Donnerstag, 22. Dezember 2016

Send me flowers

„Versandhandel ist die Zukunft – wir versenden inzwischen sogar unseren Hass online.“ (Lupo Laminetti)
Früher gab es in Deutschland mit Quelle und Neckermann zwei sehr erfolgreiche Versandhandelsunternehmen, lange vor dem Internet. Warum sind sie untergegangen und warum machen die Amerikaner heute das Geschäft? Es hat sich doch im Versandhandel nicht viel verändert. Statt dem Katalog, den jede Familie in Papierform zu Hause hatte, ist der Katalog jetzt im Internet. Die Buchverlage stehen noch, die Versandhäuser sind im Prinzip verschwunden. Das verstehe ich nicht.
Es gehört ja heutzutage zum guten Ton des Semi-Intellektuellen, den Versandhandel zu kritisieren, seit er teilweise von guten deutschen in böse amerikanische Hände übergegangen ist. Das sehe ich anders. Schon meine Großeltern und meine Mutter haben über den Versandhandel Klamotten bestellt, ohne dass jemand hysterisch „Zalando“ geschrien hätte. Ich habe in den achtziger Jahren bei „Zweitausendeins“ fast jeden Monat Bücher und Platten bestellt.
Da ich seit über drei Jahren gleichzeitig in Berlin (wenig) und in Schweppenhausen (viel) lebe, fällt mir der Unterschied zwischen Stadt- und Landleben ganz besonders ins Auge. In Berlin gehe ich ohne Einkaufszettel in den Supermarkt, er ist nur fünfzig Meter von meiner Wohnung entfernt. Wenn ich die Butter vergessen habe, gehe ich eben nochmal los oder ich kaufe sie am nächsten Tag. In Schweppenhausen gehe ich einmal in der Woche in der Stadt einkaufen. Wenn ich dort die Butter vergesse, habe ich eben eine Woche keine Butter. Das hat dazu geführt, dass ich inzwischen Vorräte im Tiefkühlfach (z.B. Butter) und der Speisekammer angelegt habe.
Wenn ich abends noch Lust auf ein Bier habe, gehe ich zum Späti. Das sind nur zwanzig Meter. In Schweppenhausen gibt es keinen Späti. Übrigens auch keinen Supermarkt, keinen Bäcker, kein Reisebüro und kein Restaurant. Wenn ich ins Kino möchte, muss ich fünfzehn Kilometer mit dem Bus fahren. Abendvorstellung kann ich vergessen, denn der letzte Bus fährt von Bad Kreuznach um 19 Uhr in mein Dorf. Wer nie auf dem Land gelebt hat, kennt die Unterschiede nicht. Da geht es um mehr als um einige Kilometer Distanz. Dazwischen liegen Welten.
Wenn ich shoppen gehen möchte, mache ich eine Reise nach Mainz. Ich sage bewusst Reise, denn ich brauche für beide Strecken insgesamt drei Stunden und habe Fahrtkosten von zwanzig Euro. In dieser Zeit kann man auch nach Teneriffa fliegen. In Mainz und anderen Städten geht die Angst um, der Versandhandel vernichte den Einzelhandel. Vielleicht kommt es tatsächlich zu einem Niedergang des Handels, aber der Gastronomie geht es immer noch blendend. Die Leute gehen gerne in die Stadt – einfach weil dort mehr los ist als vor dem eigenen Computer.
Ich kann dieses Feuilletongewäsch nicht mehr hören: Bestell nix per Internet, denk mal an den Einzelhandel. Was gehen mich eigentlich die Geschäftsleute in Mainz an? In Schweppenhausen gab es früher einen Supermarkt, einen Bäcker, ein Restaurant und eine Kneipe. Alles weg. Ich kann zweieinhalb Stunden täglich bei meinem Winzer Wein kaufen. Das war’s, mehr gibt’s nicht. Haben uns die Mainzer deswegen betrauert? Nein. Also ist mir jetzt auch Mainz egal. Und es ist mir auch von Herzen egal, ob sich mit meinem Geld ein deutscher oder ein amerikanischer Bonze die Rosette vergoldet. „Deutsche, kauft deutsche Bananen“? Hat schon in den 1930ern nicht funktioniert.
Für mich ist der Versandhandel ein Segen, wenn ich - bekanntlich ohne Auto lebend - im Dorf bin. Ich brauche ein bestimmtes Buch? Just click on it. Ich lese sehr viel und eigentlich gar nichts von der SPIEGEL-Bestsellerliste oder den aktuellen Katalogen der Verlage. Derzeit lese ich ein Buch von 1988, zuvor eins von 1930. Hat die Buchhandlung doch gar nicht, falls ich tatsächlich eine Reise in die Landeshauptstadt oder die Kreisstadt antreten sollte. Ein Sixpack Socken? Just click on it. Ich habe sogar schon Notebooks, Fernseher, Gartengeräte und Möbel über das Internet bestellt. Kein Witz: Ich habe auch mal für zwei Euro Glasperlen aus China bestellt, die waren vier Wochen mit dem Schiff unterwegs. Wunderbar.
Für die Menschen, die weder mobil noch reich sind, ist der Versandhandel eine großartige Sache. Und Mainz oder Berlin werden genug Honig produzieren, um die Menschen auch weiterhin in ihre Innenstädte zu locken.
P.S.: Wer in Uber und Airbnb den Untergang von Taxi- und Hotelgewerbe sieht, möge sich an die Mitfahr- und Mitwohnzentralen meiner Jugend erinnern.
Art Brut - Just Desserts. https://www.youtube.com/watch?v=962KK4VzOw4

Kommentare:

  1. "die Versandhäuser sind im Prinzip verschwunden. Das verstehe ich nicht."
    Dürfte zum Gutteil mit an der Tatsache liegen, dass das Billiglohn-Land DDR nicht mehr da ist.

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    1. Aber wir haben doch jetzt die Noch-Billiger-Länder in Asien, wo Amazon sein Zeug her hat.

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    2. Die Versandhäuser haben an Papier(katalogen) festgehalten, da war die Kundschaft schon lange im Internet unterwegs. Meiner Meinung nach hat das Management die Veränderung des Vertriebsweges voll verpennt.

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  2. OTTO gibt es immer noch, die haben den Wandel früh genug auf dem Schirm gehabt.

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