Samstag, 9. Juli 2016

Neues aus der Redaktion

„Man kann nicht sagen, dass ihre Zeitung lügt; sie verhindert nur dreimal täglich die Aufklärung.“ (Max Frisch 1969 über die NZZ und ihre Macher)
„Viele halten Journalisten für eine schäbige Truppe, für Maulhelden, für solche, die bei jeder Gelegenheit das Gleichgewicht verlieren. Solche Typen haben das Genre zerstört. Das heißt aber nicht, dass dieses Genre chancenlos wäre.“ (Hanns-Josef Ortheil: Agenten, 1989)
Die Redaktion von „Kiezschreiber.com“ befindet sich in einer Lagerhalle an den Docks von Bad Nauheim. Das heruntergekommene Gebäude gehörte früher der hessischen Marine. Inzwischen ist der Hafen völlig versandet, das Elend zieht sie kilometerweit und es haben sich im Schlick hässliche Orte wie Hannover und Emden gebildet. Der letzte hessische Marineminister Timo Schnotz, CDU, hat neulich Selbstmord begangen.
In der riesigen Halle stehen sogenannte Dilbert-Boxen, in denen die Redakteure hausen. Johnny Malta leitet die Kultur-Redaktion, Heinz Pralinski ist für den Sport zuständig. Er ist gerade in Frankreich, um über die Fußball-EM eine brandheiße Inside-Story zu machen. Es geht angeblich um Kokain oder Fußpilz.

Mittagspause in der Redaktion. Es werden Panini-Sammelbildchen getauscht (Serie: Espressonismus). „Ich habe Franz Marc doppelt.“
Einmal am Tag kommt der Meister himself in die Redaktion. Er fährt auf einem kleinen Elektrowägelchen, auf das ein Thron mit Baldachin montiert wurde, langsam durch die Halle und ruft Themen und Ideen in die Boxen der Redakteure. Angeblich hält er sich im Keller der Villa Bonetti ein Monster in Ketten, das ihm noch Geld schuldet. Von diesem Monster kommen die ganzen bizarren Ideen wie „Eike, der kleine Eierbecher“.
Der nächste Scoop: „Käpt’n Iglu und der tödliche Ninja-Seestern kurz vor Borkum“.
Direkt neben den Boxen stehen riesige Rotationspressen, auf denen die Texte gedruckt werden. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm, aber völlige Stille ist für den Journalismus gar nicht gut. Hinter den Druckmaschinen sitzen die Praktikanten, die die frisch gedruckten Texte abschreiben und online stellen. Sie werden täglich mit Schlachtabfällen gefüttert.
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Ich werde immer wieder gefragt, wie viele Leute bei „Kiezschreiber.com“ arbeiten. Antwort: Es sind etwa zwanzig. Einstellungsvoraussetzung: Erfahrung in Berufen mit einer Bezahlung von weniger als zehn Euro die Stunde, mindestens vier Wochen Aufenthalt in der Psychiatrie oder im Knast, ein veröffentlichter Roman mit unterirdischen Verkaufszahlen. Ganz schlecht sieht es für Absolventen von Journalistik- oder Publizistikstudiengängen, Germanisten oder Wirtschaftswissenschaftler aus. Bitte nicht mehr bewerben!
Die Leser fragen auch gerne, ob in der Redaktion Musik läuft, da doch täglich brandheiße Hits verlinkt werden (vorwiegend aus der Jugend des Meisters: „The golden Age of Brusthaar“). Die Antwort lautet: Nein. An der Wand hängt ein Plakat mit dem alten hessischen Sprichwort „Kinner, seid ruhisch, de Vadder muss sein Nome schreibe“. Den permanenten Lärm der Maschinen hören die langjährigen Redakteure schon lange nicht mehr …
Das Redaktionsmaskottchen heißt Renate und ist ein Opossum. Texte, die von Renate angeknabbert werden, landen automatisch auf der ersten Seite.
J.J. Cale – Cocaine. https://www.youtube.com/watch?v=KWmD_HcOcfU

Bonetti ist jeden Tag inkognito auf der Suche nach neuen Geschichten.

Kommentare:

  1. Franz Marc Sammelbildchen von Panini? WARUM hast du das nicht letztes Jahr gebracht? Der Mann ist heuer 100 Jahre tot, das hättest dir patentieren lassen können. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass da schon drauf gekommen worden wäre. Fedora Schokolade hatte Kunsttäfelchen-Boxen, also mit Kunstmotiven auf den Papieren, rate mal wer mich tagelang genötigt hat kiloweise Schokolade zu fressen (weil sie natürlich die Alufolie direkt mit abriss, sonst hätte man das ja für später aufheben können), weil sie unbedingt ganz viel van Gogh und Pferdchen (Franz Marc) und Tuluhse (Toulouse-Lautec) Bildchen haben musste… Von einem Panini-Album wäre mir nicht schlecht geworden und ich hätte sogar mitgesammelt ;)

    Euer Opossum heißt Renate? Welche Ehre! Wenn meine Eltern halbwegs gescheit gewesen wären, hätten sie mir das in die Geburtsurkunde mit eintragen lassen, weil Frau von meinem Taufpaten und beste Freundin meiner Mutter und in den Kreisen, in denen die damals verkehrten wurden solche Namen mit vergeben. Da meine Eltern aber nicht halbwegs gescheit sind...

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    1. Du kannst doch "Renate" immer noch als Künstlernamen nehmen. Und ich warte ja auf drgl-Sammelbildchen. Der Jugend eine Chance! Wer will denn die ollen Kerle noch sehen?

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    2. Was macht die Taste "drgl"? Die hat meine Tastatur nicht. Ist aber bestimmt spannend (für Nerds), ein ganzes Album mit Tastenbildern.

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    3. Die Taste haben wir in Schweppenhausen gar nicht. Aber dafür habe ich "Entf". Was bedeutet sie? Entführung? Entfachung der Leidenschaft? Entflogen - Ideen zum Beispiel?

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    4. Bei mir ist das "f" ein Druckfehler und die Taste heißt in Wahrheit "entr" für "Entropien". Bei Leuten ohne falsche Beschriftung, die meinen Facebook und Co. in ihrem Leben zu brauchen bedeutet die Taste "entfreunden", bei Beuys geplagten "entfetten", dann wäre da noch die Möglichkeit "Entfesselungskünstler" (keine Ahnung was damit gemeint ist, wie drr Computer das anstellen will, wahrscheinlich Internet der Dinge oder so was), probier mal aus ob "entfrosten" passt (siehst du an deinem Eisschrank) oder "entfeuchten" (riechst du an den Zimmerwänden).


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    5. Dafür habe ich auf meinem Notebook die Taste "Alt Gr", die meine Texte automatisch ins Altgriechische übersetzt, und die Taste "Strg", um Kritiker zu strangulieren.

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    6. Interessant wie unterschiedlich solche Dinger doch sind. Meine "Strg"-Taste scheint "Strafgesetz" oder so zu heißen, die hat komischerweise immer viel Verantwortung für meine Protesttexte (nicht im Blog, aber da ist das verschissene Gesetz ein paar Mal erwähnt.) Dann habe ich noch "Ende", aber die ist scheiße. Die liest Michael Ende vor, aber das Atelier-Kind kann doch gar nicht zuhören. Muss dringend modifiziert werden die Taste. Muss mal auf der Rehacare im September schauen ob die nicht ein Modell haben, das von selbst gebärdet... Dumm ist, dass dann die Ferien vorbei sind.

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    7. Meine Lieblingstaste ist "Pause". Dann gibt es noch die "Ende"-Taste, aber ich habe mich noch nicht getraut, sie zu drücken. Ich bin mir meiner Verantwortung für diesen Planeten in jedem Augenblick bewusst ...

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    8. Man müsste wissen "Ende" von was. Ende vom Krieg, Ende von AfD und Co. etc. wäre ja ein Grund zu drücken, aber so ganz ohne Anleitung... Lass mal lieber.

      Die "Pause"-Taste ist hier immer sehr gefährlich. Siehe das Briefe-Projekt bei mir im Blog, bei Brief Nummer 8 ist die "Pause"-Taste seit Wochen dauergedrückt.

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