Montag, 19. Dezember 2016

Geduld ist mein zweiter Vorname

„Wir haben uns verirrt, wir haben uns in uns selbst verirrt, auf eine schreckliche Weise verirrt, wir haben uns in den Labyrinthen unseres Gehirns verlaufen, und je mehr wir uns verlaufen haben, umso schneller suchen wir herauszukommen, wir hetzen uns zu Tode, wir gehen an uns selbst zugrund.“ (Karlheinz Deschner: Die Nacht steht um mein Haus)
Ich habe ja viel über das Thema Zeit nachgedacht und bin amtlich geprüfter Meister der Entschleunigung. In der Theorie weiß ich alles über das richtige Verhalten in einem Stau oder an der Supermarktkasse. Nicht aufregen. Das bringt nichts, damit veränderst du nichts. Negative Energie zieht alles um dich runter. Und so weiter. Sie kennen das. In der Praxis habe ich aber spätestens nach zehn Minuten im Stau schlechte Laune. So richtig schlechte Laune. Das Verlangen, andere Menschen zu schlagen oder zu würgen. Gebt mir Waffen, wenn auf der A 3 nach Franken wieder mal nichts geht!
Und an der Supermarktkasse denke ich auch nicht: Nutz doch die Zeit und denk an was Schönes, sei doch froh, dass es so wunderbar langsam vorwärts geht. Keine Hektik, kein Stress. Nein. Mir schwellen bei der geringsten Verzögerung die Halsschlagadern auf die Größe von Gartenschläuchen. Dunkelrot pulsierendes Fleisch voller Hass. Die Donnerwolken des Krieges ziehen düster herauf, wenn ich bei Rewe bin.
Besonders beliebt sind jene Kreaturen („dein Name sei nicht Mensch“), die etwas umtauschen wollen. Gestern zum Beispiel eines dieser albernen und überflüssigen Wasseraufsprudeldingsbumsgeräte. Der Typ stellt sich damit nicht etwa in die Schlange, sondern kommt von vorne direkt zur Kasse und wird auch anstandslos von der Kassiererin bedient. Keiner meckert. Warum ist das so? Warum stellen sich die Vollidioten, die was Falsches gekauft haben, nicht zu uns anderen in die Schlange?
Oder ein anderes Beispiel: Irgendeine Trulla, die den ganzen Tag nichts zu tun hat, hat dreieinhalb Tomaten in einem Säckchen und erzählt was von Sonderangebot, von dem die Kassiererin aber nichts weiß. Also geht die Kassiererin los und klärt das. Es geht um Groschenbeträge. Es gibt nichts Hoffnungsloseres als eine Kasse, die nicht besetzt ist. Jetzt geht hier gar nichts mehr weiter.
Für diesen Fall habe ich seit Jahren eine Frage parat, eigentlich seit Jahrzehnten. Ich würde gerne „Vermieten Sie hier auch Hotelzimmer?“ durch den Supermarkt rufen. Denn ich wollte ja nicht bei Rewe übernachten, sondern nur ein paar Sachen einkaufen. Aber ich traue mich nicht. Vielleicht bringe ich den Spruch ja eines Tages. Sie werden dann vermutlich in der Zeitung davon lesen, denn es wird nur der Auftakt zu etwas Größerem sein.
John Foxx – The Garden. https://www.youtube.com/watch?v=esjInFLdi2o

Kommentare:

  1. "Der Stau" hebt die Illusion des Selbstfahrers auf.
    Die Supermarktkassenschlangenverzögerung nervt nur den der nichts zu lesen oder (besser) zu schreiben dabei hat.
    Rein Netto sind "Kosten" der Verzögerungen geringer als z.B. TV-Glotzen (immer) oder Blogs lesen (meistens außer -uwA- diesem).

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  2. "Im großen Wartesaal des Lebens"

    https://www.youtube.com/watch?v=JjnqBuZtLkY

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  3. Geduld ist das Einzige, was man verlieren kann, ohne es zu besitzen. *OMmmmmmmmmmmmmmmmmm*

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