Dienstag, 16. August 2016

Ansbach

„Das Buch, das er eigentlich habe schreiben wollen und um dessentwillen er also überhaupt Schriftsteller geworden sei, habe er allerdings oder auch natürlich nicht geschrieben. Wie ja ein jeder eigentlich immer ein ganz anderes Leben führe als das Leben, unter dessen Zeichen er angetreten sei und das er also eigentlich habe führen wollen.“ (Jürg Amann: Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser)
Immer, wenn Dionysos seinen Thron in den Weinbergen verlässt, stürzt die Welt ins Unglück. Bei meiner letzten Tour: Terror in Brüssel. Bei meiner vorletzten Tour: Terror in Paris. Jetzt bin ich im Herzen des Terrors unterwegs. Mit der Regionalbahn fahre ich von Würzburg nach Ansbach. Auf dieser Strecke hat er IS-Afghane die Axt gezückt, in Ansbach hat der IS-Syrer zugeschlagen. Aber der Narr aus dem Tarot checkt im „Hotel Fantasie“ ein.
Als ich hungrig und durstig in der Stadt ankomme, treibt sie zunächst ein grausames Spiel mit mir. Ich gehe in den prächtigen Hofgarten, in dem ein Café lockt. Aber eine Buslandung Rentner stürmt unmittelbar vor mir die Terrasse und belegt alle Plätze. Einige hundert Meter weiter betrete ich das erste Haus am Platz, den „Schwarzen Bock“. Nach zwanzig Minuten im Biergarten, obwohl außer mir nur zwei Gäste im Hinterhof des Restaurants sitzen, bin ich immer noch nicht bedient worden. Ich stehe auf und gehe. Nächster Punkt: „Kronacher“, der Baedecker-Tipp. „Bis auf weiteres geschlossen“ lese ich an der Eingangstür. Ich irre durch die Hitze und werde bald darauf in der Rosenbadstraße fündig. Schnell sind drei große Biere und ein Schnitzel verzehrt.
Am Nachbartisch eine Runde Landratswitwen. Banalste Befindlichkeiten werden im Tonfall von Regierungserklärungen verkündet. „Ich nehme keinen Eisbecher.“ (Pause) „Ich hatte heute schon einen Eisbecher.“ (Pause). „Man soll es ja nicht übertreiben.“ (Applaus wird erwartet). Dann werden die großen Themen der Zeit durchdekliniert. Islamistische Hassprediger? „Gehören ins Irrenhaus“. Donald Trump? „Gehört ins Irrenhaus“. Dazwischen Eitelkeiten. „Meine Enkeltochter macht in zwei Jahren Abitur und geht dann mit achtzehn an die Universität. Ist das nicht toll?“ Nein. Das ist normal.
Gegenüber ist die Synagoge. In der Gasse spielen Migrantenkinder, die sich auf Deutsch unterhalten. Ich verstehe das Spiel nicht, irgendwas in Richtung Fangen und Verstecken. Jedenfalls stehen sie bald gegenüber meinem Tisch um ein Mädchen herum und schreien im Chor: „Du musst sterben! Du musst sterben!“ Ein anderes Mädchen erklärt, um das Mädchen in der Mitte wäre eine Blase und Allah würde sie schützen.
Nach einer Siesta in meiner Keksschachtel im Hotel gehe ich die Treppe hinunter. Einfach ins Hotelrestaurant, ein paar Biers kippen und vielleicht eine Pizza essen. Nichts Besonderes. Denke ich. Aber auch dieses kleine Glück wird mir nicht gegönnt. Sommerferien. Geschlossen. Ich trete auf den Bürgersteig und gehe in Richtung Innenstadt. Ein Dönerladen. Na gut, dann eben mein erster fränkischer Döner … Nein. Geschlossen. Türken und Italiener machen offenbar zusammen Urlaub.
Fünfhundert Meter weiter ein McDonalds. Ich wollte ja eigentlich nie wieder eine Filiale dieser Gastronomiemafia betreten. Aber es ist mir inzwischen alles egal. Ich bin nicht verzweifelt, ich habe resigniert. Dann eben ein Besuch in der Deppenhölle. Aber am Samstagabend ist die gesamte Jugend hier versammelt. Und ich kann meine Bestellung auch nicht an der Theke mit finsterem Blick in eine Sonderschulvisage knurren, sondern ich muss mich an einem mannshohen Display durch einen Fragenkatalog arbeiten, den ich bisher nur von Klausuren kannte. Nach einigen Minuten habe ich einen Zettel mit einer Nummer in der Hand. Wie am Fahrkartenschalter der Bahn oder im Arbeitsamt. Nach einer Viertelstunde Wartezeit zerknülle ich den Zettel und gehe wieder. Hungrig, durstig.
Ich lande an einer Tankstelle. Dort kaufe ich mir drei Flaschen Bier und ein antikes Käsebrötchen. Samstagabend in einem Hotelzimmer. So feiere ich in meinen fünfzigsten Geburtstag hinein. Eigentlich passt es sogar sehr gut. Das ist dein Leben, Charlie Brown. So ist es immer gewesen und der Rest wird auch nicht besser. Nur fürs Protokoll: In den entscheidenden Sekunden, da die Uhr um Mitternacht auf den 14. August umsprang, trinke ich ein Zirndorfer Kellerbier in langen Zügen.
In der Nacht träume ich, dass ich im Gefängnis sitze. Allerdings mit vielen guten Freunden, es geht recht fröhlich zu. Wir planen dennoch einen Ausbruch. Ich habe zu diesem Thema einen Roman geschrieben und beim Schrott-Verlag untergebracht, der sich auf Bücher von Gefängnisinsassen spezialisiert hat. Erfolgstitel wie „Tür de France“ oder „Mit dem Kopf durch die Wand“ sprechen für sich. Nächste Woche erscheint mein Werk „Der indische Trick“. Die Vorbereitungen für den tatsächlichen Ausbruch laufen hervorragend. Wir konnten schon ein langes Seil besorgen. Läuft!
Der morgendliche Blick aus meinem kargen Dormitorium: Vor mir liegt das kiesbestreute Vordach, in dessen Mitte eine Mattglaskuppel thront. Dahinter ist die fensterlose Wand einer Fabrik zu sehen, über ihr der blaue Himmel. Um nicht übermütig zu werden, habe ich das Zimmer ohne Frühstück genommen (7,50 € extra?! Dafür bekommt man in Franken drei große Krüge Bier). Aber das winzige Milky Way, das ich gestern auf dem Kopfkissen gefunden und in weiser Voraussicht aufgehoben habe, reicht dem bescheidenen Wortakrobaten zur Labung.
Am Vormittag unternehme ich einen Spaziergang durch die hübsche und menschenleere Altstadt. Um Punkt elf Uhr bin ich der erste Gast bei „Bratwurst-Glöckle“ und um zwölf habe ich bereits zwei erfreulich wohlschmeckende Biere getrunken und ein Schäuferle gegessen. Die nächste Stunde verbringe ich im Heimatmuseum bei meinem Soulmate Kaspar Hauser, der in Ansbach lebte und im Hofgarten ermordet wurde. Ein rätselhafter und einsamer Mensch, dessen Fall in den 1830er Jahren ganz Europa beschäftigte. In der Orangerie im Hofgarten genehmige ich mir ein Stück Käsesahne und gehe durch den Park zum Hotel zurück. Direkt neben der Tankstelle, die ich gestern Abend besucht habe, unweit des Hotels, mündet der Weg wieder auf die Straße.
Im Hotelzimmer finde ich ein Tablett mit Süßigkeiten, einer kleinen Flasche Dornfelder und einer Grußkarte: „Alles Gute zum Geburtstag, Gruß Hotel Fantasie.“ Ist das nicht nett? Dazu diverse telefonische Gratulanten im Laufe des Tages. Nachdem ich das Tablett geleert habe, finde ich diesen Geburtstag sehr schön. Nach einer ausführlichen Siesta beschließe ich den Tag mit einem routinierten Gang zur Tankstelle.
P.S.: Die Schecks der VG Wort und diverser Verlage, die ich in meinem Berliner Briefkasten gefunden habe, reichten zur Finanzierung dieser Reise.
„Was er etwa an Honoraren doch noch ab und zu eingenommen habe, habe er schnurstracks und postwendend mit Alkohol wieder hinausgeschwemmt. Es sei wenig genug gewesen, aber für ein paar zünftige Räusche habe es doch gereicht. Freilich sei er durch das Trinken nur noch weiter in die Vereinsamung hineingetrieben worden (…). Natürlich, sagte Herr Walser, wenn ich im Gasthaus getrunken habe, haben es alle gesehen, wenn ich in meiner Dachkammer am Schreibtisch bis in alle Nacht hinein gearbeitet habe, hat das keiner gesehen. So kommt man leicht und schnell in ein vollkommen falsches öffentliches Licht (…).“ (Jürg Amann: Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser)
P.P.S.: Insgesamt haben mir 23 Menschen schriftlich und fernmündlich zum fünfzigsten Geburtstag gratuliert. Sogar der Wirt meiner früheren Stammkneipe „Pony Express“ in Ingelheim. Wusste gar nicht, dass ich so viele Leute kenne. Danke für die Glückwünsche.
Reinhard Mey - Gute Nacht, Freunde. https://www.youtube.com/watch?v=qz4Fq9NXtzw

Kommentare:

  1. Schön, dich wieder gesund, mit alter Bissigkeit wieder zu haben.
    War doch ein bisschen langweilig, manchmal trist, ohne den Kiezschreiber im Netz zu wissen.

    Da ich bis heute deinen Geburtstag nicht kannte, möchte ich Dir nachträglich gratulieren, ganz herzlich. Alles Gute, bleib wie du bist, vor allem gesund.

    Ohne Gesundheit wird es wirklich unangenehm....

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  2. Dann nachträglich herzlichen Glückwunsch, kleiner Segelohrenmann! Schön, Sie hier wieder zu lesen. Apropos lesen: „Meine Enkeltochter macht in zwei Jahren Abitur und geht dann mit achtzehn ins Irrenhaus. Ist das nicht toll?“

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  3. Freust du dich auf dem Bild (nehme ich an) oder heulst du da (könnte man auch so deuten)?


    Meine (nicht vorhandene) Enkeltochter macht in 80 Jahren Abitur und geht in zwei Jahren ins Seniorenstift.

    ...26 (wenn radikaleheiterkeit 25 ist)... Ich wusste den Tag nicht, sonst hätte ich das mit dem "Interview" (wirste schon merken) datumstechnisch angepasst.

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    1. Das Interview habe ich schon gelesen ;o)

      Danke für die Glückwünsche. Das Bild ist aus dem Internet, von mir selbst habe ich keine Kinderbilder auf dem Rechner und einen Scanner besitze ich nicht.

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    2. Sonst bin ich immer die, die was nicht hat. Als ob es so unmöglich wäre ohne Kamera zu leben (ich habe mein ganzes Erwachsenenleben schon keine, da brauch ich nun auch keine mehr...). Soll heißen, das Leben in seiner Qualität hängt nicht vom Scanner ab.

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    3. Ich habe auch keine Kamera und ein Billig-Handy, mit dem man keine Bilder machen kann. Brauche ich echt nicht. Die Innenseite der Hoteltür in Ansbach war komplett verspiegelt, so dass ich mich immer beim Rausgehen sehen konnte. Schrecklich!

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  4. Es wäre ja auch zu schön gewesen.
    Einen Unimog ( Typ 401 ) zum Geburtstag.......
    Aber die Schulhefte liegen auch schon da, wie eine Drohung auf kommende Tage.

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    1. Vier Kerzen hätte ich konditionell am Sonntag noch hinbekommen - aber 50?

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    2. Mit einem Universalmotorgerät schon.

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  5. Alles Gute für die nächte Lebenshälfte.
    Und schön, dass wieder dieses Wie-soll-mans-denn-nennen aus Dir rauskommt.

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    1. Vielen Dank! Schön, dass die Leserschaft offenbar ebenso gut durch den Sommer gekommen ist.

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  6. 50! Eine Sorge weniger: ab jetzt gehörst du nicht mehr zur werberelevanten Gruppe. Ein Golden Boy. Auch dazu gratuliere ich nachträglich aber herzlich.

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