Montag, 28. November 2016

Ein Hafen in der Wüste

„Dieses elende Volk von halbgebildeten Lesern, dessen Ungeduld und Oberflächlichkeit förmlich nach abgenutzten Redewendungen, ordinärem Sprachschutt und eintönigen Figuren schreit, dessen rohe Abgestumpftheit und klägliche Sensationsgier nur mit den allervulgärsten Handlungselementen wie Sex und Gewalt befriedigt werden kann, dessen hoffnungslose Dummheit hohlen Phrasen und belanglosem Geschwätz den Ruhm verschafft, der eigentlich der hohen Dichtkunst vorbehalten sein sollte, hat mich ein Leben lang krank vor Zorn gemacht.“ (Lupo Laminetti)
Die Pfützen glänzten wie schwarzer Lack, als ich gegen Mitternacht das Haus in der Rue Bonetti erreichte. Ich musste den alten Perückenmacher unbedingt sprechen.
Cord-Hinnerk Schmeichelstein saß in einem schweren Ledersessel vor dem Kamin und schlürfte genüsslich den dunklen Portwein aus einem Kristallglas. Dieses Wohnzimmer war eine Arche in der Sintflut aus Finsternis und Verrat, Regen und Niedertracht.
Ein Sturm kam auf und peitschte die prasselnden Tropfen gegen die Fensterscheiben. Ich erschrak, aber der alte Perückenmacher blieb ganz ruhig. Wie entrückt sog er den Tawny Port ein, während ich nervös zusammenzuckte, wenn eine neue Welle gegen das Fensterglas schlug.
„Ich brauche eine wichtige Information, Monsieur Schmeichelstein“, begann ich vorsichtig.
Er machte nicht den Eindruck, als ob er meine Worte wahrgenommen hätte.
„Es geht um Eike.“
Er sah mich lange an, so als ob er darüber nachdächte, ob er mir vertrauen könne.
„Gloria Del Mar“, sagte er leise. Dann schaute er wieder ins Kaminfeuer.
***
„Ich sage es noch einmal“, sagte Runzlmeyer noch einmal. „Ich suche einen sprechenden Eierbecher und ein chinesisches Porzellanmädchen namens Akuma.“
Beim ersten Mal hatte der junge Tankwart, der seine Schirmmütze, den unbegreiflichen Wendungen der Jugendmode folgend, verkehrt herum auf dem Kopf trug, noch gelacht. Jetzt lachte er nicht mehr, denn Runzlmeyer hatte ihm den Doppellauf seiner Pumpgun unter das Kinn gedrückt.
„Ein Kunde hat mir erzählt, er hätte die beiden in einem Wüstennest aufgegabelt, als sie nach LA trampen wollten.“
„Und wohin ist dieser Typ gefahren?“ Dusty Runzlmeyer hatte einen Schädel wie eine zerquetschte Tomate, kümmerliches Resthaar zierte seinen Hinterkopf. Und mitten in diesem roten Inferno glühte eine dicke Zigarre.
„Er wollte über Devils Hole in die Wüste. Mehr weiß ich wirklich nicht, Mister.“
Runzlmeyer, seines Zeichens emeritierter Wrestler, war der berühmteste Porzellanjäger im ganzen Westen. Er würde Eike finden und das Kopfgeld kassieren.
Er trat hinaus ins gleißende Licht der kalifornischen Sonne. Sein mächtiger Brustkorb, der von einer verstaubten Lederjacke eingehüllt war, sah aus, als habe man ihn mit einem Blasebalg aufgepumpt.
Der Motor seines Choppers brüllte auf und er raste davon.
***
Ihre Augen waren wie Kiwis: grün, mit winzigen schwarzen Punkten. Gloria Del Mar wirkte in ihrer ganzen hollywoodmäßigen Dignität kalmierend auf Eike und seine Gefährtin.
Die luzide Pracht und sanfte Unschuld der Wüste, die man durch die gläsernen Terrassentüren der Finca sehen konnte, verfehlten nicht ihre Wirkung auf die Flüchtigen. Auch wenn es merkwürdig klingen mochte: im Death Valley fühlten sich die beiden sicher.
Auflodernde Zweifel erstickten die Hinweise ihrer Gastgeberin auf die umfangreiche Alarmanlage und das geübte Hauspersonal, das unerwünschte Personen vom Haus fernhielt.
Wildrose lag abseits der Touristenroute, die durch das berühmte Tal führte. Die Finca war eine Oase der Ruhe, wenn Gloria Del Mars Villa in Beverly Hills mal wieder von Fans belagert wurde, die Tag und Nacht ihren Namen riefen.
Am Abend erzählte Eike von seinen Abenteuern.
„Ich muss Euch unbedingt mit Mister Gamehill, äh Playmountain, verdammt, ich kann mir diesen blöden Namen nicht merken. Jedenfalls muss ich Euch mit ihm bekannt machen. Er ist ein berühmter Regisseur in Hollywood. Ich bin sicher, er wird diese unglaubliche Geschichte verfilmen“, sagte Gloria Del Mar.
Noch in der Nacht begann Eike mit der Arbeit am Drehbuch.
***
Würde ich Eike noch rechtzeitig warnen können, bevor der brutale Porzellanjäger ihn findet?
Fortsetzung folgt.
Ideal - Blaue Augen. https://www.youtube.com/watch?v=-D52CqyYpHw
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Kommentare:

  1. "emeritierter Wrestler" - Knaller!

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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    1. Sehr gute Idee. Bin ich dafür.

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    2. Also noch mal, heute Vormittag bin ich nicht mal bis recaptcha gekommen und gerade hat mich blogspot nicht zu ende schreiben lassen.

      Ich mag die Eike-Geschichten und stimme den Vorrednern zu, auch wenn ich immer noch auf „... oder die Trägheit des Porzellans“, die Kaspar Hause-Geschichte aus dem Küchenschrank, warte. Wenn du Buch/ebook/bla bla nicht für die Sammlung willst könntest du ja online outsourcen, eine Page oder ein Blog oder so nur mit Eike-Geschichten. Das würde dir ganz neues Leserkreise erschließen, wage ich zu vermuten.

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    3. Die Eike-Geschichten sind im Bonetti-E-Book enthalten. Dem aktuellen Trend zum Zweit-Blog möchte ich mich nicht anschließen, schon gar nicht exklusiv mit Eike. Dann würde ich mich verpflichtet fühlen, Fortsetzungen zu produzieren. Das Schöne am Bloggen ist ja, das ich fast jeden Tag ein neues Thema habe. Das ist das Maximum an Freiheit. Heute habe ich z.B. einen Text über Quantenheilung und einen über die Pantomime beim Telefonieren geschrieben. Serienproduktion ist das Gegenteil von Freiheit.

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    4. Das kann ich gut verstehen. Verpflichtung (auch nur gefühlte) ist zermürbend. Ich habe mal was – das war themenbezogen – eingestampft, weil ich mich irgendwann so unter Druck gesetzt fühlte, dass ich und meine restliche Kreativität unter die Räder kamen.


      Bleibt zu hoffen, dass die anderen Eike-Fans alle mit dem Format vom Ebook klarkommen ;)


      Quantenheilung? Fußnekrosen?? Bei Diabetikern nicht unüblich. Bin gespannt.

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    5. Alles, was im E-Book steht, ist ja auch im Blog zu finden. Also kein Problem für die Freunde des gepflegten Porzellans.

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