Dienstag, 19. Juli 2016

Zwanzig Jahre

„Es war ein frostiges Erstarren, ein Erliegen aller Lebenskraft – kurz, eine hilflose Traurigkeit der Gedanken, die kein noch so gewaltsames Anstacheln der Einbildungskraft aufreizen konnte zu Erhabenheit, zu Größe. Was mochte es sein (…), dass der Anblick des Hauses Usher mich so erschreckend überwältigte?“ (Edgar Allan Poe: Der Untergang des Hauses Usher)
Als ich vor zwanzig Jahren, im Juli 1996, „Beschleunigung und Politik“ veröffentlicht habe, hätte ich nicht gedacht, wie tiefgreifend der Wandel werden würde, der durch technischen Fortschritt und das Primat der Ökonomie ausgelöst wurden. Parlamente und Parteien als Orte der politischen Willensbildung haben völlig an Bedeutung verloren. Politik wird entweder außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung in diskreten Besprechungsräumen gemacht oder in der Arena der modernen Medien, im Internet und im Fernsehen. Politiker reagieren via Twitter oder Facebook in Sekundenschnelle auf aktuelle Meldungen, der direkte Schlagabtausch mit dem Gegner findet via kurzer Soundbites in den Talkshows statt. Alles ist so schnell und kurzatmig geworden, dass man schon beim Lesen oder Zuhören Durchfall bekommt. Behauptungen ersetzen Argumentationen, während die alten Parteiensysteme und politischen Milieus sich weiter auflösen. Ich wage es mir heute gar nicht vorzustellen, wie die Welt in weiteren zwanzig Jahren aussehen wird.
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