Freitag, 26. August 2016

Keine Arbeit, kein Geld, kein Druck

„Bildung wird nicht in stumpfer Fron und Plackerei gewonnen, sondern ist ein Geschenk der Freiheit und des äußeren Müßigganges.“ (Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull)
Die Klage über die Armut in unserer Gesellschaft basiert auf derselben Grundlage wie die Verschwendung und die Gier der Reichen: Materialismus. Die Armen können sich den Kinobesuch, das Steakhaus, die Italienreise und die neueste Schuhmode nicht leisten. Ich war selbst vor zehn Jahren Hartz IV-Empfänger und habe die immateriellen Vorteile genossen: die Freiheit und die Unabhängigkeit. Ich durfte liegenbleiben, wenn die Wecker klingelten. Ich bin in die Bibliothek gegangen und habe die Klassiker der Literatur gelesen. Ich bin bei schönem Wetter stundenlang spazieren gegangen. Ich konnte mit Muße einkaufen und kochen. Ich konnte Freunden zuhören. Ich habe bis heute keine Ahnung, was im Kino läuft oder welche Klamotten gerade angesagt sind. Ich habe immer noch kein Auto und kein Smartphone. Aus dem Verzicht kann man nicht nur Bitterkeit, sondern auch Kraft schöpfen, gerade weil man die Mittel nicht besitzt, um den ubiquitären Verlockungen der Warenwelt zu erliegen. Besitz und Geld sind nicht die Maßstäbe – und wenn Besitz und Geld umverteilt werden sollen, was ich übrigens großartig fände, dann nicht zwischen reichen und armen Deutschen, sondern zwischen reichen Deutschen und den Armen in Afrika und Indien.

Kommentare:

  1. Und Sie sind nicht, lieber Herr Dr. Eberling, seinerzeit von Ihrer Arbeitsagentur unter Androhung von Zahlungskürzungen gezwungen worden, JEDEN Job anzunehmen und Ihre Zeit mit sinnlosen Fortbildungen zu füllen?

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  2. Nein, werter Fanderich. Man hat mich bisweilen zu Bewerbungsgesprächen (zwei Mal pro Jahr) geschickt. Aber bereits bei meiner Erwähnung, das Job-Center schicke mich, stand der Arbeitgeberseite blanke Panik im Gesicht, so als hätte ich gesagt, ich habe AIDS oder sei Salafist. Die Gespräche waren schnell vorüber. Sinnlose Fortbildungen hatte ich insgesamt zwei, aber es war sehr schön, andere Arbeitslose zu treffen und ich habe viele neue Geschichten gehört. Die Berliner Arbeitslosen machen ja die verrücktesten Sachen. Monatlich sollte ich fünf Bewerbungen vorweisen, es genügte die Adressen der Arbeitgeber in eine Liste einzutragen. Ich habe nie eine Bewerbung abgeschickt (das Amt prüft die Abermillionen Bewerbungen der Millionen Arbeitslosen nur in begründeten Ausnahmefällen) und pro fiktiver Bewerbung fünf Euro extra kassiert. Das Job-Center war damals an der Bundesallee, Ecke Nachodstraße, nur fünfzig Meter von meiner Wohnung entfernt. Ich drohte meinem Sachbearbeiter, häufiger zu kommen, da ich doch dringend eine Stelle suchte. Der Mann geriet ebenso in Panik wie die Personalmenschen.

    Es grüßt sie herzlich

    Felix Krull, Lebenskünstler

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    1. Vielen Dank für die ermutigenden Zeilen! Ich dachte doch, mir würde Schlimmeres widerfahren, sollte ich dereinst auf H4 angewiesen sein. Doch fürchte ich, dass sich seit damals Drangsal und Schikane noch einmal und phantasievoll vermehrt haben - nicht wenige Menschen werden daran ja krank (sicher nicht nur, weil es ihnen an Kinobesuchen uns Smartphones gebricht). Ich glaube ohnedies, dass es weniger die materiellen Einschränkungen als die Aussichtslosigkeit und die Hoffnungslosigkeit sind, jemals aus der prekären Lage herauskommen zu können, die einen fertig machen.

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    2. Das glaube ich auch. Manche Menschen beziehen aus der Erwerbstätigkeit ihr Selbstwertgefühl, sie fühlen sich ohne Job wertlos und abgelehnt. Mir ging es zum Glück nicht so. Ohne Hartz IV hätte ich meinen Kindheitstraum, Schriftsteller zu werden, nicht verwirklicht - und im übrigen hätte ich auch den Job als Kiezschreiber nicht bekommen, der eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme war.

      Und für alleinerziehende Mütter stellt sich die Sache auch ganz anders da. Ich bin inzwischen froh, dass ich keine Professur bekommen habe, sondern diesen Weg gegangen bin. Rente mit 67, 69, 71 ... - das ist mir alles längst egal :o)

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    4. Wir Menschen des Geistes besitzen das Privileg, uns nicht allein über unsere Erwerbstätigkeit definieren zu müssen, wobei: Viele prekäre (und weniger prekäre) Jobs sind nicht gerade dazu angetan, in irgendeiner Weise das Selbstwertgefühl zu steigern. Stolz und Selbstachtung wiederum sind nur bedingt allein im stillen Kämmerlein oder einsam auf langen Wanderungen zu erlangen, immer braucht es andere Menschen, die den eigenen Wert bestätigen, sei es durch Interesse an der Person, durch Zustimmung zu Gesagtem, Gesungenem, Geschriebenem. Was aber tut der, der nicht sagen, singen oder schreiben kann?
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    5. Viel wichtiger als Kunst kann die eigene Familie sein. Wenn man Kinder hat oder in einer glücklichen Partnerschaft lebt. Nicht jeder kann sich mit Philosophie und Pudeln begnügen wie Schopenhauer ;o)

      Ich beschreibe hier nur meinen persönlichen Weg, da wird jeder vermutlich seine eigenen Ideen haben.

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  3. Lieber Matthias, Andy, Johnny, Felix,
    du hast es richtig gesagt, du beschreibst nur deinen persönlichen Weg, den du gehen kannst, aufgrund deiner Intelligenz, deiner Bildung, deiner gewonnenen Erfahrungen und der daraus resultierenden Einstellung zum Leben.

    Fanderich hat geschrieben, Menschen des Geistes haben das Privileg, sich nicht alleine über Erwerbstätigkeit (selbständig oder aus Lohnarbeit heraus) definieren zu müssen, Stolz und Selbstachtung auch auf anderen Wegen erlangen zu können, vorausgesetzt man hat ein Umfeld, das einen bestätigt, so oder ähnlich denkt und fühlt. Zuspruch erteilt, zumindest nicht abfällig urteilt, verurteilt.

    Das ist aber den meisten Menschen, Bürgern nicht gegeben, diese geistigen Gaben und Voraussetzungen, vom entsprechenden Umfeld abgesehen Das ist nicht nur ein Mangel an erlangter Bildung, sondern ein Mangel an persönlichen, geistigen Voraussetzungen, und das Ergebnis einer Sozialisation, durch die die Mehrheit der Menschen geistig gefangen gehalten wird, daran aus eigener Kraft nichts ändern kann oder will.

    Der Weg, bewusst zu verzichten, bewusst dem Materialismus auszuweichen, bewusst ein Leben führen zu wollen, das sich nicht über Haus, SUV's, Smartphones, Boot, Ländereien, also Besitz, großem Besitz, noch mehr Besitz, aus Status, einer Charity-pflegenden Gattin und einer wesentlich jüngeren, geldgeilen und faulen, dafür schönen Geliebten definiert, kann nicht von allen Menschen beschritten werden, dazu müssten die Mehrheit der Menschen Fragen stellen, grundsätzliche Betrachtungsweisen des eigenen Lebens und der Gesellschaft in Frage stellen.
    Dazu fehlen Informationen, Vergleichsmöglichkeiten, eigene Erlebnisse, vor allem Phantasie und Vorstellungskraft. Und ein Wille zum Nachdenken und zu Veränderungen.

    Ein Weg, den ich mit 26 Jahren zum ersten Mal vor mir sah, mit 28 bewusst einschlug und bis heute weiter gegangen bin. Den nicht jeder gehen will und kann, schon gar nicht sieht.

    Und selbst wenn der Wille zum Nachdenken usw. besteht, einer allein erziehenden Mutter, alleinerziehenden Vätern, für manche Familien wäre es gar nicht so einfach, einfach aus real existierenden und fesselnden Verpflichtungen herauszukommen, eine Kehrtwende zu vollziehen.

    Und genau das will das neoliberale, finanzfaschistische System ja auch verhindern. Sonst würde es nicht existieren können.

    Denn, die allermeisten Menschen sind aufgrund vieler persönlicher Gegebenheiten "von denen da oben" abhängig, auf deren Wohlwollen angewiesen.

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  4. Teil II (wg. 4096 Zeichen)

    Du hast das Hartz-Center vor 10 Jahren erlebt, es steckte in seinen „Kinderschuhen“, zum Teil wurde es „ARGE“ genannt, weil die Nürnberger BA die lokalen Sozialämter übernahm, eine Übernahmesituation entstand. Der interne Wettbewerb unter den Hartz-Aufsehern, der durch Roland Berger und McKinsey erst peu a peu eingeführt wurde, war noch nicht so existent. Es gab zwar „geschulte BA-Büttel“, die erst noch die vorhandenen Bediensteten der Landes- und Kommunal-Sozialämter „in die neue Spur“ setzen mußten. Das „System HARTZ IV“ lief noch nicht „rund“.

    Heute läuft es „rund“, im Sinne seiner Erschaffer, im Sinne der Industrie, des Niedriglohnsektors, der Gewinner von Lohn- und Zeitarbeit.

    Du würdest vermutlich heute recht schnell als „wieder Ungelernter“ per Federstrich klassifiziert werden. Das passiert in letzter Zeit vermehrt, gerade auch Menschen, die vormals in den Wissenschaften tätig waren, die ihre Arbeit verloren haben und längere Zeit nicht „vermittelt“ werden konnten.
    „Arbeitsvermittlung“ wird im Hartz-Center nicht betrieben.

    Sie ist ja schlicht nicht mehr vorhanden, weil es den Besitzenden erlaubt wurde, Arbeit zu verknappen, aufzuteilen, geringfügig zu entlohnen. So die Kaufkraft einer ganzen Bevölkerungsgruppe zu schwächen und nebenbei die staatlichen, verhassten (weil nicht Privat geführten) Sozialsysteme empfindlich schwächen zu können

    Was bleibt, ist gering bezahlte und befristete Teilzeitarbeit, die durch jeden neoliberalen Politspacken aus CxU (durch die damalige Mehrheit im Bundesrat), spd und Grünen zwischen 1998 und 2005 als Grundlage für den neoliberalen Umbau, erlaubt wurde.
    In 2005 haben dann die US-U-Boote Merkel/Schäuble mit den jeweiligen rötlichen und gelben „Koalitionswilligen“ weiter stetig das Unterdrückungs-, Kontroll- und Zwangs- und Sanktionsinstrument Hartz IV ausgebaut und verfeinert.

    Immer freudig und federführend mit dabei, Frank-Jürgen Weise (CDU, Oberst d.R., „gelernter“ Controller und lt. Aussage seines Parteifreundes de Maiziere, „Deutschlands fähigster Beamter“ - kam selbst als Kind mit seinen Eltern aus der „Zone“, aus Radebeul).

    Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, das er mit dem Bezug von „ALG II“ sich selbst entmündigt, sich in die Fremdbestimmung begibt, weil die „Eingliederungsvereinbarung“ ein verpflichtender, öffentlich-rechtlich bindender Vertrag ist, ohne den kein in Not geratener die sogenannte „Grundsicherung“ bezieht.
    „Grundsicherung“ von was? Um dem ausbeutenden System weiter zur Verfügung zu stehen, nur noch viel recht- und wehrloser, als arbeitende Menschen?

    Das alles ist schlicht staatliche Erpressung, höchst Grundgesetzwidrig, asozial und beschämend für ein Land, das sich immer noch großkotzig der 1. Welt zurechnet.
    Deshalb der asoziale Niedriglohnsektor geschaffen wurde, gesetzlich legitimiert, weil die Arbeitgeber nicht mehr gewillt waren, zum Leben ausreichende und gerechte Löhne zu zahlen, die nur ihre Gewinne schmälerten.

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  5. Wozu auch? Der Kommunismus in Europa, der „Ostblock“ war weg. Die Besitzenden mussten nicht mehr teilen, um die Zustimmung des Volkes für „freiheitlich demokratische Grundordnung“ zu bekommen. Und mittels der Mitfinanzierung der damaligen „sozialen Marktwirtschaft“ fast 50 Jahre lang erhebliche Gewinneinbußen akzeptieren.

    Tatsächlich war der Ostblock, die „Mauer“, der Freund und Beschützer der meisten lohnabhängigen Westeuropäer. Im Nachhinein betrachtet kommt es mir so vor.

    „Umverteilung“ ist mir persönlich mittlerweile ein nicht sehr passendes Wort, weil zu mehrdeutig.
    Der Besitz und die Nutzung von Produktionsmitteln ist die Grundlage für einseitig konzentrierte Vermögen.
    Das Geldvermögen darf ruhig auch in Deutschland umverteilt werden, zwischen arm und reich, mittels drastischer Lohnerhöhungen, so um die 40%, bei gleichzeitig verbindlicher staatlicher Preisfestsetzung für fast alle Verbrauchsgüter und staatlich festgelegter Mieten.

    Enteignung großer Geldvermögen (alles was über einen festzulegenden Betrag hinaus vorhanden ist, auch im Ausland) wird es wohl besser treffen. Die fließen dem Staat zu, der sie sozial und gesellschaftlich relevant einsetzten muss. Das geht natürlich nicht mit dem derzeitigen Personal aus allen Parteien.
    Und selbstverständlich einen Teil (50%?) der Gelder dazu nutzen muss, den abgehängten Menschen dieser Welt dabei zu helfen, sich selbst helfen zu können.

    Teil III (wg. ....)
    Das alles wäre aber nur ein Teil einer komplett anderen Welt. Die auch nur funktionieren könnte, wenn fast alle mitmachen würden, ohne persönliche Vorteile für sich erzielen zu wollen. Und das ist mit dem Mensch nicht machbar.
    Bleibt nur der Weg „das System“ zu entschärfen, Stück für Stück, was auch schon an Sysiphos erinnert.

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