Donnerstag, 7. Juli 2016

Wer kümmert sich um die Verlierer?

"Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu verändern! Wie herrlich ist es, dass jeder, klein oder groß, direkt seinen Teil dazu beitragen kann, um Gerechtigkeit zu bringen und zu geben!" (Anne Frank)
Jede Veränderung produziert unweigerlich Gewinner und Verlierer. Es können nicht alle gewinnen. Ob es ein Brettspiel mit den Kindern, eine Fußballmeisterschaft, ein Architekturwettbewerb oder eine Bundestagswahl ist. Und natürlich ist es mit der Globalisierung nicht anders. Ganze Volkswirtschaften und ihre Beschäftigten konkurrieren auf demselben Markt. Wir können die Waschmaschine nur einmal kaufen – entweder die billige aus China, die bald wieder kaputt sein wird, oder die teure aus Deutschland, die länger halten wird. Die Summe unserer Entscheidungen spaltet die Welt in Gewinner und Verlierer.
Das ist banal. Das wissen wir. Das wird sich niemals ändern. Als Konsumenten profitieren wir auf kurze Sicht von diesem Wettbewerb, auf lange Sicht schaden wir uns, indem wir unsere ökologische Lebensgrundlage zerstören. Als Produzenten profitiert eine Mehrheit der Menschen, Wohlstand entsteht auf bescheidenem Niveau in der früheren „Dritten Welt“, auf perversem Niveau in der globalen Oberschicht. Wissen wir auch alles. Was wir nicht wissen: Wer kümmert sich um die Verlierer? Wer vertritt politisch die Interessen der Menschen, die im Strudel der Modernisierung und Digitalisierung untergegangen sind?

Aus deutscher Perspektive fallen die CDU/CSU, die FDP und die Grünen schon mal weg. Sie vertreten die Interessen der Mittel- und Oberschicht. Die SPD war in ferner Vergangenheit einmal die „Partei des kleinen Mannes“, bis der „Genosse der Bosse“ Gerhard Schröder die „Neue Mitte“ erfand, die es zu umwerben galt, die „Leistungsträger“, vulgo: die Mittelschicht. Bleiben noch die auf Ostdeutschland begrenzten „Linken“, die angeblich die Interessen der Armen vertreten, aber immer dort, wo sie an der Macht waren und sind (Berlin 2001-2011, Thüringen aktuell), in der Praxis diesen Willen nicht erkennen lassen.
Niemand vertritt also ernsthaft die Interessen von Millionen Modernisierungsverlierern. Warum ist das so? Erstens ist diese Gruppe eine Minderheit in der Gesellschaft, die sich zudem durch Resignation in Form geringer Wahlbeteiligung auszeichnet. Zweitens hat niemand Lust, mit den Verlierern identifiziert zu werden. Wer hat schon gerne mit Verlierern zu tun? Welcher Kanzlerkandidat lässt sich mit einer afrikanischen Rollstuhlfahrerin ablichten, wenn er auch ein blütenweißes Baby in die Kamera halten kann? Wer interessiert sich für die polnische Altenpflegerin, die im Bus an uns vorüber rollt, wenn er den smarten Bankangestellten am Infostand vor der Biomarkt vollquatschen kann?
Niemand mag Verlierer. Sie sind oft schlecht gelaunt, riechen nicht nach Jil Sander und haben Probleme. Krankheiten und Sorgen. Defizite und Bedürfnisse. Ihre Kinder gehen den Kindern der Mittel- und Oberschicht in der Schule auf den Nerv. Wir erhöhen extra die Mieten, um sie aus den Innenstädten zu verbannen. Wer hätte ein Interesse, diese Menschen wieder sichtbar zu machen? Sie sind Ladenhüter, menschliche Ausschussware auf dem Arbeitsmarkt, kurz: sie sind der Ramsch im Ein-Euro-Laden unserer Gesellschaft. Es ist uns unangenehm, ihnen zu begegnen. Als Obdachloser, als Hartz IV-Empfängerin, als Behinderter, als alleinerziehende Mutter, als Drogenabhängiger, als chronisch kranke Frührentnerin.
Niemand möchte etwas mit diesen Menschen zu tun haben und natürlich auch kein Politiker, dem etwas an seiner Karriere gelegen ist. Wir alle himmeln die Sieger an, weil wir auch Sieger sein wollen. Denen dort unten, die wir kaum wahrnehmen können, bleibt also nur, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – ohne Parteien, ohne Presse, ohne Wahlen und Kampagnen.
Matt Bianco - Whose side are you on? https://www.youtube.com/watch?v=BU4H87kjl90

Kommentare:

  1. Nur weil Wir mehr könnten heißt das nicht, da0 Wir mehr tun.
    Warum gibt es Menschen, die leiden, die hungern und verrecken oder Menschen, die Kohle haben wie Dreck, dann aber wegen anderen Dingen leiden wie ein Pferd.
    Mein Gott, die Welt eben.
    Manchmal hilft tatsächlich nur Saufen.

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  2. Ich habe noch eine andere Theorie: Der Deutsche ist gegen Alles was Links ist konditioniert.
    Bismark hat durch seine Sozialgesetzgebung die Linke abgewürgt. Zum 1. Weltkrieg ist die SPD umgefallen. Zwischen den Kriegen sind die Deutschen den Schalmeienklängen der Nazis gefolgt. Während der Nazidikatur wurden sie ausgerottet und nach dem Krieg war es gleich der Feind.
    Die Leute finden Rot bäh. So ist das halt.
    Im Rest Europas gab und gibt es immer noch eine starke linke Bewegung.

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  3. Mit "links" wirst Du die Welt nicht retten.
    Die Linken haben oft tatsächlich bessere Antworten,
    aber Sie sind genau so Materialisten.
    Die Linken brauchen auch eine Industrie, Ressourcen, Verbrauch derselben, der ganze Scheiß, der Uns eben auf Dauer kaputt macht.
    Oder besser gesagt unsere Lebensgrundlagen.
    Ich bin jetzt kein Blut und Boden Öko, aber auf lange Sicht werden wohl nur Eskimos, Tuaregs und irgend welche Indianer überleben.
    Weil die noch mit Steine lutschen überleben können.

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  4. Die Frage ist doch nicht ob etwas links oder rechts ist.Es geht darum ein gesundes Gleichgewicht herzustellen. Früher waren die Zeiten wesentlich härter für die Arbeiter, weil aber die Linken genug Druck gemacht haben mussten die Oberen Zugeständnisse machen. Davon haben wir lange profitiert. Weil links die Kraft fehlt schlägt das Pendel halt nach rechts. So einfach ist das.

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  5. Arbeiter, genau !
    Leute, die in Fabriken stehen und automatisierte, optimierte, sonst was Tätigkeiten verrichten und dabei zu viel Dreck produzieren, dabei auch noch sehr viel Dreck machen, und das ganze viel zu oft.
    Verstehst Du ???
    Industrie.....Schornstein....Produktion auf Teufel komm raus.
    Scheiß egal ob in Petrovostok oder in Wanne Eikel.
    Egal ob für einen Kapitalisten oder die Partei/Volk/Gott/ S04.
    Total egal.

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    1. Da fehlt auch der Gegendruck.
      Es wären sehr viele Arbeitsplätze sicherer und umweltfreundlicher und nachhaltiger wenn auf Qualität statt auf Masse produziert würde.
      Vielleicht brauchen wir wieder eine RAF, die nur Betriebswirtschaftler abknallt.

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  6. By the way...............
    Du arbeitest in einer Fabrik ?
    Mit Arbeitern zusammen ? So im Blaumann, weißt Bescheid ?
    Ich ja, und ich sage Dir, die Arbeiter, die eine Arbeit haben, sind mit Sicherheit nicht die Verlierer dieses Systems.
    Vor allem wenn die sich immer noch dickere Autos leisten können wie ich. Oder leisten wollen. Egal.
    Ich arbeite übrigens als Dipl. Ing..

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    1. Ich arbeite händisch. Für wenig Geld und es macht mir Spaß.

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  7. Vielleicht brauchen wir wieder eine RAF, die nur Betriebswirtschaftler abknallt.Vielleicht brauchen wir wieder Leute, die BLEIB die Hände abhacken.

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  8. Gott oh Gott !
    Nix abhacken !
    So schlimm isses nu auch wieder nich.
    Er ist vielleicht noch recht jung.

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    1. Ich bin ein ganz alter Sack!
      (Immer diese Schariaanonymlinge)

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