Samstag, 16. Juli 2016

Island und Israel

“Etwas nicht tun sollen, das ist manchmal so reizend, dass man nicht anders kann, als es doch zu tun. Deshalb liebe ich ja so von Grund aus jede Art Zwang, weil er einem erlaubt, sich auf Gesetzeswidrigkeiten zu freuen.“ (Robert Walser: Jakob von Gunten)
Ich bin ein David-Fan, Mann! Ein absoluter David-Fan! Diesen Goliath kann ich nicht leiden. Der erinnert mich an den fetten Riesen namens Christian Günther, der mich in der Mittelstufe immer gequält hat. Ein gewalttätiges Monstrum, dessen mangelnde Intelligenz ihn glücklicherweise in der zehnten Klasse eliminiert hat. Wir sollten den Mut haben, allen Goliath-Typen auf dieser Welt in den gottverdammten Arsch zu treten!
Okay, ich bin ganz ruhig. Habe meinen Blutdruck im Griff. Keine Sorge. Ich bin nicht aggressiv, sage ich mir zehnmal hintereinander, während ich versuche, meine Fäuste zu lockern. Fangen wir mir Island an. Ich bin Island-Fan, müssen Sie wissen. Ein absoluter Fan. Verstanden?! Alles begann, als sie mit ihrem Hausvulkan den gesamten Flugverkehr in Europa lahmgelegt haben.
Im Fußball hat mich Island begeistert, als sie die Holländer aus der Quali geworfen hatten. Die erste EM mit 24 Mannschaften – und ohne den Europameister von 1988. Danke, Island! Den Portugiesen ein Unentschieden abgetrotzt, die Pseudo-Geheimfavoriten aus Österreich abgeschossen. Und dann das Meisterstück gegen die Engländer. Ein Land mit hundert Fußball-Profis – und professionell heißt, du verdienst so viel wie der Oberkellner eines isländischen Fischverwerters – haut das Mutterland des Fußballs in die Tonne.
Aber der Spott der Isländer über den Überraschungssieger Portugal gegen den überlegenen Gastgeber Frankreich hat meine Meinung geändert. Wenn die Kleinen zu groß werden, verliere ich die Lust, sie zu unterstützen. Und so geht es mir nicht nur mit Island, so geht es mir mit Israel. Am Anfang kämpften diese Holocaust-Überlebenden wie die Löwen gegen eine arabische Übermacht aus Ägypten, Jordanien, Syrien und Libanon. Die Kibbuz-Bewegung war in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gelebter Sozialismus ohne Stalin oder Mao, ohne Stasi und Gulag. Wer hätte den David mit dem Davidstern auf der Fahne nicht sympathisch gefunden?
Jetzt schreiben wir das Jahr 2016 und Israel mit seiner abartig beschissenen konservativen Regierung, seiner expansiven Siedlungspolitik und der Demütigung sämtlicher Araber im In- und Ausland hat meine Sympathie verloren. Wie konnte aus einem netten kleinen Land ein so großes Arschloch werden? Israel ist ein funktionierender Rechtsstaat und eine lebendige Demokratie. Hätte Deutschland dieselbe Scheiße wie den Jom-Kippur-Krieg oder den Sechs-Tage-Krieg erlebt, wären wir längst Bürger des Vierten Reichs.
Aber Israel ist aus der Verteidigung in den Angriff übergegangen. Exzessive Landnahme außerhalb des eigenen Staatsgebiets, Gewalt und Unterdrückung. David wird Goliath. Ein Fan weniger. Arschkrebs für Netanjahu. Wenigstens war Israel nicht für die Fußball-EM qualifiziert. Und den Davidstern als Symbol auf der Landesflagge sollte man endlich gegen die Keule von Goliath ersetzen.
P.S.: Nochmal zurück zur Fußball-EM, bei der ein tapferer Fußballzwerg vom Polarkreis bekanntlich das Viertelfinale erreicht hat. Island hat ja nur so viele Einwohner wie Bielefeld, wie in jeder Fernsehsendung unermüdlich festgestellt wurde. Und man stelle sich vor, Arminia Bielefeld erreicht das Viertelfinale der Champions League. Die Isländer scheiterten dann an Gastgeber und Weltmeisterbezwinger Frankreich, die wiederum im Finale gegen die langweiligen Minimalisten aus Portugal verloren, obwohl die Franzosen dem portugiesischen Weltstar Ronaldo so lange gegen die Beine traten, bis dieser Mitte der ersten Halbzeit mit einer Bahre vom Platz getragen werden musste.
Cream - White Room. https://www.youtube.com/watch?v=pkae0-TgrRU