Mittwoch, 17. August 2016

La Sehnsucht - das Schiff in meinem Herzen

Was für eine unglaublich bescheuerte Überschrift. Sie klicken aber auch alles an. Nix los im Büro? Oder in Ihrem Leben?

Blogstuff 59
„Es ist nie zu spät für eine schöne Kindheit.“ (Linda, 12)
Als ich noch in Berlin gelebt habe, hat der Pizzaservice bei mir angerufen.
Hamburg: neun Monate Regen, drei Monate Scheißwetter.
Hätten Sie’s gewusst? Erdogan hat früher als Schnurrbartdarsteller in italienischen Slapstickkomödien gearbeitet.
Ein Kumpel von mir ist Geldeintreiber. Seit er in Hamburg lebt, behauptet er jedoch, er würde im „Forderungsmanagement“ arbeiten. Verdammt vornehm, diese Hanseaten! Dabei kommt er aus Marxloh. Das Ruhrgebiet ist die dritte Welt von Deutschland, Duisburg ist die dritte Welt des Ruhrgebiets und Marxloh ist die dritte Welt von Duisburg.
Es ist die Gnade des Alters, dass man die Jauche der Charts nicht mehr kennen muss.
Werbung: „Luderfest in Budapest“ von Andy Bonetti. Jetzt neu!
Die Dünne: „Hinter der fetten Kreuzung musst du links abbiegen.“ - Der Dicke: „Die Kreuzung ist nicht fett, die ist höchstens vollschlank. Manche Kreuzungen sind eben größer und breiter als andere Kreuzungen. Was hast du denn gegen die Kreuzung? Ich finde sie voll in Ordnung, so wie sie ist!“
25.7.16: Selbstmordsanschlag eines syrischen Terroristen am Wochenende in Ansbach! Mich trifft fast der Schlag, als ich davon höre, denn demnächst werde ich dort sein. Ich spreche mit der Friseurin beim Haarschnitt über den Terror, den man eigentlich in den Metropolen wie Berlin erwartet. Den Anschlag auf das Mykonos in der Prager Straße kennt sie nicht, da war sie noch ein Baby. Dafür erzählt sie mir die Geschichte von dem Mann, der 1998 auf dem Hohenzollerndamm um die Ecke mit einer Kettensäge unterwegs war, aber niemand verletzt hat.
Rigaer Straße 94: Nach dem Mittagessen in den Prager Hopfenstuben um die Ecke laufe ich an dem umkämpften Haus vorbei. Kein Polizist, kein Demonstrant zu sehen. Ich bin ein wenig enttäuscht.
Das Delphintierchen ist etwa drei Zentimeter lang und ernährt sich von Buchstaben, die aus Büchern herausgefallen sind. Es ist von dunkelblauer Farbe und sein Kopf erinnert stark an einen Delphin, daher der Name. Es hat zwei gelbe Fühler auf der Stirn, die schnell abbrechen können, aber ebenso schnell wieder nachwachsen. Männliche Tiere hören auf den Namen Fridolin, weibliche Tiere auf den Namen Natalie. Bei Bedarf kann das possierliche Tierchen davonfliegen (aus einem Traum).
P.S.: Nachtrag zu meinen angekündigten Restaurantabenteuern vom 22. Juli (# Sommerpause). Das Philly Cheese Steak Sandwich war lecker, aber der Laden ist viel zu Mitte- und Hipster-mäßig (Bedienung mit Basecap, die sich gleich anwanzt und am Ende zu mir als Novize „Bis bald, mein Lieber“ sagt – dann aber: Bier nur aus der Flasche + Selbstbedienung), außerdem waren die Preise zu hoch (12,50 für ein Gericht, das ich als Burger de luxe bezeichnen würde). Auch bei Francucci waren die Preise nicht angemessen, eine Pizza Frutti di Mare für 16 Euro – sorry, auch wir werden uns nicht wiedersehen. Meyan Berlin hatte das avisierte Auberginengericht nicht mehr auf der Karte, dafür habe ich eines meiner Lieblingsgemüse als „Shahi Baingan“, gefüllt mit Gemüse, Nüssen und Rosinen, im „Spice of India“ in der Uhlandstraße sowie im „Vipan“ in der Trautenaustraße gegessen und war sehr zufrieden.
Das Pastrami-Sandwich habe ich nicht in Kreuzberg, sondern in einer Bierkneipe namens „The Pier“ in der Invalidenstraße gegessen. Vor mir auf der Straße - während ich mit Gleichgesinnten Craftbiere mit abgefahrenen Namen trinke - die gezeichneten Umrisse eines Körpers, ein kürzlich verstorbener Radfahrer, dahinter auf dem Bürgersteig Blumen und Kerzen. Ich kenne die Gegend noch aus den frühen Neunzigern, als es hier verschlafen und ostig aussah. Damals lebte G. in der Schlegelstraße, ein Freund aus Ingelheimer Jugendtagen, aus der Manteuffelstraße in Kreuzberg hierher gezogen – inzwischen mit Frau und drei Kindern als Buchhändler im Saarland ansässig. Jetzt wirkt die Invalidenstraße wie ein kaltes Stück New York.
Es gibt also kein neues Restaurant in Berlin, das ich empfehlen kann – bis auf eins. Der Tipp einer alten Freundin, aber dazu in den nächsten Tagen mehr.
P.P.S.: Ich möchte an dieser Stelle des Berichts nicht leugnen, dass die gastronomische Situation in Rheinland-Pfalz ähnlich deprimierend ist. Am 15. August komme ich um 12:30 Uhr in Mainz an und suche eine renommierte Gaststätte der Landeshauptstadt, das „Pomp“, auf. Im sommerlich-luftigen Außenbereich gibt es keinen freien Platz, also ziehe ich mich in die dunkle Höhle des eigentlichen Gastraums zurück. Nach zehn Minuten gelingt mir der Erstkontakt mit einer Bedienung. Ich gebe ein Bier und Weißwürste in Auftrag. Nach weiteren fünfzehn Minuten kommt das Bier, eine halbe Stunde später kommen die Würste. Offenbar braucht man in der Landeshauptstadt glatte dreißig Minuten, um ein paar Würstchen heiß zu machen. Und ich muss der anscheinend neuen Bedienung noch beim Abräumen des Tabletts helfen, da sie mir bereits Pfeffer und Salz in den Schoß wirft.
The Police - De Do Do Do De Da Da Da. https://www.youtube.com/watch?v=7v2GDbEmjGE

Kommentare:

  1. Kaltes Stück New York... das tut mir doch auch weh...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich finde solche Orte schön, die Stadt kann nicht überall so posemuckelig sein wie in Frohnau. Und das Bier im Pier (ein Reim!) schmeckt dir wie mir (auf einem Reim kann man nicht stehen).

      Löschen
  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  3. Mein Lieber! Mit den "Prager Hopfenstuben" meinst du doch nicht etwa diesen grotesken DDR-Assi-Schuppen in der Karl-Marx-Allee, der seine Speisekarte, die Einrichtung und den "Service" seit 1975 nicht mehr geändert hat?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Doch! Und zwar aus den von dir genannten Gründen. Und ich hoffe, dass sich bis zum 100. Geburtstag der DDR 2049 auch nichts ändert. Allein die Gespräche der Rentner an den Nachbartischen sind das Geld wert :o)

      Löschen
    2. Die laminierte Speisekarte, von der ich seit zwanzig Jahren immer nur das Gulasch bestelle. Einem Kellner habe ich sogar einen ganzen Text gewidmet:

      http://kiezschreiber.blogspot.de/2015/12/marco.html

      Löschen
    3. Verstehe, das läuft bei dir also unter Erlebnis-Gastronomie. Die drolligen Rentner sind wahrscheinlich die Nachbarn meiner Eltern.

      Löschen
    4. Für mich sind natürlich die soziologischen und ethnologischen Aspekte eines Restaurantbesuchs ein "Erlebnis" und Rohstoff für meine Texte. Als ich z.B. draußen beim Bier saß, es waren etwa 30 Grad im Schatten, kam ein Mann in einer dicken Winterjacke vorbei. Er hatte seine Kapuze über den Kopf gezogen - und sie war innen mit Alufolie ausgekleidet, die an manchen Stellen zu sehen war!

      Löschen
  4. Warst du schon mal in Duisburg? Ich muss so fragen, wenn ich dich nach den „drei Affenkästen aus Glas“ in der Dritten Welt gefragt hätte, hättest du mich wohl nicht verstanden. Mitten in dieser runtergewrackten Stadt stehen in der Innenstadt nicht einer, sondern drei größere Glaskonsumtempel. Ich weiß nicht ob das wegen dem Restzustand der Stadt (die ich nicht komplett kenne) nicht irgendwie belinesk anmuten könnte (ich war nie in Berlin und will da auch nicht hin, der Vergleich ist nicht von mir). In Duisburg muss ich gelegentlich einkaufen, unser Künstlermaterialhandel ist da (in einem der Affenkästen) und besser sortiert als der Düsseldorfer und gutes Vinyl (LPs) hab ich da in der Fußgängerzone auch schon aufgetrieben.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, ich kenne Duisburg sehr gut. Ein alter Freund aus Schweppenhausen hat dort 18 Semester erfolglos studiert. Erst wohnte er in Marxloh, dann in einem Studentenwohnheim in Bahnhofsnähe. Er hat kein einziges Seminar besucht und nie einen Schein gemacht. Heute arbeitet er als Lagerarbeiter in der Nachtschicht (Kühlhaus einer Supermarktkette) und ist bekennender Messi ;o)))

      Löschen
    2. Dann sind die Affenkästen also bekannt. (Ich kriege da jedes Mal die Krise, nur um den einen komme ich eben nicht rum). Das ist noch der Erträglichste.

      Dein Messi-Freund weiß dann sicher Nepomuk zu schätzen.

      Löschen
    3. Nepomuk? Ist das eine App, die bei der Vermüllung der Wohnung hilft?

      Lese übrigens seit gestern Vespers "Reise". Angenehm nicht-linearer Erzählstrom. Der Nazi-Vater hält die Festrede zur Bücherverbrennung 1933, die Frau wird Terroristin und er selbst begeht in der Psychiatrie Selbstmord ...

      Löschen
    4. Du hast den Beitrag mit Nepomuk (mein "Vorbild" im Interview) bei mir kommentiert, folglich nehme ich die erste Frage ironisch. Nepi - oh, das darf man ja nicht sagen - ist großer Künstler und der einzige Royal, ein Fürst, der mich interessiert und von dem ich bekennender Fan bin.

      Zum Vesper hatte ich ja auch was im Blog, weil ich das Kunstwort nicht hinbekommen habe. Seltsamerweise ist der Text gut aufgenommen worden, ich hätte nicht gedacht, dass das Buch noch so bekannt ist.

      Was für eine Ausgabe der Reise hast du? Heute bekommt man nur noch die "letzter Hand", die erste 1977 soll noch nicht diese Korrekturen vom Autor eingearbeitet haben. Vielleicht besorge ich mir irgendwann mal eine 1977er Ausgabe antiquarisch, ich finde es sehr mühsam immer zwischen Text und Anmerkungsteil meiner rororo Ausgabe hin und her blättern zu müssen. Außerdem finde ich das Cover bei der März-Ausgabe so schön vieldeutig.

      Löschen
    5. "Letzter Hand", 6. Auflage 2003 - und in gutem Zustand.

      Löschen