Donnerstag, 8. September 2016

Blogstuff 69 – Für Handstand und Oral

„Je länger wir schreiben, desto mehr entfernen wir uns, je mehr wir teilnehmen an den täglichen Kämpfen, umso weniger drängt es uns, zu schreiben. So ist jedes Buch narzisstischer Ausdruck unseres Ungenügens. Jede Zeile, die wir schreiben, geht die Entscheidung voran, eben das zu tun und nichts anderes.“ (Bernward Vesper: Die Reise)
Ich weiß, man sollte es nicht machen. Ich hab’s trotzdem getan: Ich habe bei Focus-Online den Bereich „Kultur“ angeklickt. Das ist Kultur: Eine Fernseh-Talkshow vom Vortag wird besprochen, ein US-Rapper hat eine Frau verprügelt, Homer Simpson hat einen neuen deutschen Synchronsprecher, die Gattin eines Docutainment-Darstellers hat eine Frühgeburt (die Zwillinge sind wohlauf), Verona Pooth hat sich die Lippen aufspritzen lassen, Lena Meyer-Landrut verrät ihr Gewicht. Und ich Dorftrottel dachte, bei Kultur ginge es um Malerei, Musik oder Literatur.
Meine neue Partei heißt YYY – weil dann auch die Abkürzung richtig schön lang ist, wenn man sie ausspricht. Und ich bin clever. Bei mir gibt es keine Jugend-, sondern eine Seniorenorganisation: „The Y-Not-Generation“.
Neulich in der Disco: „Warum mögen wir alle Milli Vanilli, obwohl es niemand zugeben will? Wegen des coolen Namens? Nein, weil man zu diesen Rhythmen seinen Arsch bewegen kann. Wenn du weißt, was ich meine. Und tanzen kann man dazu auch.“
„Es begab sich zu der Zeit, als Musikvideos noch belanglose Geschichten erzählt haben …“
In großer Hitze rieche ich metallisch. Werde ich zum Cyborg?
Haben Sie im Fernsehen schon mal Werbung für Franz Kafka gesehen? Für den Silser See? Für Marihuana? Gute Sachen brauchen keine Reklame.


Am Ufer des Silser Sees.
Werbung: „Der tödliche Klingelstreich“. Band 1 der neuen Kinderkrimireihe von Bonetti Solutions. Jetzt am Kiosk vor Deiner Schule.
Ihr Gesicht tauchte aus der Dunkelheit auf und kam langsam näher, so wie ein Fisch, der sich in einem Aquarium der Glaswand nähert.
Im 19. und 20. Jahrhundert war der Rassismus in Mode. Man unterteilte die Welt in Schwarze, Weiße, Gelbe und Rote und ordnete ihnen bestimmte Verhaltensmuster und einen bestimmten Grad an Intelligenz oder Kultur zu. Heute wissen wir, dass der Rassismus Bullshit ist (natürlich nicht alle, Sarrazin, Gauland und Konsorten haben an diesem Punkt noch Lernbedarf). Der neue Ismus unseres Jahrhunderts ist der Sexismus. Nur weil jemand einen Schwanz oder eine Möse hat, werden ihm bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeordnet. Konkurrenz wird konstruiert, Hierarchien werden gebildet. Wieder machen wir alles an Äußerlichkeiten fest, wieder genügen wenige Schubladen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir sind diese Ismen zu unterkomplex.
Sie haben vielleicht einen Balkon, aber Andy Bonetti, der Chuck Norris der Gegenwartsliteratur, hat „La Terrasse“ mit einem Grill, der mit Händeklatschen und Pfeifen gesteuert wird.
Immerhin haben wir jetzt das penisfreie Patriarchat bekommen. Merkel herrscht über das Parlament, die Parteien und den Pöbel, Uschi von der Leyen hat die Bundeswehr unter Kontrolle, falls doch mal jemand frech werden sollte. Das Lehrmaterial für diese Erziehungsdiktatur liefern die Medien, vormals vierte Gewalt genannt, jetzt Hofberichterstatter und pädagogische Erfüllungsgehilfen. Sicherheit und Gesundheit sind Begriffe geworden, vor denen es mich inzwischen gruselt.
Für alle Leute, die bisher noch kein Buch von Andy Bonetti gekauft haben, veranstaltet Bonetti True Media am nächsten Donnerstag in Bad Nauheim einen Tag der geschlossenen Tür (Quelle: Hamburger Abendlandblatt).
Wissenschaftler in Botswana haben herausgefunden, dass sich die Musik von Helene Fischer positiv auf den Fruchtbarkeitszyklus der Scheißhausfliege auswirkt.
Milli Vanilli.- Girl You Know It’s True. https://www.youtube.com/watch?v=mPf7vWxB0G8

Kommentare:

  1. Was Du unter Kultur verstehst ist gestrichen worden. Es hat sich gesamtgesellschaftlich als überflüssig und schädlich erwiesen.

    Wie kommt man eigentlich auf die Idee, als gebildeter, intelligenter Mensch beim Locus und ähnlich gearteten Erzeugnissen nach Kultur zu suchen?

    Das einzig Gute am Internet:

    Einige Blogs, bei denen ich noch merke, das der/die Betreiber*in(nen)[war das jetzt korrekter genderspeech?]noch selbst denkt und den pestillenzartig um sich greifenden Verlust selbständigen Denkens bei einem Großteil der Menschheit zumindest bedauert.

    Zusätzlich hat mir persönlich das Internet dabei geholfen, zu verstehen, das Meinungen zwar unglaublich vielfältig sind, trotz aller Vielfalt, aber trotzdem überwiegend im Gulli der Einfältigkeit versickern können, um keinen größeren Schaden anzurichten.

    Sarrazin, Gauland u. a. richten aber trotzdem gewaltige gesellschaftliche und soziale Schäden an. Der Gulli muss erweitert werden.

    AntwortenLöschen
  2. „Es begab sich zu der Zeit, als Musikvideos noch belanglose Geschichten erzählt haben …“ Noch oder schon? Ich bin ja nun von der Generation, die damit aufwuchs, in meiner Kindheit gab's auch diese ganzen Shows wie "Formel Eins", und gab es nicht immer das eine UND das andere. Wobei die qualitativ hochwertigen bis künstlerisch wertvollen (ich habe letztens zum ersten Mal "Lights" von Interpol gesehen, das ist was für Ästheten, richtiger Kurzfilm) möglicherweise heute rarer gesäht sind. Siehe das was heute unter Kultur verstanden wird.

    Ich hab jetzt überlegen müssen, wer Milli Vanilli sind, an den Namen habe ich mich erinnert. Dann fiel mir ein: das waren doch die Typen mit dem Playback-Skandal und Frank Farian! Irgendwann kurz nach der Zeit, in der man Kinder noch vor die Kinderhitparade mit Herrn Feldmann und Frank Zander gesetzt hst, damit sie ruhig sind.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Solange es noch den Knopf zum Abschalten gibt und wir hier einen wachen Kopf haben, was sollte das passieren? Und wir kaufen uns Filme- DVDs und machen ein eigenes Programm. Der KIKA- Sender unser Enkelin ist so schlecht geworden mit immer neuen Wiederholungen von Zeichentrickfilmen, dass sie nicht mehr schauen will, Hurra!
      Mir fehlt fast überall Witz und Tiefsinn, aber es gibt noch Kultur außerhalb des Gullis.

      Löschen
    2. Unser Nachmittagskind will auch nie heutige Kindersendungen schauen. Ist aber beispielsweise begeistert von Serien auf DVD von früher, Bettkantengeschichten, Janoschs Traumstunde und solcherlei, die noch Tiefsinn und/oder pädagogischen Wert hatten. Leider sind viele Leute heute nicht mehr wach und es kann auch nicht alles kontrolliert werden, was zum Beispiel auf dem Smartphone mit Prepaid-SIM konsumiert wird. Spätestens 12-jährige entwickeln da Methoden, da muss man sehr achtgeben und die Medienkompetenz schulen, was oft unter den Tisch fällt (auch weil einige Erwachsene auch nicht viel mehr davon haben, wenn überhaupt.)

      Löschen
  3. "Gute Sachen brauchen keine Reklame."
    Richtig. Aber Reklame braucht umgekehrt diese guten Sachen zur Vernutzung.
    Kein Wunder, dass Dein Engadin-Foto wie ein Gusto-Stückerl - Medienkompetenz hin, Naturideologie her - aus einem Reisekatalog rüberkommt.
    Alte Erfahrung beim switchen und zappen von Kanal zu Kanal: solange die Sequenz noch nicht decodiert dahinläuft, fällt es schwer zu entscheiden, ob das nun ein Werbespot oder was Spielfilmiges ist.
    Obwohl, wo ist da noch ein Unterschied?

    AntwortenLöschen