich bleibt er mit seiner radikalen Kritik an unserer Welt des sinnfreien Konsums, der Eitelkeit und Oberflächlichkeit auch heute ungehört.
Er selbst kommt im Alter zu dem Schluss, dass seine Philosophie ihm „nie etwas eingebracht, aber sehr viel erspart“ habe.
P.S.: Und das hat Schopenhauer zu Facebook & Co. gesagt: „Da schmieren sie (…) hastig hin, was sie zu sagen haben, in den Ausdrücken, die ihnen eben ins ungewaschene Maul kommen, ohne Stil, ja ohne Grammatik und Logik.“ Der Mann ist unglaublich aktuell. Würde er heute leben, hätte er vermutlich folgende Bandansage: „Hier ist der automatische Anrufbeantworter von Arthur Schopenhauer. Bitter hinterlassen Sie keine Nachricht.“
The Cure – The Funeral Party. https://www.youtube.com/watch?v=Yqo6L-7Uo2k

Samstag, 14. Mai 2016

Blogstuff 42


„Mach es wie die Sonnenuhr, arbeite als Schatten nur.“ (Johnny Malta)
Ich bin bereit, sehr viel Geld in usbekischen Retro-Pop zu investieren, aber es darf auf keinen Fall eine Hirschhornokarina im Spiel sein.
Zur Frage der Konsensstreifen am Himmel: Die Drogen in den Chemtrails sollen uns ja zufrieden und gefügig machen. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt und finde es gar nicht so schlecht.
„Success is my currency“ – das neue Album von Johnny Malta. Jetzt im Handel.
A: Den Spruch kannte ich schon. – B: Na und? Besser gut aufgewärmt als schlecht gekocht.
Andy Bonetti beschäftigt sieben Aufsichtsräte, deren einzige Aufgabe es ist, beim Picknick Schatten zu spenden.
Neu! Die AfD erreicht die spanischen Strände:
„Solang ein Tropfen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Feind hier deinen Strand.“
Die Wacht am Rhein. https://www.youtube.com/watch?v=oKkRS4rL6Pw
Neulich haben sie im Fernsehen mal wieder etwas über Ausgrabungen in Ägypten gebracht. Sie wollten aber noch nicht genau verraten, was sie gefunden haben. Vermutlich den getrockneten Rotz von Pharao Ramses dem Dritten. Als ob wir in unseren Museen nicht genug von diesem Gelumpe rumstehen hätten. Sieht doch sowieso alles gleich aus. Also ich kann da keinen Unterschied feststellen.
Aktionen gegen den politischen Gegner dienen meistens nur der Selbstbestätigung. Wir machen einen lustigen Spruch, der den politischen Gegner beleidigt. Aber nur wir lachen, nicht der Gegner. Wir stabilisieren die eigene Wählerschaft, aber wir überzeugen keinen Wähler der anderen Partei. Die Pointe ist uns wichtiger als ein Parlamentssitz.
„The Phony-baloney Fun-bookaloney“ ist der absolute Verkaufsschlager von Bonetti Media. Es stehen nur sinnlose Geschichten über ausgedachte Personen mit falschen Adressen im Buch. „Baloney“ heißt nicht nur Schwachsinn, sondern auch Fleischwurst. „Phony-Baloney“ heißt totaler Schwachsinn im Sinne von Asbestkuchen oder Christdemokratie.
Früher war alles besser: da ist man noch ins Sonnenstudio gegangen, um braun zu werden. Vermutlich waren auch die Kalauer besser.
In meinem Arbeitszimmer blicke ich auf ein Plakat vom englischen Formel 1-Grand Prix 1984, den ich besucht habe, und eine Weltkarte, auf der es noch die DDR und Jugoslawien gibt. Gibt es für Männer den Begriff "Peter-Pan-Syndrom" (i.e. die Weigerung zu altern)? Wenn nicht, gehört das Copyright mir. Meine These: Frauen haben IMMER Kinder, egal was sie machen.
„Ironie ist inzwischen eine Seuche geworden. Jeder ist lustig. Ich halte mich da sehr zurück und denke an die Zeit, als das Leben noch ernst und Menschen wie ich die Ausnahme waren.“ (Andy Bonetti: Kommt ein Arzt zur Frau – die besten Witze, die Fips Asmussen noch nicht erzählt hat, Vorbemerkungen zur Einleitung, Teil 5)
Werbung: Die aufregende neue Biographie über unseren großen Volksschriftsteller. "Andy Bonetti - Kein einfacher Mann aus dem Volk“. Nur bei uns. Ihr Bundesverband der Bahnhofsbuchhandlungen.
Hätten Sie’s gewusst? Nirgendwo in Deutschland wird weniger Bier getrunken als in Rheinhessen. Nur 29 Liter pro Kopf und Jahr.
https://www.bilanz.de/redaktion/bier-statistik
Extrabreit - Der Präsident ist tot. https://www.youtube.com/watch?v=JAZ_qdFnc84