Mittwoch, 31. August 2016

Der Club der toten Blogger

„Die Villa, in der ich hier lebe, ist nicht etwa meine Villa. Nein, sie gehört einer Gräfin, einer überaus liebenswürdigen, vornehmen Frau, deren Bekanntschaft ich in der Hauptstadt gemacht habe. (…) Mit welcher Freundlichkeit nahm sie sich meiner an, als ich im tiefsten Elend und Schmutz lebte, in jener Großstadt, wo Freiheit und Vogelfreiheit oft dasselbe sind, wo der Kummer der Vielen das glänzende Glück der Wenigen ausmacht, wo der Künstler entweder stirbt oder seine Kunst preisgibt, und wo Adel und vornehmes Fühlen in Lumpen einhergehen, während das freche plumpe Laster Paläste bewohnt.“ (Robert Walser: Fritz Kochers Aufsätze)
Wir wissen nicht, wo es passieren wird. Vielleicht bei einem ausgedehnten Winterspaziergang, wie es Robert Walser geschehen ist, oder während eines sinnlosen Internet-Chats über feministische Linguistik. Jedenfalls kommen wir nach unserem Tod in eine Stadt, wo wir einem gnadenlosen Wettbewerb ausgeliefert werden. Jeder neue Tote ist in einen Tropfen verwandelt. Er besteht nicht aus Wasser, sondern aus einer gallertartigen Masse, auf der ein kleines Gesicht zu sehen ist. An einer Wand hinter dem Eingangstor der Stadt muss man als Tropfen emporspringen und an der Wand klebenbleiben. Dann muss man versuchen, die Wand hinauf zu kriechen. Wer es schafft, bekommt das ewige Leben in einem luxuriösen Paradies, wer ist nicht schafft, muss zur Behörde für den endgültigen Tod.
Ich habe es natürlich nicht geschafft und bin langsam zurück auf das gleichgültige, kalte Kopfsteinpflaster der Gasse geglitten. Also stand ich kurze Zeit später vor dem Schalter, wo ein Beamter meine Daten auf einem Formularblatt eintrug. Name, Alter, Todesursache usw. Wichtig ist – und jetzt bitte ich Sie um Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit -, dass Sie auf die Ihnen gestellten Fragen nach einem bestimmten Muster antworten. Die ersten drei Fragen beantworten Sie bitte mit „1058“. Dann kommt der schwierigste Teil. Die nächsten fünf Fragen müssen Sie hartnäckig ignorieren, selbst wenn sie mehrfach wiederholt werden. Die letzten drei Fragen beantworten Sie mit „Nein“, auch wenn es keinen Sinn ergibt.
Auf diese Weise entgehen Sie dem Tod und kommen zurück auf die Erde. Bis zu drei Leben kann der Mensch auf diese Weise haben. In der nächsten Traumsequenz war ich übrigens ein Obdachloser, der auf einer Parkbank saß und in eine weiche Decke gehüllt war. Es war ein herrlicher Sommermorgen und voller Optimismus studierte ich die Prospekte einer Bausparkasse. In der letzten Traumsequenz vor dem Erwachen schrieb ich diesen Text, den Sie gerade lesen, schon einmal per Hand. Der Titel lautete allerdings „Ausgeschissen“.
P.S.: Falls Sie jetzt wissen wollen, wie ich im Traum gestorben bin, muss ich Sie enttäuschen. Als der Traum begann, war ich schon auf dem Weg in die Stadt der Toten. Auf der belebten Straße ging es zu wie im wirklichen Leben: keine Reue, keine Rücksichtnahme.
Boxhamsters - No Need For Nieten. https://www.youtube.com/watch?v=_NIzhY765Ps

Kommentare:

  1. Habe den Text mit der Maus markiert und ihn ins Libreoffice-Textfenster kopiert. 2260 Zeichen. Ein wenig mit der Formatierung gespielt, Liberation Sans, 12pkt, Formatierung Standard. Spaßeshalber einmal Comic-Sans MS verwendet. Keine so gute Idee.

    Ein schöner Text, gerade jetzt wo die Zeichen endlich so groß sind, daß ich sie lesen kann. Auch ohne Brille oder sagen wir besser: Fast ohne Brille. Ohne Brille geht ja mittlerweile fast gar nichts mehr. Außer jemanden begrüßen: »Ach, hallo… Daß ich ausgerechnet Dich noch einmal sehen kann. Hab den Namen vergessen. Wenn ich das Gesicht deutlich sehen könnte, würde er mir vielleicht wieder einfallen. Umarme weiter. Kein bekannter Geruch.

    Wieder einer dieser Tage, wo ich in den Kommentarzeilen vollkommen unschuldiger Blogger versuche, ihren Tonfall zu kopieren. Ich beantworte die voraussichtlichen letzten drei Fragen mit „Nein“ und bin sicher, das auch dieses Mal zu überleben. Auch mit TTF »Erika Ohmig« steht dort das selbe wie zuvor. Man sollte viel öfter Zentenar Frakur verwenden.

    Vor der Tür parkt das Auto eines Führerscheinneulings, aus dem deutscher Rap zu den Klängen eine auf- und zuklappenden Motorhaube zu hören ist. Ich beschließe ein Pils zu öffnen.

    Und zu und auf und wieder zu…

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    1. Wenn ich dir Inspiration oder nur Durst gegeben habe, war der Tag in den Bonetti-Minen nicht umsonst :o)

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