Dienstag, 20. Dezember 2016

#Drecksjahr2016

Nur einen Kilometer Luftlinie von meiner Berliner Wohnung ist es also passiert. Breitscheidplatz. Der Ort wird für immer mit diesem Ereignis verbunden sein. Ein mieses Pop-up im Gedächtnis, wenn man vor dem Bikinihaus oder dem Europa-Center steht.
Eigentlich rechne ich seit 2001 mit einem Anschlag in der Hauptstadt. Und jetzt (19. Dezember, 23 Uhr) gebe ich tatsächlich im „Facebook Safety Check“, wo ich noch als Berliner firmiere, bekannt, dass ich „in Sicherheit“ bin und lese die entsprechenden Statusmeldungen von Freunden und Bekannten. Gruselig, deprimierend. Per Mail werde ich gefragt, ob ich gerade in Berlin sei.
Der Abschluss einer furchtbaren Jahres. Und sofort geht die unerträgliche Scheiße mit „Je suis Berlin“ und „Pray for Berlin“ los. Trump und Böhmermann twittern, die eiskalte Fresse des Innenministers, Spekulationen der Presse unter dem Label „Berufung auf Sicherheitskreise“. Und selbstverständlich sind die Gedanken von irgendwelchen Scheiß-Politikern wie auf Knopfdruck bei den Angehörigen der Opfer, tränenlose Anteilnahme von Berufsheuchlern, die sich ein Wettrennen um das schnellste öffentliche Statement liefern, während noch einige Menschen mit dem Tode ringen. Wer sich heute nicht zum Nihilismus bekennt, wird es nie mehr tun.
Zufälligerweise habe ich mich gestern fast den ganzen Tag mit Berlin befasst, auch mit dem Breitscheidplatz. Den folgenden Text habe ich am Nachmittag geschrieben. Jetzt wirkt er nichtssagend und banal. Ich bringe ihn trotzdem. Nutzt ja nix …

Das alte Berlin
„Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen. Man wird überspült von der Eile der andern, es ist ein Bad in der Brandung.“ (Franz Hessel: Spazieren in Berlin)
Ich lese gerade „Spazieren in Berlin“ von Franz Hessel, 1929 erschienen. Hessel, 1880 in Stettin geboren, ist ein Literat, der in Berlin, München und Paris gelebt hat. Sein Sohn, Stéphane Hessel, wurde mit „Empört Euch!“ vor einigen Jahren berühmt.
Nicht nur das Berlin der Weimarer Republik, sondern auch das alte Berlin scheint in diesen kleinen Erzählungen auf. Smalltalk, Sightseeing und Bestseller sind als Begriffe schon bekannt. Auf dem Gelände des heutigen Marx-Engels-Forums ist noch dichte Bebauung, direkt gegenüber des Stadtschlosses ist das „König von Portugal“ in der Burgstraße, das älteste Hotel der Stadt (erbaut 1699).
„Am Krögel“, südlich davon, ist die letzte mittelalterliche Gasse Berlins. In den dreißiger Jahren muss sie einem Neubau weichen. Dort war früher auch das Judenghetto. 1742 lässt Friedrich der Große im Tiergarten, damals noch das Jagdgebiet der Hohenzollern, eine Fasanerie anlegen, aus der später der Zoologische Garten wird. Am Schiffbauerdamm war zu dieser Zeit noch ein Rummelplatz mit Karussell, Irrgarten und Lokalen.
An der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche beginnt zu Hessels Zeiten der Broadway Charlottenburgs, Tauentzien und Ku’damm. Um den wilhelminischen Prunkbau tost „der wilde Rundverkehr der Trambahnen, Autos, Autobusse und Menschenmassen.“ Die Kirche passt nicht in die Welt der Leuchtreklamen und der Autor wünscht sich: „Aber wenn diese Kathedrale mit dem langen Namen wenigstens ein bisschen altern und zerfallen wollte.“
Dieser Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Der Jude Hessel emigrierte 1938 nach Paris und starb 1941 im Exil in Sanary-sur-Mer, sein Sohn landete als Mitglied der Resistance in einem deutschen KZ. Aus der Gedächtniskirche wurde ein weltweit bekanntes Mahnmal gegen den Krieg. Heute wirbt man ja lieber man dem Brandenburger Tor und Preußens Glanz und Gloria. Davon gibt es ja noch genug. Die Yorck- und die Gneisenaustraße in Kreuzberg, benannt nach preußischen Generälen.
Die Gertraudenstraße südlich des Stadtschlosses war früher im Zentrum von Cölln, einer Stadt, die im Spätmittelalter mit Berlin auf der anderen Seite des Flusses fusionierte. Dort war das „Narrenhäuslein“, in das man in uralter Zeit die Betrunkenen brachte, die dort ihren Rausch ausschlafen durften. Nach einer längst vergessenen Volkssage verwandeln sich die Seelen der Verstorbenen in Mäuse und kommen in der ersten Nacht nach dem Tod zur heiligen Gertraud, in der zweiten zum heiligen Michael, bevor sie in der dritten Nacht im Jenseits ankommen. Heute ist die Straße ein seelenloser Teil der achtspurigen B 1, südlich von ihr ist eine hässliche Hochhaussiedlung aus DDR-Zeiten.
Es ist die Zeit, als noch Leierkastenmänner in die Hinterhöfe kamen und Musik machten. Die Leute kamen an die Fenster, froh über die Unterbrechung der Arbeit oder des Alltags, und warfen Münzen hinunter. Später wurde dieser Berufsstand durch die Radiotechnik wegrationalisiert.
Noch eine Berlin-Geschichte: In Tegel spukt es, ein Aufklärer sieht Gespenster und Goethe verarbeitet die Story im „Faust“: https://de.wikipedia.org/wiki/Spuk_von_Tegel
Berlin wie es war: https://www.youtube.com/watch?v=qxtiXNJ0Y1U

Kommentare:

  1. Danke für Deinen Blogbeitrag.

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  2. In solchen Zeiten helfen nur Stoizismus und Spirituosen.

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    1. Und Mehlspeisen, ganz wichtig sind Mehlspeisen!

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    2. Voller Trauer und Wut habe ich vorhin in ein Frikadellenbrötchen gebissen. Muss ja weitergehen. Und die Statements von der AfD haben wir zum großen Teil noch vor uns!

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  3. Danke. Für den ersten Teil – so wahr, heute früh habe ich mal wieder gemerkt wie gut es ist, dass ich weder Fernseher noch Radio oder sonst was besitze und abends bei mir grundsätzlich onlinefreie Zeit ist. Es dauert bestimmt auch nicht mehr lange bis irgendeiner den JFK-Satz entfremdet… - und den schönen zweiten. Das mit Hessels Vater wusste ich gar nicht. Wieder was gelernt.

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    1. Falls du es nicht schon entdeckt hast, nur ergänzend zu Franz Hessel:

      Francois Truffaut, JULES et JIM

      und die literarische vorlage: Henri-Pierre Roché, Jules und Jim

      dazu dann noch Franz Hessel, Pariser Romanze.

      Und für den kiezschreiber als ergänzung zu Hessels Spazieren in Berlin das im gleichen jahr erschienene Spaziergang in Potsdam von Georg Hermann (die neuausgabe des verlags Das neue Berlin erhält man verdammt günstig).

      „Ein kluger Mann würde stets vermeiden, in den Verdacht zu kommen, von irgendeiner Sache besonders viel zu verstehen. Denn man wird ihn darauf doch einmal festnageln, und dann wird es zutage treten, daß er eigentlich gar nichts davon weiß.“ - Georg Hermann

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  4. Wenn man sich mit der Geschichte der Befreiungskriege beschäftigt muss man feststellen, daß halb Berlin mit Namen von Generälen und Schlachten dieser Zeit "geschmückt" ist.
    Tauroggen Str. Hier mal keine Schlacht, sondern ein Gewinn durch nicht kämpfen.
    Lützowplatz
    Scharnhorststr.
    Blücherstr.
    Clausewitzstr.
    Möckernbrücke
    Groß Görschen Str.
    (Russischer Kaiser) Alexanderplatz
    Nur der Befehlshaber der verbündeten Österreicher Schwarzenberg wurde nicht bedacht.
    Wie auch Wittgenstein.
    Die Welt ist immer im Krieg, auch im Frieden.

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