Sonntag, 9. Oktober 2016

Der Genuss

„So tun und leben und handeln die meisten Menschen Tag für Tag, Stunde um Stunde zwanghaft und ohne es eigentlich zu wollen, machen Besuche, führen Unterhaltungen, sitzen Amts- und Bureaustunden ab, alles zwanghaft, mechanisch, ungewollt, alles könnte ebensogut von Maschinen erledigt werden oder unterbleiben; und diese ewig fortlaufende Mechanik ist es, die sie hindert, gleich mir, Kritik am eigenen Leben zu üben, seine Dummheit und Seichtheit, seine scheußlich grinsende Fragwürdigkeit, seine hoffnungslose Trauer und Öde zu erkennen und zu fühlen.“ (Hermann Hesse: Der Steppenwolf)
Der Genuss ist ein wesentliches Element des Lebens. In Deutschland, im Land der protestantischen Ethik, des fleißigen Schwaben und der Leistungsgesellschaft, ist es schwierig, offen über den Genuss zu sprechen. Als ob guter Wein schon an sich etwas Anrüchiges wäre wie Pornographie.
Für manche Menschen ist Genuss etwas, das mit Reichtum zu tun hat. Er ist obszön, weil es so viele Menschen in anderen Ländern gibt, denen selbst die nötigsten Mittel zur Ernährung fehlen. Genuss ist unmoralisch und daher unbedingt zu verurteilen. Erst, wenn alle Menschen in der Lage sind, das Leben zu genießen, darf ich es auch. Andere Menschen, die ein sorgenfreies Leben führen, fürchten, ihre Genüsse zur Sprache zu bringen, um nicht den Neid oder den moralisch erigierten Zeigefinger ihrer Mitmenschen zu provozieren. Eine dritte Gruppe sieht den Genuss als Gegenwelt der Arbeit. Vereinfacht gesagt: Wer genießt, ist faul.
Aber Genuss hat nicht unbedingt etwas mit Geld, Moral oder Faulheit zu tun. Wir können Musik genießen, Bücher und Kunst. Das kostet im Internetzeitalter kein Geld oder doch nur so wenig, dass sich niemand ausgeschlossen fühlen muss. Wir können die Natur genießen oder ein gutes Gespräch mit netten Leuten. Wein, Käse und Brot kosten nicht die Welt. Die Winzer, Bauern und Bäcker haben uns eine Menge zu bieten, wenn wir die öde Welt der Supermärkte und des industriellen Konzernfutters hinter uns lassen.
Wenigen Menschen gelingt es sogar, ihre Arbeit als Genuss zu empfinden. Das ist das Glück: Einer Tätigkeit nachzugehen, die einen zufriedenstellt, die den Geist sättigt und nicht nur den Kühlschrank füllt. Nach der Arbeit genießt man die Zeit der Muße. Mit einem Bier oder einem Tee, mit einem Gespräch oder der Stille. Man kann sogar die Sonne oder den Regen genießen. Es kostet keinen Cent. Und vereinzelt, aber es sind wirklich nur Einzelfälle, trifft man auf einen Menschen, der sogar sein Leben und seine Gesundheit genießt, weil er gerade nicht krank oder verzweifelt ist. Allerdings trifft man sie nicht in Deutschland.
„Mochte das nun hohe Weisheit sein oder einfachste Naivität: wer so den Augenblick zu leben verstand, wer so gegenwärtig lebte und so freundlich-sorgsam jede kleine Blume am Weg, jeden kleinen spielerischen Augenblickswert zu schätzen wusste, dem konnte das Leben nichts anhaben.“ (Hermann Hesse: Der Steppenwolf)
Manicure - Grow Up. https://www.youtube.com/watch?v=36qFAL9IHEI

Kommentare:

  1. So unendlich wahr, einfache Worte und wahr.
    Die Wahrheit deiner Sätze entspricht nicht der deutschen Wirklichkeit, richtig erkannt.

    Die deutsche Realität bedeutet: "Lassen wir uns gemeinsam verarschen, von denen, die erkannt haben, wie einfach wir alle zu manipulieren sind."

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  2. Kennst du "Der Weg des Künstlers"? Ist nicht für jeden, deshalb fällt dieser Kommentar auch in die Kategorie "Buchtipps, die wahrscheinlich nicht gefallen". Darin gibt es ein ganzes Kapitel über Genüsse und Luxus, die nicht unbedingt mit Geld zu tun gaben müssen, sondern genau das sind, was du oben benennst.

    Es geht noch einfacher: Alleinsein kann ein großer Luxus sein. Frag mal Leute mit Kindern oder zu pflegenden Angehörigen.

    Allerdings trifft man sie nicht in Deutschland. Seit wann ist Düsseldorf ein eigener Staat?! ;)

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  3. Menschen die nicht genießen können sind für andere ungenießbar- so hängt alles mit allem zusammen. Ich genieße gerade, beim Bloglesen ein neues Wort gelernt zu haben: Klopfoten!
    nun sucht mal und erlebt den Flow...

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    1. Laut Google-Recherche ist das ein Sanitär-Installateur. Handwerker sind total wichtig. Meine Heizung ging zwei Tage nicht, gestern (an einem Samstag!) kam ein Handwerker. Und schon empfinde ich heißes Wasser als Luxus und genieße die Dusche ...

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  4. Genuss ist wichtig und ein Menschenbedürfnis, nicht verwerflich. Dennoch würde ich sagen, dass er durchaus etwas mit Geld zu tun hat. Man kann zwar auch "kostenlos" genießen. Aber wenig Geld geht leider oft mit vielen Sorgen einher. Es ist schwierig, zu genießen, wenn man die Sorgen nicht abstellen kann. Geld macht zwar nicht notwendig glücklich, doch es befreit von vielen Sorgen, sodass mehr Raum bleibt für Genuss, auch für den, der nichts kostet.

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