Donnerstag, 24. November 2016

Liebe in Zeiten der Schweinepest

„Dees derbagg ich haid nimmer.“ (Fränkische Redensart)
Dieser Dürer ist schon ein Hund. Drei Porträts reicher Bürgern musste er malen, dann hatte er sein Haus unter der Kaiserburg abbezahlt, das ich besichtigt habe. Leider kann man sich im echten Dürerhaus keinen echten Dürer anschauen, denn die Stadt Nürnberg hat kein Geld.
In der Hausbrauerei Altstadthof gibt es zum Bier Braugerste als Knabberzeug. Schmeckt ein bisschen wie Malzbonbons, gute Idee. Zum Mittagessen sind wir in der „Baumwolle“, einem Gasthaus aus dem 15. Jahrhundert, dessen Deckenbalken man fast noch im Sitzen erreicht. Zum leckeren Zirndorfer Bier gibt es die Spezialität des Hauses: Fleischküchle, Wirsing und Bratkartoffeln. Bis auf den letzten Platz ist die schmale Stube mit älteren Einheimischen gefüllt, eine Greisin am Nachbartisch erzählt sogar vom Krieg, als die Stadt eingeäschert wurde.

Bonettis Tryptichon: Hopfen-Smoothies.
Später stehe ich auf dem Podest auf dem Reichsparteitagsgelände, vier Krüge Bier beflügeln mich bei der Vorstellung, vor zweihunderttausend Bonettistas zu sprechen, und nicht von einer Ruine auf einen Sportplatz und ein Stück Rennstrecke zu blicken.
Lauf, Hersbruck, Amberg. Letztere Stadt liegt zwar schon in der Oberpfalz, ist aber die Heimat des großen Schriftstellers Eckard Henscheid. Eine schöne Altstadt, die von einer intakten Mauer und mächtigen Türmen umgeben ist. Hinter der Kirche das sympathische kleine Rußwurmhaus, beim Bruckmüller esse ich Steinpilze in Sahnesoße mit butterzarten Semmelklößen.
Es geht hinaus in die Fränkische Schweiz, nach Büchenbach ins Gasthaus Herold. Hier braut man seit Jahrhunderten, backt Brot, macht Wurst und selbst die Kartoffeln sind aus eigenem Anbau. Es wird nur ein einziges dunkles Bier ausgeschenkt, aber das ist köstlich. Abends ist kaum ein Platz im Gastraum zu finden.
Sonntagmorgen, viertel vor zehn. Das Gasthaus der Familie Übelhack in Weiglathal öffnet erst in fünfzehn Minuten, unser Auto ist das einzige auf dem Parkplatz. Wir spazieren eine halbe Stunde durch den Wald, wo die Pilzsammler schon emsig den Boden absuchen. Als wir um zehn Uhr fünfzehn das Gasthaus betreten, ist es fast voll. Auf dem Parkplatz stehen so viele Motorräder wie bei der Jahreshauptversammlung der Hells Angels. Drinnen hocken ausschließlich Männer ab fünfzig und alle trinken das leckere dunkle Bier, die einzige Sorte, die hier im Dorf gebraut wird. Keine Smartphones, keine Musik, keine Frauen. Wer die Schankstube betritt, klopft freundlich auf den Tisch, bevor er sich setzt.
Zum Glück sind wir schon um elf Uhr beim Braumeister Kürzdörfer in Lindenhardt, der sich ein wuchtiges kanadisches Blockhaus an den Waldrand gebaut hat, denn alle Tische sind ab zwölf Uhr reserviert. Aber für das einwandfreie Schäuferla und zwei Bier reicht eine Stunde. Den Nachmittag verbringen wir wieder im brechend vollen „Herold“, wo das Beck’n Bier in einem Tempo gezapft und serviert wird, das mir aus Berlin völlig unbekannt ist.
Montagmorgen, zehn Uhr. Gasthaus der Familie Polster in Oberailsfeld. Wir sind die einzigen Gäste, trinken glücklich das Helle der Held-Brauerei – una birra miracolosa - und studieren die örtliche Tageszeitung. Es geht um einen Fußgänger, der mit 4,5 Promille von einem Wagen gestreift wird, um die sinkenden Schweinefleischpreise (1,50 € das Kilo!) und die Schließung einer Sparkasse in Bimsmichelshausen, die zu zornigen Protesten seitens der Bürgerschaft und ihres Bürgermeisters führt und alte Gräben zwischen Stadt und Land aufreißt. Es ist immer sehr entspannend, die Regionalnachrichten ferner Gegenden zu lesen und ihre kleinen Sorgen zu genießen.
Mittags blinzeln wir bei Kathi-Bräu in die letzte Oktobersonne dieses Jahres. Ein bekannter Biker-Treff mit hervorragendem dunklem Bier. Am Nachbartisch fachsimpeln die grauhaarigen, übergewichtigen Motorradfahrer über Werkzeug und Reparaturen, Geschwindigkeitsübertretungen und andere Abenteuer. Danach geht es nach Bamberg, wo ich den Zug nach Berlin besteige.

Lauf, Franken.
Abrupter Szenenwechsel. Ich sitze in einem dieser neuen ICE mit einer Metalldecke, die den Eindruck vermittelt, der Zug sei noch gar nicht fertig. Links neben mit sitzt eine junge Frau und liest die ZEIT. Ich wusste gar nicht, dass die Zeit jetzt eine Fußballseite hat. Warum kein Horoskop, wann kommt Sudoku? Die Frau hat einen ganzen Sack Äpfel dabei. Schräg vor mit sitzt noch eine Frau mit der ZEIT.
Einige Notebooks sind um Großraumwagen in Betrieb, überraschenderweise wenig Smartphones. Ich habe mir in der 1. Klasse eine BILD-Zeitung abgegriffen. Ich steige immer als Mister Mörderwichtig in der 1. Klasse ein und suche von dort meinen Platz in der 2. Klasse. So kann ich mir auf dem Bahnsteig kostenlos bedeutend vorkommen. Man lernt reiche Witwen und Zahnärzte kennen, der Bahnsteig ist auch nicht so voll und man kann mitleidig auf den Pöbel in den Abschnitten C und D herabblicken.
Alle trinken Wasser. Nur ein einziger Mann mit einer Flasche Bier im ganzen Großraumwagen. Ich. Wer sonst? Der Schriftsteller mit den knatternden Blähungen. Noch nie von mir gehört?
Die ZEIT-Leserin holt jetzt schon den zweiten Apfel aus dem Sack in der Gepäckablage. Ich staune sie an.
„Möchten Sie auch einen?“
„Nein, danke.“ Ich deute auf die gefühlten hundert Äpfel in dem durchsichtigen Plastiksack. „Sehr beeindruckend. Sie machen eine längere Reise?“
„Nach Berlin.“
„Ihnen ist schon klar, dass wir in Berlin auch Äpfel haben, oder? Ich habe erst neulich welche gesehen … im Fernsehen … also im Regionalfernsehen.“
Auf der Fahrt nach Berlin verwandle ich mich immer zurück in einen Hauptstädter, der eine Winzigkeit zu großspurig ist.
Berlin. Der erste Bettler. Ichbinkurzangebunden.
„Fick dich, Alter!“
„Das kann man auch höflicher sagen.“
„Fick dich, bitte.“
Als wäre man nie weggewesen.
Depeche Mode - A question of lust. https://www.youtube.com/watch?v=yggS3debKuM

Kommentare:

  1. Ich dürstete nach Ihren Zeilen wie nach einem guten Bier.
    Aber mal ernsthaft, um 10:30 Uhr vormittags schon das erste Bier,
    wahre Lebensart !

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    1. Das Fässla in Bamberg macht schon um acht Uhr auf. Habe neulich mal auf Immobilienscout 24 den Wohnungsmarkt sondiert.

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    2. Ich logierte unlängst ( Radtour ) neben dem Fässla.
      Schönes Helles, das gar nicht hell war, eher Bernsteinfarben.
      Schönes Lokal, bemerkenswert der Feierabendtreff in der Schwemme.
      Schlipse und Blaumänner als auch staubige Gipserhosen treffen sich von 17 Uhr bis 19 Uhr zum gemeinsamen Umtrunk um dann gegen 20 Uhr frisch geduscht wieder aufzutauchen.
      Herrlich !

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    3. Unnötigerweise heißt das Helle im Fässla und auch in anderen Gasthäusern jetzt "Lager". Dabei müssen sich die Franken doch gar nicht an die Amis und Engländer anwanzen. EZ kostet 49 €, da musst du hinterher nur noch die Treppe rauf ;o)

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  2. 1. Das Helle von Held. Danke für die Erinnerung. Jetzt habe ich Durst.
    2. Im Zeit Magazin ist manchmal ein Sudoku.
    3. Schön, dass Sie wieder da sind.

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  3. Bonetti is back. Zärtlich, exakt und ISO 9001 zertifiziert. "Lesebefehl!" (Papst Franziskus)

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  4. Bonetti for "Botschafter des Bieres" (Deutscher Brauer-Bund) . Subito !

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  5. Schönes Foto, aber das Hütchen-Spiel geht anders.

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    1. Bei diesem Hütchen-Spiel gibt es nur Gewinner :o)

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