Sonntag, 23. Oktober 2016

Traumtherapie – Therapietraum

„Indem ich allein dahinmarschierte, fiel mir ein, dass ich im Grunde alle meine Wege so einsam gemacht habe, und nicht nur die Spaziergänge, sondern alle Schritte meines Lebens.“ (Hermann Hesse: Eine Fußreise im Herbst)
Ich mache diese Therapie nicht freiwillig. Ich habe sie geträumt und auch im Traum bin ich nicht freiwillig in dieses Therapiezentrum gegangen.
Ich spreche nicht gerne in der Gruppe. Genauer gesagt, ich habe Hemmungen, vor einer Gruppe Fremder zu sprechen. Aber hier machen alle genau das: sie sprechen. Ununterbrochen. Sie sprechen die ganze Zeit über sich selbst.
Sie sprechen darüber, dass die Welt sie nicht versteht. Sie sprechen darüber, dass sie die Welt nicht verstehen. Nicht mehr verstehen. Noch nie verstanden haben. Vermutlich auch nie verstehen werden. Ich verstehe das nicht.
Sie halten endlose Monologe. Sie haben kleine Sprechzettel dabei, die sie mitgebracht haben, um keine ihrer Sorgen zu vergessen. Sie haben eine Menge über sich selbst mitzuteilen.
Der kleine Dicke mit der Brille und der Halbglatze. Er möchte verstanden werden. Er hat niemandem, der ihm zuhört. In dieser Gruppe findet er endlich Zuhörer. Aber er ist ein Langweiler. Es gibt gute Gründe, warum ihm freiwillig niemand zuhört, denn er hat nichts zu erzählen.
Zwei Frauen mit kurzen Haaren im Schlabberlook vergangener Epochen freunden sich an. Endlich trifft man Menschen, denen es genauso geht, wie mir selbst. Die Euphorie des Anfangs. In jeder Sitzung sitzen sie nebeneinander, in den Pausen glucken sie zusammen.
Die Kursleiterin, eine Frau Ende dreißig mit wilden Locken und starken Zähnen, die beim Sprechen aufblitzen, führt mit jedem Teilnehmer zur Begrüßung ein kurzes Vier-Augen-Gespräch. Während ich warte, kann ich sie durch das große Fenster zum Flur beobachten.
Die beiden Freundinnen gehen nacheinander zum Einzelgespräch. Sie lästern über die andere Freundin, beschweren sich. Danach lächeln sie sich wieder an, als wäre nichts geschehen. Aber ich kann Lippen lesen. Schweigen und Lippen lesen.
Die Kursleiterin fragt mich, warum ich so kurz und lakonisch antworte. Warum ich mich nicht an den Diskussionen beteilige. Warum ich für meine Selbstbeschreibung keine schriftlichen Unterlagen mitbringe wie alle anderen auch. Ausgerechnet der Schriftsteller in der Gruppe habe nichts zu sagen.
Sie hat recht. Ich schreibe lieber, ich spreche nicht gerne. Während sich nach einigen Treffen eine feste Sitzordnung gebildet hat, sitze ich jedes Mal woanders. Ich bin froh, wenn das alles vorbei ist.
Wie kann ein Mensch so selbstbezogen sein? Wie schafft man es, permanent über sich selbst nachzudenken und zu sprechen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen vor hundert oder tausend Jahren so viel geredet haben. Was sind das für schreckliche Zeiten, in denen alle Leute, die man trifft, der Mittelpunkt des Universums sein wollen? Während sie mit ihren winzigen Ego-Schrammen und langweiligen Eigenheiten allen anderen auf die Nerven gehen?
Prinzessinnen auf der Erbse und dauerbeleidigte Leberwürste, denke ich. Das sollte ich ihnen sagen. Jetzt und in dieser Sitzung der Therapiegruppe sollte ich eine Brandrede gegen den Egozentrismus halten. Aber dann ist die Stunde schon wieder vorbei. Verdammt!
Claude Debussy - Prélude à l'après-midi d'un faune. https://www.youtube.com/watch?v=EvnRC7tSX50

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