Samstag, 22. Oktober 2016

Unvergessen: Eike, Der Komödie zweiter Teil

„Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte in die scheinbare Leere empor.“ (Franz Kafka: Das Schloss)
Am nächsten Tag herrscht ein fürchterliches Unwetter, als Eike die düsteren Mauern des alten Schlosses erreicht. Blitze zucken über den Himmel und erleuchten für Sekundenbruchteile die hohen fensterlosen Mauern und das Eingangstor.
Der Türklopfer ist ein eiserner Löwenkopf, in dessen Maul ein Ring hängt.
Eike klopft drei Mal und ruft mit seiner porzellandünnen Stimme jedes Mal „Herr Ungewitter!“
Ein winziges dürres Männlein mit einem bösen Grinsen, Buckel und spitzen Schuhen öffnet ihm.
Er schaut Eike von oben bis unten an, was nicht allzu weit ist, und fragt: „Sie wünschen?“
„Ich möchte zu Ludwig Ungewitter, der heute das Testament von Herrn Nuckelborger eröffnen soll.“
Eike wird durch eine düstere Halle geführt, die von Fackeln erleuchtet wird. Sie betreten einen langen Raum, in dem ein riesiger Tisch steht. An den Wänden stehen Ritterrüstungen und im Hintergrund flackert ein Feuer im Kamin, der die Größe eines Kleinbusses hat.
Es sind einige Menschen an diesem Tisch versammelt. Eike setzt sich dazu.
„Da wir nun vollständig sind“, beginnt Ungewitter mit feierlicher Stimme, „möchte ich nun das Testament des Verstorbenen vollstrecken.“
„Esmeralda Dünnbier.“ Er wendet sich an eine steinalte Dame, die ihn durch ein Lorgnon neugierig anstarrt. „Als Tante von Herrn Nuckelborger und einzige Blutsverwandte erben Sie dieses Schloss.“
Die alte Dame kichert vergnügt.
„Niki der Korse.“ Er sieht zu dem riesigen Kerl mit der schwarzen Lederjacke hinüber. „Herr Nuckelborger musste fünf Jahre auf der Gefängnisinsel Gorgona im Toskanischen Archipel absitzen. Dies war sein Zellengenosse.“
Der Mann hat auf den Fingern seiner rechten Hand vier Buchstaben als Tattoo: DUMM. Auf den Fingern der linken Hand steht: FAUL. Außerdem glänzt er mit einer Vollglatze und hat Augenringe wie ein Waschbär.
„Sie bekommen den Lamborghini Miura des Verstorbenen.“
Niki schlägt mit der Faust auf den Tisch. „YES!“
„Sonja Vormelker“, fährt Ungewitter fort. „Sie waren die Lebensgefährtin des Verstorbenen und erben sein – allerdings nicht sonderlich umfangreiches – Vermögen.“
Frau Vormelker springt auf und macht einen Salto, bevor sie sich wieder hinsetzt. Und das alles in einem engen schwarzen Cocktailkleid, mit einer Federboa und einer Zigarettenspitze im Mund.
„Kommen wir nun zu Ihnen, Eike Eierbecher.“
Eike ist schon ganz aufgeregt. Was wird es sein? Eine Yacht? Eine Gemäldesammlung? Die Denver Broncos?
„Sie haben Herrn Nuckelborger anlässlich eines Frühstücks in Antibes kennengelernt. Ihnen vermacht der Verblichene sein Teeservice.“
***
Eike ist mit dem Teeservice unterwegs. Es sind sechs freundliche geblümte Tassen, hauchzart und sehr zerbrechlich. Dazu sechs Untertassen und eine bauchige alte Kanne, die voller Humor und Lebenserfahrung ist.
Als sie im Tal ankommen, lädt Eike sie zu einem Picknick im Wald ein.
Sie sitzen auf einer karierten Decke und genießen den Sonnenschein.
„Liebe Freunde“, sagt Eike. „Ihr habt ein karges Leben voller Pflichten hinter den dicken, verzauberten Mauern dieses finsteren Schlosses hinter Euch. Aber am heutigen Tag möchte ich Euch die Freiheit schenken. Geht, wohin Ihr wollt. Ich kehre zurück nach Deutschland.“
Und was soll ich Ihnen sagen? Das Teeservice ist bis zum heutigen Tag bei Eike geblieben, und sie haben ein Bistro in Wuppertal eröffnet. Ist das Leben nicht schön?
P.S.: Besuchen Sie Gorgona! http://www.spiegel.de/reise/europa/gefaengnisinsel-gorgona-in-toskana-ausflug-zum-alcatraz-italiens-a-998187.html
S.O.S. Band - Just Be Good To Me. https://www.youtube.com/watch?v=khj9jyNvhpQ

Christian Morgenstern: Lass die Moleküle rasen
Lass die Moleküle rasen,
was sie auch zusammenknobeln!
Lass das Tüfteln, lass das Hobeln,
heilig halte die Ekstasen!

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“
    Eike von Repgow

    „Danke, dass wir uns hier besaufen dürfen!“
    Eike Immel

    *WEgrußabstell...hicks*

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  3. Für die Kiezschreiber Doppelplusgut-Leser endet die Geschichte nicht in Wuppertal, sondern geht in Las Vegas weiter.

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  4. So geht das nicht, Herr Bonetti, das muss umgeschrieben werden.
    Ich hatte doch so eine schöne Vorlage gegeben. Ich sehe Eike nicht in Wuppertal. Und auch nicht in einem Bistro. Ich sehe ihn in Amerika. Als den Präsidenten-Eierbecher. The First Eierbecher.

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    1. Da liegst du sogar sehr richtig. Aber mehr kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verraten.

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