Dienstag, 29. November 2016

Ein Hafen in der Wüste 2

„Es soll (…) Menschen mit dem betäubenden Wunsch (…) nach Katastrophen geben, vorausgesetzt, sie haben Format, eine gewisse würdige Delikatesse, die sie dermaleinst zu Juwelen einer späteren Erinnerung machen.“ (Ingomar von Kieseritzky: Das Buch der Desaster)
„Hören Sie! Es ist wichtig. Ich muss unbedingt Mrs. Del Mar sprechen.“
„Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie spät es ist?“ Der blasierte Tonfall war nicht zu überhören.
Und bevor ich diese Frage beantworten konnte – auch wenn auf Suggestivfragen oft keine Antwort erwartet wird -, fuhr die Stimme aus der Gegensprechanlage fort: „Haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie viele Menschen jeden Tag mit Mrs. Del Mar sprechen wollen?“
„Es ist wirklich dringend“, sagte ich und legte ein Maximum an Verzweiflung in meine Stimme. „Es geht um Leben und Tod. Ich bin extra aus Europa angereist.“
„Mrs. Del Mar ist bereits zu Bett gegangen. Ich muss Sie bitten, Ihr Anliegen morgen dem Sekretär von Mrs. Del Mar vorzutragen.“
„Es geht um Eike. Der kleine Aschenbecher ist in großer Gefahr … äh …. Eierbecher, ich meine Eierbecher.“
Ich hörte nur ein Knacken aus der Gegensprechanlage, dann folgte anhaltende Stille.
So lange konnte ich nicht warten, es ging um Minuten, um Sekunden.
Ich kletterte über die Bruchsteinmauer und sprang auf den Rasen vor dem Haus.
Aus der Ferne hörte ich ein heftiges Keuchen, das immer näher kam.
Dann sah ich sie: zwei Rottweiler näherten sich mir mit beeindruckender Geschwindigkeit.
***
Er pumpte die umbrafarbene Lava in Wellen aus seinem Körper. Wie oft hatte er schon die Toilettenspülung betätigt? Aber er kam hier nicht weg. Selbst die Zigarre war inzwischen ausgegangen.
Machen Sie das Chili mal so richtig scharf, hatte er der breiten Aztekenvisage hinter dem Tresen von „Taco Hell“ gesagt. Ich bin schließlich kein Mädchen, hatte er gesagt und gegrinst. Jetzt hatte er das Gefühl, seine Arschrosette würde in Flammen stehen. Es waren nur noch zehn Meilen bis zum Haus von Gloria Del Mar, aber der berüchtigte Porzellanjäger Dusty Runzlmeyer kam einfach nicht vom Klo runter. Er hieb mit der Faust gegen die lackierte Spanplatte, die ihn von der nächsten Kabine trennte.
Unter konvulsivischen Zuckungen seines Unterleibs ergoss sich die nächste Welle in die Schüssel unter ihm, die aus Porzellan war. Aber für Ironie fehlte ihm in diesem Augenblick – und in jedem anderen Augenblick seines Lebens – jegliches Gefühl.
***
Sie saßen im riesigen, polarfrostkalten Büro von Steven Spielberg im 31. Stock der Rip Off Productions, unter ihnen der glutheiße Kessel von Los Angeles, angefüllt mit einer Million arbeitsloser Schauspieler, die sich für die Hauptrolle in Eikes Film klaglos unter den Händen eines plastischen Chirurgen in einen Eierbecher verwandelt hätten.
„Wie haben Sie sich das vorgestellt? Wie soll das funktionieren?“
„Ich dachte an Harrison Ford für die Hauptrolle.“
„Harrison Ford soll einen Eierbecher spielen?“ Spielberg lachte hysterisch, während seine Augen zugleich böse Blitze warfen.
Eike rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. „Wir könnten natürlich auch einen Animationsfilm daraus machen.“
Der berühmte Regisseur rollte nur mit den Augen. Wie sollte er jemanden am Set anschreien, wenn der Film am Computer entstand? Und der Titel, den Eike vorgeschlagen hatte, gefiel ihm auch nicht: „Die Nachteile der Nacht-Eile“. Das verkauft sich einfach nicht.
Spielberg dachte nach und zeichnete etwas auf ein Blatt Papier. Was die wenigsten wissen: der Macher von „Indiana Jones“ und „E.T.“ konnte sich beim Zeichnen zugleich entspannen und konzentrieren. Er zeichnete jedoch nie, was er tatsächlich in jenem Augenblick sah, sondern was ihn gerade in seiner Phantasie beschäftigte.
Es war ein Eierbecher, der in einer gewaltigen Explosion in tausend Stücke zersprang. Eine Art Urknall aus Porzellan.
„Auf meiner privaten Skala der Desaster, der Katastrophen, der Debakel, der Kalamitäten, der Konfusionen, der Schlamassel, der Fatalitäten, der Niederlagen und der Missgeschicke nehmen die Unannehmlichkeiten der Reise mit Brant keine besonders prominente Stellung ein.“ (Ingomar von Kieseritzky: Das Buch der Desaster)
Los Bravos – Black Is Black. https://www.youtube.com/watch?v=2f3oHYRPw24

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