Freitag, 16. Dezember 2016

Nichts Neues unter der Sonne

„Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll. Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ (Prediger 1, 8-9)
Die deutsche Presselandschaft beklagt die „Fake News“ und die Desinformationskampagnen russischer Hacker. Warum erhält dieses Thema so viel Aufmerksamkeit? Hätten die Mainstream-Medien weniger gelogen, weniger den Regierenden nach dem Munde geredet, hätte sich das Publikum nicht neue Informationsquellen suchen müssen. Wer jetzt über das abwandernde Publikum jammert, ist selbst dran schuld. Die Menschen kaufen in den neuen Läden ein, die zum Teil Lügen verbreiten, zum Teil aber auch die Wahrheit, die man in den Mainstream-Medien nicht mehr lesen kann. Aber sie lassen im Gegenzug das staatstragende Gesülze hinter sich.
Fake News nannte man übrigens früher Zeitungsenten. Der Einsatz von Fehlinformationen zu strategischen, politischen oder ökonomischen Zwecken ist so alt wie die Menschheit. „Hinter dir ist ein Säbelzahntiger.“ Du drehst dich um und ZACK hat dich die Keule von dem fiesen Typen aus der Nachbarhöhle getroffen. Später dann der Sender Gleiwitz oder die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein. Nichts Neues unter der Sonne.
Überhaupt habe ich den Eindruck, das Internet werde aktuell total überschätzt. Vermutlich wird jede neue Technologie als Nabel der Zeit gesehen und jede Generation hält sich für bedeutend und epochemachend. Aldous Huxley lässt mit der Erfindung des Fließbands eine neue Zeitrechnung anbrechen („vor Ford“ – „nach Ford“). Jede Generation hat ihr bahnbrechendes Ereignis: für die Urgroßeltern war es der Mord in Sarajevo und der Beginn des Ersten Weltkriegs, für die Großeltern der Selbstmord Adolf Hitlers und das Ende des Dritten Reichs, für die Eltern der Kennedy-Mord und der drohende Atomkrieg, für uns die Terroranschläge unter dem Label „Nine-eleven“.
Vielleicht leben wir auch gar nicht in bedeutenden und aufregenden Zeiten? Vielleicht nehmen wir uns auch einfach nur sehr wichtig? Vielleicht haben die Menschen in der Antike sich auch für einen Höhe- und Wendepunkt der Weltgeschichte gehalten? Ich sehe das Internet und einzelne Phänomene wie Fake News oder Social Media ganz nüchtern. Im Netz geht es überhaupt nicht ständig um Politik und Nachrichten. Das glauben nur die Redakteure, die über das Netz schreiben. Neunzig Prozent der Posts sind private Themen, Banalitäten des Alltags, Geplauder am digitalen Gartenzaun.

Wurde jemals eine Regierung durch die Macht des Internets gestürzt? Mir fällt kein einziger Fall ein. Aber plötzlich reden alle davon, Putin habe über Hacker und Bots die amerikanische Wahl manipuliert. Als hätte man im Kreml beschlossen, wer der nächste Mieter im Weißen Haus sein wird. Wenn das wahr wäre, müssten wir ja nur in Moskau anrufen und fragen, wer nächstes Jahr die Bundestagswahl gewinnt. Dann können wir uns den Wahlkampf und die Debatten sparen.
Ich kenne persönlich niemanden, der mit der Wahl Trumps einverstanden war. Aber als Verlierer im Anschluss „Manipulation“ zu schreien und mit dem „bösen Russen“ mal wieder den ewig gleichen Täter zu benennen, ist an geistiger Armut kaum zu überbieten. No-Brain-Area. Das ist eine Verschwörungstheorie – und die gibt es auch auf der Ebene der politischen Elite und ihrer Hofberichterstatter in den Pressehäusern. Das ist pure Demagogie und hinter der Warnung vor den Fake News steht unausgesprochen der Wunsch, man möge doch wieder mehr Zeitungen der Mainstreammedien kaufen und ihnen wieder vertrauen. Mit diesen Methoden wird das aber sicher nicht gelingen. So viele Fake News wie der Springer-Verlag in den letzten Jahrzehnten wird das Internet nicht schaffen. Nichts Neues unter der Sonne.
OMD - Electricity. https://www.youtube.com/watch?v=Y43XLVqjytQ

Kommentare:

  1. Höhe- und Wendepunkt für mich waren "Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit" von 1972.
    Gute Güte, da stand doch schon alles drin. Ohne Polemik, geschrieben von Wissenschaftlern, nicht von Politikern oder "Journalisten".

    AntwortenLöschen
  2. Schöner Text, bravo.

    Wenn man sich außerhalb der politischen Filterblase mal umhört und umschaut wird es sogar noch krasser. Viele haben weder von Trump noch vom Internet mitbekommen was das denn so sei. Nachrichten schaut die KUHU Fraktion (Konsumenten unter hundert) fast gar nicht und außer Google, Facebook und Youtube gibt es auch fast keine Webseiten von Relevanz.

    Die Jungs (16 und 18) hier im Haus kommentieren Fernsehen so das sie sich ihr Programm schon selbst zusammenstellen würden, wenn Sie denn eines bräuchten.

    Im kleinen kommt mir das ganze so vor wie im globalen. 4% des Erdballs sind von Menschen besiedelt. Vier, mehr nicht.

    AntwortenLöschen
  3. Jeder bekommt, was er verdient. Nur die Erfolgreichen geben es zu.

    Unbekannt

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ... muss jetzt aber - zackig - meine Weihnachtspost erledigen und für´s WELTGESCHEHEN überhaupt keine Zeit hab !!! *wissterbescheid*

      Löschen
  4. Das gezielte Aufbauschen der Gefahr durch russische, selbstverständlich von Putin persönlich handverlesene und instruierte Hacker, die unsere westlichen Demokratien schwächen wollen, ist Teil einer gefährlichen Strategie zur Vorbereitung eines Krieges.
    Keiner derjenigen, die diese Meldungen lancieren, glaubt daran, dass Putin die Wahlen in den USA manipuliet hat und die in Deutschland maniplieren könnte. Ebenso wie Hitler nicht daran geglaubt hat, dass polnische Verbände den Sender Gleiwitz angegriffen hatten.

    AntwortenLöschen