Dienstag, 11. Oktober 2016

Trier

„Der Wein, zu rechter Zeit und in rechtem Maß getrunken, erfreut Herz und Seele. Aber wenn man zu viel davon trinkt, bringt er Herzeleid, weil man sich gegenseitig reizt und miteinander streitet. Die Trunkenheit macht einen Narren noch toller, bis er strauchelt und kraftlos hinfällt und sich verletzt. – Schilt deinen Nächsten nicht beim Wein und verachte ihn nicht wenn er lustig wird.“ (Sirach 31, Verse 35 ff.)
Ein pfälzischer Riesling funkelt im Glas. Diedesfelder Pfaffengrund. Die kleine Ortschaft liegt zu Füßen des Hambacher Schlosses, die uns allen als Wiege der deutschen Demokratie und als Mutter aller Bürgerbewegungen bekannt ist. Aber schon 1793 gab es die Mainzer Republik – über hundert Jahre vor Weimar.
Dieser stille und bescheidene Landstrich, den man seit dem 30. August 1946, also seit siebzig Jahren, Rheinland-Pfalz nennt, ist voller Geschichte. Und die älteste und schönste Stadt ist ohne Zweifel Trier, zu diesem Schluss komme ich in diesem Augenblick, beseelt vom Geist des Weins - und nicht benebelt vom Alkohol, weil ich zuvor schon drei Bier und zwei Gläser Federweißen getrunken habe.
Seit vierzig Jahren bin ich nicht mehr hier gewesen, die Ausstellung zu meinem Seelenverwandten Nero hat mich an diesen Ort gelockt, da ich doch – so meine Hoffnung – eines Tages das Berliner Regierungsviertel an allen vier Ecken anzünden und bei diesem Anblick ein Gedicht schreiben werde. Ich bin nicht allein. Bei einem Spaziergang an der Mosel entdecken wir ein Kreuzfahrtschiff mit über 130 Meter Länge. An der Porta Nigra geht es zu wie am Brandenburger Tor. Ich höre französische, holländische und spanische Stimmen. Chinesen mit gigantischen Fotoapparaten stehen vor dem römischen Stadttor, das im Jahre 180 unserer Zeitrechnung erbaut wurde.
Das ist echte Baukunst – genau wie die Römerbrücke (18 v. Chr.), über die seit zweitausend Jahren der Verkehr fließt, ohne dass der geizige Finanzminister Geld für ihre Renovierung ausgeben müsste. In Sachen Infrastruktur können wir von den Römern lernen. Die ältesten Teile des Trierer Doms sind aus dem frühen vierten Jahrhundert, als das Christentum zur Staatsreligion der Römer wurde. Er ist der älteste Dom Deutschlands, die Bischöfe seit dem 3. Jahrhundert sind in der Krypta bestattet. Die Palastaula, ursprünglich die Audienzhalle des römischen Kaisers, ist heute eine evangelische Kirche.
Der Marktplatz, an diesem sonnigen Samstag „voll wie eine Wursthaut“, wie man hierzulande sagt, gehört zu den schönsten in Deutschland, in jeder Gasse der Altstadt findet man eine Perle aus der zweitausendjährigen Geschichte der Stadt. Aber Trier ist nicht nur die älteste Stadt Deutschlands (und im Jahr 300 die größte Stadt nördlich der Alpen), sondern auch die Heimat von Karl Marx. Im Geburtshaus kostet allerdings eine kleine, schreibtischgerechte Büste über dreißig Euro. Die Kaffeetasse mit seinem Konterfei sechs Euro und selbst die Jutetasche noch knapp drei Euro. Kein Fußbreit Trierer Erde dem Kapitalismus!
Zum Abschluss besuchten wir noch ein Schmuckkästchen an der Saar, die in der Nähe von Trier in die Mosel fließt: Saarburg. Eine unbekannte Schönheit, in deren Mitte sich ein Wasserfall befindet. Dort haben wir mit dem ersten Federweißen des Jahres und Zwiebelkuchen den Tag beschlossen, bevor es über die Hunsrück-Höhenstraße wieder nach Hause ging. Ich war in New York, Rio, Tokio und Nairobi – aber vor der eigenen Haustür gibt es auch einiges zu entdecken.
Al Hibbler – Unchained Melody. https://www.youtube.com/watch?v=GbT9fNJGpEo

Saarburg mit dem Amüseum – es gibt hier auch ein Geschäft mit dem Namen “Bonny & Kleid”. Copyright: Berthold Werner.

Kommentare:

  1. Brennt Berlin?

    Ich denke, ich werde in den nächsten Tagen meine weiteren unsinnigen Kommentare bei Dir mit dieser auffordernden Frage beginnen. Um deine Erinnerung nicht verblassen zu lassen.

    Ein schöner Text. Informativ, vor allem was deinen Alkoholkonsum an diesem Tag angeht.

    Auch sonst. Erinnerungen an meine Kindheit hast du mir beschert. Da mein Vater mit uns früher gerne auch nach Trier fuhr, an Wochenenden und Feiertagen.
    Bevorzugt Mosel und Saar, was nicht unbedingt durch Liebe zur weiteren Heimat angetrieben war. Eher die flüssigen weißen und roten Schätze der zuhauf vorhandenen Keller mancher Winzer.
    Also er fuhr hin, meine Mutter fuhr zurück, da Papa gerne Wein kaufte und natürlich zunächst die Ware verkostet werden musste. Von wegen "Katze im Sack kaufen". Als ich den Führerschein hatte, kam ich in den Genuss des Chauffierens und der unvermeidlichen Anweisungen zum Fahrverhalten.

    Vater war ein sehr guter Autofahrer, aber als kommandierender Beifahrer, trotz weinseliger Stimmung, eine Zumutung, auch für grundsätzlich pazifistisch eingestellte Menschen, wie meine Mutter und ich selbst.

    Aber wie haben diese Touren alle genossen.

    In Erinnerung blieb mir, das ein Winzer auf einer dieser Einkaufstouren meinen Vater völlig konsterniert ansah und feststellte, "wie konnt de Jung nur su jroß wädde, wenn de Jung nix ordentliches drinke tat?", ob meiner Aussage, das ich Wein nicht mag. (ich war 18 und dem Pils-Bier verfallen). Wein war nach meinem damaligen Weltbild was für junge Schnösel und Mädchen. Das hat sich geändert, das Weltbild.

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    1. Ich bin ja in Ingelheim aufgewachsen, da konnte man zu Fuß zum Winzer. Ich habe Trier nur einmal als Kind gesehen. Inzwischen weiß ich die nahen Ziele zu schätzen.

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  2. Bei Anfahrt über die B51 ist am Sonnabend vormittag grundsätzlich mit Stau zu rechnen, weil die Luxemburger ihren Wocheneinkauf tätigen.

    Hach, Trier, der Ort, an dem immer noch der liebe Gott das letzte Wort hat.

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    1. Ich habe jede Menge Luxemburger Nummernschilder gesehen. Und der REWE war so groß wie ein Hypermarché.

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  3. Älteste Stadt? Welche Stadt hat wohl die erste schriftliche Bestätigung als "Polis" gehabt? Na? Na? (Tipp: Trier ist es nicht)

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    1. Natürlich kommst du mir jetzt mit Kempten im Allgäu. War ja klar. Aber die Wiege der Kultur ist natürlich der Rhein mit seinen Nebenflüssen. Köln, Worms, Trier, Speyer, Bonn, Andernach, Xanten, Neuss u.v.m. Ihr hattet doch noch nicht mal Wein, oder? Aber das werde ich dem Nachfahren einfacher Hirten mal bei einem Fläschchen Weißburgunder näher erläutern :o)))

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    2. Mainz habe ich noch vergessen. Und für den Arbeitskreis der ältesten Städte Europas hat die Bundesregierung Worms benannt. Aus Rheinhessen - war ja mal wieder klar *vornehm hüstel*

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    3. Die Ersten werden nachher die Letzten sein.
      Wenn man sich Cumana (Venezuela) anschaut, die erste europäische Siedlung auf amerikanischem Boden, so 15XX.
      Ein verschlafenes Drecknest.

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    4. Das kann auch ein Vorteil sein. Hier im Hunsrück, bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen, geht die Welt ein Jahr später unter ...

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  4. Freue mich sehr über diesen Bericht aus meiner näheren früheren Heimat, bin aus der Eifel. Unvergessen die erste Klassenfahrt 1959 nach Trier: hl.-Rock-Ausstellung. Ich hatte zwei Mark- ein Reichtum, und ich war zum 1. Mal in einer Stadt. Ich lief schnell in die Metzgerei am Weg, um ein Stück Fleischwurst zu kaufen. Als ich heraus kam, war meine Schulklasse weitergegangen. War ganz spannnend, ich fand die Klasse allein, vor dem Dom in der Schlange stehend, der Lehrer hatte nichts bemekt.

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  5. Ich sage nur Schoppen !
    Einen halben Liter Wein, pur.
    In einem Glas.
    Davon dann 2 Stück zur Mittagszeit.
    Respekt !!

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  6. Kann es sein, das der damalige Schreiber seinen römischen Herrn nicht richtig verstand, als der im Zusammenhang mit Cambodunum pulsi (Klopfen, Schlag, schlagen Stoß), statt polis sagte?

    So etwas wie: "Kannste alles in die Tonne kloppen, das hier."

    Womit ich natürlich keinem Kemptner, Allgäuer, Schwaben, Alemannen in irgendeiner Weise zu Nahe treten möchte. Nichts liegt mir ferner, aber bei origial 700 x 500 m Siedlungsfläche und dann der Begriff polis? Aber, warum nicht?

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