Dienstag, 13. September 2016

Punk und Porzellan

„Wie kannst du hoffen, (…) die Schönheit einer alten Frau aus Tarasco, die um sieben Uhr morgens Domino spielt, zu begreifen, wenn du nicht so trinkst wie ich?“ (Malcolm Lowry: Unter dem Vulkan)
Ich träume, ich wäre als Schriftsteller zu einem Punkkonzert eingeladen worden, um für das Fanzine der Punkerszene Texte zu schreiben. Es soll ein Online-Fanzine werden und natürlich gibt es jede Menge Filme, in denen die Bands oder die Fans zu sehen sind. Musik, Kommentare, Quatsch, jede Menge Material, das ich auf dem Notebook des Veranstalters anklicken kann. Roh und ungeschnitten. Es sollen aber auch ein paar klassische Texte entstehen.
Es ist der Morgen danach oder besser der Nachmittag danach. Ich liege in meinem Schlafsack zwischen Unmengen von Technik, Kabeln, Computern und Boxen. Ich habe ein großes Notizheft aufgeschlagen und einen Stift in der Hand. Bei mir sind der Veranstalter und der Mann vom Mischpult, der in der Nacht auch DJ war, nachdem alle Bands gespielt hatten. Der Veranstalter ist ein großer, dicker und gemütlicher Kerl mit kurzen, knallgelb gefärbten Haaren, der mir alles erklärt. Der andere ist ein alter Schulfreund aus Ingelheim, der früher wirklich DJ war und heute für einen Radiosender in Berlin arbeitet.
Der Veranstalter sagt, man hätte kein Geld für die Absperrung des Geländes, Personal oder das Drucken von Eintrittskarten gehabt. Die Punks würden sich sowieso nicht an Absperrungen oder Eintrittskarten halten. Das hätte einfach keinen Zweck, also war das Konzert gratis. Er zeigte auf das Festivalgelände und sagte, die Wiese würde dem Vater eines Schlagzeugers gehören, der mit seiner Band dabei war. Der Vater sei Bauer und habe das Gelände kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Stromversorgung würde über den alten Mercedes-Diesel des Veranstalters laufen. Ich sehe den Wagen in einiger Entfernung mit offener Motorhaube stehen. Ein paar Kabel führen in den Motorraum und verbinden sich auf dem Boden zu einem armdicken Kabelstrang, der quer übers Gelände zum Mischpult führt. Die Bühne besteht aus Euro-Paletten, die man nebeneinander gelegt hat.
Ich mache mir Notizen, während der Veranstalter mit mir spricht und der Techniker mit irgendwelchen Geräten beschäftigt ist. Mein erster Text handelt von einer Kaffeetasse, weil wir alle gerade Kaffee trinken und es naheliegend ist. Auch ein Punker braucht eine Kaffeetasse, schreibe ich, auch wenn das spießig klingen mag. Gerade der Punk käme ohne Kaffeetasse gar nicht aus, denn er verausgabt sich bei einem Konzert total, säuft ohne Ende und bräuchte daher am nächsten Morgen auch unbedingt eine Tasse Kaffee. Mehr als andere Menschen. Ein Punkkonzert sei ohne Kaffeetassen also praktisch gar nicht vorstellbar. Ich bin mir unsicher, ob der erste Text wirklich gut ist. Daher schaue ich mir ein paar Videos an, denn meine eigenen Erinnerungen an das Konzert sind extrem dunkel und verschwommen, weil ich mitgemacht und einiges getrunken habe. Der Veranstalter liest meinen ersten Text und grinst. Er findet ihn gut und fände es toll, wenn ich noch mehr schreiben könnte.
P.S.: Jetzt werden Sie natürlich wissen wollen, welche Bands bei meinem Traumkonzert gespielt haben. Aber ich kann mich an keine Namen erinnern. Vielleicht „Patty La Belle & The Monotones“ oder „Die Serengeti in dir“?
Boxhamsters - Es regnet. https://www.youtube.com/watch?v=ije7NYrV0Wk
Mehr Punk & Porzellan-Content:
http://diezeitensindvorbei.blogspot.de/2016/09/kinder-auf-kaffee.html

Kommentare:

  1. Den großen mit den kurzen gelben Haaren kenne ich auch - den gibt's bei jedem Punkkonzert. Die Kombination Punk/Kaffee ist auch gut - ich wollte schon länger mal eine Zusammenstellung von Punkliedern mit dem Thema Kaffee machen, da gibt es ausreichend.....

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    1. Sehr gut. Werde ich dann verlinken.

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    2. Done. http://diezeitensindvorbei.blogspot.de/2016/09/kinder-auf-kaffee.html
      Ist jetzt doch mehr ein Kaffee-Rundumschlag.

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  2. Ich war Sänger der Punkband Kaputt Krauts, auch alles extrem dunkel und verschwommen in meiner Erinnerung. Aber was ich noch weiß, Sex war umständlich, Stacheldraht und Ketten von den Springs abzuziehen, naja.......

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